Urs Tillmanns, 16. Januar 2011, 07:00 Uhr

Der Bubentraum des Christian Heeb

Am letzten Donnerstag war Christian Heeb in der pep+no name-Galerie in Basel. Indianer und fremde Länder sind seine Leidenschaft, und er hat in 25 Jahren über 120 Bildbände illustriert. Fotointern.ch hat die Gelegenheit benutzt, um mit dem Heimweh-Schweizer ein Exklusiv-Interview zu führen.

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Christian Heeb, Sie sind seit vielen Jahren in den USA und mit unzähligen Bildbänden als Fotograf sehr erfolgreich. Was ist in den USA anders als hier?

Alles. Es ist eigentlich alles anders. Vor allem die Weite, dieses unendlich Land, das Licht, die Landschaften, die Leute … Sie haben gefragt, was anders sei, nicht was besser sei. Vieles ist nämlich auch schlechter als hier, aber dazu kommen wir vielleicht noch. Wir sind jetzt seit 12 Jahren fest in Oregon und unternehmen von dort aus Reisen in alle Länder der Welt, um im Auftrag meist deutscher Verlage – Bertelsmann, Harenberg, Dumont, früher auch Silva und Bucher – Bildmaterial zu beschaffen.

Christian und Regula Heeb bereisen zusammen alle Erdteile und beliefern die grossen Buchverlage mit Bildmaterial

Das ist ja wahrscheinlich Teamarbeit mit ihrer Frau Regula. Wie bereitet man sich auf solche Reisen vor?

Ja. Meine Frau ist mir dabei eine grosse Hilfe, weil sie den ganzen logistischen und administrativen Teil bewältigt. Sie ist auch mein Gedächtnis, denn zwei Gehirne registrieren doppelt so viel wie eines. Aber die ganze Arbeit beginnt schon mit einer minutiösen Planung. Wir informieren uns bestmöglich über das Land, dessen Geografie, die Leute, die Do’s und Don’ts und alles was dazu gehört. Die Vorgaben unserer Auftraggeber sind auch sehr unterschiedlich. Mal arbeiten wir exakt nach Storyboard, mal sind wir völlig frei und bieten dann dem Verlag Material an, das dem entspricht, was wir gesehen und erlebt haben. Dann ist man in gewissen Ländern auch auf Hilfe vor Ort angewiesen. Letztes Jahr beispielsweise waren wir zwei Monate in Thailand. Tja, ausserhalb Bangkok ist man alleine verloren. Niemand spricht Englisch, die Strassenschilder sind für uns unleserlich, der Verkehr unbeschreiblich – ohne Fahrer und Dolmetscher verliert man dort viel zu viel Zeit. Kommt hinzu, dass man mit Einheimischen zusammen viel effizienter fotografieren kann und Dinge vor die Linse bekommt, die man alleine nie finden würde.

Nochmals zurück nach Amerika. Orgeon. Wie kommt man dort als Fotograf zu Aufträgen? Oregon ist doch eigentlich ‚in the middle of nowhere‘, oder täuscht der Eindruck?

Er täuscht. Definitiv. Oregon ist an der amerikanischen Westküste zwischen San Francisco und Seattle. Die Hauptstadt Portland hat doch eine Million Einwohner und bietet auch kulturell sehr viel, vor allem Musik. Dann gibt es viele Golfplätze und Ferienorte, die vorwiegend von reicheren Leuten besucht werden. In der Schweiz etwa vergleichbar mit St. Moritz – nur nicht so versnobt. Wir wohnen etwa drei Stunden südöstlich davon auf dem Land in freier Natur, mit einer traumhaften Aussicht auf die Berge. Und plötzlich zieht wieder ein Rudel Rehe vor dem Haus durch, oder Luchse und Kojoten. Einfach traumhaft. Aber unser Haus ist unsere Oase, wo wir uns vier Monate im Jahr zurückziehen können, während wir die übrige Zeit auf Reisen sind.

Morgenlicht und Vollmond in den Rocky Mountains (Peter Lougheed Provinical Park, Alberta, Canada)

Und hier betreiben Sie jetzt auch Ihren ‚Center of Photography‘? …

Nicht ganz. Zwar gäbe es auf unserer ‚Rancho Las Hierbas‘ mit 16 Hektaren Land genügend Platz, doch wollen wir dort unsere Ruhe. Wir haben ein Studio gekauft in der Stadt. Dort veranstalten wir Workshops, Seminare und Events. Zudem haben wir dort ein Fotostudio, welches auch unser Assistant und Studio Manager Chris Mather führt. Ich mach zwar gerne Porträts im Studio, Sachaufnahmen jedoch gebe ich gerne an Chris weiter.

Indianer. Sie sind vor allem für Ihre Indianerbilder bekannt. Wie kamen Sie dazu, und wie sind sie mit ihnen in Kontakt gekommen?

Indianer sind mein Bubentraum, und vielleicht auch insgeheim der Grund, weshalb ich in die USA und ausgerechnet nach Oregon ausgewandert bin. Ich habe mich schon immer für diese Menschen und deren Lebensraum interessiert, und deshalb musste ich auch aus unserer engen Schweiz raus. Ich wollte weg in dieses unendliche Land und in die Heimat dieser Stämme, für die ich mich schon immer interessiert hatte. Wenn man weiss, wo und wie die Indianer leben, dann findet man sie überall. Nur haben wir eine falsche Vorstellung von ihnen. Sie rennen nämlich nicht im Federschmuck herum – das ist ihre Sonntagstracht, wie hier bei den Appenzellern. Es sind Menschen wie Du und ich, vielleicht mit einer etwas andersartigen Physiognomie, an der man sie leicht erkennt, wenn man etwa darin geübt ist. Kontakt zu ihnen findet man leicht, vor allem wenn man sich für sie und ihre Lebensweise interessiert. Sie lassen sich auch nicht ungerne fotografieren, besonders, wenn man sie schon länger kennt. Viele kenne ich nun schon seit etlichen Jahren, und deshalb kann ich meinen Workshop-Teilnehmern auch Locations und Fotogelegenheiten zeigen, an die man sonst nicht so leicht heran kommt.

Und die Friedenspfeife, rauchen sie diese tatsächlich?

Durchaus, aber sie hat heute nichts mehr mit Friedenschliessen zu tun. Die Pfeife ist Teil eines religiösen Rituals, um durch den Rauch die Verbindung zu Gott herzustellen. Das ist interessant, denn hier in der katholischen Kirche versinnbildlicht der Weihrauch ja eigentlich eine ähnliche Funktion …

Sie haben ja nicht nur die amerikanischen Indianerstämme besucht, sondern auch andere …

Richtig. Indianer faszinieren mich überall. Ob in unserer Umgebung, in Panama oder in Südamerika. Und überall haben ich zu diesen Menschen sofort einen guten Draht – nicht zuletzt dank der Fotografie.

Zurück zur Fotografie: Sie fotografieren ja beruflich seit etwa 25 Jahren und haben auch die Umstellung von der analogen zu digitalen Fotografie durchgemacht. Wie war das?

Oh, es war wunderbar! Man brauchte keine Filme mehr durch die Röntgenkotrollen auf den Flughäfen zu schleusen, ich sah das Resultat sofort auf einem Display oder auf dem Laptop, nur war anfangs die Auflösung etwas dürftig, aber das hat sich dann ja sehr schnell gebessert. Heute ist auch der Workflow mit der Nikon Capture Software sehr komfortabel und effizient. Damals vor sechs Jahren, hatte ich noch mit einer analogen und einer digitalen Kamera parallel gearbeitet, doch ich merkte schnell, dass die Zukunft endgültig den Bits und Bytes gehört.

Was könnte an der Digitalfotografie besser sein?

Mehr Auflösung! Ich möchte metergrosse Bilder ausdrucken können, die so gestochen scharf sind, wie früher eine optische Vergrösserung nach einem Kodachrome-Dia. So weit sind wir noch nicht, und die Investition in Mittelformat mit einer mehrfach voluminöseren und schweren Ausrüstung lohnt sich für meine Art der Fotografie nicht. Das wäre hinderlich und würde viel Zeit in Anspruch nehmen. Die besten Aufnahmen entstehen schnell und spontan. Dann ist die Situation vorbei.

Nochmals zu Amerika, das Traumland vieler jungen Fotografen. Was würden sie ihnen raten?

Nicht nach Amerika zu kommen! Oder dann mit sehr viel Geld. Schauen Sie, Amerika ist heute ein sehr zwiespältiges Land.

Also nicht mehr das ‚Land der Unbegrenzten Möglichkeiten‘ …

Doch, aber nur wenn Sie viel Geld und eine gehörige Portion Glück haben. Damals, als wir den grossen Sprung wagten, war alles noch einfacher. Aber heute ist Amerika in einer politisch und wirtschaftlich sehr schwierigen Phase. Wer Geld hat, hat hier alle Möglichkeiten, wer keines hat – wie beispielsweise die vielen Südamerikaner, die zu uns kommen – der hat einen schwierigen Weg vor sich. Und den Erfolg – oder sagen wir nicht Erfolg, sondern Glück – welches wir hier hatten, ist nur dem Umstand zuzuschreiben, dass wir nicht auf die hiesigen Auftraggeber angewiesen waren, sondern fast ausschliesslich für europäische Verlagshäuser arbeiten konnten. Aber sich hier mit Nichts als Fotograf durchzuschlagen, ist ein mühsamer und steiniger Weg.

Sturm im Monument Valley Navajo Tribal Park, Utah, Arizona

Sie geben neben Ihrem Neunmonate-Job auch Workshops, die vorwiegend von Europäern gebucht werden. Macht das Spass?

Ungemein. Und ich lerne sehr viel dabei! Ich kann den Leuten hier an der Westküste, aber auch beispielsweise in New York Dinge zeigen, die sie alleine nie finden würden. Und ich kann ihnen Tipps geben, die mir niemand beigebracht hat. Man muss die Nase für viele Dinge haben und eine Portion logische Denkweise, um als Fotograf Erfolg zu haben. Und oft kehren die Workshop-Teilnehmer den Spiess um, und fragen mich, weshalb machst Du das nicht so, oder so? Und dann bricht mir kein Zacken aus der Krone, wenn ich Ihnen Recht gebe! Was zählt, ist das beste Bild. Wie es entsteht ist völlig nebensächlich …

Das Interview führte Urs Tillmanns

Grand Teton National Park, Teton Mountain Range, Wyoming, USA.

Erfahren Sie mehr über die Arbeit von Christian Heeb auf seiner Webseite, auf der Sie auch die Workshop-Angebote vorfinden.

Gegenwärtig findet zudem eine Ausstellung von Christian Heeb in der pep + no name gallery in Basel statt.
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Christian Heeb ist zur Zeit in der Schweiz …
Bern
Mittwoch, 15. Januar, 19:30
Hotel Jardin
Militärstrasse 38
Vortrag «magisches Indianerland»
Cham
Sonntag, 23. Januar, 19:30
Lorzensaal
Dorfplatz 3
Vortrag «magisches Indianerland»

2 Kommentare zu “Der Bubentraum des Christian Heeb”

  1. Vielen Dank für das Interview. Ich bewundere die Arbeit von Christian Heeb seit sehr lange. Seit der Zeit, als die Fotografie ’nur‘ mein Hobby war und einzig das beste Bild zählte. Was für ein schöner Interview-Schluss – Rückbesinnung auf die Essenz!;-)

  2. Jetzt haben wir die bestätigung dass digitales kleinbild doch noch nicht DIE qualität hat die wir uns eigentlich wünschen. Die qualitätsbandbreite der Kalender in den buchshops spricht bände. von Schrott bis TOP. Wir sind gespannt ob hier die Sigma SD1 die nikon D3x überrumpfen kann.

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