David Meili, 17. Mai 2009, 09:46 Uhr

Krise mit Chancen? Teenies als Zielmarkt, und eine neue Miss

Pressespiegel zum Wochenende vom 16./17 Mai 2009
Wie zu erwarten, kündigt nun auch der Tages-Anzeiger massive Entlassungen an. Dass damit der Bund als Kopfblatt „gerettet“ werden kann, wird als „good news“ den „bad news“ vorangestellt. Der Tages-Anzeiger selbst äussert sich zum Aderlass sehr zurückhaltend. Mitarbeiter informieren sich mehrheitlich über den Klein Report oder die Medienseite von sonntag.ch, – oder zeigen ihre Frustrationen anonym in Blogs.

René Worni listet in sonntag (Seite 49) gegen 350 Jobs auf, und hat damit nicht einmal die vor- und nachgelagerten Stellen bei Werbevermarktern und Zulieferern in seine Statistik mitaufgenommen. Letztlich trift die Wirtschaftskrise die Presse im gleichen Ausmass wie die Automobilindustrie. Glücklich, wer sein Salär und seine Sozialleistungen von der SRG bezieht. Sie wird aus Zwangsabgaben finanziert.

Welche Konsequenzen der neu gestaltete Werbeteppich der TA-Media vom Zürich- bis zum Genfersee für die Pressefotografie hat, bleibt offen. Möglicherweise finden sich auf der Shortlist der Entlassenen und Frühpensionierten auch Fotografinnen und Fotografen. Schon seit Jahren wird immer mehr auf Bilder von Agenturen gesetzt.

090514_bersetBei einem Anlass mit Ständeratspräsident Alain Berset in dieser Woche im St. Galler Rheintal haben die Tagesmedien ihre Bilder über Keystone bezogen. Immerhin fotografierten die polyvalenten Journalisten der Lokalpresse eifrig, und der schlauste und erfahrendste Fuchs schnappte sich das Porträt von Berset beim Einstieg in den Heli.

Trotz massivem Abbau in den Regionalredaktionen im Kanton Zürich möchte der Tages-Anzeiger die Präsenz in den grösseren Städten der Agglomeration nicht aufgeben. Offensichtlich hat man erkannt, dass nur durch ein Beziehungsnetz vor Ort Primeurs gewährleistet sind. Dies geht aus dem etwas diffusen Interview von Edgar Schuler mit seinem designierten Chefredaktor Markus Eisenhut hervor (TA, 16. Mai, Seite 17). Da gute Bilder immer mehr gefragt sind, öffnen sich möglicherweise neue Chancen für freiberufliche Reporter. Vielleicht gilt auch hier die alte Weisheit „all business is local„.

Dabei darf man nicht vergessen, dass TA-Media in den vergangenen Jahren sehr erfolgreiche Medienprodukte aufgebaut hat. 20 Minuten ist heute für viele Leser/innen die Erstzeitung und wird täglich besser. Massiv investiert wurde und wird immer noch in die Internet-Präsenz, an die sich weitere Dienstleistungen und Geschäftsmodelle anschliessen. Ex-Chefredaktor Peter Studer und befreundet mit zukünftigen Frühpensionierten vom Tages-Anzeiger analysiert die Situation der TA-Media heute in Sonntag auf Seite 13 glasklar.

Auch positiv entwickelt hat sich das Lifestyle- und Veranstaltungsmagazin von 20 Minuten, friday. Es spricht kompromisslos eine Zielgruppe zwischen Teenies und Mittzwanzigern, und vor allem junge Frauen an. In der Agglomeration war es am Freitagabend oft kaum möglich, eine Nummer zu ergattern, da die Auflage noch zu klein war.

Der redaktionelle Aufwand ist nicht zu unterschätzen. Die anspruchsvollen Werbekunden aus Kosmetik und Mode erwarten einen hohen Qualitätsstandard. Und soll man sich über Geschmack streiten? Der Beitrag von Martina Loepfe mit Bildern von Anja Frers über junge Mode ist gut gemacht.

Die Elterngeneration weiss nun, weshalb ihren Töchtern das Taschengeld nie reicht. Wenn man denkt, dass dieses Zeugs aus den Altkleider-Containern von Caritas gefischt wurde, irrt man sich gewaltig. Es ist saumässig teuer, und wird an der Bahnhofstrasse in Boutiquen mit einem der höchsten Quadratmetermietzinse der Welt verkauft.

Übrigens entspricht auch das noch junge Layout von friday nicht mehr der aktuellen Mode. Tüpflispalten und Marker sind uncool. Auf Seite 39 beschreibt Chris Corner (35) den Modeschöpfer Karl Lagerfeld als „alt und trotzdem sehr cool“. Doch auch „cool“ ist nur noch im Wortschatz der Mittdreissiger.

Die Zusammenarbeit von 20 Minuten mit tillate.com beweist, dass neue Medien schrittweise die traditionellen Strukturen grundlegend verändern. In der aktuellen Ausgabe von friday findet sich der Hinweis auf tillate.com bereits auf der Home-, sorry gedruckten Frontpage. Die von tillate.com betreute Rubrik nightlife bringt ausgewählte Member im Bild. Auch nicht so schöne Mädchen haben die Chance, in ihrer Erstzeitung abgedruckt zu werden. Fotografin Michèle empfielt die Vanity-Party im Kaufleuten, und in der VIP-Zone sucht Payman Amin ein Model für Feldpausch. Die meisten Inhalte sind werbe- oder (mit viel redaktionellem Aufwand) lesergeneriert.

090517_michelle_morand090517_alexandraAuch wenn man nicht soo schön ist, hat man immerhin Chance, Miss Zürich zu werden. Michelle Morand heisst die neue Miss Zürich. Ihre Vorgängerin Alexandra Feybli ist eindeutig viel schöner als sie, hat jedoch ihr Amt nicht so ernst genommen, wie von der Organisation erwartet.

Ins Bild gesetzt werden unsere lokalen Missen von Pixstudios in Oerlikon und Oli Rust als Fotograf. Bei Pixstudios kann man sich als Model auch selbst in Szene setzen. Auf dem Maraton durch die Kunstvernissagen der vergangenen Tage kamen wir mit einer fotobegeisterten Jung-Bankerin ins Gespräch. Sie liess sich von Oli Rust im Auftrag fotografieren, und ist vom Erlebnis und Ergebnis begeistert. Model kann und will sie nicht sein, doch sie wollte einmal die andere Seite kennenlernen. Rust konnte im Shooting ihr Selbstbewusstsein stärken und Bilder hervorbringen, an denen sie sich täglich freut.

(Bildnachweis: Oli Rust)

3 Kommentare zu “Krise mit Chancen? Teenies als Zielmarkt, und eine neue Miss”

  1. Miss Zürich ist für die Sponsoren dieses Jahr die absolute Katastrophe. Ein Tag vor dem Finale zum ersten mal in den Medien. Vorher kaum was ausser auf Tele Züri.
    Medien werden bei der Akkreditierung geschnitten mit dem Spruch Tilllate sei exklusive und man müsse Bilder vo da nehmen.. Also berichteten wir nicht darüber.
    Schade für den Missen und Mister Zirkus wenn die Veranstalter immer unprofessioneller werden.
    Beni

  2. Die ganze Miss Zürich Geschichte macht mir stark den Eindruck die reinste PR Orgie für Oli Rust gewesen zu sein. Grosses Kompliment an Oli Rust und grosses Pfui an die Veranstalter…

  3. Der ganze Job Abbau in der Meidenlandschaft ist beängsitgend, da gerade guter Journalismus auch gut recherchiert sein sollte, und dies mit immer weniger Redaktoren ein immer schwierigeres Unterfangen wird.

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