David Meili, 27. Februar 2011, 10:36 Uhr

Frauen und Autos, Fotos vom Preisüberwacher, und Partnersuche auf Koreanisch

Pressespiegel zum Wochenende 26./27. Februar 2011
Der Autosalon Genf wirft in allen Medien seine Schatten voraus. Keine Publikation dies- und jenseits der Saane kommt an diesem Wochenende ohne Beiträge zum Lieblingsspielzeug der Schweizer/innen vorbei. Kein Wunder: Die Autobranche ist durch Inserate und PR eine der wichtigsten ökonomischen Grundlagen der Medien in der Schweiz, als mehr oder weniger zuverlässiger Auftraggeber für Fotograf/innen und als Barometer für die wirtschaftliche Lage in unserem Land.

Doch wie visualisiert man das Thema Auto in diesem Jahr? Während sich DAS MAGAZIN und DIE WELTWOCHE den Salon de l’Automobile offensichtlich für die nächsten Ausgaben vorenthalten haben, prescht SonntagsBlick mit einem Autosalon EXTRA vor. Zu bedenken, der Presse-Rundgang findet erst am Mittwoch, dem 2. März statt, und danach zu schreiben, ist in der Branche un-cool. So werden am kommenden Wochenende in der gedruckten Presse nur noch Brosamen präsentiert. Für die News-Fotografie wird es längst gelaufen sein.

Das Autosalon Extra ist witzig und bringt bereits auf Seite 4/5 ein USP im Auto-Marketing aufs Tapet: Gender. Drei Ladies und drei Herren (darunter Fotograf Thomas Buchwalder) präsentieren Zeichnungen ihrer Zukunftsautos. Es ist der beste Magazin-Beitrag an diesem Wochenende (Autor/innen Raoul Schwinnen/Christiane Binder (Text); Geri Born/Moritz Hager (Bild). Dann wird das Heft zum Autokatalog, nützlich als Führer durch den Salon und stürzt auf der letzten Doppelseite ab, mit einer ausgeschnittenen Heidi Klum vor einem ausgeschnitteten VW Eos. Man muss das Kleingedruckte zweimal durchlesen, um zu verstehen, dass nur das Auto zu gewinnen ist, und findet erst dann den Mut zum Tubelitest.

Der SonntagsBlick hat mehr zu bieten. Exklusiv präsentiert die Zeitung einen Fotowettbewerb zu Nanos. Erwartet werden die lustigsten Bilder von Nanos und Kindern. Man kann auch die Nano-Fabrik in Zürich (!) besuchen. Einsendungen unter nano@vpch.ch. Doch der Wettbewerb geht auf Seiten 42/43 weiter. „Sind auch Sie schwanger?“ Die People-Seite zeigt acht Promi-Paare, die schwanger gehen. Wenn man selbst schwanger ist, kann man das Bildli an 8989@blick.ch (ohne Honorar) senden. Da kommen Frühlingsgefühle auf, und der Kreis zum Sonntags-Thema Kuckucks-Kinder (Cover) ist geschlossen.

Preisüberwacher Stefan Meierhans steht unter Dauerbeobachtung. Der frühere Microsoft-Manager „setzte sich für das soziale Engagement des Unternehmens ein“ (TA, vom 26.2.2011, Seite 51). Er wurde als Wahlhelfer von Bundesrätin Doris Leuthard auf seinen Posten gehievt, und muss dann und wann Zähne zeigen. Nun fokussiert er sich auf Valora. Als Politberater würde man sagen, dass dies keine gute Idee sein dürfte. Bei den Printmedien in der Schweiz stehen Valora und Relay am Ende der Wertschöpfungskette. Starke und überlebensfähige  Margen über alle Stationen sind das Grundprinzip der freien Marktwirtschaft (BWL, Erstes Semester). Doch wie fotografiert man Meierhans in seinen Widersprüchen und seinem Look? Helmut Wachter hat den Preisüberwacher für den Tages-Anzeiger hervorragend ins Bild gesetzt.

Bei Bolero im März 2011 muss man sich sehr weit vorblättern, bis der Content sich offenbart. Wir haben etwa dreissig Inserateseiten gezählt, wenn man zur Sache (Inhaltsverzeichnis)  kommen will. Der redaktionalle Inhalt ist dann dünn. Wer kauft sich für CHF 8.50 sozusagen 1:1 übernommene und auf das Layout verkürzte PR-Beiträge ein? Modekataloge mit guten Bildern liegen an der Bahnhofstrasse gratis auf. Unter „Beauty“ hat Diana Scheunemann die Musikerin Charlotte Kemp Muhl  für Maybelline aufgenommen. Wer kritisiert diese Bilder (?), – wir nicht. Und am Schluss des Hefts schreibt Kurt Aeschbacher.
Unser Tipp: Bitte nicht kaufen, es liegt ungeblättert bei der Coiffeuse Ihres Vertrauens auf.

Nun kommen sie aus der Wüste, wie Der Sonntag auf Seite 3 visualisiert (Bildnachweis: Keystone/Der Sonntag). Die Flüchtlinge verlassen Armeezelte und gehen auf den Fotografen zu. Das Bild entspricht der tragischen Situation der Menschen in Lybien in keiner Weise. Kein Bild ist oft besser als 1 Bild. Peinlicher ist nur noch die  Autowerbung mit einem Kuh-Elch und Schweizer-Glocke als Einstiegsseite. Kurt-Emil Merki besucht auf Seite 19 das Autorenpaar Sybil Schreiber/Steven Schneider in Bad Zurzach. Schreibszene Schweiz bietet übrigens mit Schreiber/Schneider einen Kurs im Kolumnenschreiben an, der auch für Fotograf/innen nicht uninteressant ist. Aargauer People finden sich auf der People-Site von Der Sonntag. Man konnte  mit ihnen auf der Heitere in Zofingen hautnah in Berührung gehen.

Doch Der Sonntag hat mehr zu bieten. Auf Seite 23 findet man den Beitrag von Benjamin Weinmann, dass ein Grossteil der“Schweizer“ Magazine in Deutschland gedruckt wird. So wird das“Annebäbi“ per Internet nach Pforzheim übermittelt und dann in 40-Tönnern angekarrt. Die Kataloge von Micasa kommen aus Österreich, und selbst Aufträge der SBB werden ins Ausland vergeben. Gibt es, wie Viscom-Direktor Thomas Sponer im Beitrag zitiert wird, eine „Swissness“ im Produktionsbereich? Nach unserer Einschätzung kaum mehr. Die Branche hat die Europäisierung verschlafen. Den Kommentra zum Beitrag von Kurt-Emil Merki über die Nachfolge von Susanne Wille als Fernsehpräsentatorin verschweigt des Sängers Höflichkeit.

Irgendwann rutscht man ohne Absicht auf ein Abenteuer in einen Vermittlungsdienst hinein. Man stoppt ihn nicht, weil er eine unerschöpfliche Quelle von professionellen Auftragsbildern und Amateuraufnahmen von Heiratswilligen ins Haus bringt. Bild der Woche ist der Aushang einer Dame aus Nord-Korea. Jeff Koons hätte damit Millionen verdient, der unbekannte Fotograf und Photoshopper sei hiermit gewürdigt.

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