Urs Tillmanns, 19. April 2015, 07:00 Uhr

Zu Besuch bei Fujifilm in Japan

Bei einem kürzlichen Besuch in Japan hatte Fotointern.ch Gelegenheit jenes Fujifilm-Werk zu besuchen, in welchem unter anderem die X100 und Zoomobjektive für X-Serie Digitalkameras endmontiert werden. Beeindruckend: Hier wird unter klinisch sauberen Bedingungen gearbeitet. Zudem haben wir viel über diesen bedeutenden Industriekonzern erfahren; Foto ist davon nur ein kleiner Teil …

 

Fujifilm ist einer der bedeutendsten japanischen Industriekonzerne, der zwar in unseren Kreisen vorwiegend durch seine Fotoprodukte bekannt ist, der jedoch in anderen Bereichen weitaus höhere Umsätze generiert. Fujifilm beschäftigt knapp 80’000 Mitarbeitende, 30’000 davon in Japan, die in 273 Niederlassungen und Tochterunternehmen weltweit einen Gesamtumsatz von rund 20 Milliarden Euro (2,44 Billion Yen) erarbeiten. Das Unternehmen produziert neben fotografischen Produkten (Filme, Fotopapier, Fotofinishing-Geräte, Kinofilm, analoge und digitale Kameras sowie Sensoren und Objektive) auch grafische Systeme, Chemikalien, medizinische Systeme (z.B. Röntgen), medizinische und kosmetische Produkte, Systeme zur Dokumentenverwaltung, Displays, Halbleitertechnik mit Aufzeichnungs- und Speichermedien, optische Produkte sowie Produkte zur Werkstoffprüfung. Bürogeräte und die Materialien dazu werden durch das Tochterunternehmen Fuji Xerox & Co. Ltd. produziert und vertrieben, welches aus einem Joint Venture mit Xerox Corporation im Jahre 1962 entstand.

Die Sparte «Imaging Solutions», als Urzelle von Fujifilm aus dem Jahre 1934, macht heute einen Konzernumsatzanteil von rund 15 Prozent aus, doch ist Fujifilm damit der weltweit einzige Anbieter einer lückenlosen Produktekette von lichtempfindlichen Materialien, Sensoren, Speichermedien sowie Kameras mit Objektiven bis hin zu Bildproduktionsmaschinen und Printmedien. Fujifilm hat letztes Jahr im Imaging-Bereich einem Umsatzzuwachs von 8 Prozent erreicht, was einerseits auf den Erfolg der relativ hochpreisigen X-Kameras mit deren Zubehör zurückzuführen ist, anderseits aber auch auf den weltweiten und etwas unerwarteten Erfolg mit den trendigen Sofortbild-Produkten. Für das gegenwärtige Geschäftsjahr ist die Konzernleitung laut Geschäftsbericht 2014 eher etwas zurückhaltend optimistisch, weil sich bei allen Anbietern eine starke Einbusse im Bereich der preisgünstigen Kompaktkameras bemerkbar macht. Hingegen wird in anderen Geschäftsfeldern, insbesondere in der Informationssparte und im Medizinbereich, für 2015 ein grosses Wachstum erwartet.

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Teil des Showrooms im Fujifilm-Headquarter in Tokio. Hier sind sämtliche aktuellen Fotoprodukte ausgestellt

Der Hauptsitz von Fujifilm ist in Tokio, im Stadtteil Roppongi. Hier steht ein beeindruckendes Hochhaus, das sich Fujifilm mit Xerox teilt. Dieses ist zwar Besuchern nicht zugänglich, doch gibt es gleich daneben einen grosszügigen Showroom, der einen Einblick in die Fuji Fotowelt gewährt. Hier sind neben sämtlichen aktuellen Fujifilm-Produkten eine historischen Sammlung und eine Galerie zu besichtigen, die laufend wechselnde Ausstellungen von Wettbewerben sowie japanischen und internationalen Fotografen zeigt. Auch gibt einen sehr effizienten Servicecenter, der eine nützliche Adresse sein kann, wenn es darum geht kameratechnische Probleme zu lösen.

 

Fujifilm in Taiwa-cho

Fujifilm produziert in mehreren Werken in Japan im asiatischen Raum in Europa und in Amerika. Das wichtigste Werk, das zudem 1934 errichtet auch das erste Werk von Fujifilm war, liegt in Ashigara etwa 100 Kilometer südwestlich von Tokio am Fusse des Mount Fuji, der dem Unternehmen auch den Namen gegeben hatte. Hier werden seit je her lichtempfindliche Produkte sowie in jüngerer Zeit LCD-Materialien produziert, weil die Wasserqualität als wichtige Grundlage für die Filmproduktion in dieser gebirgigen Region sehr geeignet ist. Weitere wichtige Werke von Fujifilm sind in Odawara in der Präfektur Kanagawa, wo die Linsenherstellung angesiedelt ist, sowie in Fujinomiya in der Präfektur Shizuoka und die Yoshida-Minami-Fabrik. Daneben sind in jüngerer Zeit weitere Fujifilm-Werke in Japan entstanden, wozu auch die Fujifilm Optics Co Ltd in Taiwa-cho welche wir kürzlich besuchen konnten.

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Das Fujifilm-Werk in Taiwa-cho
(Foto: Fujifilm Ltd)

Die Fujifilm Optics Co Ltd in Taiwa-cho in der Präfektur Miyagi, rund 400 Kilometer nordnordwestlich von Tokio in der Nähe von Sendai gelegen, ist eine der wichtigsten Produktionsstätten von Digitalkameras und Wechselobjektiven von Fujifilm. Daneben werden hier auch noch Kameramodule für Smartphones sowie elektronische Baugruppen für diverse Produkte hergestellt.

Die Kamera- und Objektivproduktion von Fujifilm erfolgt dezentralisiert in fünf Werken Japans, in Mito, Morigane, Sano (Tochigi), Omiya und Taiwa-cho. In letzterem werden in erster Linie die Digitalkamera X100 und verschiedene Wechselobjektive des X-Systems endmontiert, zum Zeitpunkt unseres Besuchs gerade das 16-55 mm Zoom, das wegen der grossen Nachfrage in zwei Schichten produziert wird. Ferner erfolgt hier die Endkontrolle und die Verpackung der X100 und der X-E2, sowie der hier gefertigten Wechselobjektive.

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Die Objektivfertigung erfolgt unter klinisch sauberen Bedingungen. Auch Besucher werden «entstaubt» und mit entsprechender Schutzkleidung ausgestattet

Die Kameraproduktion der X-Reihe von Fuji läuft nicht etwa über ein Fliessband, wie man sich dies vorstellen könnte, sondern in Gruppenproduktion. Diese umfasst mehrere (meistens neun) miteinander verbundene Einzelarbeitsplätze, an denen die Arbeitenden stehend einzelne Baugruppen zusammen montieren und die Funktionen und Toleranzen gleich selbst kontrollieren. So ist eine 100%-Kontrolle der Produktion nahezu ohne zusätzlichen Aufwand gewährleistet. Nicht nur Fujifilm sondern die meisten Kamerahersteller sind vor Jahren zu dieser Produktionsmethode übergegangen, weil die Tätigkeit für die Arbeitenden abwechslungsreicher und weniger ermüdend ist und dadurch qualitativ auf ein höheres Niveau mit einer stark reduzierten Ausschuss- und Nachreparaturquote kommt. Zudem ist die Produktion flexibler in der Hinsicht, dass durch einfache Umstellungen der Produktionsinfrastruktur schnell auf veränderte Marktnachfragen reagiert werden kann.

 

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Gearbeitet wird in Gruppen von miteinander verbundene Einzelarbeitsplätzen, an denen die Arbeitenden stehend einzelne Baugruppen montieren

Auch sieht man die Entstehung der Fujifilm X100 beispielsweise hier in Taiwa-cho nicht von Anfang bis Ende, weil die Einzelteile und Baugruppen in den erwähnten anderen Werken von Fujifilm oder fremden Zulieferern produziert werden. Ein Werk ist beispielsweise auf den Kunststoffspritzguss oder die mechanische Metallbearbeitung spezialisiert, ein weiteres auf die Linsenherstellung und die Zentrierung der Objektivbaugruppen, und aus einem dritten kommen die elektronischen Komponenten mit dem Sensor.

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Das Werk macht einen äusserst sauberen Eindruck mit fast klinischen Verhältnissen. Die Montage der Objektive erfolgt unter Reinstbedingungen, das heisst dass die staubfreie Atmosphäre durch einen Raumüberdruck entsteht und sämtliche Leute, die sich darin aufhalten, mit entsprechenden Schutzanzügen ausgerüstet sind. Das gilt auch für uns Besucher, die in den weissen Overalls, Kopfhauben und Schuhüberzieher doch ein recht ungewohnter Anblick waren. Selbst meinen Notizblock musste ich deponieren und gegen zwei Blatt fuselfreies Spezialpapier austauschen, um meine Bemerkungen notieren zu können. Dann geht es via Luftschleuse mit Luftdusche in die heiligen Hallen. Die Vorsichtsmassnahmen sind verständlich und auch in anderen gleichartigen Unternehmen anzutreffen, denn schon kleinste Staubpartikel könnten in einem Objektiv die Bildqualität oder die mechanischen Eigenschaften beeinträchtigen.

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Die Arbeitsatmosphäre mutet fast gespenstig an: Es ist muksmäuschenstill und man hört nur geringste Geräusche vom Manipulieren mit den Werkzeugen an den Objektiven. Flinke Hände, vorwiegend junger Mitarbeitenden, montieren hier die Teile mit einer enormen Fingerfertigkeit, justieren die Baugruppen und überprüfen laufend selbst ihre Qualität. Auf Qualitätskontrolle wird bei Fujifilm grössten Wert gelegt, einerseits mit laufenden Selbstkontrollen während den Arbeitsschritten, anderseits aber auch an speziellen Kontrollplätzen, wo die Halb- und Fertigprodukte nachgemessen und danach freigegeben werden.

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Blick in die Kameramontage. Da hier nur geschlossene Bauteile montiert werden, sind keine Reinstbedingunen mehr erforderlich. Sämtliche Montageplätze sind mobil; so ist die Produktion äusserst flexibel und nicht von einer festen Infrastruktur abhängig.

Ein besonderes Augenmerk wird auch auf die mechanischen Eigenschaften eines Objektivs gelegt. Die Zoomeinstellung beispielsweise muss bei allen Fujinon-Objektiven widerstandsidentisch verlaufen – nicht zu leicht, damit sich die Brennweite bei Vertikalhaltung des Objektivs nicht verstellt, und nicht zu hart, damit nicht zu viel Kraft aufgewendet werden muss und die Einstellung des Bildwinkels bei allen Temperaturen gleichmässig und angenehm verläuft.

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Die Endmontage der Kameras, vorwiegend der X100, ist weitaus weniger heikel als die Produktion der Objektive, und wir dürfen uns der «Raumanzüge» wieder entledigen. Auch meinen papierenen Notizblock bekomme ich wieder zurück. Die verschiedenen Baugruppen werden von anderen Werken angeliefert oder inhouse vorfabriziert. Wie bei der Objektivmontage ist auch hier eine laufende 100%-Kontrolle üblich. Die Verfahren der Montage sind stark rationalisiert, doch bleibt sie noch immer der Handmontage vorbehalten, während in der Massenproduktion bei günstigen Kameramodellen anderer Hersteller längst automatisierte Prozesse Einzug gehalten haben.

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Zum Schluss werden die Sets nochmals kontrolliert und verpackt und gelangen so zum Kunden

 

An Stelle eines Fazits

Fujifilm hat vor rund sechs Jahren, als damals noch traditioneller Filmhersteller, gerade rechtzeitig mit den neuen Digitalkameras der X-Reihe den Kurswechsel zur Digitalfotografie der oberen Leistungsklasse vorgenommen. Heute ist Fujifilm ein bedeutender Player in diesem Bereich, nicht zuletzt, weil sich die Kameras qualitativ bewährt haben und viele markeneigene Features implementiert werden konnten.

Ein Aspekt wurde noch zu wenig angesprochen: die Objektivqualität. Hier hat Fujifilm ein beträchtliches Know-how. Die Firma produziert nicht nur Objektive für ihre eigenen Produkte, sondern sie stellt auch Objektive für andere Marken her und ist einer der bedeutendsten Lieferanten von Zoomobjektiven für TV-Kameras mit besonders grossen Brennweitenbereichen und hohen Lichtstärken. Das sind Produkte, bei denen höchste Qualität und Präzision gefordert wird – und dieses Know-how ist eine der Grundlagen für jene Objektive, die wir in den Fujifilm-Kameras wiederfinden.

Text und Bilder: Urs Tillmanns

Weitere Informationen über Fujifilm-Produkte finden Sie auf www.fuji.ch

2 Kommentare zu “Zu Besuch bei Fujifilm in Japan”

  1. danke für den Beitrag. Das ist immer spannend, wenn man einen Blick hinter die Kulissen bekommt. bin momentam auch in Japan und würde gerne auch ein Werk besuchen. Da dies aber schwieriger ist, werde ich gerne auf deinen Tipp mit dem Showroom zurückgreifen.

  2. Bei meinen Besuchen in verschiedenen Elektronik-Firmen in Japan fiel auf, dass die grosse Mehrheit in den Montagen weiblich waren. Vor Arbeitsbeginn waren gemeinsame Freiübungen üblich, wie heute noch bei Victorinox.

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