Urs Tillmanns, 17. Februar 2011, 07:00 Uhr

Heute live aus Tokyo: Das JCII Camera Museum

Wenn Sie an historischen Kameras interessiert sind, dürfen Sie sich eine Adresse nicht entgehen lassen: Das JCII Camera Museum im Stadtbezirk Chiyoda-ku. Als ehemaliges Testinstitut zur Qualitätssicherung japanischer Kameras hält es die kompletteste Kamerasammlung Japans ergänzt mit den die wichtigsten Modellen europäischer und amerikanischer Herkunft.

Es ist in dem verwinkelten Stadtbezirk Chiyoda-ku nicht ganz so einfach zu finden, das JCII Building an der Ichiban-cho. Am besten nimmt man die Metrololinie Hanzomon bis zu gleichnamigen Station, wählt den Ausgang 4 geht zweimal rechts, und schon ist man da.

Das Haus hat Tradition. Die Bezeichnung JCII (Japan Camera Inspection Institute) geht auf die 1950er Jahre zurück, als die japanischen Kameras in ihren Exportländern noch einen zweifelhaften Qualitätsruf hatten. Um diesem entgegenzuwirken gründeten 1954 alle namhaften Herstellerfirmen ein neutrales Testinstitut, das jedes neue Modell prüfte und mit einem goldenen «Passed»-Kleber bestätigte, dass dieses dem internationalen Qualitätsstandard entspräche. Nach rund 20 Jahren sind die Kleber dann überflüssig geworden, weil die japanischen Kameras fortan die Qualität bestimmten …

Aus Testkameras entstand eine Sammlung

Die Testkameras von damals bildeten den Grundstock des heutigen Museums, das dann während Jahren durch Schenkungen, Auktionen und Ankäufe seinen Bestand wertvoll ergänzen konnte. Heute gehört die Sammlung zu den umfassendsten weltweit und ist absolut sehenswert, auch wenn nur ein kleiner Teil, nämlich rund 700 Exponate, des Gesamtbestandes von mehr als 15‘000 Objekten ausgestellt sind.

Raritäten ersten Ranges: (vlnr) Daguerre-Kamera, «Tsui-Kiu» als älteste japanische Kamera und die «Cherry» als erste industriell gefertigte Kamera Japans

Auf einige Stücke ist Kurator Hiroshi Yano besonders stolz, zum Beispiel auf die Original Daguerre-Kamera von Alphonse Giroux aus dem Jahre 1939, die übrigens über einen bekannten Schweizer Sammler ihren Weg nach Tokio gefunden hat. Dann ist die «Tsui-Kiu» eine grosse Seltenheit, weil es sich um die erste japanische Kamera überhaupt handeln soll. Sie stammt aus dem Jahre 1854, weist ein Bildformat von 8,5 x 11 cm auf und bekam ihren Namen durch die spezielle Lacktechnik, die ihr Äusseres ziert. Es gibt nur drei Stück davon, eine ist im Kameramuseum in Fukui und die dritte in einer Privatsammlung. Auch die «Cherry» von Konishiroku, der Vorgängerfirma von Minolta, ist ein Meilenstein des Museums, weil es die erste industriell gefertigte Kamera Japans im Jahre 1903 war. Leider gibt es von der Kamera kein Original mehr, und so ist auch dieses Stück eine Replika, die auch schon sehr selten geworden ist.

Eine Vitrine mit prachtvollen Leica, darunter auch eine Leica 0

Abgesehen vom breiten Bestand japanischer Kameras, ist das Museum auch zur Recht stolz auf die europäischen Kameramodelle, welche die Entwicklung mit allen wichtigsten Leica-, Contax-, Retina- und Voigtländer-Modellen nicht lückenlos, jedoch sehr repräsentativ abdeckt.

Originell: Kinderkameras und Gadgets aus allen Epochen

Daneben gibt es im JCII-Museum noch Ulkiges zu sehen, wie die Kinderkameras und Gadgets, denen eine eigene Vitrine gewidmet ist. Insbesondere Kinder erfreuen sich daran, und wenn man etwas Glück hat, so kann man solche Objekte noch immer in den Souvenirläden Tokios finden.

Als Sonderschau sind zurzeit über 500 Polaroid-Kameras ausgestellt

Ausser der permanenten Ausstellung pflegt das Museum auch eine temporäre Schau, die alle drei Monate wechselt. Zurzeit zeigt sie noch bis 23. März 2011 eine Sonderschau mit über 500 Exponaten zum Thema Polaroid, welche die japanische Polaroid-Niederlassung dem Museum vermachte, als das Unternehmen seine Tätigkeit einstellen musste. Die nächste Themenausstellung ist bereits in Vorbereitung und wird die Geschichte der Marken Voigtländer/Cosina mit interessanten Exponaten dokumentieren.

Das Museum findet einen grossen Besucherzuspruch und empfängt rund 10‘000 Interessierte pro Jahr, «leider sind darunter nur sehr wenige Europäer», wie Hiroshi Yano betont.

Die Ausstellung im JCII Photo Salon zeigt derzeit frühe Stadtaufnahmen aus Tokyo

Im JCII Building sind noch weitere interessante Abteilungen untergebracht: Die wichtigste ist sicher der JCII Photo Salon, eine Galerie, die vier verschiedene Bilderausstellungen pro Jahr präsentiert. Zurzeit sind prachtvolle frühe Fotografien Japans aus dem 19. Jahrhundert zu sehen, welche das Leben in den damaligen Tokioter Stadteilen Akusa, Azabu und Shiba zeigen. Es sind grosse Prints, die von kleinformatigen Originalen stammen, welche glücklicherweise in zwei Alben alle Feuerstürme von Tokios Geschichte überlebt haben.

Gute Idee: Die Gastgalerie kann von Fotografen gemietet werden

Im unteren Stock befindet sich eine Gastgalerie, in der sich gegen entsprechende Bezahlung ein Fotograf einmieten und seine Bilder präsentieren kann. Sowohl der JCII Photo Salon als auch die Gastgalerie sind zu den normalen Öffnungszeiten auch getrennt von Museum zugänglich.

Im klassischen Schwarzweisslabor der JCII finden regelmässig Kurse und Workshops statt

Weiter betreibt JCII eine klassische Dunkelkammer, in der unter fachkundiger Leitung rund zwei Kurse und Workshops pro Monat in analoger Fotografie durchgeführt werden. Auch im digitalen Zeitalter finden diese Veranstaltungen gerade bei jungen Teilnehmern, für die diese Technik völliges Neuland ist, einen regen und eher wachsenden Zuspruch.

Weiter pflegt JCII die wahrscheinlich umfassendste Fachbibliothek zum Thema Fotografie in Japan mit über 30‘000 Büchern und 1‘100 Zeitschriftentiteln. Diese sind professionell in einem Computersystem erfasst und können von den Besuchern geordert werden. Scherzeshalber hat der Schreibende seinen Namen eingegeben, und siehe da: 12 Buchtitel wurden sofort aufgelistet. Das sind zwar nicht alle, aber immerhin die wichtigsten, die erfreulicherweise auch in Japan gelesen werden können.

Das JCII Camera Museum und die JCII Photo Salon ist täglich ausser montags von 10:00 bis 17:00 Uhr geöffnet. Die JCII Bibliothek ist samstags und sonntags geschlossen. Sie befinden sich an folgender Adresse:

JCII Camera Museum
Ichiban-cho Building
25, Ichiban-cho
Chiyoda-ku, Tokyo 102-0082
Tel. 03 3263 7100

aus Tokyo: Urs Tillmanns

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