David Meili, 30. April 2009, 11:00 Uhr

Open Source für Fotografen/innen

Wer sich erst kürzlich einen der leistungsfähigen neuen „Mac“ angeschafft und die Produktepalette von Adobe aufdatiert hat, muss nicht weiterlesen.  Unser Beitrag richtet sich vorerst an Fotograf/innen, die mit einem Budget von unter CHF 4 000.- pro Jahr für Soft- und Hardware professionelle Leistungen erbringen müssen oder möchten. Doch auch eingefleischte Mac-User sind herzlich eingeladen, einen Blick in die faszinierende Welt von Open Source zu werfen. Wir vermitteln eine Übersicht und werden in den kommenden Wochen auf einzelne Produkte und Lösungen vertieft eingehen.

Bei Open Source denken viele User an engagierte Amateure, Nerds und knuddlige Pinguine. Dieses Image entspricht schon seit Jahren nicht mehr der Realität. Open Source bedeutet lediglich, dass der Software-Code unter international definierten Lizenzbedingungen frei verfügbar ist und weiter entwickelt werden kann.  Grosse Namen in diesen Projekten sind längst Unternehmen wie SUN Microsystems, IBM, Novell, Microsoft und viele neue Player im globalisierten IT-Markt.

Open Source Software wird zunehmend in sehr grossen Unternehmen, in der öffentlichen Verwaltung und der Industrie eingesetzt. Der Trend zu Open Source hat weltweit neue Geschäftsmodelle und Unternehmen geschaffen. Lukrativ sind Dienstleistungen im Umfeld von freier Software und freien Betriebssystemen. Gibt man den Code frei, kann man ein gutes Produkt sehr viel rascher auf dem Markt etablieren und weiterentwicklen als mit konventionellem Marketing.

Doch was bedeutet dies für Fotograf/innen? Die Wahl einer Software ist stets ein Risiko. Wer sich vor Jahren auf Mac und Adobe festgelegt hat, bezahlt fortlaufend für Upgrades und neuere leistungsfähige Hardware. Die bedeutendste  Investition bleibt die persönliche Erfahrung im Umgang mit der Arbeitsumgebung. Es ist  das langfristiges Comittment, das sich in der täglichen Arbeit bezahlt macht.

Wer neu einsteigt oder – wie in unserem Beispiel – wenig Lust hat, eine in die Jahre gekommene XP-Umgebung mit veralteter Software auf der gleichen Basis aufzudatieren, hat mit Open Source attraktive Alternativen. Die Umstellung kann in kleinen Schritten erfolgen, denn die meisten Produkte sind auf XP oder den neueren Versionen von Mac OS lauffähig, können problemos installiert, getest und deinstalliert werden.

Im Mittelpunkt des Interesses der Fotograf/innen steht GIMP, ein Bildbearbeitungsprogramm, das als Alternative zu Photoshop aufgebaut wurde und rasch weiter entwickelt wird. Inzwischen kann man über Zusätze selbst die Benutzeroberfläche von Photoshop simulieren. Ironie:  Die Benutzeroberfläche und Menuhierarchie war und ist die schwächste Seite des Marktführers. Die Entwickler von GIMP haben fast alles neu und modular aufgebaut und sich fantastische Dinge ausgedacht. So kann man GIMP ab USB-Stick auf irgend einem Computer einsetzen.

Doch was bietet GIMP? Mit der Version 2.6 werden etwa 80 Prozent der Basisfunktionen von Photoshop abgedeckt. Wir werden im Buchtipp zum Wochenende vertieft darauf eingehen. Um Vorurteile abzubauen: Wie bei Photoshop werden über die Community unzählige Scripts und Tools zur Verfügung gestellt. Mit Mausklick kann man sie direkt ab Internet installieren.

GIMP lässt sich mit Photoshop nicht direkt vergleichen. Die Entwicklung ist in ein anderes Konzept eingebettet als bei Adobe. Bildverarbeitung, Layout/Druck und Webpublishing sind in Open Source eigenständige Module, die sich nicht mit irgendwelchen Zusatzfunktionen überlappen sondern sinnvoll ergänzen.

Adobe hat im Laufe von vielen Jahren immer mehr Layoutfunktionen in Photoshop integriert, bei GIMP führt der Schritt zum Publishing zu  Scribus.   Scribus ist mit InDesign nicht vergleichbar. Das Programm ist sehr puritanisch. Wer jedoch mit Quark gearbeitet hat, findet sich beim kleineren Bruder rasch zurecht. Vieles wurde 1:1 kopiert, doch völlig neu geschrieben und abgespeckt. Wie GIMP ist Scribus modular aufgebaut und durch reichlich verfügbare Scripts und Tools erweiterbar. Man kann perfekte Profile für den Druck erstellen, und mit den Entwicklern (meist an Hochschulen) direkt Kontakt aufnehmen.

Sowohl GIMP wie Scribus führten in der Praxis während einem Monat unter XP zu keinem einzigen Absturz. Auch das Arbeiten mit GhostScript (lizenzfreies PostSript) erwies sich als unproblematisch.

Das Arbeiten mit Open Source bedingt ein Umdenken. Man ist nicht Kunde, der bezahlt, sondern Mitglied einer Community, in die man seine Erfahrung einbringt. Der Vorteil: Bei einem sehr spezifischen Problem landet man nicht in der Schlaufe eines Call-Center. Man korrespondiert direkt mit Steve in Miami, der den entsprechendenden Bereich bearbeitet. Wenn man eine intelligente Frage stellt, bekommt man auch eine kompetente Antwort. Vorsicht geboten ist bei der Suche nach Lösungen in Foren, da man oft auf Postings zu Problemen stösst, die in einer aktuellen Version der Software längst beseitigt sind. Doch Open Source Produkte kann man ohne Vertrag und Lizenzschlüssel jederzeit online aufdatieren.

Wer als Fotograf/in nicht auf Flickr oder MySpace publiziert und eine eigene Website aufbaut, findet in der Open Source Szene technologisch führende und benutzerfreundliche Lösungen. Seit einigen Monaten gibt es kaum mehr kommerzielle Alternativen, da die meisten Provider Open Source Lösungen in ihre Angebot integriert haben.

Favorit ist eindeutig Joomla! Kenner setzen auf Drupal und Experten auf Typo. Doch die meisten Websites werden zur Zeit über die Blog-Software WordPress aufgeschaltet (auch fotointern.ch ist auf WordPress aufgebaut). Über die beste Basis kann man nächtelang diskutieren, doch letztlich entscheidet die persönliche Erfahrung mit einem dieser Produkte.

Alle Entwicklungen basieren auf den gleichen Ursprüngen und dem gleichen Konzept. Über eine php-Script werden ein Style-Sheet und eine Datei mit HTML-Befehlen mit einer MySQL Datenbank zusammmengeführt und an den Browser übermittelt. Zu jedem Programm gibt es eine unüberschaubare Zahl von küchenfertigen Templates, die teils frei verfügbar, teils gegen Beträge von bis zu 50 Dollar per Mausklick eingefügt werden können. WordPress wie Joomla! erlauben ohne Verlust des Inhalts und der Konfiguration zwischen Templates zu wechseln. So kann man den Look der Website innerhalb von Sekunden verändern (wird von uns ausdrücklich nicht empfohlen).

Wenn man keine hohen Ansprüche hat, kann man Aufbau und Steuerung der Website ohne HTML- und CSS-Kenntnisse über Menus vornehmen. Die meisten Provider, wie in unserem Fall Metanet, bieten eine automatische Installation an, mit der man die gewünschte Software wählen und auch wieder deinstallieren kann.

Wer off-line Erfahrungen sammeln will, findet mit XAMPP eine grossartige  Testumgebung vor. Weitgehend automatisch kann auf einem lokalen Computer, selbst auf einem Netbook in einem abgeschirmten Verzeichnis ein Webserver mit Datenbank aufgebaut werden, in dem sich Joomla! wie WordPress problemlos installieren lassen. Doch Vorsicht: Wegen der Dateistruktur und den Zugriffsrechten lässt sich eine „hausgemachte“ Site nicht so einfach auf den Server eines Providers exportieren. Die auf Apache, dem weltweit meist verwendeten Webserver basierte Site ist ideal zum Durchspielen von HTML- und CSS Tutorials.

Für alle oben erwähnten Produkte stehen Ergänzungen und Plug-Ins für Bildgalereien zur Verfügung. Doch nicht jedes Produkt ist wirklich brauchbar. Bevor man seinen gesamten Bilbestand auflädt, soll man die Funktionen gründlich testen. Bei Typo 4.x und in beschränktem Umfang bei WordPress sind Funktionen zur Skalierung der Bilder bereits eingebaut. Kritisch ist die Anbindung an die Datenbank und die Gretchenfrage, ob ein Basisbild nach der Überarbeitung automatisch auf der Site aktualisiert wird.

Wer jemals programmiert hatte oder Lust aufs Programmieren hat, stand bis vor wenigen Monaten vor einem oft unüberwindlichen Problem. Wirklich gute Entwicklungsumgebungen, wie Websphere oder Web Expression konnte man für ein bis drei Monate gratis austesten, doch dann wurden sie unerschwinglich teuer. Zudem waren sie historisch herangewachsen, enthielten viel Balast und liessen sich kaum erweitern. DreamWeaver war und ist nicht zu verachten, doch bietet der Liebling der Mac-Entwickler niemals die Möglichkeiten einer wirklich professionellen Umgebung.

Die Open Source Szene ging ihren eigenen Weg und entwickelte modular ECLIPSE auf der Basis eines Codes, der bereits 2001 von IBM freigegeben werden konnte. Ein Kind aus dieser Entwicklungsreihe und aktuellester Tipp  ist Aptana Studio. Die freie Verfügbarkeit eines Top-Produkts macht Lust auf mehr. Aptana ermöglicht den Zugang zu Konzepten und Sprachen wie Ruby on Rails. Doch damit verlässt man endgültig die Welt von Convenience Food und taucht in die Haute Cuisine ein.

Dieser Beitrag vermittelt erst eine Übersicht über Open Source Produkte, die für Fotografen von Interesse sind. Über Google findet man rach weitere Informationen und Kontakte zu den Szenen in der Schweiz. Wir freuen uns  auf Ihre kritischen Kommentare und Anregungen auf fotointern.ch.

5 Kommentare zu “Open Source für Fotografen/innen”

  1. Die aktuelle Version von Gimp kann keine RAW Bilder verarbeiten. Alles muss zuerst in 8bit RGB umgewandelt werden. Will man dann die Schatten aufhellen oder das Licht ein bisschen veraendern, sieht das Bild gleich sehr schlecht aus!

    In einer Umfrage von Novell wurde Photoshop zum meistvermissten Programm von Linux-Anwendern gewaehlt. Das war kein Kompliment fuer Gimp…

  2. Um Ihren Kommentar ausführlich zu diskutieren, müsste man sehr, sehr tief in die Problematik eingehen. Ein durchgehendes Farbmanagement vom Prozessor der Kamera (auch RAW ist ja bereits kameraintern vorbearbeitet) bis zum Print kann nach meinem Wissensstand nur im Reprobereich mit sehr aufwenigen Systemen durchgezogen werden. Doch wer braucht dies? Letztlich ist die Wahrnehmung von Farben subjektiv und bei der Publikation auf dem Internet wie im Print stets ein Kompromiss. In den meisten Fällen dürfte GIMP hierzu genügen, denn die Prozesskette von ADOBE beherrscht nur jemand, der seit Jahren im Publishing arbeitet. Ein aufschlussreicher Beitrag:
    http://docs.gimp.org/de/gimp-imaging-color-management.html
    In den vergangenen Jahre habe ich viele Fotobände gesehen und auch mit Originalen vergleichen können. Letztlich entscheidet nicht das Tool, sondern der handwerkliche Aufwand über die Qualität.

  3. Vielen Dank Tommy, habe mir Ihre Site angeschaut und werde es meinen Kollegen weitergeben. Wir sind selbst auf der Suche nach einer Gallerielösung für Fotointern.

  4. Als Galerielösung für WordPress kann ich das Plugin NextGen Gallery (http://wordpress.org/extend/plugins/search.php?q=nextgen) sehr empfehlen. Vieles an dem Artikel finde ich gut, allerdings sehr schade dass der liebe Autor hier immer wieder seine Antiphatie zu Apple und den bösen bösen Halunken von Adobe preisgibt. Finde ich nicht unbedingt der richtige Platz in so einer Top-Story. Ansonsten, abgesehen von dem Missverständnis bei Typo3 (welches auch in Version 4 immer noch Typo3 heisst), bin ich mit dem meisten einverstanden und muss mir Gimp unbedingt mal genauer anschauen.
    Freundliche Grüsse von einem ‚eingefleischten Mac-User‘ 🙂
    Claudio

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