Peggy Kleiber gewinnt erst jetzt, zehn Jahre nach ihrem Tod, an Bekanntheit. Die Jurassierin lebte lange Zeit in Biel, doch ihr Lieblingsland war Italien, das sie oft bereiste und dort ihre Lieblingsmotive fand. Peggy Kleiber ist eine Entdeckung, die Sie in diesem Bild- und Erzählband nachvollziehen können.
Zwei verstaubte Koffer stehen jahrelang vergessen in einer Ecke, bis jemand auf die Idee kommt, diese zu öffnen, um zu sehen, ob deren Inhalt mitsamt den Koffern entsorgt werden kann. Dann die Überraschung: Darin befinden sich rund 15’000 Fotografien. Es ist der fotografische Nachlass von Peggy Kleiber, einer Amateurfotografin aus Moutier – ein Name, den wahrscheinlich die Wenigsten kennen.
1940 wächst Peggy als zweites von neun Kindern in Moutier auf und geht nach der Sekundarschule in die französische Schule in Biel. Sie lernt Italienisch und reist im Alter von 17 Jahren das erste Mal nach Italien – ein Land, dessen Kultur sie von Anfang an fasziniert. Ihre Erlebnisse hält sie in ihren ersten Fotos fest. Daneben wird sie zur «Familienfotografin», fotografiert ihre Verwandten bei festlichen Anlässen, von denen viele in ihrem späteren Buch «Rue Neuve 44. Chronique de la vie familiale 1963-1983» verewigt sind. Zwei Studienversuche in Genf und Zürich bricht sie ab und entscheidet sich, nachdem sie von ihrem Vater einen Leica M3 geschenkt bekommen hat, für den Besuch einer Fotoschule in Hamburg. Sie wird Lehrerin, wohnt mehr als vierzig Jahre lang in Biel – kehrt jedoch immer wieder in ihr Lieblingsland Italien zurück.
Peggy war eine hervorragende Beobachterin. Sie schaute dem Geschehen einer Szene zu und fotografierte deren Höhepunkt mit ihrer Leica – schnell und unauffällig. Sie zeigt uns Menschen in ihrem Alltag, Strassenszenen, die einmalig und unwiederholbar sind, und Momente, die in vielen Fällen eine spannende Zufallskomik zum Ausdruck bringen, aber ebenso Nachdenklichkeit oder Trauer. Ihre Bilder entstehen nicht nur in ihrer Lieblingsstadt Rom, sondern in vielen anderen Regionen Italiens, von der Toskana bis Sizilien, von Florenz bis Venedig. Dann aber auch in anderen Ländern, denn ihre Kamera ist ihre ständige Begleiterin. Peggy Kleiber beweist in ihren Bildern zudem ein ausgesprochenes Flair für perfekte Bildgestaltung, mit vielen Bildern, die durch den ultimativen grafischen Aufbau begeistern.
Ende der 1980er-Jahre lernt Peggy ihren späteren Ehemann Paul Balmer kennen und zieht 1990 mit ihm nach Colongres in Südfrankreich. Peggy nimmt ihre Kamera nur noch selten zur Hand und beschäftigt sich mit anderen Interessensgebieten. Sie hat auch zeitlebens keine grossen Anstrengungen unternommen, ihre Fotos zu zeigen, geschweige denn diese irgendwo auszustellen. Ihre diesbezügliche Zurückhaltung ist mit ein Grund, weshalb das grossartige Werk von Peggy Kleiber jahrelang in zwei Koffern verborgen blieb, bevor es entdeckt worden war. 1994 stirbt Paul Balmer, und Peggy folgt ihm elf Jahre später, nachdem sie ihr Buch «Rue Neuve 44. Chronique de la vie familiale 1963-1983» als Erinnerungsband für ihre Familie fertiggestellt hatte.
Das vor Kurzem erschienene Buch «Reise in das fotografische Werk» ist Peggy Kleibers Lebenswerk gewidmet und ist in drei Teile gegliedert: Reisebilder, vor allem aus Italien und Frankreich, aber auch aus den USA und aus Mexiko. Dann dokumentiert sie die Gesellschaft, vor allem mit Eindrücken politischer Themen und Bilder, mit denen sie auch die soziale Stellung der Frau anklagt. Und letztlich widmet sie sich fotografisch ihrer Familie, zeigt uns viele persönlicher Erinnerungen, Porträts und spielende Kinder. Dazu gibt es sechs wichtige Texte, jeweils auf Deutsch und Französisch, die das Leben und Arbeitsweise von Peggy Kleiber charakterisieren.
Für wen ist dieses Buch? Es ist der erste umfassende Bildband zum Lebenswerk von Peggy Kleiber, der zur verdienten Bekanntheit einer langen Zeit unbeachteten Schweizer Fotografin beitragen dürfte. Abgesehen von diesem fotohistorischen Interesse, dürfe das Buch auch für Liebhaber der Street-Fotografie und des Kulturlebens insbesondere Italiens interessant sein – dokumentiert mit Bildern, die zeitlos und eindrucksvoll auf uns wirken.
Urs Tillmanns
Buchbeschreibung des Verlages
Zwei Koffer mit 15’000 Fotografien. Es handelt sich um den Nachlass der Schweizer Fotografin und Lehrerin Peggy Kleiber (1940–2015) aus Moutier. Peggy Kleibers Fotografien erzählen Geschichten von Familienzusammenhalt, von Reiselust und vom gesellschaftspolitischen Interesse einer Frau in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ihre Fotos sind Momentaufnahmen, die subtile Augenblicke im Alltag einzufangen vermögen und dabei Menschen, Länder sowie Zeitgeschehen mit einer beeindruckenden poetischen Ästhetik festhalten. Erstmals erscheint eine Auswahl von Peggy Kleibers Fotografien in Buchformat, angereichert mit Texten, die Peggy Kleiber und ihren Blick auf die Welt dem Lesepublikum näherbringen.
Der Inhalt
Inhaltsverzeichnis
Unsere Peggy – Hélène Faignot
«La Peggy» – Sylvia Battegay und Francesca Petrarca
Rom
Weitere Orte in Italien
Weitere Reisedestinationen
Politisches Interesse
Familie
Ein geliebtes Gesicht: Peggy Kleibers Beziehung zu Italien – Lorenzo Pallini
Ein Plädoyer für Fledermaus-Erzählungen – Teresa Gruber
Vergangenes, das sich Gegenwärtig zeigt» – Sylvia Battegay
Peggy Kleibers Familienalbum. Rue Neuve 44 : Chronique de la vie Familiale – Sylvia Battegay
Autor/innen
Fotografien zu den Texten
Impressum
Die Autor/innen
Sylvia Battegay ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Sie reflektiert, schreibt und diskutiert über soziale und kulturelle Diversität sowie über politische Kunst. Seit 2021 arbeitet sie als Lektorin bei der Edition Clandestin.
Teresa Gruber ist Ausstellungskuratorin bei der Schweizerischen Stiftung für Fotografie (Winterthur). Sie war unter anderem verantwortlich für Ausstellungen zu Manon, Annelies Štrba, Binia Bill und Lucia Moholy.
Lorenzo Pallini ist Filmemacher und Fotograf im Bereich Dokumentarfilm. Ausserdem ist er Regisseur, Dozent und Ausstellungskurator. Zu seinen Projekten zählt die erste italienische Ausstellung über Peggy Kleiber mit dem Titel «Peggy Kleiber. Tutti i giorni della vita (fotografie 1959–1992)» im Museo di Roma in Trastevere (2023).
Hinweis für Raschentschlossene
Noch bis morgen, Sonntag 30. November 2025, 11:00-18:00 Uhr, ist im Photoforum Pasquart in Biel/Bienne die Ausstellung «Peggy Kleiber – De l’Ombre à la Lumière» zu sehen. Die Ausstellung zeigt eine umfassende Retrospektive zum Werk von Peggy Kleiber. Sie wurde realisiert in Zusammenarbeit mit Judith Luks der Clandestin Editions und der Galeristin Isabel Balzer (See you next Tuesday, Basel), die den Nachlass betreuen.
Bibliografie
«Peggy Kleiber – Reise in das fotografische Werk»
302 Seiten mit ca 225 Abbildungen, Fadenbindung, Hardcover, Format 17 × 24 cm, November 2025
Texte von Lorenzo Pallini, Sylvia Battegay und Teresa Gruber
Sprachen: Deutsch und Französisch
Edition Clandestin, Biel/Bienne
Preis: CHF 45 / EUR 43
ISBN 978-3-907262-74-0
Das Buch kann im Buchhandel erworben, direkt beim Verlag bestellt oder im Shop des Photoforum Pasquart in Biel/Bienne gekauft werden.









