Copyright Henri Leuzinger Urs Tillmanns, 28. März 2010, 07:00 Uhr

Henri Leuzinger: Prag und Südböhmen vor und nach der Wende

Der Fotografie kommt als Medium der zeitgeschichtlichen Dokumentation eine grosse Bedeutung zu. Henri Leuzinger hat in Prag und Südböhmen 1989 und zwanzig Jahre später die gleichen Stadtansichten fotografiert. Interessant, wie es vor und nach der Wende aussah – und wie die Fotografie in der Lage ist, auch minimalste Unterschiede deutlich zu machen.

Das Nationale Museum für Fotografie, Jindřichův Hradec (Neuhaus), Südböhmen (Tschechien) lancierte 2008 den Zyklus «Via Lucis 1989–2009 / tschechische Gesellschaft in der Fotografie», bestehend aus Wettbewerb und Ausstellung. Der Titel wurde durch das Werk «Der Weg des Lichtes» von Jan Amos Komenský (lat. Comenius, 1592–1670), dem bedeutenden böhmischen Theologen, Philosophen, Schriftsteller und Pädagogen inspiriert. Thematisch richtete sich die Ausstellung auf das Bild der tschechischen Gesellschaft während der vergangenen zwanzig Jahre. Sie zeigte sowohl die Aufnahmen bekannter tschechischer professioneller Fotokünstler und Fotokünstlerinnen, wie Jindřich Štreit, Bohdan Holomíček, Karel Cudlín, Jaroslav Kučera, Jiří David, Daniela Dostálková, als auch Fotografinnen und Fotografen, die bisher unbekannt waren.

Im Rahmen dieses Zyklus hatte der Rheinfelder Fotograf, Publizist und Geograf Henri Leuzinger die Gelegenheit, seine Bildserie «Prag und Südböhmen, 1989-2009» auszustellen und stiess dabei auf grosses Interesse bei der einheimischen Bevölkerung. Zu seiner Ausstellung präsentierte der langjährige Südböhmen-Kenner folgende Anmerkungen:

«Die Geschichte der Fotodokumentation begann im Herbst 1989 – noch unter dem alten Regime. Vom 30. September bis 6. Oktober 1989 erlebten wir Prag und Südböhmen zum ersten Mal und zwar auf einer Studienreise mit Schwerpunkt Architektur, Städtebau und Kunstgeschichte. Das reiche Programm brachte die Gruppe zu den wichtigsten Städten in Südböhmen – im Schnellzugstempo. Dennoch entstanden dabei viele Fotos in einem Land, das damals unter politischer Hochspannung stand. In Prag war das Fotografieren auf der Kleinseite praktisch verboten, weil just zu jener Zeit Tausende Deutscher aus der DDR Zuflucht in der Westdeutschen Botschaft gesucht hatten.»

Für das Projekt «Via Lucis» lag es nun nahe, die Orte der ersten Reise von 1989 nochmals aufzusuchen und die Szenen von damals erneut zu fotografieren. Dies ist wirklich gelungen. Eine Reihe von Doppelbildern dokumentiert den Wandel des Landes vom Vorabend der «Samtenen Revolution» – so heisst der Sturz des kommunistischen Regimes der damaligen Tschechoslowakei 1989 – bis zur Gegenwart. Die Unterschiede sind manchmal drastisch, sehr oft aber nur ganz subtil, in kleinen Details sichtbar.

Copyright Henri LeuzingerGrossartige Schlossanlage von Jindrichuv Hradec (Neuhaus), Südböhmen; ursprünglich gotisch, im Lauf der Zeit mehrmals umgebaut

Copyright Henri LeuzingerDie westmährische Kleinstadt Telc hat mit Schloss und dem prächtigen barockisierten Hauptplatz den Status eines UNESCO Weltdenkmals

Copyright Henri LeuzingerDer Wenzelsplatz in Prag mit dem Nationalmuseum war und ist der Brennpunkt der Stadt

Copyright Henri LeuzingerFranz Kafka war 1989 noch verfemt, sein kleines Wanddenkmal kaum beachtet. Immerhin, der Platz „Beim Rathaus“ wurde jüngst in „Franz Kafka Platz“ umbenannt

Copyright Henri LeuzingerDer Verkehrsspiegel am Ausgang einer kleinen Gasse auf der Prager Burg hat die Jahre überdauert, nicht ganz schadlos …

Copyright Henri LeuzingerDas Wirtshaus „U Bonaparta“ an der Nerudova, der Strasse von der Prager Kleinseite hinauf zur Burg, ist immer noch da …

Copyright Henri Leuzinger

Das „Haus zur Schlange“ in der Prager Altstadt steht heute im Strom der Touristen

Die fotografischen Bedingungen auf der Studienreise waren 1989 nicht optimal. Reiseroute und Aufenthaltsdauern waren vorgegeben, die staatlich verordnete Reiseleitung unerbittlich. Als Fotograf hatte Henri Leuzinger keine Chance, auf gutes Licht oder lebendige Szenen zu warten. Es gab nur ein Hier und Jetzt. Nach ein paar Momenten musste die Gruppe gleich wieder in den Bus einsteigen. Dennoch ist erstaunlich, was dabei heraus gekommen ist. Keine grosse Kunst, aber atmosphärische Dokumente sind damals gelungen. Sie bekommen als «Doppelporträts 1898 und 2009» im Vergleich zur Situation von heute einen zusätzlichen Wert.

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