Urs Tillmanns, 5. Juni 2011, 18:00 Uhr

Photo Suisse: «Fotoclubs brauchen einen Refresh»

Photo Münsingen, das letzte Woche tagte, war ein guter Ort, um interessante Leute zu treffen – zum Beispiel Urs Lüthi, Präsident von Photo Suisse, dem Dachverband der Schweizer Fotoklubs. Wir wollten von ihm wissen, wie sich die Schweizer Fotoklubszene entwickelt.

Fotointern: Herr Lüthi, wie viele Clubs sind Mitglied des Dachverbands Photo Suisse, und wie viele Fotoclubs, glauben Sie, gibt es in der Schweiz insgesamt?

Urs Lüthi: Photo Suisse zählt zurzeit 53 Fotoklubs, und wir schätzen, dass es in der Schweiz gegen 100 aktive Klubs gibt. Sie sehen, es ist immer noch ein Potential da, denn leider konnten wir noch nicht alle Schweizer Klubs für unseren Dachverband gewinnen.

Weshalb soll ich Mitglied in einem Fotoklub werden, was bringt er mir?

Geteilte Freude ist doppelte Freude. Je mehr Leute meine Bilder sehen, desto mehr Feedback bekomme ich dafür. Und es ist für das kreative Schaffen enorm förderlich, wenn ich Reaktionen von Sachverständigen auf meine Bilder erhalte. Das kann Kritik sein – positive oder verwerfliche – oder es können Komplimente und Anregungen sein. Und dieser Gedankenaustausch zu Bildern ist enorm anspornend und fördert die Kreativität. Dann ist auch die Nutzung einer vorhandenen Infrastruktur ein wichtiges Argument. Einige Klubs verfügen zum Beispiel über Hochleistungs-Beamer, oder es stehen andere Geräte bis hin zu Studioausrüstungen zur Verfügung, an die man als Einzelkämpfer kaum herankommt. Dann kommt noch der persönliche Erfahrungsaustausch als soziale Komponente hinzu: Wenn ich irgendein Problem habe, das nicht einmal gezwungenermassen mit der Fotografie in Bezug stehen muss, finde ich mit grosser Wahrscheinlichkeit jemanden im Club, der mir bei der Lösung behilflich sein kann.

Die Fotografie hat die digitale Revolution hinter sich. Wie haben sich die Fotoklubs in den letzten Jahren entwickelt?

Jeder hat diese Revolution auf seine Weise bewältigt. Viele haben sukzessive umgestellt, andere haben den Schritt zum numerischen Bild abrupt vollzogen. Und allmählich hat sich die digitale Faszination und deren neue Arbeitsweise auch in den Fotoklubs breit gemacht. Heute ist dieser Technologiewechsel praktisch vollzogen …

Wie hoch schätzen Sie den Anteil analoger Fotografen noch?

Das sind wahrscheinlich weniger als fünf Prozent. Aber es gibt sie noch, die Silberfotografen. Zum Glück, denn sie tragen ein Knowhow weiter, das nicht verloren gehen darf. Aber ein anderer Bereich wurde leider von der digitalen Revolution überrollt: die Diafotografie. Wir haben vor kurzem diese Sparte bei unseren Wettbewerben gestrichen und durch das mit Beamern projizierte Bild ersetzt. Weshalb? Ganz einfach, weil es kaum mehr Diafilme gibt und mit dem Wegfall des Kodachrome diese Bastion endgültig gefallen ist.

Sind Fotoclubs Altherrenvereine?

Nun, die Mitgliederprobleme sind wahrscheinlich bei allen Klubs die gleichen. Natürlich wünscht sich jeder Klub mehr Mitglieder, aber wir sind uns bewusst, dass diese nicht von alleine kommen. Und hier sehen wir auch unsere grosse Herausforderung für die nächsten Jahre: Wir müssen ein besseres Marketing betreiben, um mehr Mitglieder zu gewinnen. Das Potential ist da, denn es wurde noch nie so viel und so engagiert fotografiert wie heute.

Was wollen Sie Neues erfinden, um Mitglieder zu gewinnen?

Wir haben verschiedene Arbeitsgruppen gebildet, die sich gegenwärtig intensiv mit diesen Fragen auseinandersetzen. Eine Initiative, die wir gestartet haben ist die «Photo Suisse Akademie», welche ein aktives Weiterbildungsprogramm bieten wird.

Wir haben uns drei Ziele gesetzt:

– Die Aus- und Weiterbildung. Wir wollen unser gemeinsames fotografisches Knowhow unseren Mitgliedern weitergeben und ihnen zeigen, wie sie mehr aus ihrer Ausrüstung herausholen und bessere Bilder machen.

– Die Information nach innen. Wir brauchen eine bessere Kommunikation zu und mit unseren Mitgliedern. Wir haben zwar immer noch unser vierteljährliches Bulletin, aber es frägt sich, ob dies noch zeitgemäss ist oder ob wir nicht die Internetmöglichkeiten effizienter nutzen müssten.

– Die externe Kommunikation. Die Fotoclubs müssen sich in der Öffentlichkeit stärker profilieren. Münsingen ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Solche Anlässe, die Bilder in die Öffentlichkeit tragen, brauchen wir.

Welches sind die Trends in der Klubfotografie?

Hier sind zunächst alle technischen Themen zu nennen, zum Beispiel Fragen zu Nutzung und Optimierung der Kameratechnik, oder alles was mit Photoshop-Raffinessen zusammenhängt. Aber das ist für mich nicht das Entscheidende, sondern vielmehr die kreativen Aspekte der Fotografie und der gegenseitigen Motivation – im wahrsten Sinne des Wortes – für die Wettbewerbsfotografie. Dann denke ich auch an neue Zielgruppen für die Fotoclubs, nämlich die Handyfotografen. Fast jeder hat mit seinem Handy immer eine Kamera in der Tasche, und viele Besitzer nutzen diese auch fleissig. Bloss, was passiert hinterher mit den Bildern? Für diese Zielgruppe schwebt mir schon lange ein Fotokurs vor, denn viele könnten viel mehr aus ihren Handybildern machen. Und nicht zuletzt sind dies Leute, die grundsätzlich an der Fotografie interessiert sind.

Wie, glauben Sie, wird sich die Fotoklubszene in den nächsten Jahren entwickeln?

Fotografen sind Individualisten. Damit Individualisten in einen Klub kommen, braucht es Motivation und attraktive Dienstleistungen. In Fotoklubs stösst man auf Leute mit gleichen Interessen, die sich übermässig für etwas begeistern und andere mitziehen können. Hier zählen vor allem der persönliche Wettbewerb und Erfahrungsaustausch, die fachliche Weiterbildung und die Pflege der Bildpräsentation. Das sind Themen, die in den Fotoklubs gepflegt werden, und die immer von Interesse sein werden. Ich habe keine Angst für den langfristigen Fortbestand der Fotoklubs, denn die Fotografie gewinnt als Kommunikationsmedium immer stärker an Bedeutung, und solange die Leute engagiert fotografieren, suchen sie auch einen Ort um sich auszutauschen. Und da sind Fotoklubs die beste Plattform …

Weitere Informationen über Photo Suisse finden Sie unter www.photosuisse.ch.

 

 

2 Kommentare zu “Photo Suisse: «Fotoclubs brauchen einen Refresh»”

  1. Zum Thema Analoge und Digitale Fotografie: Mit 13 also vor 52Jahren
    habe ich die ersten Glasplatten 6X9 belichtet und entwickelt. Seit dieser Zeit bin ich begeistert vom analogen Medium, vor allem von der Haltbarkeit. Die ältesten Negative aus Grossvaters Zeiten stammen von 1904 und sind immer noch gut brauchbar. Lebensdauer von Stick oder CD? Ich Fotografiere auch mal Digital, aber die Spannung von der Filmentwicklung bis zum fertigen Abzug fehlt mir einfach. Heute Fotografiere ich im Format 6x6cm
    Die Lebendigkeit der Detailreichtum die Leuchtkraft und die Schärfe von einem Mittelformat-Dia egal ob schwarz weiss oder Farbe stellt jede Beamer Show die ich bis jetzt gesehen habe in den Schatten. Ich denke in ein paar Jahren sind analogen Kameras wieder hoch im Kurs. So wie jetzt die Plattenspieler und Kassettengeräte. Diafilme gibt es bei Fotoimpex Berlin und Fotobrenner sowie bei jedem Drogeriemarkt zu zahlbaren Preisen.
    Dies ist mein Kommentar.
    Mit freundlichen Grüssen Martin Heller

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