Urs Tillmanns, 25. September 2011, 14:41 Uhr

Super Kodak Six-20: Erste Kamera mit Belichtungsautomatik

Kodak hat nicht nur preisgünstige «Knipsen» konstruiert, sondern auch hochwertige Kameras, die in mancherlei Hinsicht ihrer Zeit voraus waren. Beispielsweise die Super Kodak Six-20, die 1938 die welterste Kamera mit Belichtungsautomatik war. Auch ihr Design war der damaligen Zeit weit voraus …

Sie ist selten geworden, die Super Kodak Six-20, und die wenigen Sammler, die eine haben, werden Sie kaum je hergeben wollen – auch nicht um den höchsten Preis. Ihre Besonderheit: Die «Super Kodak Six-20» war die erste Kamera der Welt mit Belichtungsautomatik. Gestaltet wurde sie von Industriedesigner Walter Dorwin Teague (1883-1960), und für die technische Entwicklung war der ungarische Konstrukteur Joseph Mihalyi (1889-1978) verantwortlich. Mihalyi realisierte auch viele andere ungewohnte Konstruktionen, zum Beispiel in der Kodak Ektra, in der Kodak Medalist oder in der Kodak Bantam Special.

Schon die Bezeichnung der Kamera «Super Kodak Six-20» (nicht etwa «Kodak Super Six-20») war ungewöhnlich, beginnen doch die meisten Kameranamen mit dem Markenname. Hier ist es umgekehrt, und wahrscheinlich wollte man mit dem Namen in einem Superlativ versinnbildlichen, dass es sich bei der «Super Kodak Six-20» um eine «Super Kodak»-Kamera handeln soll.

Das Besondere fällt schon rein äusserlich auf, nämlich die dominierende Wabenoptik der Selen-Messzelle oberhalb des Balgens, welche unverkennbar darauf hinweist, dass die Kamera über einen eingebauten Belichtungsmesser verfügt. Und das 1938, in einer Zeit, wo diese Messgeräte nur selten anzutreffen waren, denn die Belichtungstabellen regierten die Fotowelt, und wer wirklich ein Profi war, stellte die Verschlusszeit und Blende «Pi mal Daumen» ein. Dass die «Super Kodak Six-20» den Belichtungsmesser eingebaut hatte und gleich noch eine Belichtungsautomatik bot – damit war sie sowohl der Zeit als auch allen Mitbewerbern weit voraus.

Die Lösung mit dem Kamm

1938 gab es noch keine Elektronik, um eine Belichtungsautomatik zu konstruieren. Was als Basis zur Verfügung stand, war die Ausgangsspannung des Selenbelichtungsmessers, die bei weitem zu gering ist, um damit eine Einstellfunktion anzusteuern. Auch später, als die Belichtungsmesser allmählich in den Kameragehäusen zu finden waren, wurden diese mit einer Nachführmechanik gekoppelt, das heisst, man drehte die Blenden- oder Verschlusszeiteinstellung solange, bis sie mit dem Zeiger des Belichtungsmessers übereinstimmte.

Anders bei der «Super Kodak Six-20». Joseph Mihalyi hatte eine aussergewöhnliche Idee: Beim Niederdrücken des Auslösers wurde ein kammartiges Element so verschoben, dass der Zeiger des Belichtungsmessers fixiert wurde. Dann bewegte sich ein unter Federspannung stehendes Segment der Blendensteuerung soweit bis sie an den fixierten Zeiger anschlug und so die richtige Blende einstellte. Danach wurde der Verschluss ausgelöst. Die ebenso geniale wie mechanisch aufwändige Lösung wurde von Kodak am 25. August 1936 mit der Nummer 100‘951 (bzw. 2‘333‘807, angemeldet 30. Oktober 1936) patentiert, und kaum ein anderer Hersteller hatte sich später an dieses komplizierte Konzept heran gewagt.

Eine weitere Besonderheit der Kamera war der optische Sucher mit dem eingespiegelten Entfernungsmesser. Diese sehr aufwändige optische Konstruktion war mit der Entfernungseinstellung gekuppelt und arbeitete mit einer Basis von 85 mm sehr präzise.

Das Objektiv, ein Kodak Anastigmat Special 1:3,5/100 mm, soll qualitativ nicht gerade berauschend und beispielsweise demjenigen der Kodak Medalist unterlegen gewesen sein. Eine Empfindlichkeitseinstellung besass die Super Kodak Six-20 nicht. Sie war auf die Empfindlichkeit des damaligen Verichrome Pan Films von 50 ASA ausgelegt, der in den USA am weitesten verbreitet war. Die Verschlusszeiten konnten von 1/25 bis 1/200 Sekunde voreingestellt werden, wobei Masken das Fenster der Selenzelle entsprechend abdeckten, um die Verschlusszeit zu kompensieren.

Das Bildformat betrug 6 x 9 cm, was auf dem 620er-Rollfilm (daher der Name «Six-20») acht Bilder ergab. Der seit langem nicht mehr erhältliche 620er-Rollfilm war mit dem 120er-Film identisch, doch besass er einen engeren Spulenkern. Die 120er-Spule ist dicker und hatte ursprünglich einen Holzkern; deshalb findet man in alten Beschreibungen gelegentlich den etwas profanen Hinweis «für Rollfilm mit Holzspule». Klar, dass es heute keine «Holzspulen» mehr gibt – Kunststoff ist längst an ihre Stelle getreten. Der 620er-Rollfilm hatte einen dünneren Spulenkern aus Metall, auf welchem der Rollfilm aufgewickelt war. 620er-Filme gibt es seit 1995 nicht mehr, und so sind viele der schönen Rollfilmkameras, die 620er-Filme verwendeten – darunter auch die Super Kodak Six-20 – gebrauchsunfähige Sammlerstücke geworden. Es sei denn, man mache sich im Dunkeln (!) die Mühe und wickle einen 120er-Film auf eine 620er-Spule um. Das ist nicht ganz einfach und bedarf einiger Übung. Wie es geht steht hier http://www.brownie-camera.com/respool/respool.shtml

Auffallend und für die damalige Zeit avantgardistisch war auch das Design der Kamera. Dieses stammte von Walter Dorwin Teague, der während rund 30 Jahren Kameras für Kodak entwarf und zudem auch für Polaroid tätig war. Auch gab es in Amerika kaum eine Texaco-Tankstelle, die nicht von Teague gestyled wurde, und nach dem Zweiten Weltkrieg war Boeing sein bester Kunde, denn es gibt kaum eine Boeing-Maschine, die nicht vom Teague Aviation Design Center gestaltet wurde.

Weshalb die Beauty ein Flopp wurde

Die Super Kodak Six-20 kam im Juli 1938 auf den Markt und kostete 225 Dollar. Unerschwinglich für die meisten, denn der Preis entspricht nach heutiger Kaufkraft von etwa 3‘400 Dollar, und für den dreifachen Preis gab es einen brandneuen Ford DeLuxe Tudor Sedan (725 Dollar). Das erklärt auch weshalb die Super Kodak Six-20 zu den grossen Raritäten gehört, wurden doch davon bis 1948 nur rund 720 Stück produziert. Nach Europa wurden praktisch keine geliefert, denn erstens hatte Europa eine eigene sehr starke Kameraindustrie und zweitens konnte sich in der Krise vor dem Zweiten Weltkrieg kaum jemand eine Kamera in dieser Preislage leisten.

Heute ist die Super Kodak Six-20 eine extrem seltene Sammlerkamera. Wie auch die Ektra dürften die wenigsten Exemplare in einem mechanisch guten Zustand sein, denn der Verschluss ist verharzt und die Selenzelle, Herzstück der ganzen Kamera, hat längst ihren lichtempfindlichen chemischen Prozess eingestellt. Dennoch erfreut vor allem das aussergewöhnliche Design das Sammlerherz, weil die Super Kodak Six-20 schon 1948 weit ihrer Zeit voraus war.

Urs Tillmanns

 Siehe auch Kodak Milestones (engl.)

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