2.01.2013
7:00

Andreas Seibert: «From Somewhere to Nowhere» — jetzt auf DVD

Der Schweizer Fotograf Andreas Seibert dokumentiert seit rund zehn Jahren die Wanderarbeiter Chinas. Rund 200 Millionen Menschen sind dort ständig unterwegs auf der Suche nach Arbeit und Existenz. Der Filmer Villi Hermann hat den Fotografen auf drei seiner Reisen begleitet und ein eindrucksvolles Filmdokument geschaffen.

Der Film deckt Zustände auf, die für uns unvorstellbar sind: Mehr als 200 Millionen Menschen, ehemalige Bauern und Landarbeiter, sind heute in China Migranten im eigenen Land. Vom wenigen Land, das ihnen im Zuge der Landreform zugesprochen wurde, können sie ihre Familien nicht ernähren. Deshalb sind sie auf ständiger Wanderschaft, auf der Suche nach Arbeit im wirtschaftlich boomenden China.

Die 74jährige Chen kümmert sich um ihren fünfjährigen Enkel, während die Eltern als Wanderarbeiter tätig sind. Copyright Andreas Seibert

In den Boom-Städten im Süden des riesigen Landes ermöglicht ihre billige Arbeitskraft zu weiten Teilen überhaupt erst das chinesische Wirtschaftswunder. Über Jahre sind sie alleine unterwegs, von Fabrik zu Fabrik, von Baustelle zu Baustelle, «von irgendwo nach nirgendwo», wie es ein chinesischer Wanderarbeiter im Film beschreibt. Sie sind rechtlose Fremde im eigenen Land.

Wanderarbeiter in überfüllten Zügen auf der Heimfahrt von ihren mehrtägigen Jobs. Copyright Andreas Seibert

Der Film von Villi Hermann «From Somewhere to Nowhere» über die Langzeitreportage des Auslandschweizers Andreas Seibert ist eine Koproduktion der Sternstunde Kunst und war an diversen Festivals zu sehen, unter anderem am Filmfestival in Locarno 2009. Die Fotografien von Andreas Seibert sind in Buchform erhältlich und als Wanderausstellung unterwegs.

Jetzt ist dieses mehrfach ausgezeichnete Filmdokument als DVD erschienen. Details dazu gibt es hier.

Der Film kann im DVD-Handel gekauft oder hier online bestellt werden und kostet CHF 35.—


Andreas Seibert: «From Somewhere to Nowhere. China’s Internal Migrants»
von Peter Pfrunder, Direktor Fotostiftung Schweiz

Es gab eine Zeit, da waren die Begriffe «Fotojournalismus» und «Reportagefotografie» praktisch Synonyme. Ein guter Fotojournalist war in der Regel auch ein Meister der Reportage, und gute Reportagen fand man normalerweise in Zeitschriften und Zeitungen, also im journalistischen Zusammenhang. Ein Robert Capa ist undenkbar ohne Plattformen wie Paris-Match oder Life, und einen Werner Bischof kannte das Publikum lange Zeit nur dank Bildberichten in grossen internationalen oder schweizerischen Illustrierten.

Inzwischen haben sich die Verhältnisse geändert. Reportagefotografie und Fotojournalismus können nicht mehr ohne weiteres gleichgesetzt werden. Die besten fotografischen Reportagen, so möchte ich behaupten, findet man nicht mehr in Zeitschriften und Zeitungen, sondern in Büchern und Ausstellungen. Reportage: das ist zunächst nichts anderes als ein Bericht über die Wirklichkeit, und dieser Bericht ist

nicht zwingend auf journalistische bzw. massenmediale Verbreitung angewiesen -er kann ebensogut in einem konkreten Raum oder zwischen zwei Buchdeckeln präsentiert werden. Und wenn ich hier von Veränderung spreche – also von der Verlagerung der Reportage aus dem journalistischen Zusammenhang in den Bereich des Buchs und der Ausstellung – so tue ich dies ohne Nostalgie. Denn ich erkenne durchaus auch positive Aspekte in dieser Veränderung. Ist denn die Loslösung der Fotoreportage aus der Umklammerung durch die Printmedien nicht auch eine Chance?

Wer Andreas Seiberts Buch From Somewhere to Nowhere und die dazugehörige Ausstellung gesehen hat, bekommt eine Antwort auf diese Frage. From Somewhere to Nowhere ist eines der besten und eindrücklichsten Beispiele für die seit einiger Zeit zu beobachtende Weiterentwicklung der Reportagefotografie und ihre Verlagerung in neue Kontexte. Zwar vertritt Seibert von seiner Haltung her einen durchaus klassischen fotojournalistischen Ansatz: er greift ein aktuelles Thema auf und berichtet darüber mit erkennbarem sozialen und politischen Engagement. Er erzählt eine Geschichte, die in erster Linie anhand von Bildern über gesellschaftliche Missstände und Schicksale von Individuen informiert. Er nimmt seine Verantwortung als Augenzeuge wahr und bringt uns Dinge näher, von denen die meisten von uns keine Ahnung haben. Und natürlich kann man sich auch vorstellen, dass Andreas Seibert sein Thema auf die Doppelseite einer Zeitschrift herunterbricht, wie es im Fotojournalismus die Regel ist. Aber wieviel intensiver kommt die Tragweite und Relevanz dieses Themas im Buch und in der Ausstellung From Somewhere to Nowhere zum Ausdruck. Ich bin kein China-Kenner, und ich möchte mir nicht anmassen, mich im einzelnen zur Problematik der chinesischen Wanderarbeiter zu äussern – das tun im Buch kompetente Autoren mit sehr lesenswerten Texten. Wenn ich Andreas Seibert zu seiner Arbeit gratuliere, so tue ich dies als Vertreter der Fotostiftung Schweiz, einer Institution, die sich seit langem für die Wertschätzung

und Vermittlung dokumentarischer Fotografie einsetzt. Die Art und Weise, wie sich Seibert fotografisch mit seinem Thema auseinandersetzt, hat mich beeindruckt und berührt. Nicht nur, weil er jahrelang mit grosser Ausdauer und unter schwierigen Umständen hartnäckig recherchiert und fotografiert hat. Sondern auch, weil er als Bildautor eine Sprache gefunden hat, die weit über das reine Dokumentieren hinaus geht. Gewiss, Andreas Seiberts Bilder lenken unseren Blickzunächst auf eine von den chinesischen Behörden gerne vertuschte und von der Weltöffentlichkeit verdrängte Wirklichkeit, auf die Tatsache, dass die Zahl der praktisch rechtlosen Wanderarbeiter, dieser untersten Schicht der Gesellschaft, seit der ökonomischen Öffnung Chinas in den achtziger Jahren auf 150 bis 200 Millionen angestiegen ist. Aber die Art und Weise, wie Seibert diesen Skandal darstellt, ist so, dass man nicht so schnell vergisst, was man auf seinen Bildern gesehen hat – und das liegt an ihrer ästhetischen Qualität.

Worin besteht die Magie dieser Fotografien? Warum vermögen sie uns zu fesseln, warum verleiten sie eher zum Hin- als zum Wegschauen? Es ist vor allem das mit den einzelnen Bildern vermittelte Lebensgefühl und die Stimmung, die uns im Innersten treffen. Andreas Seiberts Fotografien sind weder plakativ noch missionarisch. Sie erzählen auf subtile Weise von der grossen Einsamkeit und Leere, diejeden einzelnen dieser Wanderarbeiter umgibt. Sie widmen sich nicht der Masse, sondern den Tragödien der Individuen. Deren Entwurzelung spiegelt sich etwa in Gesichtsausdrücken oder in gespenstischen städtischen Szenerien. Ihre Reise zwischen Hoffnung und Verzweiflung wird in Spuren und Objekten fassbar: in Gepäckstücken und Schlafstätten, im Wandschmuck oder im Essgeschirr. Und ihre Verlorenheit kommt nicht zuletzt in den Lichtern und Farben, ja sogar in Seiberts Verwendung von Schärfe und Unschärfe zum Ausdruck. Häufig bleiben die Hauptfiguren im Vordergrund seiner Bilder unscharf – wie flüchtige Schatten ihrer selbst huschen sie vorüber, ständig unterwegs, nirgends zu Hause. Das, was im scharf gesehenen Hintergrund liegt – ihre konkreten Lebensbedingungen, manchmal auch ihre Vergangenheit – erscheint realer und einfacher zu begreifen als sie selbst. Doch Ästhetik und Komposition von Seiberts Fotografien sind nie Selbstzweck. Sie ordnen sich jederzeit ihrer zentralen Aufgabe unter, die darin besteht, über eine der grössten gesellschaftlichen Umwälzungen in der Geschichte Chinas zu berichten.

Das Wort Reportage kommt vom Lateinischen Wort re-portare, zurückbringen. Ein Reporter ist einer, der ein Stück Wirklichkeit gesehen hat und zurückkehrt, um andere darüber zu informieren. Dabei kommt es nicht nur darauf an, was er berichtet, sondern auch wie er berichtet. In der gelungenen Verbindung zwischen dem Was und dem Wie liegt die Kunst des Reporters. From Somewhere to Nowhere ist, so betrachtet, eine höchst bemerkenswerte Reportage – ein Werk, das die Tagesaktualität zweifellos überdauern wird.

Peter Pfrunder

  1. Christoph schreibt:

    Die Tatsache, dass in China Millionen von Wanderarbeitern ihr Glück in den Produktionszentren des Küstengürtels suchen ist der kleinere Teil des Skandals. Der größere liegt darin, dass es kaum noch ein aktuelles Produkt im Bereich CE und Kommunikation gibt, das die Situation der Wanderarbeiter nicht schamlos ausnutzt, um die Produktionskosten niedrig zu halten. Es kann jeder wissen, nicht zuletzt dank derartiger Reportagen. Und der größte Skandal liegt darin, dass jeder nur mit den Achseln zuckt und nichts tut.

    2. Jan. 2013 | #

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