Urs Tillmanns, 17. April 2011, 07:00 Uhr

«Verbrannte Erde» von Meinrad Schade

«Verbrannte Erde», bereits publiziert in der Wochenzeitung WOZ und im Online-Magazin «Neuland», heisst der ebenso erschütternde wie aufrüttelnde Bildbericht über die Folgen russischer Atomtests. Meinrad Schade hat ans Licht gebracht, was jahrzehntelang verschwiegen wurde und zeigt eindrücklich, was geschieht, wenn die Menschheit mit einer Energieform spielt, die sie im Grunde nicht beherrscht.

 

Fast 500 Atombomben zündeten die Sowjets zwischen 1949 und 1989 in der Region von Semipalatinsk – zu Testzwecken. Es war die Zeit des kalten Krieges, auf beiden Seiten des Eisernen Vorhanges wurde fieberhaft an der Weiterentwicklung der Bombe gearbeitet. Die Menschen waren diesen Tests mehr oder minder schutzlos ausgeliefert, dies durchaus auch beabsichtigt, um die Folgen eines möglichen Atomkrieges zu untersuchen.

Heute ist die immense Hitze, welche die Steppe verbrennen liess, längstens verpufft, der kalte Krieg Vergangenheit und Semipalatinsk eine kasachische Stadt im Osten des seit 1991 unabhängigen Staates. Geblieben ist eine Gegend, welche von kranken Menschen gezeichnet ist. Die Krebsrate ist doppelt so hoch wie in vergleichbaren nicht verseuchten Gebieten, um nur ein Beispiel zu nennen. Die Menschen von Semipalatinsk sind gezwungen, die Folgen der Bombe in ihren Alltag zu integrieren. Unter einem riesenhaften Denkmal für die Opfer der Atomtests, welches einen Atompilz darstellt, stellen sich an Wochenenden im Zehnminutentakt die frisch vermählten Paare für das Hochzeitsfoto auf – und niemand scheint sich daran zu stören.

Die Arbeit «Verbrannte Erde» ist ohne Auftrag entstanden und Teil meines Langzeitprojektes mit dem Titel «Vor, nach und neben dem Krieg – Spurensuche an den Rändern der Konflikte».

Semipalatinsk, Kasachstan, 1.8.2010: Berik Sysdikow (geb. 11.01.1979) hält seinen Neffen auf dem Schoss. Beriks Mutter lebte mit ihrem Mann als Hirtin nahe am Atomtestgelände. Zwei Mal hatte sie einen Atompilz gesehen, wenige Tage hintereinander.

Die Region von Semipalatinsk wurde von zwei Wellen heimgesucht. Erstens von der radioaktiven und später, als Folge davon, von der medialen in Form von unzähligen JournalistInnen. Alle waren sie da, die grossen wie die kleinen. Und dann, im August 2010, auch noch ich, Fotograf aus der Schweiz, in der unendlichen Steppe Nordostkasachstans.

Zusammen mit meinem Freund und Übersetzer Achmet besuche ich am Sonntag, dem 1. August, Berik und seine Mutter. Ich hatte von Berik schon etliche Bilder gesehen und Berichte über ihn gelesen, meinte, ihn dadurch beinahe zu kennen. Im letzten Film, der auf RTL über ihn ausgestrahlt wurde, ging es um seine Operation in Deutschland. Berik, der auch der Mann ohne Gesicht genannt wird, sollte operativ ein neues Gesicht bekommen. Als Berik leibhaftig vor mir steht, kann ich keinen grossen Unterschied erkennen, die Wucherungen in seinem Gesicht haben seit der Operation wieder zu wachsen begonnen.

Semipalatinsk, Kasachstan, 02.08.2010: Maksh Iskakowa (geb. 1934) ist seit 1953 blind. Damals schaute sie in den «Pilz» eines Atombombentests, obwohl man ihr gesagt hatte, wegzuschauen. Der Atompilz sei ihr letztes Bild gewesen, das sie von dieser Welt gesehen hatte.

Achmet, mit dem ich seit langem zusammenarbeite, spricht mit Berik und dessen Mutter. Irgendwann fällt dann die Frage, ob ich sie beide fotografieren dürfe. Die Mutter blickt müde und fragt, wie ich Berik denn zu helfen gedenke. Helfen? Bezahlen für die Möglichkeit, Bilder zu machen? Es ist eigentlich ein ungeschriebenes Gesetz, das als Autor nicht zu tun. Ihr erklären, dass mich diese Geschichte nicht so reich macht, wie sie vielleicht denken mag? Ihr erklären, dass meine Bilder möglicherweise etwas verändern? Ihr Journalisten kommt hierher, profitiert von unserem Elend, aber für uns ändert sich rein gar nichts! Dies ist die Meinung von vielen Betroffenen. Deshalb sind ausländische JournalistInnen oft unerwünscht, mittlerweile sogar die einheimische Presse. So gross ist die Enttäuschung, so tief sind die Narben. Ich nenne Beriks Mutter eine Zahl, sie meint, das sei gut, aber das Doppelte wäre bess­er. Ihre Augen strahlen eine Traurigkeit aus, auch eine Güte, und ich anerkenne den Handel Geld gegen Fotos als kluge Strategie einer Mutter, deren grösste Angst es ist, einmal nicht mehr genügend Kraft für ihren Sohn zu haben. Und Berik? Der ist ganz Medienprofi, posiert da und dort, weil das meine Vorgänger auch schon interessant fanden.

Semipalatinsk, Kasachstan, 6.8.2010: Nikita Bochkarew (geb. 08.01.1991) bedient mittels eines von seinem Vater gebastelten Helmes die Computertastatur. Nikita wurde mit Zerebrallähmung geboren und kann nicht sprechen. Seine Intelligenz ist hingegen völlig normal ausgebildet. Die Wohnung im vierten Stock verlässt er nie, da er für seine Eltern zu schwer ist. Seine Welt ist der Computer.

Zwischendurch ganz unerwartet dann dieser Satz, welcher von Herzen kommt: «Ich finde es immer schön, wenn Journalisten da sind, denn mein Leben besteht sonst nur aus Schlafen, Essen, Rauchen und Musikhören. Das ist sehr langweilig.» Seine Mutter sitzt daneben, nickt und seufzt und bittet mich, zu gehen, sie sei müde. So packe ich meine Kamera ein und will mich langsam verabschieden. Da plötzlich steht Berik vor mir und herzt ein Kind auf seinem Arm. Es ist sein Neffe. Beriks Schwester ist von mir unbemerkt in die Wohnung getreten und stattet der Familie mit ihrem Sohn einen sonntäglichen Besuch ab. Bei allen Bildern, die ich bis­lang von Berik gemacht habe, habe ich das Gefühl gehabt, es seien nur Kopien von all jenen, die von ihm bereits gemacht worden waren. Bei diesem Bild, so wird mir klar, wird dies nicht der Fall sei. So packe ich meine Kamera nochmals aus, ignoriere die vorwurfsvollen Blicke der müden Mutter, mir einredend, dass ich schliesslich dafür bezahlt habe, und mache das Bild.

Dolon, Kasachstan, 9.8.2010: Ludmila Shakhvorostowa (geb. 3.12.1930) mit ihren beiden geistig behinderten Söhnen Anatoli (rechts, geb. 8.9.1956) und Alexander (links, geb. 6.2.1958) vor ihrem Haus in Dolon. Ludmila kann sich gut an die «Explosionen» erinnern. Ihre grösste Sorge ist es, sich eines Tages nicht mehr um ihre Söhne kümmern zu können.

Eine Woche später, wieder ein Sonntag, es ist der 8. August. Wir sind soeben im Dorf Dolon angekommen, um die achtzigjährige Ludmila Schachworostowa mit ihren beiden geistig behinderten Söhnen Anatoli und Alexander zu besuchen. Die rüstige Frau quittiert unser Anliegen mit der Bemerkung, dass wir uns hätten anmelden können, sie sei nicht vorbereitet. Überhaupt habe sie sich geschworen, nie mehr Journalisten zu empfangen. Höchstens ein Schwarzer aus Afrika wäre ihr noch genehm gewesen, sagt sie, lacht und blickt meinen Übersetzer Achmet an. Achmet ist ihr sympathisch, und so bittet sie uns ins Haus. In der Wohnung hängt ein strenger Uringeruch, wir set­zen uns an den Küchentisch und essen aus Höflichkeit die aufgetischten Kekse. Aus einem Zimmer tönt ein seltsames Summen einer ganz hohen Stimme, wie von einem Kind. Das Summen kommt näher, und dann steht der 54-jährige Anatoli im Türrahmen, starrt uns an und summt weiter. Ich blicke zu Achmet, weiss, dass er im Moment nur raus will, um eine Zigarette zu rauchen.

Semipalatinsk, Kasachstan, 30.07.2010: Maira Schumageldina mit ihrer schwerst behinderten Tochter Schannur (geb. 23.5.1992) in ihrem Haus in Semipalatinsk. Schannur kann weder laufen noch sprechen und wird von ihrer Mutter rund um die Uhr gepflegt.

Auch Ludmila wird das Gesumme zu viel, barsch schickt sie ihren Sohn weg, so wie man es bei einem kleinen Kind tun würde. Wir reden und reden, und mir kommt die Aussage eines bekannten Fotografen in den Sinn, der von seinem Kollegen erzählte, der ein begnadeter Kommunikator gewesen sei, aber vor lauter Reden das Fotografieren verpasst habe. So bitte ich Achmet, mich mit den dreien alleine zu lassen. Die Aufgabe, nun Fotos zu machen, erleichtert es mir, die seltsame Situation auszuhalten, teilt mir eine Rolle zu in diesem Stück. Irgendwann gehen wir nach draussen, die Abendsonne beleuchtet die Eingangstreppe des kleinen Hauses.

Semipalatinsk, Kasachstan, 02.08.2010: Im Museum des staatlichen medizinischen Instituts von Semipalatinsk sind tote Föten mit angeborenen Anomalien in der Entwicklung des Zentralen Nervensystems ausgestellt. Es sind Folgen der Atombombentests.

Und dann stehen sie vor mir: Ludmila in der Mitte, ihre zwei Söhne haltend, die die stämmige Frau riesenhaft überragen. Und wieder mache ich es, das Bild. Anschliessend bin ich mit Ludmila alleine; sobald ich nicht mehr fotografiere, wird die Situation peinlich. Da bin ich mit dieser mir unbekannten Frau zusammen, ohne mich mit ihr unterhalten zu können. Plötzlich höre ich sie summen, genauso wie zuvor Anatoli. Kein Wunder, denke ich, wenn man das den ganzen Tag, jahraus, jahrein, hört. Dann schaut sie mich an, zuckt mit den Schul­tern und sagt: «Takaja nascha schisn», so ist unser Leben. Auf der Rück­fahrt hallt der Satz von Ludmi­la in mir nach: «So ist unser Leben.» Ludmila quält die Frage, was einmal aus ihren Söhnen werden soll, wenn sie nicht mehr da ist, und das mit achtzig Jahren.

Semipalatinsk, Kasachstan, 10.8.2010: Maira Schumageldina mit ihrer schwerst behinderten Tochter Schannur (geb. 23.5.1992) vor ihrem Haus in Semipalatinsk. Schannur kann weder laufen noch sprechen und wird von ihrer Mutter rund um die Uhr gepflegt.

Die Strasse ist streckenweise sehr schlecht, das Slalomfahren lässt mich nur noch unzusammenhängend denken. Die Überalterung in Europa. Ich bin ich nun auch einer, der hier nur verbrannte Erde hinterlässt? Ist der Staub, der ins Wageninnere gelangt, radioak­tiv verseucht? Ich erinnere mich an unseren gestrigen Besuch des ehemaligen Atomtestgeländes. Gegen die Strahlung helfe gründliches Waschen der Kleider und Duschen und, ganz wichtig, 100 Gramm Wodka pro Person. Dies hat uns ein Mitarbeiter des Nationalen Nuklearzentrums geraten. Stopp! denk ich, nur noch Stopp! Stopp und ein Wodka, genau hundert Gramm. Später sitzen Achmet und ich in einer Bar und bestellen zwei Glas Wodka. Während wir warten, beginnt Achmet plötzlich zu summen, genauso wie Anatoli. Wir müssen kurz befreit lachen, um dann schweigend unseren Wodka zu trinken.

Semipalatinsk, Kasachstan, 31.7.2010: Hochzeitsfeier unter dem Denkmal für die Opfer der Atomtests der ehemaligen Sowjetunion. An Wochenenden wechseln sich die Paare unter dem Denkmal im Fünfminutentakt ab.

Bilder und Text von Meinrad Schade

«Verbrannte Erde» am Swiss Photo Award von ewz.selection 

Mit der Bildreihe «Verbrannte Erde» ist Meinrad Schade diesjähriger Sieger der Kategorie «Redaktionelle Fotografie» (Fotopreis der SonntagsZeitung) des Swiss Photo Award. Die Bilder sind an der Ausstellung Swiss Photo Award von ewz.selection vom 21. bis 29. Mai 2011, täglich 12.00 bis 20.00 Uhr, im ewz-Unterwerk Selnau, Selnaustrasse 25, 8001 Zürich zu sehen.

3 Kommentare zu “«Verbrannte Erde» von Meinrad Schade”

  1. Die Menschheit wird niemals aus solchen Dingen gescheiter. Geschichte war ist und bleibt Geschichte, was einmal war das wird vergessen. Aus der Geschichte hat der Mensch bis zum heutigen Tag nichts gelernt. Würden aber alle nach der Lehre leben,
    Vergangenheit ist Vergangenheit, die Gegenwart ist das Jetzt in dem wir leben, aus der Vergangenheit sollen wir mit nehmen was uns weiter bringt, das Morgen ist die Zukunft was wird weiss niemand. Doch zurück kommen wir alle ob früher oder später wieder. Wir alle leben im Gesetz des Samsara.

  2. Nuclear wird niemals als „zum friedlichen Zweck“ definiert werden! Semipalatinsk, Chernobyl, Fukushima … zeigen, dass die Nuklearkraft rein als „Nukleare Waffe“ bezeichnet und von der Menschheit fuer ewig verbannt werden! Frankreich, USA, Russland, China, Indien, Suedkorea werden mit ihrem mafioesen Vorhaben und Geldgier sicherlich die Erde zerstoeren. Die mongolischen Machthaber sind so blind, dass sie es mitmachen wollen, und zwar alles heimlich! Es tut uns leid, dass in unseem Nachbarland die Russen solch brutale Verbrechen gegen die Menschheit jahrelang durchfuehrt! Fuer diese Suende sollen die russische Machthaber bezahlen. In Moskau sollen diese nulearen Teste durchgefuehrt werden. Warum lieben die Kazachen ihren Nazarbayew so sehr, obwohl er seine eigene Leute in der Hoehle schmore laesst!!!

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