Urs Tillmanns, 7. Dezember 2009, 11:00 Uhr

Kameras für Blinde: Zwei Konzeptstudien

Haben Sie sich einmal überlegt, wie eine Kamera konstruiert sein müsste, damit sie von Menschen mit starker Sehschwäche genutzt werden kann? Wer meint, Blinde würden nicht fotografieren, der täuscht sich. Fotointern zeigt zwei unterschiedliche Designstudien, welche sich dieser Problematik annehmen.

Das Design der Kamera von Nadeem Haidary sieht jenem einer herkömmlichen Bridgekamera ähnlich: ein klar erkennbares Objektiv auf einem Gehäuse in klassischer Würfelform. Und doch ist dieser Prototyp eben kein typischer Lichtfänger. Bei der Gestaltung der Bedienelemente wurde besonders darauf geachtet, dass man diese Kamera im wortwörtlichen Sinne «blindlings» bedienen kann. Man findet auch beim genauen Hinschauen (bzw. Abtasten) gerade mal einen einzigen Knopf am Gehäuse. Wird dieser Knopf betätigt, nimmt die Kamera als erstes ein Foto auf. In einem zweiten Schritt zeichnet das Gerät eine Tonspur auf. Diese soll bei der «Betrachtung» der Fotos helfen, die Bilder zu identifizieren. So kann der blinde Fotograf einer sehenden Person die Fotos seiner letzten Ferien zeigen und erklären, ohne die Bilder dazu selbst sehen zu müssen.

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Das Designkonzept besticht durch seine Schlichtheit, welche eine nonvisuelle Bedienung ermöglichen soll.

Designer Nadeem Haidary denkt bei der Aufnahme aber auch an die Ausgabe der gemachten Bilder. So sollte die Kamera in der Lage sein, die Bilder zu vektorisieren und anschliessend an ein Ausgabegerät zu übermitteln, welches die Formen von fotografierten Gegenständen mittels Laserkonturschnitt dreidimensional reproduzieren kann. Das auf diesem Wege erstellte «Bild» kann von nicht sehenden Menschen sehr gut erfühlt werden.

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Links: Tests mit stark sehbehinderten Probanden zeigten, dass lasergeschnittene Formen besser erkennbar sind als Bilder in Reliefform. Rechts: Zur visuellen Betrachtung der Fotos auf der Kamera wird diese vertikal gehalten. Zu jedem sichtbaren Bild gehört auch ein akustisches Merkmal.

Weiter waren bei der Formgebung der Kamera die Grösse, Haptik sowie die Interaktionsmethoden wichtig: Zum einen sollte die Kamera nicht klobig gross daherkommen, zum anderen mussten die einzelnen Elemente so gestaltet werden, dass man sie auch nonvisual klar erkennen kann. Der Ring ums Objektiv ist drehbar und funktioniert sowohl als Hauptschalter des Gerätes als auch zum Verstellen der verschiedenen Kameramodi. Der Objektivtubus selbst funktioniert wie ein klassisches Schiebezoom.

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Drei Bedienelemente: Auslöser, Schiebezoom und Objektiv-Drehring. Links die Rückenansicht der Blindenkamera.

Braille-Display zeigt Fotos

Bereits vor über einem Jahr zeigte das Team um Kameradesigner Chueh Lee von Samsung China  eine Fotokamera für Blinde, welche mit einem dreidimensionalen Braille-Display ausgestattet ist. Auch hier handelt es sich leider erst um eine Designstudie, welche bisher nicht in Serie gebaut wurde. Auch Lee setzte sich für seine Arbeit intensiv mit blinden Menschen und deren Bedürfnissen auseinander. Beim Besuch eines Fotokurses am Blindencenter «Beit Ha’iver» in Herzliya, Israel, fiel dem Designer auf, dass der Kursleiter die Teilnehmer motivierte, die Kamera zum fotografieren an die Stirn zu drücken. So funktioniere die Kamera als sehendes «drittes Auge» und kann gleichzeitug sehr gut stabilisiert werden. Aus dieser Beobachtung und vielen Gesprächen heraus entstand eine Kamera mit dem Konzeptnamen «Touch Sight».

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Wird die Kamera des Designerteams um Chueh Lee an die Stirn gehalten, wirkt sie als «drittes Auge».

Die Touch Sight wird zum fotografieren an die Stirn gehalten. Auch bei dieser Kamera wird nach der eigentlichen Bildaufnahme eine dreisekündige Tonsequenz aufgezeichnet, welche neben den situationsbedingten Geräuschen auch für akustische Notizen genutzt werden kann.

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Nach der Foto-Aufnahme folgt eine dreisekündige Tonaufnahme zur besseren Bilderkennung bei der Betrachtung.

Anstelle des bei Digicams üblichen LCD verfügt die Touch Sight über ein spezielles Braille-Display. Mit dessen Hilfe können die Fotos später erfühlt und so von nicht sehenden Menschen «betrachtet» werden. Zusätzlich wird die dazugehörende Tonsequenz abgespielt, was die Erinnerung an die fotografierte Szene weiter unterstützt.

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Anstelle des üblichen LCD verfügt die «Touch Sight» über ein Braille-Display welches das Foto als Relief wiedergibt und es so nonvisuell sichtbar macht.

Dass die Designstudie des Samsung-Teams nicht nur praktisch sondern auch noch formschön ist, wurde ihr 2008 auch durch die Verleihung des IDSA-Awards bestätigt. Bleibt zu hoffen, dass es eines dieser Konzepte von der Designstudie zur Serienreife schafft und das Festhalten von Situationen so auch jenen Menschen erleichtern kann, welche das Privileg des Sehens selbst nicht (mehr) haben.

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Weitere Infos über die beiden Designstudien Nadeem Haidary und Touch Sight

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