David Meili, 28. Dezember 2008, 10:10 Uhr

Redaktionen verschlafen Peak im Internet, wie porträtiert man Roland Nef und Mann beisst Katze

Pressespiegel zum Wochenende vom 27./28. Dezember 2008
Die Ausbeute der Weihnachtswoche ist für unsere Medienschau bescheiden, weil bereits vor und erst recht nach dem 25. Dezember die Berichterstattung immer dünner wurde. Noch nie blickte man pro Seite auf so viele Symbolbilder und Archivaufnahmen. Offensichtlich hat die Branche alljährlich ein kreatives Tief zwischen Kaufrausch und Neujahrskater.

Der Blick vom 26. Dezember machte es vor. Da auf der Redaktion offensichtlich nur PhotoShop versierte PraktikanntInnen anwesend waren, nahm man aus dem Fundus von Keystone die Aufnahme eines Gipfelkreuzes im Wintersturm, konstruierte daraus ein Banner und schrieb dazu eine Geschichte über den Sturm mit Meteodaten, die vom „Ticker“ kamen.

Für die gute, alte Schweizer Illustrierte wäre ein Bildjournalist mit seiner Leica auf einen schneeverwehten Grat gestapft, hätte das Bild mit Schweiss auf der Stirne zu Hause verarbeitet und mit dem VW-Käfer nach Zofingen den damaligen Cracks in die Litho gebracht. Tempi passati.

Wie man es anders machen kann, zeigt der freiberufliche Bildreporter Markus Heinzer aus Uster. Ins Bündnerland würde er für ein Bildhonorar von 300 Franken nicht fahren, doch wenn im benachbarten Dürnten ein Baum auf die Bahnlinie fällt, ist er zur Stelle und macht Reportagebilder, die mehr aussagen als viele Worte.

Tages-Anzeiger/Newsnetz haben es sich am 26. Dezember ebenso einfach gemacht, wie die „billigere“ Konkurrenz Blick Online, die den Schweizer Online-Markt immer noch anführt. Eine ebenfalls aus Archivaufnahmen von Keystone konstruierte „Bildstrecke“ zum Thema „Bise/Föhn“ wird durch ärgerliche Werbeeinblendungen unterbrochen. Sicht auf dem Sturm hatte man auch in der freien Natur, ohne Unterbrecherwerbung.

Alle drei relevanten Online-Medien der Deutschschweiz (zu denen wir die NZZ hinzuzählen) haben die Weihnachtstage medial verschlafen. Dies ist umso bedenklicher, weil die Zugriffszahlen aufs Internet über die Festttage Jahr für Jahr ansteigen. Nach wie vor wird im Rhythmus der Print-Presse produziert, und um Weihnachten und Neujahr stehen die Maschinen traditionell still.

Im Print bietet der Tages-Anzeiger seine Samstagsausgabe vom 27. Dezember ohne Magazin, doch mit einem starken PR-Bund von Media Planet zum erhöhten Samstagspreis an. Begründet wird der Bonus in die Kasse von TA-Media nicht und kommt auch keiner wohltätigen Institution zu Gute. Offensichtlich bezahlt man für eine vorangehende Doppelnummer, an die man sich nicht mehr erinnern mag.

Die Redaktion von Media Planet klärt uns über alle nur möglichen Gebresten auf, die man als Golden Ager irgendwann auch noch behandeln lassen könnte. Der Beilage fehlt nun wirklich jegliche Kreativität, und bei den Fotografien weiss man nicht, ob sie als Platzhalter irrtümlich in die Produktion gingen.

Im gleichen Fahrwasser befindet sich seit längerer Zeit die abonnierte Lokalpresse. Die meisten kleineren Blätter verfügen kaum mehr über ernst zu nehmende Redaktionen und füttern sich mit PR-Beiträgen durch, um Inserate akquirieren zu können. Doch 2009 wird nach vielen fetten Jahren der abonnierten Presse 2009 Sorge bereiten. Spät, für einige vielleicht nicht zu spät haben einige Verleger die Trends zu Gratisblättern und lokalen Portalen erkannt. News1.ch ist im Beta-Betrieb mittlerweile sogar Medien-Journalisten positiv aufgefallen, die Internet immer noch für Teufelszeug halten. Im gleichen Umfeld erscheint die stark internetorientierte Gratiszeitung regio.ch. Die setzen auf aktuelle und exklusive Bilder und honorieren sie auch fair.

Kein Medium kommt in diesen Tagen um Jahresrückblicke herum, die zumeist überblättert oder weggezappt werden. Das Magazin zum SonntagsBlick bietet im Gegensatz zur Konkurrenz eine bemerkenswerte Ausgabe. 49 wirklich Prominente, wie Gerhard Schröder und Donna Leon zeigen Ereignisse auf, die für sie im zu Ende gehenden Jahr von Bedeutung waren. Die Ausgabe ist hervorragend illustriert, mehrheitlich aus der eigenen Reportage- und Auftragsfotografie. Damit vermittelt sie auch einen Rückblick auf die Pressebilder der Jahres.

Der SonntagsBlick ist selbst zum Medienthema geworden, weil er sich weitere Fakten zum Fall Roland Nef auf dieses Wochenende aufgespart hat und auf den vier Einstiegsseiten präsentiert. Doch wie porträtiert man nun den Ex-Armeechef, über dessen private Neigungen neue Spekulationen im Raum stehen? Nef schien damals für eine Homestory uninteressant. Die Bilder, über die man verfügt, zeigen ihn immer wieder in der gleichen Uniform an seinen öffentlichen Auftritten. Hatte er übrigens mehr als eine Uniform, und wurde diese während seiner kurzen Amtsszeit auch einmal gereinigt. Fragen über Fragen, auf die wir bis heute keine Antwort bekamen.

Zum Schluss die Reportage der Woche, natürlich aus der Bild-Zeitung. Aus Eifersucht biss Christian G. dem gemeinsamen Kater Garfield ein Ohr ab, weil das Katzentier mit seiner Freundin Yvonne G. schmuste. In Grossaufnahme zeigt Bild die Abbisstelle, kleiner die drei sichtlich erschütterten Protagonisten des Dramas. Neidvoll schlägt das Journalistenherz höher.

(Bildnachweis, Bild Online).

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