David Meili, 26. Juli 2009, 09:30 Uhr

Aargauerin auf dem Autofriedhof, Sexheftli und wie weiter mit RonOrp?

Pressespiegel zum Wochenende vom 25./26. Juli 2009
090726_guerbetal„Ich kenne keine hübsche Aargauerin“, soll Roman Kilchsberger gesagt haben und Blick stellt ihn mit einem Porträt von Sandra Müller als Money-Girl zur Rede.  Sandra versucht die Leser mit einem doch etwas ungewöhnlichen Bild auf ihre Seite zu bringen. Der Autofriedhof im Gürbetal, umstrittenes Kulturgut, dient als Staffage. 

Wir können hier nur ein hausgemachtes Bild vom Autofriedhof und auch kein Porträt von Roman Kilchsberger wiedergeben. Das bizarre Ganzbild der Aargauerin vor verrotteten Autos ist über Nacht von Blick Online und vom Internet wie durch Zauberhand verschwunden. Für die Lizenz bei tilllate.com des Porträts von Roman Kilchsberger vor seinem Computer (Aufnahme Dominik Moser) reicht unser Redaktionsbudget nicht aus. Übrigens ist auch der Aargau entlang der N1 ein Mekka für Shootings auf Autoabbrüchen.

Sexheftli spüren die Krise. Marktführend in der Deutschschweiz dürften vier Erotik-Magazine sein, wie die branchenübliche Bezeichnung lautet. Seit dreissig Jahren etabliert ist SAZ, das sich primär durch Inserate von Salons und Etablissmements finanziert, dann  folgt die direkte Konkurrentin OKAY mit zwei weiteren Mitbewerbern. Weit mehr Leser haben Internet-Portale, wie SexABC.

Wenig beachtet von der „seriösen“ Presse ist auch das Rotlicht von der Krise betroffen und hat Mitarbeiter/innen freigestellt. Nicht wenige Fotografen verdienten in diesen Kreisen, zumeist unter anderem Namen, ein Zubrot. Recherchen am Point of Sale, zum Beispiel einem der wenigen privat geführten Kioske in Zürich Nord zeigen, dass der Niedergang auch andere Gründe als Verlagerung auf das Internet hat. Liegen die Heftchen am Kiosk zur Selbstbedienung auf, kommen „Frauen mit langen Faltenjuppen“ mit Kindern vorbei, gehen danach zum Polizeiposten und melden, dass ihre Kinder unzüchtige Bilder anschauen mussten. Die Ortspolizei kommt vorbei, sieht sekundäre Geschlechtsmerkmale, halb durch eine Motorradzeitschrift verdeckt und nimmt pro Forma einen Rapport auf. Wird die Übung mehrfach durchgezogen, so landen alle einschlägigen Heftli, inklusive der freizügigen Motorradzeitungen unter der Theke.  Zu Anzeigen kommt es nie.

Die unterschwellige Zensur wirkt sich massiv auf den Auflagenschwund und den Direktverkauf aus. Selbst Playboy und fitnessorientierte Männermagazine sind kaum mehr in der Auslage zu finden. Ein Teil der Kunden wandert in Tankstellenshops ab, wo sie die margenstarken Produkte wie Zigaretten und Softdrinks kaufen.

Auch Online-Dienste, wie der Stadtzürcher Newsletter RonOrp dürfte sich an bessere Zeiten erinnern. RonOrp ist aus der Zürcher Partyszene entstanden und gewann rasch eine Gemeinde, die direkt über Inside Places informiert werden und darüber auch mitdiskutieren wollte. Begeisterte Abonnent/innen waren Neuzüricher, die sich rasch in die lokale Szene einleben konnten.

Doch RonOrp dürfte ein Opfer seines eigenen Erfolges und des sich verändernden Zeitgeists geworden sein. Nach der Expansion in andere Städte und selbst ins Ausland erfolgte in diesem Monat ein Redesign, das mit dem Pioniergeist endgültig bricht. Über Geschmack kann man sich streiten, doch die imitierte Schreibmaschinenschrift ist eher ein Rückschritt. Durch eine hakelige Anmeldung sind spontane Kommentare erschwert und vermutlich auch nicht mehr erwünscht. Das Prozedere für ein Login wird damit begründet, dass die von Mitgliedern aufgeladenen „urbanen“ Bilder besser geschützt werden sollen. Doch ob die Welt diese Bilder braucht, stellen wir in Frage.

Die Abonnent/innen der ersten Jahre wählen als bevorzugtes Kommunikationsmittel bereits seit längerer Zeit Facebook und lassen RonOrp links liegen. Haben Online-Citymagazine, auch wenn sie mit viel Herzblut gemacht werden, eine noch kürzere Halbwertszeit als die gedruckten Vorläufer?

Noch am Donnerstag war unklar, ob der Blick das tragische Unglück der „Ferienkinder“ in Nidwalden weiterführen würde. Die Publikation des „Briefes“ der Mutter des kleinen Nils hat redaktionsintern offensichtlich zu Kontroversen geführt. Wie das Thema durchgezogen wurde, entspricht nicht der Ethik einer geläuterten Boulevardzeitung. Da werden Fotos exklusiv beschafft, hilflose Eltern und Nachbarn ausgequetscht, und die Berichterstattung folgt einem vorgegebenen Plot.

Für den SonntagsBlick hat Beat Kraushaar aus der alten Garde versucht, das arg schlingernde Schiff wieder auf Kurs zu bringen. Er dreht die tragische Geschichte zurück und versucht sie auf ein neues Gleis zu bringen.

Und dann entdeckt man im SonntagsBlick doch noch gute Bilder. Karl-Heinz Hug zeigt Toni Brunner mit drei (!) Haustieren. Etwas weniger Weitwinkel wäre besser gewesen, doch dann wäre Kater Rosso vielleicht schon wieder entwischt.

Nun sind wir in der Babypause. Die Zwillinge von Mirka und Roger Federer werden vorerst mit Montagebildern und bereits mit Product Placement vermarktet (SonntagsBlick, Seite 2). Zum Ende der Ferien dürfte die Schweizer Illustrierte mit einer Sondernummer aufwarten.

Die SonntagsZeitung zeigt auf, wie breit das Spektrum für Fotografien in der Sonntagspresse sein kann. Da überall gespart wird, hat Helen Sobik die Fotos für ihren Beitrag über Santorini (könnte aus einem Reiseprospekt stammen) gleich selbst aufgenommen. Ein mehr als mittelmässiges Bild kommt nahezu seitenfüllend auf Seite 61 zur Geltung. Dass es auch anders geht, zeigt der Schwerpunktbeitrag im Bund Mutimedia. Lea Meienberg bereichtert einen Beitrag von Barnaby Skinner über Schallplattenhändler mit zwei einfühlsamen Porträts. Gerne möchte man mehr davon sehen.

Vielleicht ist Fotografie doch mehr als nur Knipsen, – selbst für die Sonntagspresse.

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