Copyright Urs Tillmanns / Fotointern.ch Urs Tillmanns, 2. Juni 2013, 07:00 Uhr

Heino Heimann: «4 ISO und ein altes Béret …»

Aussergewöhnliche Art der Fotografie: Heino Heimann nimmt seine Porträts und Stilleben mit einer der grössten Kameras der Welt auf – direkt auf Positivmaterial. Mit welchen technischen Problemen dieses Vorhaben verbunden war, lesen Sie in diesem Exklusivbericht.

 

«Chrome-Camera-Art» nennt Heino Heimann seine Fotografie. Eine ganz besondere Art der Fotografie: Heimann hat sich eine stationäre Kamera von rund sechs Metern Länge, zweieinhalb Metern Breite und zweieinhalb Meter Höhe gebaut und belichtet darin Ilfochrom-Material – ohne Zwischenschritt, durch das Objektiv direkt auf das farbige Positivpapier. Das alles hört sich relativ simpel an, doch wenn man sich vorstellt, dass das Material eine Empfindlichkeit von gerademal 4 ISO hat und dass sich Heimanns Kreativfeld im Massstab der natürlichen Grösse abspielt, kann man leicht erahnen, dass vor dem ersten Foto viele theoretische und auch praktische Hürden genommen werden mussten.

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Heino Heimann vor seinem Studio. Die Ilfochrom-Teststreifen sind ständig dem Tageslicht ausgesetzt

 

Jahrelange Vorbereitungen

Heino Heimann hat sich mit der «Chrome-Camera-Art» einen alten Traum erfüllt: etwas zu realisieren, was einzigartig und unikat ist und bisher in dieser Perfektion kaum gemacht wurde. «Aber der Weg hierher war lang und voller Stolperdrähte» beginnt Heimann seine spannende Erzählung. «Alleine schon ein Objektiv zu finden, das einen genügend grossen Bildkreis hat und auch optisch diesen Anforderungen entspricht, war eine Knacknuss für sich …» Gefunden hat Heimann das Nikon Repro-Objektiv mit Lichtstärke 14 und 1780 Millimeter Brennweite via Internet und Flohmarkt in Italien. «Es gab nur ganz wenige Exemplare dieses zehn Kilo schweren Spezialobjektivs, und es war ein reiner Glücksfall, dass ich ein solches fand. Damit war schon mal ein grosses Problem gelöst …»

Doch es sollten bald weitere folgen: Im digitalen Zeitalter ein geeignetes Aufnahmematerial zu finden, verlangte einiges an Organisationstalent. «Doch, Ilfochrome gibt es noch» hatte man ihm bei Ilford versichert. Es werde zwar nicht mehr hergestellt, doch es sei noch ausreichend Vorrat für dieses Projekt und die nächsten paar Jahre tiefgekühlt worden. Es sei dort, wo es ursprünglich produziert wurde, nämlich in Marly bei Fribourg. Und eine Entwicklungsmaschine für Rollenware wäre dort auch noch in Betrieb …

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Der Ilford-Industriepark in Marly bei Fribourg – die Wiege des Cibachrom- und Ilfochrom-Materials

Also auf nach Marly. Auf dem Ilford-Industriepark, der einst mit Investitionsmitteln von Ciba-Geigy finanziert worden war, ist nach wie vor die Forschung und Entwicklung sowie ein Teil der Produktion von Ilford angesiedelt. Einige der vielen Bauten und Räume sind an Drittfirmen vermietet, und etwas abseits der Anlagen gibt es ein paar Baracken, in denen die Bauarbeiter wohnten, als das grosszügige Werk in den 1960er Jahren erbaut wurde. Sie wurden jahrelang als Lagerräume genutzt, und einer davon schien Heino Heimann geeignet, um darin sein Studio einzurichten.

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Heino Heimann in seinem Studio. Die Platzverhältnisse sind eng geworden

«Als der Raum leer war, sah ich fürstliche Platzverhältnisse vor meinem geistigen Auge» erinnert sich Heimann. «Aber als ich dann die sechs Meter lange Kamera gebaut hatte, und als der LKW mit dem ganzen Lichtequipment aus einem früheren Studio hier ankam, schrumpfte der Raum zusehends.»

Licht war das nächste Problem. Das Material hat eine Grundempfindlichkeit von rund 4 ISO. Das Format: 127 mal 160 Zentimeter – manchmal mehr. Das Objektiv hat eine Lichtstärke von 1:14. Um ausreichernd Schärfentiefe zu haben – auch wenn es bei 1:1 bloss ein paar Zentimeter sind – muss mindestens auf 32 abgeblendet werden – 64 wäre besser! Der Verlängerungsfaktor für Aufnahmen in natürlicher Grösse 1:1 beträgt vier – also zwei Blendenstufen … Knacknüsse noch und noch …

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Die Kamera – sechs Meter lang – nimmt den halben Raum in Anspruch

 

Licht muss her – viel Licht

«Man sollte als Fotograf nichts wegwerfen» sagt Heino Heimann, «denn man weiss nie was man eines Tages noch braucht, um ein bestimmtes Problem lösen zu können.» So erklärt sich auch die Präsenz einer riesigen Blitzanlage, die dicht gedrängt gut ein Viertel des Raumes einnimmt. «Die Blitzanlage – Marke Bläsing – stand einst im Fotostudio von Neckermann, und ich konnte sie günstig aus der Insolvenzmasse kaufen. Allerdings gehört ein guter Lötkolben dazu, um da und dort wieder einmal einem Generator neue Energie einzuhauchen …» schmunzelt Heimann. Vierzigtausend Wattsekunden brauche es schon, um auf Blende 16 zu kommen, und mit zweimal blitzen wäre dann die Blende 32 erreicht … Alternativ verwendet Heimann gelegentlich auch Halogenlicht. Mit 5’000 Watt wären fünf Minuten Belichtungszeit nötig, um das Material bei Blende 32 korrekt zu belichten – «dann wird es allerdings ganz schön warm hier drin.»

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In der Kamera: Das Bild präsentiert sich kopfstehend und seitenverkehrt

Durch eine Drehtüre, die als Lichtschleuse dient, gelangen wir in das Innere der Kamera. Erstaunlich, wieviel Licht durch das Objektiv kommt und das Motiv auf der gegenüberliegenden Seite kopfstehend und seitenverkehrt abbildet. Und ein komisches Gefühlt, in einer Kamera zu stehen und zuzuschauen, wie Heimann durch Verschieben der Projektionswand, auf der danach das Ilfochrom-Material aufgespannt wird, minutiös scharf einstellt.

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Das seltene Herzstück der Kamera: Ein Apo-Nikkor 1:14/1780 mm. Als Verschluss dient ein altes Béret

Die weiteren Arbeitsschritte kann man sich gut vorstellen: Ein schwarzes Béret, wie es mein Französischlehrer immer trug, dient als Verschluss und verhindert den Lichteinfall durch das Objektiv während bei entsprechendem Dunkelkammerlicht das Ilfochrom-Material aufgespannt wird. Dann geht Heimann durch die Lichtschleuse nach draussen, entfernt das Béret und blitzt – zweimal, dreimal, viermal – und setzt dem riesigen Objektiv den lichtdichten Hut wieder auf. Zurück durch die Lichtschleuse, rollt der Fotograf das belichtete Material zusammen und legt es in einen lichtdichten Behälter, mit dem es zur Entwicklungsmaschine transportiert wird.

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In dieser Durchlaufmaschine werden die belichteten Ilfochrom-Aufnahmen entwickelt

 

«Porträts und Blumen sind meine Lieblingsmotive»

Zu Beginn dieses Jahres hatte Heimann hohen Besuch aus England. Einige Mitglieder der Royal Photographic Society aus England waren angereist um das Ilford-Werk zu besuchen, und bei dieser Gelegenheit liess sich der RPS-Präsident Richard Tucker gerne von Heino Heimann auf diese ungewöhnliche Weise porträtieren.

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Heino Heimann hat Richard Tucker porträtiert,  Präsident der Royal Photographic Society

«Auch mit der geringen Schärfentiefe ist das Bild ausgezeichnet gelungen» sagt Heimann mit berechtigtem Stolz. «Erstaunlich ist übrigens auch die hervorragende Farbcharakteristik des Ilfochrom-Materials, denn eigentlich ist es nicht für solche ultrakurze Belichtungszeiten mit Blitzlicht gemacht» bemerkt Heimann. Nicht nur das, sondern der Hautton und die Farbwiedergabe könnte besser nicht sein – von der nahezu unendlich langen Haltbarkeit dieses Ilfochrom-Materials ganz zu schweigen.

Diaschau mit «Chrome-Camera-Art» Originalbildern von Heino Heimann

«Das ist mit ein Grund, weshalb ich mich für Ilfochrom entschieden habe» sagt Heimann. «Mein Ziel ist es, galeriereife Einzelbilder zu produzieren, die alle Unikate sind und eine gemäldeähnliche Haltbarkeit aufweisen. Wer sich ein solches Bild, aufgezogen auf Aluminium oder kunstvoll gerahmt, kauft, der hat hohe Ansprüche an die Fotografie, sowohl an das Motiv als auch an eine absolut perfekte technische Ausführung.»

Urs Tillmanns (Text und Fotos)

 

Weitere Informationen finden Sie unter www.heinoheimann.de. Arbeiten von Heino Heimann sind auf www.chrome-camera.com zu sehen.

Technische Informationen zum Ilfochrom-Material gibt es hier.

 

 

2 Kommentare zu “Heino Heimann: «4 ISO und ein altes Béret …»”

  1. Wirklich fantastisch! Wenn ich das richtig interpretiere, gibt es von jedem Motiv auch nur eine Aufnahme. Ein schöner Gegenpol zu der heutigen Meinung: Man macht mal ein paar hundert Aufnahmen und kann dann die Beste raussuchen.Ich hoffe, das diese Art der reinen Fotografie und der Fotograf Heino Heiman uns noch lange erhalten bleibt.

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