Urs Tillmanns, 10. August 2013, 12:14 Uhr

Wird die Lytro die Fotowelt verändern? Ein Erfahrungsbericht

Vor knapp zwei Jahren wurde sie erstmals gezeigt, jetzt ist sie da, die Lytro-Kamera. Das Besondere: Sie stellt nicht auf eine bestimmte Ebene scharf, sondern sie registriert den gesamten Motivraum und überlässt das Fokussieren hinterher dem Betrachter. Wir haben die Lytro-Kamera in der Praxis erprobt …

Man könnte meinen, nach 170 Jahren Kameraentwicklung und dem gigantischen Sprung von der analogen zur digitalen Fotografie vor mehr als einem Jahrzehnt, sei die Fotografie allmählich am Ende ihrer technischen Fantasie. Doch offensichtlich kommen die Techniker immer wieder auf neue Ideen, womit sie die Kameras noch bereichern könnten. Die an sich nicht neue Lichtfeld-Fotografie mit einer plenoptischen Kamera, die bisher weitgehend technischen und wissenschaftlichen Anwendungen vorbehalten war, findet jetzt Einzug in den Amateurmarkt und ist dort mit dem ersten käuflichen Produkt präsent, der Lytro-Kamera.

Lytro Kamera Farbvarianten

Die Lytro-Kamera gibt es in drei Farben mit 8 oder 16 GB Speicher, das reicht für 300 oder 600 Aufnahmen

Neu daran ist, dass die Kamera nicht mehr eine bestimmte Ebene scharf aufnimmt, sondern den gesamten Motivraum nach mehreren Parametern registriert, woraus danach ein Bild erstellt wird, in welchem die Schärfeebene beim Betrachten frei gewählt werden kann. Der Betrachter kann also mit einem Mausklick auf dem fertigen Bild bestimmen, was er scharf sehen möchte, den Vordergrund, die Mittenszene oder den Hintergrund. Mit dieser Erklärung wird auch schon der erste Nachteil des Systems offensichtlich: die Bilder können nur auf einem Bildschirm im entsprechenden Programm von Lytro betrachtet werden, das es für Mac und für Windows 64bit-Rechner gibt. Oder auf dem iPhone bzw. iPad, denn es gibt eine Lytro-App, mit der die auf der Lytro-Webseite gespeicherten Bilder überall mit der Scharfstell-Überraschung präsentiert den können.

 

Je prägnanter der Vordergrund, desto effektvoller das Lytro-Bild. Interessant wird es bei Nahaufnahmen. Klicken Sie mit der Maus auf das Bild und entscheiden Sie, welchen Bildbereich Sie scharf sehen möchten. Das ist die Grundidee von Lytro

Verschicken, oder «teilen» wie die Industrie dazu gerne sagt, kann man die Bild über die Webseite von Lytro (um dazu nicht Cloud zu sagen). Möchte man von den Aufnahmen Prints anfertigen, so kann man über die Software aus dem dreidimensionalen Bild ein JPEG generieren, wobei logischerweise der Raumeffekt verloren geht – abgesehen davon, dass die Qualität des jpg-Bildchens recht dürftig ist, weshalb Lytro dies Möglichkeit zwar bietet, aber ausdrücklich nicht empfiehlt.

Lytro Display

Das munzige Display ist grösster Kritikpunkt der Kamera. Es ist nicht nur zu klein, sondern auch noch zu dunkel, glänzt und hat eine zu geringe Auflösung.

 

Eine neue Kameraform

Die Kamera selbst kommt als Quader daher, etwa so lang wie ein Smartphone und 4 x 4 cm breit, bzw. hoch, vorne die formatfüllende Frontlinse, hinten ein Touchscreen als Display, das wegen seiner mickerigen Abmessung von 4 x 4 Zentimeter, der im OLED-Zeitalter dürftigen Helligkeit und geringen Auflösung von nur 127 x 127 Pixel der Kamera schon viel Kritik eingeheimst hat. Die Lytro-Leute sollten mal Apple fragen, wie man das besser macht – in Cupertino waren sie ja schon mal …

Lytro Phantombild

Phantomdarstellung der Lytro-Kamera

Auch die Handhabung wirkt zunächst gewöhnungsbedürftig, doch zeigen Praxis und die ersten Bilder, dass man den «Stick» erstaunlich verwacklungssicher in der Hand hat.

Die Bedienelemente beschränken sich gut getarnt auf ein Minimum: Ein- und Ausknopf an der Unterseite, Zoomschieber oberhalb des Displays, wo sich auch der Auslöser befindet, sowie eine USB-Buchse auf der Unterseite. Sie dient zur Akkuladung und zum Übertragen der Bilder in den Computer. Für letzteres steht auch eine WiFi-Funktion zur Verfügung

Über den Touchscreen sind einige weitere Einstellungen möglich, wie Betriebsart (Everyday- oder Creative-Mode), Speicherkapazitätsanzeige, Papierkorb, WiFi-Funktion, sowie Verschlusszeitenvorwahl (von 8s bis 1/250), ISO-Einstellung (von 80 bis 3200) und einen zuschaltbaren ND-Graufilter. Mehr nicht. Was fehlt, sind Einstellungen für Belichtungskorrektur, Weissabgleich und dergleichen, für Anwender, die es mit der Bildqualität etwas genauer nehmen möchten, als es die Automatik der Kamera vorgibt – obwohl diese auch kritische Situationen recht gut gemeistert hat.

Auch auf einen Bildstabilisator muss man verzichten und auf ein veraltetes Stativgewinde sowieso, obwohl beides mit einer längsten Belichtungszeit von 8 (!) Sekunden und einem Achtfachzoom entsprechend 43 bis 344 mm bei Kleinbild mehr als seine Berechtigung hätte.

Alles in allem also eine recht minimale technische Ausstattung für eine Kamera in der Preislage von 600 bzw. 700 Franken. Feature-Freaks werden also kaum auf ihre Rechnung kommen, doch die Stärken der Kamera liegen ganz woanders …

 

Bilder der vierten Dimension

Die Lytro-Kamera registriert nicht eine Motivebene scharf, sondern sie erfasst den gesamten Motivraum, indem die Lichtstrahlen durch ein Mikrolinsen-Raster im proprietären Lytro Lichtfeld-Sensor (Grösse 4,6 x4,6 mm) in Lichtkegel aufgebrochen und von mehreren Pixeln erfasst werden. Aus der Winkelinformation der Lichtkegel (4D-Lichtfeld), der Intensität und der Farbe konstruiert nun die Software ein Bild, in welchem jede beliebige Schärfeebene angewählt und scharf dargestellt werden kann.

Copyright Ren Ng

Prinzipschema des Strahlengangs in der Lytro-Lichtfeldkamera aus der Dissertation des Lytro-Erfinders Ren Ng

Die Auflösung wird in der Lichtfeld-Fotografie nicht in Megapixel angegeben, sondern in Anzahl Lichtstrahlen (Megarays), die vom System ausgewertet werden können; die Lytro-Kamera nutzt rund 11 Megarays. Weil jeder Lichtkegel von mehreren Pixeln erfasst wird, ist die Auflösung geringer als bei einer konventionellen Digitalkamera – sie dürfte bei der Lytro-Kamera umgerechnet etwa zwei Megapixel betragen.

Der Datensatz wird in der Lytro Kamera provisorisch ausgewertet, damit das Bild schon auf dem Kamera-Display refokussiert werden kann. Wird das Bild aus der Kamera auf den Computer geladen, berechnet die Lytro Desktop Software das Lichtfeld präziser und stellt eine detailliertere Version des Bildes auf dem Computerbildschirm dar.

 

Bilder mit dem Wow-Effekt

Schaut man sich die Lytro-Aufnahmen auf dem Bildschirm an, so bleibt der Wow-Effekt kaum aus, vor allem, wenn man sich auf geeignete Objekte konzentriert hat. Geeignete Objekte sind solche, die sich durch einen markanten Vordergrund und eine grosse Tiefenausdehnung charakterisieren. Bilder «normaler» Distanzen und solche im Unendlichbereich sind «lytrografisch» wenig interessant, weil die Motivebenen aufgrund der grossen Schärfentiefe zu gering differenziert sind.

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Ein ideales Lytro-Motiv: Mit einem Mausklick legen Sie die Schärfe entweder auf die Hummel im Vordergrund oder auf den Hintergrund

 

Besuch mit der Lytro-Kamera in der Arena von Verona. Ob Sie den Vorder- oder den Hintergrund scharf sehen wollen bestimmen Sie

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Bei Unendlich-Motiven bringt die nachträgliche Scharfeinstellung logischerweise wenig, wie das Bild des Rheinfalls von Neuhausen zeigt

 

Zwei Fotografiermodi

Bei der Lytro-Kamera kann man zwei verschiedene Betriebsarten anwählen, den Everyday-Mode oder den Creative-Mode. Den Everyday-Mode bezeichnen wir mal etwas salopp als «Knips-Modus», denn damit werden nur einfache Lichtfeldbilder erstellt, und der Zoombereich reicht nur bis 4,3x. An Bildern, die im Creative-Mode erstellt wurden, kann nicht nur die Schärfe nachträglich verändert werden, sondern auch die Perspektive. Unser Bild der Computertastatur, sowie dasjenige der Hummel verdeutlichen diesen Effekt, aber dazu später. Im Creative-Mode kann durch Anklicken auf dem Display eine Schärfeebene prioritär festgelegt werden und auch der volle Zoombereich bis 8x steht nun zur Verfügung, wobei bei extremen Teleaufnahmen die Schärfendifferenzierung sehr gering ausfällt.

 

Lytro Brennweitenvergleich

Der Zoombereich der Lytro-Kamera reicht im Everyday-Modus von 43-185 mm und im Creativ-Modus bis 344 mm (entspr. Kleinbild)

Ob ein Bild im Everyday- oder im Creative-Modus erstellt wurde, ist leicht festzustellen: Wenn Sie beim Anklicken die linke Maustaste drücken, lässt sich durch Hin- und Herschieben mit der Maus die Perspektive in jeder Richtung verändern. Perspektive verändern? Wenn man zwei Bilder unterschiedlicher Perspektive nebeneinander montiert, so müssten diese doch dreidimensional wirken?

 

Die Lytro kann Stereo!

StereobetrachterGesagt getan. Wir haben zwei Lytro-Bilder unterschiedlicher Perspektive als JPEG abgespeichert, in passender Grösse ausgedruckt und nebeneinander montiert. Dann haben wir Urgrossvaters Stereobetrachter aus der Vitrine geholt und waren gespannt, ob sich der räumliche Bildeffekt nun wirklich einstellt …

Es funktionierte auf Anhieb, und so kam der antike Stereobetrachter zu neuen Ehren. Falls Sie auch einen solchen besitzen und das Experiment nachmachen möchten, finden Sie hier zwei Stereo-Bildpaare. Laden Sie die Dateien herunter, drucken Sie sie in der passenden Grösse Ihres Stereobetrachters aus (Eventuell müssen Sie die Bilder noch etwas versetzen) und geniessen Sie den Raumeffekt!

 

Stereobild Hummel

Hier zwei Lytro-Stereobildpaare, die Sie herunterladen, in der passenden Grösse ausdrucken und selbst in ihrem Stereobetrachter ansehen können

Stereobild Tastatur

 

Erkenntnis: Die Lytro-Kamera ermöglicht nicht nur das Nachfokussieren von Bildern, sie ist auch in der Lage mit einem Objektiv Stereoaufnahmen zu bewerkstelligen. Das ist neu in der Fotografie und könnte für die Zukunft des dreidimensionalen Bildes ein bedeutender Schritt sein.

Lytro auf iPhone

Lytro-Aufnahmen können auch auf iPhone betrachtet werden. Dazu muss man sich bei Lytro.com registrieren und die Bilder über die Lytro-Software dorthin hochladen

 

Fazit

Die Lytro-Kamera ist die erste Lichtfeldkamera für den Consumermarkt. Verständlich, dass sie als völlige Neukonstruktion und einer neuartigen Technologie teuer ist, für viele Konsumenten wahrscheinlich zu teuer. Sie hat auch noch Nachteile: Das Display ist klein und dunkel, die Bilder lassen sich nur mit einer proprietären Software betrachten und sind, gemessen an den üblichen Digitalkameras, qualitativ deutlich unterlegen. Die Möglichkeit, die Bilder nachträglich fokussieren zu können, mag für viele mehr Spielerei als Nutzen sein. Und doch könnte diese Technologie ein grosses Entwicklungspotential bieten, das mit unserem heutigen Kenntnisstand kaum abschätzbar ist. Mal sehen, was die Lytro-Techniker noch alles aus dem vierdimensionalen Lichtfeld herauskitzeln …

Urs Tillmanns

Die Lytro-Testkamera wurde uns freundlicherweise von FotoPro zur Verfügung gestellt.

 

Was Sie auch noch lesen sollten …

Das KaleidoCam Modul bietet Lichtfeld und 3D mit gängigen DSLRs
(Fotointern.ch, 14.08.2013)

Lytro-Kamera soll ab 15. Juli 2013 in der Schweiz erhältlich sein
(Fotointern.ch, 05.07.2012)

Lichtfeldkamera «Lytro» – erstes Hands-on auf der photokina
(Fotointern.ch, 27.09.2012)

Scharfstellen nach der Aufnahme: Die Lichtfeldkamera kommt Anfang 2012
(Fotointern.ch, 21.10.2012)

Lichtfeld-Kamera: Schärfeebene nachträglich bestimmen
(Fotointern.ch, 24.06.2011)

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6 Kommentare zu “Wird die Lytro die Fotowelt verändern? Ein Erfahrungsbericht”

  1. Naja, die Idee an sich ist ja wirklich ganz witzig und es ist auch fazinieren, dass sowas möglich, ABER für den z.B. Hobbyfotograf ist das sicherlich nichts!!! Es ist ja das tolle daran, eine „richtige Kamera“ in der Hand zu halten und super Fotos zu machen. So ein Miniding verdirbt doch das ganze, was man mit dem fotografieren verbindet, es kommt keine Leidenschaft dabei auf.

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