David Meili, 19. Oktober 2008, 10:14 Uhr

Erweitern Sie Ihr Wissen: „tung.“, „Seatfiller“ und Tod im Hundesalon

Pressespiegel zum Wochenende vom 18./19. Oktober 2008

tung.“ kennen Sie nicht? Die Zeitung liegt gratis auf und erinnert sehr an .ch, doch es ist keine Parodie und keine direkte Konkurrentin. tung. ist die neue Monatszeitung auf Albanisch. Im Gegensatz zur oft schrillen politischen Tagespresse zeichnet sich bing.  – soweit für nicht Albanisch-Sprechende erkennbar, durch sachliche Beiträge, professionelle Gestaltung und geflegte Bebilderung aus. Die Zeitung ist ausschliesslich werbefinanziert und bei der Konsumfreudigkeit der Emigranten ein attraktiver Markt für Inserate.

Auch ohne die Sprache zu verstehen, bekommt man einen Einblick in die politische, wirtschaftliche und kulturelle Vielfalt der beiden Staaten Kosovo und Albanien, und in die Aktivitäten der Emigranten in der Schweiz. So zeigt die Oktobernummer eine Reportage über die sich rasch entwickelnde Tourismusdestination Saranda in Südalbanien. Viele Seiten beansprucht neben Fussball das wohl wichtigste Interesse der Albaner, – die Miss-Wahlen. Da jede Mutter schöne Töchter hat, sind die Möglichkeiten Miss-Irgendwas zu werden in der albanischen Community beinahe unbegrenzt. Die zumeist sehr jungen Missen (das durchschnittliche Heiratsalter liegt immer noch tief) werden mit grossem Aufwand fotografiert. Fotograf ist bei jungen Albanern ein Traumberuf.

Mit „Missen“ aufs Glatteis wagt sich „Das Elternmagazin“ Fritz+Fränzi. Diese Woche hat es gratis die Abonnenten der BAUERNZEITUNG erreicht. Entweder wurde das Magazin ins falsche Medium gesteckt, oder die Werber verschätzten sich in der Zielgruppe. Die Landwirtschaftspresse verfügt mit den Bäuerinnenvereinigungen über kompetentere Channels.

Fritz+Fränzi bringt eine seltsame Reportage von Lisa Inglin mit Fotos von Nicole Bachmann. Olivia, Martina und Irina posieren mit ihren Lieblingsmagazinen und lassen sich altersgerecht „stylen“. Sie haben „Stress mit dem Aussehen“ (Olivia in Sarnen, Martina in Sargans) , doch Fotografin Nicole Bachmann zeigt ihnen, wie man mit Licht, Maske und Tricks auf dem Cover zum Supermodel wird, – und dass ihre virtuellen Mitbewerberinnen in Natura auch nicht soo viel schöner sind.

Den Warnfinger hebt schon eine Seite später die Fachärztin für ästhetische Chirurgie, Dr. Cynthia Wolfensberger. Sie empfielt keine Brustvergrösserung unter 18, und macht bei jungen Frauen vorerst keine Eingriffe in einen sensibleren Bereich, „wenn das Genital normal aussieht“. Das hoffen auch wir nicht, denn wer in der Vätergeneration möchte eine Pamela Anderson als Schwiegertochter. Zum Glück fehlen die anatomischen Bilder im Beitrag („Die Amerikaner stellen Vorher-nachher-Bilder ins Internet“ – um die Clicks zu steigern, wie Frau Dr. impliziert.)

Zurück zur Bauernzeitung. In der Ausgabe vom 17. Oktober finden sich mindestens acht Beiträge von Mario Tosato, mit Text und Bild. Da Tosato für die Ostschweiz zuständig ist, wurde er durch die OLMA besonders gefordert. Der ehemalige Anzeigenleiter schreibt und fotografiert mit Herzblut, kompetent im Fachwissen und mit der DSLR stets zur rechten Zeit am rechten Ort. Nur sollte sich der mehrfache Grossvater etwas schonen, um die in zwei Jahren ersehnte Pensionierung gesund zu erreichen. Doch Zurückhaltung beim täglichen Einsatz kennt Mario, ein lieber Kollege im Kreis der Landwirtschafts- und Regionalpresse nicht. Er ist mit Leib und Seele Reporter.

Am Kiosk ist Bolero stets eine Sünde wert. Vorerst findet man in starken Nummern, wie in der Ausgabe vom November 2008 die aktuellste Mode- und Lifestylewerbung mit durchwegs ganzseitigen Inseraten aus internationalen Kampagnen. Bolero würde ebenso gut als AD-Zeitschrift durchgehen. Dann stösst man auf aussergewöhnliche Reportagen. Eine von ihnen enttäuscht, die andere begeistert. Der gross angekündigte Beitrag über Sylvie Fleury besteht weitgehend aus Pressebildern ihrer Galerien. Er wirkt zusammengeschnipselt. Wenn Fleury dies als „Kunst“ betrachtet, ist es ihre Sache, da sie und ihre Manager/innen ihn zweifellos autorisiert haben. Mehr Glamour strahlt die Reportage über Miguel Adrover aus, mit sehr professionellen Fotos von Tom Solo. Da schaut man sich gerne satt. Wer nicht nur Reportagen über Modemacher und auch Modefotografie mag, soll sich durch die Aufnahmen von Marc Philbert ab Seite 115 blättern.

Wie man Autos in Szene setzt, zeigt die Beilage zur Schweizer Illustrierten „Lust auf Auto“ (Ausgabe 42, Oktober).  Thomas Buchwalder, Rolf Edelmann und Arsène Saheurs haben Alltagsautos in „romantischen“ Dörfern der Schweiz porträtiert. Der Spielraum ist begrenzt. Man muss das Auto und etwas „Dorf“ in der Grossaufnahme erkennen, dann folgen Rückseite und entweder Kühlergrill oder Interieur. Zudem enthält jede Doppelseite touristische Hinweise.

In Brienz werden wenig Leute einen Honda Jazz kaufen, man zieht dort deutsche Marken oder einen Subaru vor. Doch das Bild mit Landschaft, wegfahrendem Dampfschiff und dem blauen Kleinwagen ist gelungen. Der Audi Q5 gehört zweifellos nach Epesses und der Opel Insignia gnadenlos ins weit weniger trendige Arlesheim. Man fragt sich, ob die Werbe- und Produktpartner eine Mitsprache hatten, und wie weit ihnen die unfreiwillige Ironie bewusst war.

An diesem Wochenende glänzt die Presse nicht mit fotografischen Höhepunkten. Herbert Augsburger hat einen Beitrag von Guido Mingels DAS MAGAZIN über den Sexualtäter Rolf Hagen mit zwei ganzseitigen Schwarzweissbildern illustriert: Vollzugsanstalt Thorberg und das unausweichliche Porträt. Mingels hat im Textbeitrag einen Cliffhanger eingebaut, und wird ihn im nächsten Heft weiterführen. Werden Albrecht und die Bildredaktion dies auch schafffen?

Die SonntagsZeitung folgt immer mehr einem (angelsächsischen) aktuellen Trend und bringt zu Interviews grossflächige Einzelporträts. Basli Stücheli zeigt im Kulturteil wenig inspiriert den Künstler Roman Signer. Die übrigen Bilder stammen aus dem Fundus von Agenturen. Der alles dominierende amerikanische Wahlkampf ist eine trockene Zeit für Schweizer Journalisten und spühlt viel Geld in die Kassen von Reuters und Bloomberg.

Selbst der SonntagsBlick illustriert die Finanzkrise mit möglichst vielen, doch zumeist aus PR-Unterlagen abgekupferten Porträts der „Abzocker“. Nachgedoppelt wird mit ebenfalls fotografisch nicht hochstehenden Aufnahmen ihrer Wohnsitze. Weder mit Beiträgen über Stéphane Lambiel („Meine sexuelle Orientierung geht niemanden etwas an.“) noch über Beni Thurnheer („Ich habe Angst vor der Leere“) nutzt SonntagsBlick sein Potenzial als Boulevardmedium aus, – und pappt einfach irgendwelche beliebige Bilder auf die Doppelseiten.

So zeigt der Blick seine Stärken in der Provinz. Ralph Donghi ist unermüdlich im Aargau unterwegs.Ihm gelang die Story der Woche. Hündchen Sandy hat sich beim Hundecoiffeur selbst stranguliert. Jenny David, 23, Besitzerin, ging kurz shoppen und die Hundecoiffeuse in den Nebenraum. Sandy erhängte sich an der eigenen Leine auf dem Hunde-Coiffeurstuhl. Wie Donghi Text und Bild zusammenbrachte, ist der Blick, den wir uns nach Seite 3 wünschen. In Bremgarten dürfte die Story noch an diesem Wochenende dank Donghi Brunch- und Stammtischgespräch sein.

Übrigens, „Seatfiller“ sind Leute, die auf Reserve bereitstehen, wenn Promis im Publikumsbereich nicht erscheinen, weil sie im Stau stecken, noch an der Bar hängen oder nicht mehr vorzeigbar sind. „Seatfiller“ sind neben Bodyguards die häufigsten Fallen für Anfänger/innen im People-Journalismus, – und die sie begleitenden Fotograf/innen.

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