Urs Tillmanns, 29. Mai 2010, 09:00 Uhr

Buch der Woche: Nick Veasey, X-RAY. Die Schönheit des Verborgenen

Der Fotograf ist so ungewöhnlich wie sein Buch: Nick Veasey fotografiert nicht mit einer gewöhnlichen Kamera, sondern mit einer sechzig Jahre alten russischen Strahlenkanone. Er geht damit den Dingen auf den Grund und durchleuchtet alles, was ihn interessiert: Blumen, Sportgeräte, Autos, Menschen, Bagger – bis hin zu einer Boeing 777!

Röntgentechnik kreativ einsetzen – damit ist der Engländer Nick Veasey wohl auf weiter Flur alleine. Sein «Fotostudio» ist eine ausgemusterte Militäranlage in der Umgebung von London, die völlig mit Blei ausgekleidet ist. Seine wichtigste Arbeitskleidung: Unterhosen aus Blei. Obgleich er schon zweimal verstrahlt wurde, weiss er,  wie er mit den gefährlichen Röntgenstrahlen umzugehen hat, und er wendet viele Tricks an, die den Bildern einen unmöglichen Eindruck vermitteln. Er erstetzt Menschen durch Skelette und stitcht bei grossen Objekten eine Vielzahl von Röntgenbilder im Computer zusammen.

Veasey’s Röntgenbilder strahlen eine ganz besondere Faszination aus. Es sind nicht einfach Details, wie sie zum Beispiel der Mediziner für seine Diagnostik braucht, sondern es erscheinen – abhängig von der Dicke des Objektes und der Strahlerndosierung – zarteste Strukturen und Details, die man in den undurchsuichtigen Material nicht einmal erahnen würde. Veasey bringt uns eine Welt näher, die uns sonst verborgen bliebe.

Mit der Wahl seiner Objekte deckt Veasey ein breites Spektrum ab, das von zarten Blüten und Pflanzen über Alltagsgegenstände wie Schuhe, Kleidungsstücke oder Spielsachen, bis hin zu Menschen bei ihren Alltagstätigkeiten, Grossobjekten, wie Autos, Bagger oder ein 60 Meter breiter Passagierjet reicht. Seiner persönlichen Neugierde folgend wählt er aus, was ihn interessiert und versteht es mit technischem Feingefühl seine Röntgenanlage so zu dosieren, dass uns feinste Details das Innenleben dieser Banalitäten zeigen.

Man kann sich an den Bildern kaum sattsehen, und wenn man mehr über die Motive und die angewandte Technik wissen will, geizt Veasey nicht mit seinen Erklärungen: Im Anhnag des Buches wird jede Aufnahme kurz beschrieben, und es wird geschildert, wie die Bilder entstanden sind.

Über die Beziehung zu seiner Arbeit äussert sich Nick Veasey wie folgt: «Wie bei vielen anderen kreativen Menschen kreisen meine Gedanken immer wieder um meine Arbeit, auch wenn ich nicht arbeite. Ich träume häufig vom Röntgen, und häufig sind meine Traumbilder Röntgenaufnahmen. Ich habe eine scheusslich obsessive Phase hinter mir, die alle Künstler durchmachen, und im Rückblick missfällt mir, wie meine Arbeit in dieser Phase der Besessenheit meine Persönlichkeit verändeet hatte, mich arogant und nach innen gekehrt werden liess. Das Auf und Ab des Schicksals und meine Kinder haben mich wieder zur Vernunft gebracht, und nicht zuletzt ist meine Frau Zoe für mich ein Fels in der Brandung. Glücklicherweise bin ich hoch motiviert und inspiriert vom Alltag und von Künstlern, wie Bridget Riley, Eadweard Muybridge, Doc Edgerton und James Turnell … Ich hoffe, dass die Bilder die Betrachter zum Nachdenken anregen. Es heisst, wahre Schönheit kommt von Innen – hier ist der Beweis …»

«Normalerweise sieht man die Dinge nur von aussen und erkennt nicht, was alles unter der Oberfläche passiert», sagt Nick Veasey. Er ist Fotograf, und er macht Unsichtbares sichtbar. «Die Gesellschaft ist besessen von Oberflächlichkeiten, von Prominenten und teuren Klamotten-Marken. Ich will diese Fassaden runterreissen und ins Innere schauen. Schauen, wie die Dinge wirklich sind.»

Urs Tillmanns

Der Autor

Nick Veasey ist als Fotograf Autodidakt. Seine ungewöhnlichen Röntgenfotografien wurden bereits mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. Seine Fotografien – die in teils mehrmonatiger Arbeit entstehen –, sind gefragte Sammlerstücke, die teils für über 10 000 Euro gehandelt werden.

Zur Arbeitsweise von Nick Veasey gibt es einen aufschlussreichen Kurzfilm auf YouTube:

Das Buch

Das Buch aus der Collection Rolf Heyne umfasst 244 Seiten mit vielen ganz- oder doppelseitigen Abbildungen und erklärendem Text. Fester Einband mit Schutzumschlag.

Es kostet nur CHF 67.90 und kann hier bestellt werden.

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