Urs Tillmanns, 8. Juli 2023, 11:53 Uhr

Buchtipp: Anna Atkins. Cyanotypes

Das komplette Werk von Anns Atkins, die vor rund 180 Jahren ihre botanische Sammlung mit der Cyanotypie dokumentierte und so die ersten mit Fotografien illustrierten Bücher schuf. Das mehr als 600 Seiten starke Buch richtet sich sowohl an fotohistorisch interessierte als auch an Botaniker/innen.

Cyanotypien, oder auf Deutsch «Blaupausen», faszinieren – auch heute noch. Es ist ein relativ einfaches Verfahren, um Gegenstände, die man auf ein lichtempfindliches Papier legt, als negatives Bild zu verewigen. Erfunden hat dieser Prozess Sir John Herschel (1792-1871), welcher diesen 1842 der Royal Society vortrug. Für die Botanikerin Anna Atkins (1797-1871) kam dieses erste Kopierverfahren wie gerufen, erlaubte ihr dieses doch ihre Algen- und Pflanzensammlung bildmässig unvergänglich zu katalogisieren. Sie produzierte insgesamt fünf verschiedene Alben zu je etwa 15 Exemplaren, die als erste mit einem fotografischen Verfahren illustrierte Bücher gelten und deshalb von grösster fotohistorischer Bedeutung sind. Der deutsche Literaturhistoriker Peter Walther hat das Gesamtwerk von Ana Atkins in verschiedenen Sammlungen recherchiert und zum vorliegenden Buch zusammengetragen. Damit hat er einen Meilenstein der Fotogeschichtsliteratur geschaffen.

Auch wenn man nur über ein geringes Botanikwissen verfügt, so beeindruckt die Arbeit von Anna Atkins in vielfacher Hinsicht. Sie hat als erste ein fotografisches Verfahren benutzt, um ihre Algensammlung zu dokumentieren, zu einer Zeit als es beim Botanisieren üblich war, die Objekte zeichnerisch zu erfassen. Damit war die Darstellung nicht nur wesentlich genauer, sondern es erlaubte ihr auch auf effiziente Weise mehrere Exemplare ihrer Alben anzufertigen. Weiter zeigt das Werk von Anna Atkins eine überraschende Vielfalt an Algen und Farnen, die sie auf ihren Cyanotypien feinsäuberlich mit den lateinischen Bezeichnungen beschriftet hatte. Sie nutzte das Verfahren auch um Texte und Inhaltsverzeichnisse zu ihren Alben zu vervielfältigen. Drittens, und hier kommt der kreative Aspekt hinzu, ordnet sie die Objekte auf der lichtempfindlichen Fläche grafisch ausgewogen gestalterisch perfekt an.

Je länger man diese Fülle von Cyanotypien botanischer Präparate anschaut, desto mehr wächst das Interesse dafür. Die verschiedenen Formen und Arten mit ihren «kryptischen» Bezeichnungen machen neugierig. Man will mehr wissen, will Klarheit, wie die silhouettierten Objekte in natura aussehen, googelt die lateinische Bezeichnung – und findet unter den Bildern auch die Fotogramme von Anna Atkins wieder! Dies beweist, welche Bedeutung Atkins Bildern nicht nur fotohistorisch, sondern auch heute noch wissenschaftlich beigemessen wird.

Aufschlussreich sind auch die fünf Texte – übrigens alle auf Englisch, Deutsch und Französisch – welche den riesigen Bildteil wohltuend unterbrechen. Der erste Text geht auf die Person Anna Atkins ein, ihre Biografie, ihre Beziehung zu den Erfindern John Herschel und Henry Fox Talbot sowie ihr Werk «British Algae». Dann folgt ein Essay über das Botanisieren und das Farnfieber in späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, gefolgt von einer Erklärung der Technik und Bedeutung der Cyanotypie sowie einer Betrachtung über das Fotogramm als stilistisches Ausdrucksmittel und endet mit einem Artikel über die Kunst der botanischen Illustration. Die Texte sind hervorragend recherchiert, mit Quellenangaben versehen und sind in vielerlei Hinsicht eine Bereicherung des Gesamtwerkes.

Für wen ist dieses Buch? Es gibt generell zwei Zielgruppen dafür: Einerseits die fotohistorisch Interessierten. Ihnen wird der Name Anna Atkins und ihre Cyanotypien wahrscheinlich schon geläufig sein, doch haben sie nun die Gelegenheit, sich das fotografische Gesamtwerk dieser Pionierin der Fotografie zuzulegen – und dies zu einem sehr günstigen Preis. Anderseits werden die Botaniker/innen voll auf ihre Rechnung kommen, in dem sie Zugang zur überwältigenden Algensammlung von Anna Atkins finden – die dank der Fotografie nach fast zwei Jahrhunderten noch immer unverändert einsehbar ist.

Urs Tillmanns

 

Buchbeschreibung des Verlages

Als erste Frau, die das noch junge Medium der Fotografie wissenschaftlich nutzte, fing Anna Atkins die Zartheit von Algen und Farnen in Bildern ein. Dieser Band kombiniert erstmals ihre Werke British Algae und Cyanotypes of British and Foreign Ferns in vollem Umfang und zeigt ihre wegweisende Praxis, botanische Arten fotografisch zu dokumentieren.

Zu Anbruch des viktorianischen Zeitalters unternahm Anna Atkins in ihrem Freiluftlabor in Halstead, Kent, den radikalen Versuch, Pflanzenarten mithilfe eines völlig neuen künstlerischen Mediums zu dokumentieren. Die unnachahmlichen Cyanotypie-Fotogramme von Algen und Farnen, die Atkins anfertigte, bilden die ersten Bücher mit Fotografien. Ihre Alben sind die perfekte Synthese aus Kunst und Wissenschaft, markant und zugleich hauchzart.

Obwohl die Drucktechnik, die Cyanotypie, von ihrem Freund John Herschel entdeckt wurde, war Atkins die erste, die ihren praktischen Nutzen für die Klassifizierung von Arten innerhalb der Botanik und ihr faszinierendes künstlerisches Potenzial erkannte. Bei diesem Druckverfahren wird das Objekt auf sensibilisiertem Papier fixiert und dem direkten Sonnenlicht ausgesetzt. Dadurch entsteht das preußischblaue Pigment, das den unverwechselbaren Hintergrund dieser Kunstwerke bildet.

Atkins‘ Album British Algae (1843–1853) sowie das mit ihrer Freundin Anne Dixon angefertigte Buch Cyanotypes of British and Foreign Ferns (1853) sind Werke von außerordentlicher Seltenheit. Sie werden hier zum ersten Mal in ihrer Gesamtheit abgedruckt und zeigen, dass Atkins mehrere Disziplinen beherrschte: Während die Cyanotypie es ihr ermöglichte, die Herausforderungen einer akkuraten Darstellung zu meistern, verliehen die grazilen Konturen der Exemplare vor dem intensiv blauen Hintergrund den Bildern einen zeitlosen ästhetischen Reiz.

In dieser Ausgabe wurden Cyanotypien aus verschiedenen Quellen sorgfältig zusammengestellt, um Atkins‘ progressiven Werke vollständig abzudrucken. Sie stammen weitgehend aus den Exemplaren der New York Public Library und des J. Paul Getty Museums. Die über 550 Cyanotypien stellt Peter Walther in seinen einführenden Essays in den wissenschaftlichen und kunsthistorischen Kontext, um die bahnbrechenden Beiträge einer echten Pionierin zu würdigen.

 

Der Inhalt

Anna Atkins. A Female Pioneer of Early Photography / Anna Atkins. Eine Pionierin der frühen Fotografie / Anna Atkins. Une pionnière des débuts de Ia photographie

1843-1851 British Algae, Parts I – XII

Botanophilia and Fern Fever / Botanophilie und Farnfieber / Botanophilie et ptéridomanie

1849-1851 British Algae, Vol. I

Cyanotype / Die Cyanotypie / Le cyanotype

1851 British Algae, Vol. II

 

Photography without a Camera: the Photogram / Fotografieren ohne Kamera: Das Fotogramm / La photographie sans appareil: le photogramme

1853 British Algae, Vol. III

The Art of Botanical lllustration / Die Kunst der botanischen Illustration / L’art de l’llustration botanique

1853 Cyanotypes of British and Foreign Ferns

Appendix
Editorial Notes, Index, Bibliography, Photo Credits

 

Der Autor

Peter Walther, 1965 in Berlin geboren, studierte Germanistik und Kunsterziehung in Greifswald, Berlin und Essen Er hat zahlreiche Publikationen zu literarischen, fotografischen und zeitgeschichtlichen Themen herausgebracht, unter anderem Bücher über Goethe, Fontane, Thomas Mann, Hans Fallada und Schriftsteller im Ersten Weltkrieg sowie einige illustrierte Werke mit historischen Farbfotografien. Zudem hat er mehrere Ausstellungen kuratiert. Sein Interesse gilt insbesondere frühen Techniken der Farbfotografie. Er ist der Autor der Taschen-Publikationen «The First World War in Colour» (2014) und «Lewis W. Hine: America at Work» (2018).

 

Bibliografie

Peter Walther «Anna Atkins. Cyanotypes»

660 Seiten, mehr als 550 Abbildungen, Fadenheftung, Hardcover mit Schuber, Format 24,3 x 30,4 cm, Gewicht 2,55 kg,
Texte Deutsch, Englisch, Französisch von Peter Walther
Taschen-Verlag, Köln   
Preis: CHF 100.00 / EUR 100.00
ISBN 978-3-8365-9603-9 (Famous First Edition, nummerierte Auflage von 7’500 Exemplaren)
ISBN 978-3-8365-9098-3 (unnummerierte Ausgabe)

Das Buch kann im Buchhandel erworben oder direkt beim Verlag bestellt werden.

 

 

Ein Kommentar zu “Buchtipp: Anna Atkins. Cyanotypes”

  1. Ein (ge)wichtiges tolles Buch, es hat Jahre gedauert. Zunächst sollte es bei Steidl für 480€ erscheinen. Es war vor 3 Jahren bereits angekündigt. Mir wurde beide Ausgaben zugestellt, beim Lesen stellte ich jedoch fest, dass die ob der Lobhudelei für Anna Atkins Werk etwas vergessen ging. Einmal mehr wird nicht authentisch Berichtet. Zwar wird erwähnt, dass die Atkins Familie Plantagen der Karibik besass, dass sie aber Ihr Vermögen mit der Ausbeutung von Sklaven, bei der Abschaffung der Sklaverei grosszügig entschädigt und das Apprenticeship system (Knebelvertäge ohne Leibeigenschaft) einführten und sich so u.a. dieses Bilder leisten konnten.

    Die Fotogeschichte ist nicht so nett/schön wie sie oft verklärt wird…
    Trotzdem ist es ein gutes Buch geworden, deutliche Kaufempfehlung.

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