Urs Tillmanns, 7. November 2010, 07:00 Uhr

Das unmögliche Projekt des Florian Kaps

Anlässlich der Hausmesse der Wahl Trading in Regensdorf trafen wir Dr. Florian Kaps, Begründer und CEO von Impossible, der neuen Herstellerfirma von Sofortbildfilmen nach dem Prinzip von Polaroid. Wir haben die Gelegenheit benutzt, Florian Kaps über die Hintergründe und Ziele des ehrgeizigen Projektes zu befragen.

Florian Kaps, was hat sie dazu bewogen, sich mit Sofortbildfilmen zu befassen und eine ehemalige Filmfabrik von Polaroid in Holland wieder in Gang zu bringen?

Auslöser war die digitale Bedrohung, das heisst der absehbare Erfolg der digitalen Fotografie, welcher die Nachfrage nach analogen Materialien immer stärker schwinden liess. Ich horchte auf, als Polaroid verlauten liess, sie wolle die Produktion von Sofortbildfilmen einstellen. Sofortbild war genau meine Wellenlänge, denn dieses Medium hatte mich schon immer fasziniert, nicht nur weil man ein Bild sofort sieht, sondern weil jedes Bild ein Unikat ist und einen besonderen kreativen Wert darstellt. In der Folge kaufte ich alles Sofortbildmaterial zusammen und wurde zum weltweit wichtigsten Retailer für Polaroidfilme und –kameras.

Dr. Florian Kaps, Gründer und CEO von Impossible (Foto: Urs Tillmanns)

Was geschah danach?

Die Restbestände an Sofortbildfilmen aufzukaufen war eigentlich die zweitwichtigste Massnahme, denn auch damit war ein Ende absehbar. Um die Weiterexistenz der Sofortbildfotografie sicherzustellen, stand die Erhaltung der Filmfabrik in Enschede im Vordergrund. Die Polaroid-Filmfabrik war noch in einem relativ guten Zustand, doch auf Grund der Tatsache, dass ihre Produkte immer weniger gefragt waren, wurde sie für Polaroid immer uninteressanter. So kamen wir mit unserer Idee, die Fabrik zu kaufen und die Produktion wieder anzukurbeln, genau im richtigen Moment.

Die Fabrik von Impossible in Enschede (Holland)

Die finanziellen Mittel zu finden, war wahrscheinlich die nächste Hürde …

Nicht einmal. Das Hauptproblem, das uns überein Jahr in Atem hielt, war die Beschaffung grundlegender chemischer Substanzen, die im Handel nicht mehr zu beschaffen waren. Viele davon mussten wir von Grund auf neu rezeptieren und danach geeignete Hersteller dafür finden. Mit dem Know-how hatten wir das grosse Glück, dass sich einige der früheren Mitarbeiter der Polaroid-Fabrik – allen voran der ehemalige Produktionsleiter André Bosmann – für unser Projekt begeistern liessen – obwohl es die meisten für unmöglich hielten. Diese Skepsis hat schliesslich unserem Vorhaben auch den Namen gegeben: Impossible Project.

Bilder aus der Impossibe Collection

Und wo stehen Sie heute damit?

Nun, die Chancen waren 50 zu 50, dass unser Projekt in Fahrt kommt, und bis heute sind unsere Erwartungen übertroffen. Wir schätzen, dass heute noch 300 Millionen funktionierende Sofortbildkameras im Markt sind. Wenn nur fünf Prozent davon jedes Jahr einen Film kaufen würden, wäre unser Ziel mehr als erreicht. So unmöglich ist demnach das Projekt gar nicht. Im Moment müssen wir sogar zusehen, dass keine Lieferengpässe entstehen.

Sie dürfen nicht vergessen, wir stehen immer noch am Anfang unserer Geschichte. Technisch sind wir heute da, wo Polaroid in den Vierzigerjahren war: Wir haben ein sehr gutes Schwarzweissmaterial, und die Farbe ist noch in den Anfängen, beziehungsweise in der ersten Generation, die farblich noch nicht stabil ist. Das kommt in erster Linie daher, dass wir mit Substanzen arbeiten müssen, die zu wenig lange gelagert sind und deshalb noch nicht die vollen Eigenschaften entwickeln. Zweitens müssen Sie auch die Relation der beiden Firmen sehen. Polaroid hatte alleine im Aussendienst 18’000 Leute, und wir sind bei Impossible gerade mal 30 Mitarbeitende.

Typisches Aussehen der Impossible-Bilder. Grosser Kreativraum für die Kunstfotografie

Weshalb geht man mit einem Material, das nicht farbstabil ist, auf den Markt?

Weil es damit spannende und interessante kreative Effekte gibt, die sich viele unserer Kunden wünschen. Es gibt Bildeffekte, die es vielleicht später mit dem farbstabilen Material nie mehr geben wird, und diese Überraschung, die Andersartigkeit, macht die Sofortbildfotografie so reizvoll. Sofortbildfotografen sind Leute, die diese Philosophie eines sofortverfügbaren Unikats begriffen haben. Sie leben in einer anderen Bilderwelt. Und für sie machen wir Filme. Wir brauchen noch etwas Zeit, aber die zweite Farbfilmgeneration wird auch den Erwartungen der Realisten unter den Sofortbildfotografen voll entsprechen.

Ist der Preis ein Thema? Sofortbildfilme sind heute rund dreimal teurer als früher …

… nicht ganz. Natürlich ist der Preis immer ein Thema, aber er steht bei unserem Produkt weniger im Vordergrund als bei anderen Produkten. Innovation hat immer einen höheren Preis als Kompetition. Aber die ganzen Investition, die Neurezepturen der Chemikalien, die Optimierung des Fabrikationsprozesses – all dies verschlingt Geld, und wir müssen versuchen, baldmöglichst in eine Gewinnzone zu kommen, wenn wir überleben wollen. Wir kommunizieren auch ehrlich: Ein Film kostet heute in der Produktion rund zehn Euro. Wenn er jetzt für 20 Euro endverkauft wird, ist das mit Vertrieb und Verkauf eine absolut normale Handelsspanne.

Impossible-Bilder im Grossformat 50×60 cm

Jan Hnizdo hatte auf der Photokina mit der früheren Polaroid-Grossformatkamera 50×60 cm überrascht. Wird dieses Grossformatmaterial wieder in Produktion gehen?

Nein, nicht als reguläres Produkt. Wir wollten nur wissen, ob wir in der Lage sind, auch Material in dieser Grösse nach unserem Verfahren herzustellen, und die Photokina war natürlich ein idealer Anlass, um dies zu dokumentieren. Ich glaube nicht, dass es dafür einen regulären Markt gibt, aber es ist denkbar, dass wir für bestimmte Projekte solches Material auf Anfrage produzieren könnten.

Gibt es noch andere Projekte, die Sie mit «Impossible» realisieren möchten? Leser von uns haben angeregt, Sie könnten doch Kodachrome wieder aufleben lassen …

Nein, Kodachrome wäre wahrscheinlich eine Schuhnummer zu gross, vor allem weil Sie dazu ja weltweit einen Entwicklungsdienst aufbauen müssten. Aber wir sind dabei eine Kamera zu konstruieren, denn irgendwann werden auch die Polaroid-Kameras knapp werden oder sie funktionieren nicht mehr.

Könnte die neue Kamera ähnlich der SX-70 sein?

Die SX-70 ist natürlich das grosse Vorbild. Aber die Kamera war als Spiegelreflexkamera so aufwändig konstruiert, dass wir in eine andere, einfachere Richtung gehen werden. Schliesslich soll die Kamera auch noch erschwinglich sein. Mehr dazu verrate ich noch nicht, aber es dürfte spannend werden …

Und wann soll die neue Kamera fertig sein?

Photokina 2012 wäre ein idealer Zeitpunkt …

Welches ist die heutige Zielsetzung von Impossible?

Unser Ziel ist es, etwas am Leben zu erhalten, was für die Fotografie einen hohen Stellenwert hat. Die Sofortbildfotografie war eine der faszinierendsten Meilensteine der Technikgeschichte. Man muss sich dazu in die Zeit vor sechzig Jahren zurück versetzen: Um ein Bild zu erhalten musste man ein Negativ entwickeln und dieses auf ein Papier kopieren – und dies alles im Dunkelt. Und jetzt kommt eine Kamera, die das Bild ohne Dunkelkammer sofort liefert. Wir sind heute zu technikverwöhnt, um erfassen zu können, welche Bedeutung diese Erfindung damals wirklich hatte. Sie ist etwa vergleichbar mit der Vinyl-Schallplatte. Diese kratzt und rauscht und findet selbst im digitalen Zeitalter noch ihre Liebhaber: Leute, deren Ziel nicht die perfekte Musikqualität ist, sondern Emotionen zu erhalten, sind Liebhaber von Schallplatten geblieben. Und genauso ist das mit der Sofortbildfotografie. Es ist eine Art der Fotografie, die als eigenständiges kreatives Medium angesehen werden muss und mit nichts vergleichbar ist. Und dafür besteht immer eine Nachfrage …

Das Interview mit Dr. Florian Kaps führte Urs Tillmanns

Wo gibt es IMPOSSIBLE-Filme?

Informationen zu IMPOSSIBLE-Filmen gibt es auf der Webseite von IMPOSSIBLE.

Offizieller Vertriebspartner für die Schweiz ist Wahl Trading, FL-9493 Mauren, Tel. 00423 377 17 27

Verkauft werden die Filme in der Schweiz über den Fotofachhandel oder bei den Internethändlern ARS-Imago und Trowbridge-Analogue.

2 Kommentare zu “Das unmögliche Projekt des Florian Kaps”

  1. Hab neugierig die kürzliche Doku auf arte über das Projekt verfolgt.
    Ist jetzt aber ehrlich gesagt ne herbe Enttäuschung zu sehen, dass nur die kleinen Abziehbildchen produziert werden.
    Und kein professionelles Großformat…
    So enthusiastisch man ob des kurzfristigen Erfolgs ist, wenn erstmal Ruhe eingekehrt ist, und der kurze Hype um das totgesagte Medium vorüber- dann wär man sicherlich froh um jeden ambitionierten Fotografen, der Interesse an 4×5 und größeren Formaten hätte.
    Zugegeben, ich halte das Projekt so sehr ich es letztendlich doch mag (man muss ja alles analoge festhalten, so schnell wie’s einem entrissen wird) bin ich doch skeptisch.
    Ich seh auch zumindest angesichts der Qualität im kleinen Format (ist ja doch eher ne Knipse) keinen Vorteil der analogen Technik gegenüber der digitalen, die die Leute lang genug fesseln würde.
    Der Vorteil bei analog liegt doch im langfristigen, im Detail, in der Qualität, in der Freiheit von Pixeln.
    Und das geht meiner Meinung nach bei so kleinen Formaten, und ner eher anspruchslosen Qualität ziemlich flöten.
    Aber wie gesagt, die Idee dahinter kann ich nur begrüßen und ich hoffe, dass sie auch noch andere Früchte trägt!

  2. Das derzeitige Problem beim Sofortbild-Integralfilm hat viele Ursachen.
    1) Die Lieferkette für Vormaterialien wurde schon vor Jahren abgebaut.
    2) Die damaligen Mitarbeiter der früheren Vorlieferanten sind verrentet/entlassen/verloren.
    3) Bis auf die Fabrik in Enschede gibt es keine Fertigungslinie mehr.
    4) Ein Neuaufbau einer Filmfertigungslinie dauert über 1 Jahr im Probebetrieb. Das ist kaum zu finanzieren.
    5) Die Chemie der Polaroid-Filme steht nicht mehr zur Verfügung wg.:
    a) siehe 1+2
    b) Umweltschutzvorschriften der EU
    6) Das Ergebnis eines Produktionsdurchlaufs kann erst nach Abschluss des Durchlaufs beurteilt werden –> hohes Ausschussrisiko –> hohe Produktionskosten
    7) Für grössere Formate steigt das Auschussrisiko, das der Kunde über den Kaufpreis mitfinanzieren muss.

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