Urs Tillmanns, 3. Juni 2012, 21:15 Uhr

Mit Christian Heeb auf dem Säntis

Wir hatten Glück gehabt – mit dem Wetter. Am Samstag gab es strahlend blauer Himmel, und der Sonnenaufgang am Sonntag fand zwischen zwei dicken Wolkenbänken statt. Dazwischen sind die zwei Dutzend Teilnehmer des Landschafts-Workshops von Christian Heeb voll auf ihre Rechnung gekommen.

Christian Heeb und seine Frau Regula sind wieder einmal in der Schweiz. Der Heimweh-St.Galler lebt seit vielen Jahren im amerikanischen Bundesstaat Oregon, betreibt das Cascade Center for Photography und führt vielerorts sehr begehrte Landschafts-Workshops durch – so auch am letzten Wochenende auf dem Säntis. Organisiert wurde der Workshop vom ViewFinder Center for Photography in Winterthur, der von Matt Anderson und Dagmar betrieben wird und auf englische Workshops spezialisiert ist. So erstaunt es auch nicht, dass die Mehrzahl der Teilnehmer englischsprachig waren – eine gute Gelegenheit für die Deutschsprachigen für ein mutiges Brush-up.

Der Workshop war unter dem Titel «Licht und Berge» ausgeschrieben worden und soll binnen Kurzem ausgebucht gewesen sein. Die prachtvolle Kulisse der österreichisch-schweizerischen Alpenkette und die Lichtstimmungen, die sich auf dem Ostschweizer Zweieinhalbtausender ergeben, wollte sich mancher nicht entgehen lassen, um so mehr als zwei gewiefte Profis wie Christian Heeb und Matt Anderson den Workshop leiteten.


Berggasthof Alter Säntis

 

Es könnte übrigens im Juni auch schneien …

Wohl alle Beteiligten haben die letzten Tage intensiv die Wettervorhersagen verfolgt. Das Rundumpanorama vom Säntis ist bei schönem Wetter ein grossartiges Erlebnis. Was aber, wenn der unverschiebbare Anlass eine Dusche bekommt, oder wenn sich eine dicke Wolke um den Gipfel krallt? «Bei Minustemperaturen könnte es über Nacht bis zu einem halben Meter Schnee geben – auch im Juni …» warnte Matt in seinen Detailinformationen und empfahl mit entsprechender Ausrüstung anzureisen.

Der Workshop begann mit einem ersten Rundgang, damit die Teilnehmer alle Abkürzungen vom Säntis Berggasthof – der übrigens vor wenigen Wochen totalrenoviert neu eröffnet wurde – zum Gipfel kannten und sich im Vorfeld die besten Standorte aussuchen konnten. Das bisschen Wind konnte wohl keinem etwas anhaben, doch es sollte noch anders kommen …

 


Christian Heeb zeigt uns beeindruckende Landschaftsbilder

Bei seinem Einführungsreferat schöpfte Christian Heeb aus dem Vollen. Er zeigte nicht nur seine Klassiker der Landschaftsfotografie, sondern auch bisher Ungesehenes und erklärte bereitwillig und souverän, wie seine Bestseller entstanden. Nicht mit Tricks, Kniffs und Photoshop, sondern ganz einfach mit jahrelanger Erfahrung, fachlichem Können und einer hervorragenden Bildersprache. Abgesehen von den grossen Monden vielleicht, deren Geheimnis wir nun auch kennen …

Beeindruckend, wie uns Christian vor Augen führte, wie die Sonne und der unterschiedliche Sonnenstand eine Landschaft völlig verändert. «Es braucht etwas Glück dazu, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Doch mittlerweile kenne ich viele Locations so gut, dass ich genau weiss, wann sich dort eine besondere Lichtstimmung aufbaut» erklärt der Meister. Als Hilfsmittel für seine Bilder setzt Heeb meistens einen Polfilter ein, um dem Himmel mehr Farbkontrast zu verleihen oder einen neutralgrauen Verlauffilter, um diesen dunkler und damit dramatischer wiederzugeben. «Ich mache soviel wie irgend möglich schon bei der Aufnahme, auch der exakte Weissabgleich beispielsweise, denn das Bearbeiten der vielen RAW-Files ist einfach zu zeitraubend.» Zudem arbeitet Christian fast ausschliesslich manuell: «Dabei weiss und sehe ich exakt was ich mache und überlasse nichts einer zufälligen Automatik oder gar den modernen und eher verwirrenden Motivprogrammen.» Nur in Ausnahmefällen, und wenn ihm die Schärfentiefe wichtig ist, stellt er die Kamera auf Blendenvorwahl.

Nach der Theorie folgt die Praxis

 

Alles Zweitklassige gleich wegschmeissen …

Und wie geht Christian mit der Datenflut um, denn wer fleissig RAW und JPEG fotografiert wird immer wieder mit vollen Backups bestraft. «Ich treffe mit Tags eine erste und zweite Wahl und lösche alles andere sofort» erklärt Christian. Die erste Wahl wird danach bearbeitet und als TIFF abgespeichert, die dann auch an die Bildagenturen gehen, sowie als JEPG, die er für seine Bildauswahl und die Webseite braucht.

Allerdings, so gesteht Christian, sei die Verlockung gross in gewissen Fällen mit Photoshop dem Bild einen gewissen Effekt oder ein zusätzliche Bildelement zu verpassen. Der Mond beispielsweise, der in Wirklichkeit nie so gross sein kann und den viele Kunden in Christians Bildern einfach wollen, oder der vorbeifliegende Adler, den wir nun auch alle persönlich kennen … «Das hat sich heute in die Bildersprache wie ein Dialekt eingebürgert und ist Teil der fotografischen Kreativität geworden … deshalb darf man den Bildern nicht mehr gedankenlos trauen!»


Diaschau: Eine Auswahl bester Bilder

 

Der Pilatus und sein Panorama

«Ich bin zum ersten Mal hier oben» gesteht ein Teilnehmer aus England, «und ohne diesen Workshop hätte ich sicher nicht in diesem Berggasthaus übernachtet und nie den Sonnenuntergang und den Sonnenaufgang erlebt!» Vom Berggasthaus geniesst man gegen Süden einen beeindruckenden Ausblick auf die Churfirsten und die dahinterliegende Alpenkette, während man vom Gipfel aus im Westen das Zürcher Oberland erkennt und im Norden und Osten die st.gallische und appenzellische Ostschweiz im praktischen Geografieunterricht erforschen kann. Motive noch und noch … vor allem als sich am Abend die Landschaft in einem immer interessanteren Licht präsentiert. Gleichzeitig setzt von Westen her ein bissiger Wind ein – Matt hatte also nicht ganz Unrecht mit seinen Ermahnungen zu guter Ausrüstung … und es sollte im Laufe der Nacht noch mehr davon kommen.


Der Moment, auf den alle gewartet haben …

Einige Unentwegte haben sich sogar auf einem Bergpfad durch Gestein und über Schneefelder Richtung Süden gewagt, um den eindrucksvollen Säntisgipfel aus einer ungewohnten Perspektive zu fotografieren. Kälteunempfindliche haben zudem versucht nachts die Sterne zu fotografieren – allerdings mit beschränktem Erfolg, denn der Mond war zu hell, und der Dunst hatte sich dazu doch zu wenig aufgelöst. Und am nächsten Morgen hat uns Matt Andrews stolz mit lichtgemalten Bildern überrascht: Er stieg mit einer Taschenlampe den steilen Treppenweg zum Gipfelgebäude empor, nicht nur, um Lichtspuren zu hinterlassen, sondern um auch mit Lightpainting das Gebäude darzustellen. Belichtungszeit: etwa zwei Minuten – verbunden mit einer beachtlichen sportlichen Leistung.

Lightpainting verbunden mit sportlicher Leistung von Matt Anderson

Zu dieser Zeit waren die meisten schon beim zweiten «Hollunderio», um sich aufzuwärmen. Das ist eine Spezialität des Alten Säntis, bestehend aus harmlosen Hollundersirup mit (etwas) kräftigem Zwetschgenwasser. Wärmt die Glieder, lockert die Kehlen und sorgt schliesslich für «en tüüfe, gsunde aber churze Schaf» …

Einige harren noch in der Kälte aus, während es im Alten Säntis immer gemütlicher wird …

Sonnenaufgang: 05:36!

Wer sich an den Alten Berggasthof erinnert, wird nun eines Besseren belehrt: Alles neu, alles frisch – mit einem Komfort und einer Küche, wie man es kaum auf dem höchsten Gipfel der Ostschweiz erwarten würde. Allerdings blieben den meisten nur wenige Stunden Erholung beschert, denn wer will schon die Fotografiergelegenheit des Sonnenaufgangs verpassen?


Die Morgendämmerung hat ihre besondere Faszination

Als ich um fünf Uhr dick verpackt auf die Terrasse des Berggasthofes trat, waren bereits ein Dutzend Vermummte an ihren Kameras beschäftigt. Das fahle Dämmerlicht mit seinen zarten Pastelltönen gibt der Landschaft einen ganz besonderen Anstrich, der immer rötlicher und kontrastreicher wird – bis schliesslich der glühende Sonnenball durch zwei Wolkenbänke hindurchbricht. Zwar war es kein Bilderbuch-Sonnenaufgang, wie man ihn sonst auf diesem Gipfel erleben kann, aber immerhin ein spektakuläres Naturschauspiel, das für uns alle unvergessen bleibt. Das bisschen Schlaf und der Durchhaltewillen wurde so mit viele fantastischen Stimmungsbildern belohnt.

Beim Frühstück wurde die wärmende Wirkung des «Hollunderio» fantasielos an Kaffee, Tee oder Ovomaltine übertragen. Da und dort kamen Laptops aus den Taschen, und fleissig wurden danach Bilder betrachtet, ausgewählt, bearbeitet und heftig besprochen. Matt hat auch gleich seine Favoriten zu einer Bildpräsentation zusammengestellt, welche bei der Bildbesprechung noch einiges zu diskutieren gab. Er hatte uns nicht nur mit vielen Schnappschüssen überrascht, sondern er verstand es auch, uns ein paar wichtige Tipps mit auf den Weg zu geben, um künftig Landschaften wirkungsvoller mit anderen Techniken fotografieren.

Die schönsten Minuten, bevor die aufgehende Sonne wieder hinter einer Wolkenbank für heute verschwindet

«Für mich hat sich der Workshop in dreierleich Hinsicht gelohnt» sagte mir ein Teilnehmer: «Erstens bin ich um wertvolle fotografische Erfahrungen und gelungene Bilder reicher. Zweitens habe ich interessante Menschen mit gleichen Interessen kennengelernt und von einem regen Gesprächsaustausch profitiert. Und drittens habe ich den Säntis und seine Aussicht in einem völlig neuen Licht erlebt …»

Inzwischen hatte sich eine zähe Wolke um den Gipfel gelegt und machte uns mit einem undurchdringlichen Nebel und eisigem Regen den Abschied leichter. Wahrlich, die Wettergötter hatten es gut mit uns Fotografen gemeint …

Nicht auszudenken, wenn diese Wolke schon am Samstag gekommen wäre …

Ob es wieder einen Workshop «Licht und Berge» mit Christian Heeb geben wird? «Sicher. Die Teilnehmer scheinen sehr zufrieden gewesen zu sein» erklärte Matt Anderson. «Wann, wissen wir zwar noch nicht definitiv, aber die erste Junihälfte nächsten Jahres dürfte wiederum ideal sein …»

Urs Tillmanns

Finden Sie hier weitere

• Informationen über Christian Heeb und das Cascade Center of Photography

• Informationen zum englischen Kursprogramm von ViewFinder Center for Photography

• (demnächst) weitere Bilder der Teilnehmer dieses Workshops

• Informationen zum Berggasthaus Alter Säntis

Lesen Sie auch unser Exklusiv-Interview mit Christian Heeb vom Januar 2011.

 

 

 

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