David Meili, 29. November 2009, 10:33 Uhr

Politik ohne Bilder, Tierisches und getigerte Missen

Pressespiegel zum Wochenende vom 28./29. November 2009
091129_BietenhardEines der  wesentlichsten politischen Ereignisse dieser Woche kennt keine Bilder. Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf trennt sich nach nur zwei Jahren von ihrer Generalsekretärin Sonja Bietenhard, die schon kurz nach der Wahl von Widmer-Schlumpf sozusagen putschartig an den Schreibtisch ihres verdienten Vorgängers Walter Eberle gesetzt wurde.
(Bildnachweis:  EJPD)

Um das staubtrocken von Eveline Widmer-Schlumpf geleitete EJPD machen auch bestandene Bundeshausjournalisten einen grossen Bogen. Es besteht keine Chance für einen Einblick in die Arbeitswelt oder gar eine Homestory, weder bei der Chefin noch bei den führenden Mitarbeiter/innen. So bleibt von Sonja Bietenhard bis zum Monatsende (30.11.2009, 24.00 Uhr) noch das Passbild auf der offizellen Website.

Über den Kinderarzt Beat Richner erfährt man viel in einem Interview von Pascal Meier in sonntag.ch. Meier hat in einem Kinderspital in Kambodscha selbst  fotografiert, und nicht einmal schlecht. Nur musste man Richner und seine Patientin für das Layout der Frontpage „Menschen und Meinungen“ arg beschneiden. Schade, dass man nicht den Mut hatte, dem sehr guten Beitrag vielleicht sogar einen eigenen Bund zu widmen, sozusagen als Weihnachtsgeschenk an die Leser/innen und die Kinder in Kambodscha?

Die Medienwoche stand, was das Inland betrifft im Zeichen der geschundenen Kreatur. So konnte der Berner Tierpark Direktor Bernd Schildger seine Leidenschaft für Auftritte vor der Kamera bis zum Exzess ausleben.

Natürlich interessierten sich die Medienvertreter nahezu ausschliesslich für den knuddeligen Bären Finn, der sich besser ins Bild bringen lässt, als der tragische Unfall eines geistig Behinderten mit fatalen Folgen. Man kann es auch direkter ausdrücken: Geistig Behinderte sind für People Seiten und Boulevard unsexy. Selbst die NZZ am Sonntag macht mit, mit einem vielleicht zu schnell geschriebenen Beitrag des Vielschreibers Bänz Friedli, illustriert durch ein Archivbild von Reuters.

Allerdings bemüht sich der SonntagsBlick um Wiedergutmachung und gibt Einblick in die Welt von geistig Behinderten, und was eine Fotografie ihnen bedeuten kann. Vielleicht zu spät, denn die Familie des (menschlichen) Opfers  hat von Bärenfreunden bereits Morddrohungen erhalten.

091127_Otter_1Interessante Tierbilder müssen nicht immer  fotografische Meisterleistung sein. Blick bezeichnete den Überraschungsgast in einem Pool am Mont Vully als „Fischotter vom Murtensee„. Das war doch etwas daneben gegriffen, denn das süsse Tierchen entwich aus einer privaten Tierhaltung in der Nachbarschaft. Nun wird der Namenlose im Zoo in La Chaux-de-Fonds mit seinem Weibchen vereint, da der Besitzer keine Gewähr für eine sichere Verwahrung des Pärchens bieten kann. Noch hat man den Otter nicht gefragt, ob er nun Einzel- oder Doppelzelle vorzieht?

091127_Otter_2Für die Aufnahmen der kleinen Tiergeschichte zeichnete als Agentur Keystone, ohne die sonst übliche  Nennung eines Pressefotografen. In einer späteren Version folgten die korrekten Kredits mit „Keystone/Amt für Wald, Wild und Fischerei des Kanton Freiburg“. Zur Dokumentation eines Polizeirapports aus der Hand eines Amtsvertreters sind diese Bilder dann gar nicht so schlecht.

Wir wurden darauf aufmerksam gemacht, dass  zum Beitrag im Playboy über Skihäschen nun ein direkter Link besteht. Zur Vernissage des Skilehrerinnen-Kalenders am 23.  November in Wien bemühte sich selbst Ernst August Prinz  von Hannover auf Einladung seines Freundes, des Fotografen Hubertus von Hohenlohe. Vielleicht kamen wehmütige Erinnerungen an Caroline von Monaco auf, eine hervorragende Skifahrerin, die über Jahre aus ihrem Chalet in Schönried, unweit vom heutigen Zwangswohnsitz von Roman Polanski nicht nur der Dorfjugend den Kopf verdrehte.  Zumindest hat Prinz August für diesmal keinen Pressefotografen verprügelt.

Zu turbulenten Szenen könnte es in Gstaad um das Chalet von Roman Polanski kommen. Bereits an diesem Wochenende sind Pressefotografen im noch verschlafenen Bergdorf präsent. Jean-Christoph Bott hat für Keystone einen urchigen Einwohner vor den Paparazzi  fotografiert (publiziert in sonntag.ch, Seite 7). Weitere Bilder dieser Art werden folgen. Die Gstaader nehmen es gelassen und wurden von den Gemeindebehörden aufgefordert, sich so zu verhalten wie die Appenzeller Bauern im aktuellen Werbespot über die Kräutersulz.

Nun wagt sich selbst der SonntagsBlick mit „erotischer“ Fotografie auf den Markt. Linda Fäh und Christa Rigozzi liessen vier Stunden Bodypainting über sich ergehen und sahen danach aus wie Zebras im Schlafrock. Die Aktion verantwortet Fotosolar/Valentino Produktion. Das Shooting wird Teil der Werbekampagne von Valentino, vermutlich ohne das peinliche Interview mit Fäh.

Unaufhaltsam ist der Aufstieg der Modekritikerin und Handyfotografin Play Hunter. Nachdem sie den Leser/innen von RonOrp über Trends aus aller Welt berichtete und im Zürcher Trendquartier jeder zweite Beau eine Pferdedecke um den Hals trug, ist Play durch einen Beitrag im Blick in die grosse Welt der Printmedien aufgestiegen. Wer inskünftig ihre Modetipps befolgt, muss sich auf der Strasse nicht mehr als Abonnent von RonOrp outen.

091127_MarinaLange hat der Blick daran gearbeitet, um „Heute bin ich ein Star“  von der Dufour- an die Werdstrasse zu bringen. Mit der Unterstufenlehrerin Martina in Bubikon-Wolfhausen  ist die Rechnung aufgegangen. Endlich haben die Kollegen von Tages-Anzeiger/Newsnetz einen Liebesdienst geleistet und sogar einen Ausschnitt des Originalbeitrags als Zitat abgedruckt. Der Zürcher Oberländer/Landzeitung war zu spät am Ball.

Die Bilder von Martina sind sehr viel interessanter, wenn man sie nur vom Hörensagen kennt. Als Ferienerinnerungen vom Strand in Torremolinos würden sie selbst im Gemeindeblatt von Bubikon-Wolfhausen Aufnahme finden. Nur war es für Martina etwas verwegen, im Bible Belt des Zürcher Oberlandes ohne Kopftuch an der Kasse im Landi  aufzuliegen.

Was könnte ein Lausbub machen, wenn das herzige Fräulein Lehrerin am Montag wieder vor die Klasse tritt und die Mädchen kichern? Da kommen Jugenderinnerungen auf: Das Bildli im Knaben-WC aufhängen, bis der Abwart es entdeckt und seine Stimme durch das Treppenhaus ins Klassenzimmer dringt: „Ihr Söibuebe“.

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