Urs Tillmanns, 2. Januar 2011, 07:00 Uhr

Erfahrungsbericht: Fotografieren mit Kamerahandys

Fotohandys werden immer besser. Aber, wie gut sind sie wirklich? Bildkünstler Day Huber befasst sich mit den fotografierenden Telefonen seit es sie gibt und schildert in diesem Beitrag seine Erfahrungen, beleuchtet das technische Innenleben und zeigt mit seinen Aufnahmen die kreativen Möglichkeiten dieser Kameratechnik.

Fotosafari ohne schwere Kameratasche

Als Bildkünstler interessiert mich jedes Medium, das in der Lage ist ein Bild herzustellen, also nicht nur Pinsel, Bleistift und Grafiktablett, sondern auch Fotokameras aller Art. Schon in grauer Vorzeit, als ich mein erstes Handy in Verwendung hatte, dachte ich mir, wie toll es wäre, direkt mit diesem elektronischen Gerät auch Fotos machen zu können. So gesehen ist klar, dass ich mich blitzartig auf das erste Kamerahandy gestürzt hatte.

Moderne Technik für antik wirkende Aufnahmen. Manche Motive wirken deutlich attraktiver in Schwarz-Weiss als in Farbe. Motorola SLVR

Allerdings so ganz nach meinem Wunsch war das Teil noch nicht. Es handelte sich nämlich um ein Handy mit aufsteckbarer Kamera von der damals noch aktiven Firma Siemens. Das Gerät machte Fotos in VGA Auflösung, also ungefähr ein Drittel einer Million Pixel. Die Aufnahmen waren ziemlich unscharf und die Farbwiedergabe war alles andere als natürlich. Kitschig ist wohl die richtige Bezeichnung für diese Farben von denen ich nicht einmal wusste, dass sie existieren. Aber im Laufe der Zeit bekam ich das Kamerahandy so gut in den Griff, dass mir tolle Aufnahmen mit intensiver Ausstrahlung gelungen sind.

Etwas später kaufte ich mir ein Motorola SLVR. Dieses Handy, jetzt mit eingebauter Kamera, macht Aufnahmen, die aussehen wie antike Postkarten. Vermutlich habe ich es wegen dieser Eigenschaft fein säuberlich aufbewahrt und nicht wie die späteren Geräte nach einiger Zeit wieder verkauft. Bis heute hatte ich mindestens 15 Kamerahandys im Gebrauch. Ich darf gar nicht daran denken, was mich dieses Hobby gekostet hat! Aber immerhin habe ich mittlerweile grosse Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt.

Nicht lange studiert, einfach fotografiert. Von mehreren Fotos war Eines richtig belichtet und für die weitere Verarbeitung geeignet. Sony-Ericsson K750i

Mit den Erfahrungen stiegen auch meine Ansprüche und ich wünschte mir Handykameras mit mehr Auflösung, Autofokus und Blitz. Auf den optischen Zoom warte ich bis heute vergebens. Zwar hatten Nokia und Samsung solche Geräte kurzzeitig im Programm, die Bildqualität war aber sehr niedrig. Dafür war der Preis sehr hoch, so dass ein Kauf keinen Sinn machte. Samsung hatte vor einem halben Jahr das W880 mit 12 MP und 3x optischem Zoom angekündigt. Aber auch dieses Gerät wir es wohl nicht bis nach Europa schaffen.

Klar, über 90 Prozent der Handyfotos werden aus Spass gemacht oder landen bestenfalls in kleiner Auflösung im Internet. Dafür reicht auch eine Handykamera mit einfacher Ausstattung. Mich interessiert aber die Qualitätsfotografie. Wenn schon 12 Millionen Pixel zur Verfügung stehen, müsste auch ein hochwertiges Ergebnis machbar sein.

Gemalt oder fotografiert? Der Autofokus war im dichten Nebel hoffnungslos überfordert. Samsung Omnia HD

Hightech im Mini Format

Normalerweise entwickeln die Handy Firmen die Kamera-Module nicht selber, sondern kaufen sie als fix fertige Einheit bei Elektronikfirmen ein, die dafür spezialisiert sind. Natürlich gibt es Preis- und damit auch Qualitätsunterschiede. Je nach dem in welcher Preiskategorie sich das fertige Telefon ansiedeln soll, wird ein hochwertiges oder eben ein billiges Modul verbaut. Die Bilderstellung aus den Rohdaten übernimmt die Kamerasoftware im Handy. (Bild: Kamera-Module, wie sie in Fotohandys verwendet werden)

Rätselhafte Bilderscheinungen

Handyfotos zeigen nicht die gleichen Abbildungseigenschaften wie Fotos von Kompakt- oder Systemkameras. Störende Bildfehler mit denen man bei Zoomobjektiven zu kämpfen hat, sind bei den Handyfotos nur vereinzelt anzutreffen. Chromatische Aberration, also farbige Kanten an kontrastreichen Bildmotiven oder die Verzeichnung, bogenförmige Darstellung von geraden Linien sind selten zu finden und müssen daher nicht aufwendig manuell korrigiert werden.

«»Allerdings gibt es bei fast allen Handykameras einen aggressiven Bildfehler, von dem ich bis heute nicht genau weiss, was die Ursache dafür ist. Auch habe ich noch keinen aussagekräftigen Fachbegriff für dieses Phänomen gefunden. Deshalb bezeichne ich diesen Bildfehler in meinen Aufzeichnungen als «Magenta-Spot».

Links: Original Aufnahme mit Magenta-Spot. Rechts: Manuell im Bildbearbeitungsprogramm korrigierte Aufnahme. Nokia N71

Gemeint ist der störende rote Kreis in der Mitte der Aufnahmen. Seit einiger Zeit werden bei Digitalkameras Bildfehler direkt nach der Aufnahme von der Kamerasoftware korrigiert, so dass der Benutzer sofort ein brauchbares Ergebnis erhält. Eigentlich könnte man mit dem Magenta-Spot in gleicher Weise verfahren, was aber bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausreichend gemacht wird. Standardmässig benötigen Handyfotos etwas mehr Nachbearbeitung als herkömmliche Digitalfotos. Der höhere Zeitaufwand lohnt sich aber auf jeden Fall. So erhält man Bilder die man ohne Handy wohl nie geknipst hätte.

Nur 3 Megapixel, aber dennoch sehr schöne Detailgenauigkeit. Samsung Galaxy Spica

Das Angebot der Handy Firmen

Die Handy Firmen verfolgen bei der Kameratechnik unterschiedliche Philosophien. Mancher Hersteller gibt sich grosse Mühe, dem Fotografierenden Bilder in guter Qualität zu ermöglichen. Andere wiederum haben den Fotografen noch nicht als Kunden für sich entdeckt.

Derzeit liefert das Nokia N8 die beste Abbildungsleistung. Nicht nur die 12 Millionen Pixel sondern auch das Carl Zeiss Tessar Objektiv mit der Lichtstärke 1:2.8 und der Brennweite 28 mm sind für das gute Ergebnis verantwortlich. Das Objektiv hat eine tatsächliche Brennweite von ca. f=5.0 mm. Umgerechnet auf das Kleinbildformat entspricht das einem 28mm Weitwinkel Objektiv. Dank der 12 MP ist auch der Einsatz des digitalen Zooms sinnvoll. Zwar werden die hineingezoomten Fotos mit der Brennweite 56 mm auch als 12 MP Datei abgespeichert, entsprechen aber einer Auflösung von 6mp. Das ist für die meisten Aufgaben ausreichend.

Schärfe, Farbtreue und Dynamikumfang auf hohem Niveau. Hier zeigt sich der Vorteil einer Hightech Kamera. 12 Millionen Pixel und ein Carl Zeiss Objektiv. Nokia N8

Unverständlich ist allerdings, dass Nokia derzeit Touchscreen Handys in den Handel bringt, die zwar über eine 8 MP Kamera verfügen, aber keinen Autofokus bieten. Da hat die Marketingabteilung den Rotstift am falschen Ort angesetzt. Bei Fixfokus-Kameras wird das Objektiv so fixiert, dass ein Bereich zwischen 5m und 1m scharf abgebildet wird. Der Fotograf erhält somit unscharfe Landschafts- als auch Nahaufnahmen. Vielen dank an die Technikabteilung!

Alle Freunde von Apple Produkten können aufatmen. Das iPhone 4 besitzt eine hervorragende Kamera. Zwar stehen nur 5mp zur Verfügung, doch diese liefern ein sehr gutes Ergebnis. Die Aufnahmen zeigen zwar etwas mehr Bildrauschen als andere Handyfotos, beinhalten aber dafür sehr viele Bilddetails. Bei der Kamerasoftware wurde ein guter Kompromiss gefunden. In dem die Software das Bildrauschen nicht völlig weg rechnet, bleiben wertvolle Bilddetails erhalten.

Sofern die Kamera über Autofokus verfügt, gelingen im Landschafts-Modus tolle Fotos. LG Viewty

Die Firma HTC mit ihren populären Smartphones legt keinen grossen Wert auf den fotografierenden Handy Nutzer. Die eingebauten Kameras und die Kamerasoftware entsprechen nicht dem heutigen Stand der Technik. Aufgrund der Beschwerden von enttäuschten HTC HD2 Besitzern musste die Firma ein entsprechendes Update für die Kamerasoftware entwickeln, das den aggressiven Magenta-Spot auf ein erträgliches Mass reduziert. Um auch Fotografen als Kunden zu gewinnen, muss HTC der Kameratechnik wesentlich mehr Aufmerksamkeit widmen. Weil HTC nicht wie andere Hersteller auch noch Fotokameras im Angebot hat, könnten sie äusserst hochwertige Fotohandys entwickeln, ohne ihr eigenes Produktprogramm zu konkurrieren und damit einen neuen Kundenkreis erschliessen.

Samsung zeigt bei der Handykamera Technik eine glückliche Hand. Alle Handykameras, angefangen bei den 3 MP bis zu den 12 MP Kameras zeigen eine solide und brauchbare Qualität.

Nächstes Mal mache ich mehrere Aufnahmen in Folge und setze diese anschliessend zu einem Panorama zusammen. Samsung Omnia HD

Das gleiche gilt für Sony Ericsson. Sofern die verbauten Kameras über Autofokus verfügen ist die Qualität der Aufnahmen stets zufriedenstellend. Manchmal werden bei Sony Ericsson sogar Handys mit dem Cyber-Shot Schriftzug bestückt. Diese Kamerahandys bieten dann mehr Funktionen und eine gute Bildqualität.

Mit den aktuellen Handys sind sogar Videos im HD Format möglich. Weil es aber für Videodateien kein Standard Dateiformat gibt, kann es beim Verarbeiten der Filme Probleme geben.

Trotz minimaler Auflösung und einfachster Ausstattung kann mit der nachträglichen Bildbearbeitung noch einiges optimiert werden. Motorola SLVR

Tipps für den täglichen Fotoeinsatz

Der Nutzen eines Kamerahandys liegt im wahrsten Sinne vom Wort auf der Hand. Kein anderer Fotoapparat ist schneller griffbereit als die Kamera im Telefon. Immer dabei und immer einsatzbereit lautet das Motto. Das ist wohl der Grund, weshalb so viele Aufnahmen in meiner Sammlung mit diesen Kameras entstanden.

Einige Einschränkungen gegenüber Kompaktkameras sind allerdings noch zu bemängeln. So fehlt bis heute das optische Zoom. Auch die Technik der Blitzgeräte ist nicht ganz auf dem Stand der Kompaktkameras. Aus Platz- und Energiegründen sind LED- und Xenon-Elemente im Telefon eingebaut. Diese müssen teilweise auch als Videoleuchte ihren Dienst tun. Aber eigentlich sind die Mini Leuchten auch dafür zu schwach. Die Bedienung der Kamera im Handy ist oft etwas gewöhnungsbedürftig.

Heikle Lichtverhältnisse. Gemacht habe ich sechs Aufnahmen mit unterschiedlicher Belichtung. Eine davon war optimal. Nokia 5800

Nützlich beim ernsthaften Fotografieren ist das Speichern von Belichtungs- und Distanzeinstellung vor der Aufnahme. AE und AF Lock sucht man oft vergebens, oder findet diese Funktion erst nach längerem Suchen. Das Samsung Galaxy Spica I5700 zum Beispiel besitzt einen Einstufen-Auslöser. Betätigt man diesen, wird die korrekte Distanz vorgewählt und bleibt solange gespeichert bis man den Auslöser wieder loslässt. Genau dann wird auch die Aufnahme gemacht und abgespeichert. Es dauerte bei mir mehrere Tage bis ich diese Funktionsweise entdeckt und begriffen hatte. In der Gebrauchsanleitung war ja davon nichts zu lesen.

Ohne die Belichtungsspeicherung der vor der Aufnahme wäre der blaue Himmel viel zu hell wiedergegeben worden. Sony-Ericsson K750i

Das Apple iPhone 4 bietet eine andere Möglichkeit der Distanzeinstellung. Mit dem Touchfokus kann vor jeder Aufnahme der Autofokus und damit verknüpft auch die Belichtungseinstellung auf einen beliebigen Ort im Bild gesetzt werden. Diese Methode ist zum Beispiel für Porträt-Aufnahmen wertvoll.

Ich bevorzuge allerdings einen traditionellen Zweistufen-Auslöser wie man ihn bei jeder Digitalkamera findet. Bei halb gedrücktem Auslöser werden AE und AF gespeichert und beim Durchdrücken des Auslösers wird das Foto gemacht. Bedingt natürlich einen mechanischen Zweistufen-Auslöser am Telefon. Auch die Auslöseverzögerung kann zu verpassten Aufnahmen führen. Man muss also beim Fotografieren immer etwa zwei Sekunden voraus planen.

Schönwetterfotos sind auch mit dem Handy kein Problem. Auch bringen die heutigen Kameramodule eine beachtliche Schärfeleistung. Nokia N80

Bei Langzeitbelichtungen ist Improvisation gefragt. Weil kein Stativgewinde vorhanden ist, ist eine besonders ruhige Hand vorteilhaft. Wenn sie also in nächster Zeit den Kauf eines hochwertigen Fotohandys planen, dann lassen sie sich ein funktionsfähiges Gerät zeigen. Die Bedienung des Handys und der Handykamera sollten für sie einfach und logisch sein. Manche Geschäfte haben funktionierende Geräte in der Auslage. Andere Anbieter zeigen nur leblose Dummys, was für den Kunden natürlich wenig Sinn macht.

Um vor dem Kauf die Qualität der Kamera zu prüfen, gibt es im Internet zahlreiche kompetente Seiten, die sich auf Handytests spezialisiert haben. Nach dem Fotografieren sollten sie etwas Zeit ins Bearbeiten der Bilder am Computer investieren. So erhalten sie beeindruckende Aufnahmen und werden viele neidische Blicke ernten.

Daniel Day Huber

Gut, immer ein Handy dabei zu haben. Ohne Handykamera hätte ich diese schöne Stimmung verpasst. Motorola SLVR

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Zu den Bildern

Meine Bildbeispiele zeigen die Möglichkeiten, aber auch die Schwierigkeiten und Hürden mit denen man im täglichen Fotoeinsatz konfrontiert wird. Um den gewünschten Bildeffekt zu erzielen, habe ich die meisten meiner Fotos nachträglich in meinem Bildbearbeitungsprogramm entsprechend verbessert und gestaltet. Für alle meine Aufnahmen waren Kamerahandys im Einsatz.

Der Autor

Daniel Day Huber ist Bildkünstler und lebt in Rümlang. Als Bildgestalter beschäftigt er sich mit allen Techniken der Bildherstellung. Also nicht nur mit Malerei und Zeichnung, sondern auch mit Fotografie und Computergrafik. Er fotografiert seit mehr als dreissig Jahren und ist Gewinner von zahlreichen Fotowettbewerben und Kunststipendien. Seine Leidenschaft gilt der Fototechnik. So beschäftigt er sich mit analogen und digitalen Kameras. Sowohl Mini- als auch Grossbildkameras sind im Einsatz. Sogar Fotoapparate der Marke Eigenbau konnten mit guter Qualität überzeugen.

3 Kommentare zu “Erfahrungsbericht: Fotografieren mit Kamerahandys”

  1. Gratulation zur Seite und Fülle der Information. Ich habe jahrelang Kunst und auch Fotografie unterrichtet – der Fotograf macht das Bild – und lieber eine einfache Kamera immer dabei, als ein Juwel im Schrank.
    Anmerkung: Es esistiert doch, das Handy mit Zoom – Nokia N93 mit mit Vario-Tessar Objektiv von Carl Zeiss (dreifach optischer Zoom). Die Contax SL300R hatte eine ähliche Optik – geniale Bilder.

  2. Wow, solche tollen Fotos würde ich auch gern machen. Ich hab erst vor 2 Monaten ein Smartphone bekommen (iPhone 4s) und bin immer noch am ausprobieren. Toll finde ich aber wirklich, dass man nun überall eine Kamera dabei hat und schöne Augenblicke festhalten kann – auch wenn die Bilder leider noch nicht perfekt sind. Danke für die Motivation!

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