Urs Tillmanns, 22. April 2012, 10:09 Uhr

BelleVue Basel: «Kraftort für Fotografie»

Die Basler Fotoszene ist um einen Kulturplatz reicher: Am letzten Samstag wurde «BelleVue» eröffnet, ein Ausstellungs- und Diskussionsort für kreative Auseinandersetzungen mit der Fotografie. Die Eröffnungsausstellung «BildZeit» zeigt vier aussergewöhnliche und sehenswerte Arbeiten.

 

 

An der Breisacherstrasse 50 in Basel würde man keinen Kulturort für Fotografie erwarten. Das unscheinbare Reihenhaus ist derzeit eingerüstet, weil am Dach etwas geflickt werden muss. Dann öffnet sich der Durchgang, und dahinter sieht man den Flachbau einer Druckerei. Durchquert man diese, lüftet sich das Rätsel: Ein etwa 90 Quadratmeter grosser, mit einem Oberlicht durchfluteter Raum präsentiert sich ideal, um an jeder der vier Wände einen Fotografen zu präsentieren. In der Mitte zwei Tische und Stühle. Schlicht, einfach und sauber – und ideal als Ausstellungsraum, Begegnungsort, Veranstaltungsraum, Vortragssaal, improvisiertes Fotostudio mit natürlichem Oberlicht – wie zur Urzeit der Fotografie …

BelleVue soll nicht nur Ausstellungsraum sein, sondern auch ein Ort der Begegnung

«Wir hatten schon lange so etwas gesucht» sagen die beiden Mit-Initianten Regine Flury und Dominik Labhardt. Regine Flury ist Fachlehrerin für Fotografie an der Schule für Gestaltung, und Dominik Labhardt freier Fotograf, der früher viel für die Basler Zeitung arbeitete. «Im Kleinbasel fehlte ein solcher Kulturraum für Fotografie, und es liessen sich auch schnell Sympathisanten finden, die dabei behilflich waren, dieses Projekt zu realisieren.» Es wurde ein Trägerverein gegründet, der heute bereits 15 Mitglieder zählt – und möglicherweise sind es nach der gestrigen Vernissage noch ein paar mehr …

Regine Flury und Dominik Labhardt, die beiden Mit-Initianten von BelleVue

«BildZeit» – sich für Bilder die Zeit nehmen

Die Eröffnungsausstellung zeigt einen hervorragenden Mix von vier völlig unterschiedlichen Arbeiten. Auf einfache Weise präsentiert, verleihen sie dem Raum ein besonderes Ambiente. Man betrachtet sie, begegnet sich und diskutiert darüber. Die Bilder geben dem Raum seine Bestimmung und zeigen die Fotografie so vielfältig wie sie nun eben mal ist.

 

Christian Flierl: «berührt»

Die unberührte Natur kann heute nur mehr eine Idealvorstellung sein, ein Traum, ein Bild. Vermeintlich noch unentdeckte Regionen sind längst in den Atlanten der Zivilisation detailgetreu vermerkt, die Natur ist aufgrund modernster Technik ein ebenso vermessener Raum wie der urbane Ballungsraum. Christian Flierl bewegt sich in seinen Arbeiten zwischen einer romantischen und kritischen Landschaftsbetrachtung. Subtil weist er – fast kommt es einer Inszenierung der Natur gleich – auf Eingriffe in und Entfremdung von der idealen Natur hin. So wird die Landschaft in seinem fotografischen Bild Wunschwelt, Ausdruck des Bedürfnisses nach Unmittelbarkeit, Ruhe; Harmonie und Weltflucht. (Marcel Falk)

 

Ursula Sprecher & Julian Salinas: 7 Tage

Aus dem Dunkeln umklammert eine riesige Kralle eine Menge von geheimnisvollen Objekten. Die so entstandenen Skulpturen lassen uns nach Spuren des Alltags suchen. Täglich verbrauchen wir Unmengen an Ressourcen und produzieren tonnenweise Abfall. Diesen Prozess nehmen wir nur noch am Rande als selbstverständlich funktionierende Aktion wahr. Die Baggerzangen der Kehrrichtverbrennung greifen sich durch Tonnen von Abfall und produzieren Skulpturen unserer Konsumgesellschaft im Minutentakt. Der Ofen muss permanent brennen: Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag – und für Nachschub ist gesorgt.

 

Hans-Jörg Walter: «Argus-Sugar»

Eine Installation mit Laserdrucker und in loser Folge ausgedruckten Bildern (Bildquellen: 2006-­‐2012.)

Aus dem während der Ausstellung entstehenden Bilderberg wird ein Stapel herauskuratiert und als Buch gebunden.
Unser Hirn braucht Zucker, der wird zwar meist über Nahrung aufgenommen aber auch durch die Augen.
Bilder wie auch Zuckerdienen unserem Organismus als Orientierungshilfe oder Reizquelle und können Prozesse auslösen.
Und auch unserer Gesundheit schaden.
Da das Gehirn im Gegensatz zu anderen Organen keinen Zucker für schlechte Zeiten speichern kann, braucht es ständig Nachschub.
Und nicht jeder Zucker ist ein guter Zucker, bitte beachten Sie die Inhaltsstoffe und reduzieren sie gegebenenfalls den Konsum. Fragen sie ihren Bildredaktor oder Apotheker.
Neuerdings verlangen sensible Netzhäute Slowfood statt Junkpixel. Selbsthilfegruppen organisieren mittlerweilen Ausstellungen und Entzugsprogramme auch in Ihrer Stadt.
Doch nicht jeder ist zum Körnlipicken geboren und will sich mit Bromöldrucken langweilen.
Rein ins Vergnügen, spitzen Sie Ihre Scheuklappen und agieren sie mit Zuckerbrot und Peitsche. (Hans-Jörg Walter)

 

Pia Zanetti: «Elie Dere»

Alltag in der Sahelzone – Meer ohne Wasser. Ackerbauer Elie Dere zeigt sein vertrocknetes Feld und den ausgelaugten Boden in Dray-Mbassa, Tschad.

«’Eigentlich weiss ich nicht, wie es geht‘, sagt Pia Zanetti. Einer solchen Aussage muss man glauben schenken, ohne dass man ihr trauen darf. Der Zustand der Verwirrung, dieses akute, anfallsweise Nichtwissen sind bei Zanetti funktional. Es ist, als träte das Vergessen auf, um jene Leere herzustellen, in der die Fotografin den eigenen Platz räumt, um vollkommen durchlässig zu werden für die Dinge und Menschen vor der Kamera. Das ist ihre besondere Gabe. Diesen Raum zu schaffen, in dem sich die Menschen zeigen können.» (Nicole Müller, Schriftstellerin)

 

BelleVue – eine Bereicherung der Basler Fotokunstszene

Abgesehen von gelegentlichen Fotoausstellungen in Kunstgalerien und Museen bietet Basel weitaus weniger Ausstellungsorte für Fotografie als andere Städte, wie Zürich, Bern, vor allem aber auch Lausanne und Genf. Deshalb dürfte das BelleVue von all jenen begrüsst werden, die gerne regelmässig Fotoausstellungen sehen und die Besucher treffen, mit denen man sich unterhalten und über das Gesehene diskutieren kann. BelleVue erweitert das Angebot an Fotokunstausstellungen und reiht sich willkommen zu den bisherigen Ausstellungsorten, die regelmässig Fotografie zeigen:

  • Oslo 8, die vor einem Jahr eröffnete Fotogalerie an der Oslostrasse 8 im Dreispitz.
  • Galerie Wertheimer mit einem sehr engagierten Programm und hohem Niveau in Oberwil.
  • Pep + No name, Kleinod einer Fotobuchhandlung, die regelmässig Fotokünstler zeigt am Unteren Heuberg 2

«Man kennt sich, und wir haben regelmässig Kontakt miteinander. Denkbar und auch wünschenswert, dass wir gewisse Dinge gemeinsam machen …» erklärt Dominik Labhardt.

Das junge Pflänzchen braucht Licht und Wasser – Besucher und Mitglieder. Merken Sie sich den Namen: BelleVue an der Breisacherstrasse 50, beachten Sie die Öffnungszeiten und gehen Sie von Zeit zu Zeit hin. Man sieht dort nicht nur interessante Fotografie sondern man trifft auch immer interessante Menschen …

 

Gruppenausstellung «BildZeit»

noch bis 26. Mai 2012

Öffnungszeiten:
So, 22. April bis So, 6. Mai 2012, Mi – Fr, 15 – 19 Uhr, Sa/So, 11 – 17 Uhr

Führungen:
So, 22., 29. April, 6. Mai, 14 – 15 Uhr
sowie auf Anfrage: info@bellevue-fotografie.ch

 

BelleVue
Ort für Fotografie
Breisacherstrasse 50
CH 4057 Basel

Beachten Sie den aktuellen und umfassenden Veranstaltungskalender auf www.fotoagenda.ch. Dort sind auch regelmässig unter Messen und Events die Vorträge und Zusatzanlässe von BelleVue zu finden.

 

 

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