David Meili, 30. April 2011, 23:48 Uhr

artbygenève: Fotografie auf hohem Niveau

In seinem 25. Jahr ist der Salon international du livre et de la presse im Genfer Palexpo moderner und eleganter geworden, und die Begleitmesse artbygenève ist aus ihren Kinderschuhe entwachsen. Breitere Gassen, gepflegtere Restaurants und im Bereich der Kunstmesse bequeme Sofas, um bei Prosecco zu chillen sind weit weg von der Pionierzeit des vermutlich grössten Kulturanlasses der Westschweiz.

Begeben wir uns zuerst in einem Rundgang durch den Bereichen Buch und Presse. Für den sonst belebten Samstagnachmittag hat es angenehm wenig Besucher/innen. Auf den breiten „Strassen“ können sich nun auch Kinderwagen kreuzen. Doch es fehlt die Begeisterung an dem meisten Ständen. Etwas resigniert sitzen Autor/innen vor ihren Büchern und warten auf ihre Leser/innen, die partout nicht erscheinen, – und wenn, dann nicht in Kaufstimmung sind. Vordergründig wird die Nachmittagsbaisse mit dem schönen Wetter erklärt. Doch mehrere Verleger vermuten auch, dass selbst bei der treuen Leserschaft in der Romandie und im benachbarten Frankreich das Interesse am Medium Buch schwindet.

Aussteller, wie Fnac und HEBDO stellen Pads von Apple über Andriod bis SONY zum Testen zur Verfügung, und sie stossen bei Kund/innen in der zweiten Lebenshälfte auf grosses Interesse. Doch die schlechte Stimmung in Bezug auf die Printmedien ist auch hausgemacht. Auf Kritik stösst bei den Kleinverlegern die Buchpreisbindung. Sie wird ihnen jegliche Flexibilität in der Preisgestaltung entziehen, während die ausländischen Grossverlage profitieren. Geführt wird die Diskussion nicht mehr mit Leidenschaft, eher mit Resignation. Der Buchhandel der Deutschschweiz, der einst einen eigenen Stand hatte, ist nicht mehr präsent. Nach wie vor ungebrochen ist trotz Videogames die Begeisterung für Comics (Bild: Signierstunde am Stand vonLeMatin).

Wie jedes Jahr ergeben sich überraschende Begegnungen mit Fotograf/innen aus dem französischsprachigen Raum, deren Bildbände bei uns kaum zur Kenntnis genommen werden. Auf dem französischen Markt erzielen sie oft Auflagen von mehreren tausend Exemplaren, wenn auch bei bescheidenen Tantièmen und mit grossem persönlichen Einsatz. Immerhin, in der Reisefotografie oder in sehr speziellen Bereichen, bis hin zu Hunden und Katzen kann man damit freiberuflich überleben. Das Erfolgsrezept ist banal: Man konzentriert über Jahre auf ein einziges Thema.

Die Bewerber für artbygenève mussten in diesem Jahr ein strenges Auswahlverfahren durchstehen, doch die Resultate kann man sehen. Etwa dreissig Prozent der Galerien und Künstler zeigen Fotografie. Aufgefallen ist uns Régis Colombo. Mit seinen „Transparencies“ wird er Ende Mai in Lausanne eine eigene Werkschau präsentieren. Colombo ist als Maler zur Fotografie gekommen und pendelt zwischen beiden Medien. Es sind Farbcollagen, als Diapositive hintergrundbeleuchtet und interessante Beispiel für die Entwicklung der Fotografie im digitalen Zeitalter.

Unmittelbar neben Régis Colombo zeigt Maria Stamati eine Installation, deren Grundlage Videos sind. Es sind Körperbewegungen, die in Endlosschlaufe einem Rythmus folgen. Daraus entstehen als Stills einzelne Fotografien. Die Videos sind mit einer eigens dazu komponierter Musik unterlegt; die Fotografien im gleichen Zimmer können im Klangraum erfasst werden. Die Galerie hat zum Projekt eine im Layout hervorragende Broschüre publiziert. Zum griechischen Text liegt eine Übersetzung bei.

Zufällig traffen wir auf Sylvie Buyssens. Sie zeigt Aufnahmen, die man nur 1:1 betrachten kann. Es sind grossformatige Wolkenbilder, in denen sich Vogelschwärme verlieren. Jegliche Reproduktion in einem kleinformatigen Buch oder gar auf dem Internet wäre sinnslos. Buyssens ist zweifellos eine der interessantesten Fotograf/innen der Genfer Szene. Ein Blick auf die Portfolios auf dem Internet ist für uns Deutschschweizer eine Entdeckung.

la galerie pour la photographie von Cyril Kobler vermittelt eine Reihe von Fotografen/innen aus unterschiedlichen Schaffensperioden. Die jüngere Generation repräsentiert Maurice Schobinger, die Klassiker Peter Knapp mit seinen Porträts von Künstlern und Schriftstellern. Das Ehepaar Kobler engagiert sich für Fotograf/innen aus der Deutschschweiz in der Genfer Szene. Im gleichen Umfeld pflegt Alexandre Devis mehrheitlich klassische Fotografie mit seiner AD-Galerie. Die nächste Austellung  ist Alexey Titarenko gewidmet (Vernissage 7. Mai 2011).

Bei der Sonderausstellung von Dany Gignoux fragten wir eine Dame, ob sie die Galeristin sei? Nein – es war die Künstlerin. Gignoux ist eine Jazz-Legende, als Fotografin, die in diesem Bereich sozusagen alle Grössen der vergangenen xx-Jahre erfasst hat. Es dürfte in der Musikszene wenig Fotograf/innen geben, die sich derart kompetent auf das Bühnenlicht einstellen. Von ihr liegen unzählige Reportagen und mehrere Bücher vor, doch die Prints im richtigen Format zu sehen ist ebenso ein Erlebnis, wie Dany Gignoux für fotointern.ch fotografieren zu dürfen.

Varda Carmeli hat sich als Fotografin und Künstlerin beworben. Auch bei ihr glaubten wir,  sie sei die Galeristin. Doch sie hat die eindrücklichen Bilder selbst gemacht und mehrfach China bereist, vor allem vor den Veränderungen der Städte durch die Bauten der olympischen Spiele. Aktuell sind ihre Naturaufnahmen. Nachträglich haben wir ihrer Webseite weitere, interessante Portfolios von aktuellen Reisen in Europa gefunden. Varda Carmeli ist beispielhaft für eine neue Generation von Fotograf/innen. Man sucht den direkten Kontakt zum Publikum, um sich weiter zu entwickeln und entzieht sich dem Kunstbetrieb, in dem man mit sehr guten Arbeiten doch rasch zur Marionette wird.

Eines der Highlights ist zweifellos die Präsenz der Gastlandes Armenien. Man könnte Stunden verweilen, sich durch Bücher hindurchzublättern (grossartige Bildbände), die man bei uns sonst nie sieht. Dazwischen lockt die Kulinarik, mit Süssgebäcken, Dörrfrüchten und Wein aus Granatäpfeln zum Abschluss. Die armenische Gemeinschaft in Genf hat eine lange Tradition. So elegante Frauen, wie bei einer Veranstaltung am Stand am Samstagabend hat man am Salon noch selten gesehen.

Salon du Livre et de la Presse
artbygenève
Palexpo
, Genf
direkter Zugang zu Fuss vom Flughafen-Bahnhof Genf-Cointrin
Bis 3. Mai 2011

Update: Beitrag von Isabelle Rüf in Le Temps
Und hier die Bilanz gemäss Le Temps, die unseren Eindruck bestätigt.

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