Urs Tillmanns, 1. August 2021, 11:46 Uhr

Im Bann der Bildpaare

Dass das Landesmuseum die Zeitepoche 1860 bis 1910 für ihre Ausstellung «Stereomania. Die Schweiz in 3D» auswählte, ist kein Zufall. Diese 50 Jahre waren die zweite und wohl die stärkste und die am längsten andauernde Stereowelle der Fotogeschichte. In dieser Blütezeit waren die Stereobilder, so wie sie in der Ausstellung gezeigt werden, etwa von gleicher Bedeutung, wie heute das Fernsehen.

Der stereoskopische Effekt wurde Charles Wheatstone (1802-1875) schon rund zehn Jahre vor der Fotografie entdeckt

Zwar ist der räumliche Bildeffekt mit Doppelbildern älter als die Fotografie selbst, doch kamen in dieser Zeit die industriell hergestellten Stereobilder in Mode. Grosse Verlage, allen voran Underwood & Underwood, die Keystone View Company oder die Neue Photographische Gesellschaft in Berlin-Steglitz produzierten die 17,5 x 8,5 cm grossen Karten massenweise und vertrieben diese weltweit. Überall waren die Stereobilder in Mode und trugen zu interessanten Stunden im Familienkreis bei.

In gemütlicher Familienrunde betrachtete man zusammen die aktuellsten Stereobilder und erzählte faszinierende Geschichten dazu

Die Motive waren äusserst vielfältig. Am meisten gefragt waren Landschafts- und Städtebilder ferner Länder, welche fremde Kulturen in die Stuben Europas brachten, dann aber auch Märchenszenen, mit denen die Kinder unterhalten werden konnten, aber auch Bilder des Zeitgeschehens bis hin zu erotischen Motiven, die meist im Verborgenen gehandelt wurden.

 

Die Ausstellung «Stereomania. Die Schweiz in 3D» bietet einen spannenden Einblick in die Technik und den räumlichen Seheffekt der Stereoskopie. Sie dauert noch bis 17. Oktober 2021. (Foto Schweizerisches Nationalmuseum)

«Das Matterhorn», Stereofotografie von Zermatt der US-Firma Keystone View Company, um 1901, eingekerbt für das «Sculptoscope» der Whiting View Company. (© Schweizerisches Nationalmuseum)

«Der Vierwaldstättersee», Stereofotografie von Flüelen, 1903. Herstellerin war die US-Firma American Stereoscopic Company in New York. (© Schweizerisches Nationalmuseum)

Den Stereobildern kamen auch in Verbindung mit dem Ende des 18. Jahrhunderts einsetzenden Tourismus grosse Bedeutung zu, indem die räumlich wirkenden Bilder an den Souvenirständen zu kaufen waren und als Erinnerungen und Ferienmitbringsel beliebt waren.

«Die Kappelbrücke», Stereofotografie von Luzern der US-Firma Underwood & Underwood, um 1901. (© Schweizerisches Nationalmuseum)

 

Als Betrachtungsgerät am weitesten verbreitet war das «amerikanische Stereoskop», das auf den Essayist Olivier Wendel! Holmes (1809-1894) zurückgeht und seiner einfachen Bedienung wegen sehr beliebt war. (Schweizerisches Nationalmuseum)

Aufbewahrt wurden die Stereokarten meist in speziellen Kassetten oder in solchen Buchschatullen, wie dieser Boxed Set «Switzerland» mit 100 Stereofotografien, der von Underwood & Underwood im Jahre 1903 hergestellt wurde. (Schweizerisches Nationalmuseum)

Das Kaiserpanorama von August Fuhrmann in Berlin bot 25 Personen Platz, um Stereobilder zu betrachten. (Schweizerisches Nationalmuseum)

Anfänglich waren es vor allem Berufsfotografen, die sich mit der Stereoskopie befassten und ihre Kunden mit räumlich wirkenden Bildern ins Staunen versetzten. Sie verwendeten entsprechend teure Spezialkameras mit zwei Objektiven, die anfänglich aus Holz getischlert und später mit Aluminium und Leder gefertigt wurden.

Die hier abgebildeten Kameras sind (v.l.n.r.) eine Magazinkamera von J.B. Dancer (1856), eine Stereo-Delta von Dr. Krügener (1905) und eine Lancaster Reisekamera um 1910.

In späteren Jahren wurden die Kameras immer perfekter und auch optisch besser. Hier (v.l.n.r.) ein Heidoscop von Rollei (ab 1935), eine russische Sputnik aus Bakelit (um 1954), eine deutsche Iloca-Kleinbildkamera (1951) und eine Loreo, die 1990 den Durchbruch am Markt nicht schaffte.

Die Ausstellung zeigt erstmals zahlreiche Stereobilder, welche Anfang 2020 in die Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseum aufgenommen wurden. Schwerpunkt sind Schweizer Städte und Landschaften um 1900, welche uns in die Zeit und das Leben vor 120 Jahren entführen. Die meisten dieser Stereokarten sind nach Themen sortiert als Ausstellungsobjekte an die Wand montiert, andere befinden sich in Stereoskopen, die dem Betrachter den räumlichen Bildeindruck verleihen.

(Foto: Schweizerisches Nationalmuseum)

Die Ausstellung im Landesmuseum ist für alle sehr informativ und kurzweilig, die sich für das räumliche Bild und die Geschichte der Fotografie interessieren. Übrigens gibt es im Museumsshop verschiedene Bücher zum Thema, Stereokarten und Stereobetrachter zu kaufen, die man sonst nicht so einfach erstehen kann.

Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie unter www.landesmuseum.ch

Das Schweizerische Landesmuseum in Zürich (Museumstrasse 2, CH-8001 Zürich) ist täglich (ausser Montag) von 10 bis 17 Uhr (donnerstags bis 19 Uhr) geöffnet. Der Eintritt kostet CHF 10.00, ermässigt CHF 8.00. Kinder bis 16 Jahre gratis.

(Bilder ohne Quellenvermerk stammen aus dem Archiv von Urs Tillmanns)

2 Kommentare zu “Im Bann der Bildpaare”

  1. Heute habe ich mir im Landesmuseum die Stereomania Ausstellung angesehen. Fein gemachte, eher kleinere Ausstellung, mit vielseitigem Bildmaterial. Neben den bekannten «Postkartensujets» von Keystone View und Underwood & Underwood, die ja in grossen Mengen verbreitet wurden, sind mir seltenere Aufnahmen, zB. aus den Rebbergen des Lavaux aufgefallen. Die Hintergrundinformationen zur stereoskopischen Industrie zeigen, dass grosse Kopierwerke den «Fernweh Markt» bedienten. Sicher keine Massenware ist die begeisternde Suter-Basel Stereokamera die (Handy-Fotografen) zeig mit welchen Kameras solche Bilder entstanden. Eine sehenswerte Ausstellung.

  2. Die 3DStereo-Ankündigungen von Kooperationen mit Autostereo-Betrachtern und Smartphones mit neuesten Techniken machen mich froh. Sobald Genauere bekannt wird poste ich hier die links. Hab ja vor langer Zeit schon vielversprechende Ansätze gesehen die nicht weiterverfolgt wurden. Somit dürfte Youtube auch wieder ihr 3DS pflegen.

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