Urs Tillmanns, 15. März 2014, 12:02 Uhr

Buchtipp: Tobias Madörin «Topos – Contemporary Global Prospects»

Mit «Topos» zeigt der Fotokünstler Tobias Madörin Städte- und Landschaftsbilder als Produkt menschlicher Ideen und Ideale, aber auch als Resultat von Ausbeutung, Gier und Überlebenskampf. Die Bilder sind während zwei Jahrzehnten entstanden und zeigen von Menschen geprägte Orte aus 20 Ländern in Afrika, Amerika, Asien und Europa.

Als satter Vierpfünder kommt er daher, der Bildband von Tobias Madörin «Topos». Das Städtebild auf der Titelseite und das Bild einer Überschwemmung in Weesen auf der Rückseite sind schon recht repräsentativ für den Inhalt des Buches. Es geht um Landschaften. Landschaften im weitesten Sinne, denn eigentlich steht nicht mehr die Landschaft selbst im Fokus, sondern der Mensch, der diese Landschaft verändert hat. Verändert, um sie sich Untertan zu machen, verändert um mehr und noch mehr aus ihr herauszuholen, um sie mit üppigen Bauten und gigantischen Bauwerken nach seinem Behagen zu gestalten. Die Natur tritt dabei in den Hintergrund, ist umgestaltet, wie zum Beispiel in den dramatischen Bildern des Braunkohletagbaus im deutschen Jänschwalde oder Cottbus, einer Müllhalde in Rio de Janeiro oder der Goldabbaugebiete und Urwälder Ugandas. Es entstehen völlig neue Topografien und Landschaftsbilder, die durch ihre Aussage plötzlich wieder zu faszinieren beginnen – aber sie klagen auch an! … Andere Bilder Madörins zeigen Orte, in denen sich die Gesellschaft aufhält, wie Plätze, Sportstadien, Schwimmbäder oder Strände, wie beispielsweise jene von Benidorm in Spanien. Die Menschen, meist Ansammlungen oder Menschenströme, spielen darin eine untergeordnete Rolle und sollen die Hektik dokumentieren und das Erfolgsstreben unserer Zeit.

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Madörins Bilder wollen anklagen. Sie zeigen Situationen in Argentinien (3), Brasilien (12), Chile (5), China (3), Deutschland (9), England (1), Frankreich (3), lndonesien (7), Island (1), Italien (3), Japan (7), Kenia (1), Libanon (1), Malaysia (10), Österreich (1), Ruanda (4), Spanien (9), Uganda (3), USA (5) und in der Schweiz (14). Sie zeigen verbetonnierte Grossstädte, verbaute Strände, menschenunwürdige Slums, verunstaltete Berge und Schluchten, tote Seen die nicht dahin gehören wo sie sind, weggeschmolzene verschmutzte Gletscherreste … Auch die Schweiz kommt dabei nicht schonungsloser hinweg.

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Madörins Bilder sind über eine fast 20jährige Zeitspanne entstanden und zeigen sehr subtile und perfekt gestaltete Fotografien. Die Motive und Standorte sind sorgsam ausgewählt, und zwar so, dass mit dem meist erhöhten Kamerastandort die Übersicht und Tiefe die Szene voll zur Geltung kommt. Die Grossformataufnahmen sind alle exakt geradegestellt und nichts scheint dem Zufall überlassen. Die meisten Bilder zeigen die Motive bei bedecktem, trübem und dunstigen Wetter, was die Dramatik und Morbidität der Szenen noch steigert.

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Die durchwegs ganzseitigen Bilder hinterlassen beim Betrachter einen starken Eindruck, der durch nichts gestört wird. Eine grosszügige, sehr gelungene Grafik, bei der höchstens mit der Bildabfolge eine noch stärkere Wirkung hätte erzielt werden können.

Die Bilder sprechen eine starke, unmissverständliche Sprache, die mit dem sehr lesenswerten Essay von Nadine Olonetzky aufschlussreich unterstützt wird. Die Autorin verrät darin viel über die Philosophie von Madörins Werk und reiht seine Arbeit gekonnt in die Kunstszene ein.

Madörins «Topos» ist ein sehr interessantes, ja faszinierendes Buch, das man immer wieder durchblättert und sich zu jedem Bild seine Gedanken macht. Zu den Menschen, und wie sie mit ihrem Umfeld umgehen, zu den Nachkommen, die anscheinend nichts dazu gelernt haben und zu Mahnmalen, die uns eigentlich etwas Besseren belehren sollten. Tobias Madörin spricht in «Topos» eine deutliche Sprache. Hoffentlich verstehen sie alle …

Urs Tillmanns

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Buchbeschreibung des Verlages

Städte und Landschaften sind das Produkt menschlicher Ideen und Ideale, aber auch das Resultat von Ausbeutung, Gier und Überlebenskampf. Tobias Madörins Topos zeigt sie als Bühnen für das Leben. Topos entstand 1991- 2013 in Argentinien, Brasilien, Chile, in Ruanda und Uganda, Japan und lndonesien sowie in Spanien, Frankreich, Italien, Deutschland und in der Schweiz.

Seit über 20 Jahren arbeitet der Fotokünstler Tobias Madörin (*1965) an der Fotoserie Topos. Ob Barcelona, São Paulo oder Grindelwald, ob in Uganda, Japan oder Indonesien: Mit seinen grossformatigen Farbfotografien – eigentlichen Tableaus, wie es die grossen Landschaftsgemälde des 19. Jahrhunderts waren – erforscht Madörin vom Menschen geprägte Orte.

Tobias Madörin. Topos ist die erste Monografie, die das Werk dieses bedeutenden Schweizer Fotokünstlers präsentiert. Das Buch zeigt die wichtigsten Bilder der Serie, kommentiert von einem Essay, der sie in die zeitgenössische Fotografie und in die Geschichte der Darstellung von Landschaft und Stadt einordnet.

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Die Autoren

Tobias Madörin, geboren 1965 in Basel, lebt und arbeitet in Zürich. Reisen durch Europa, Süd- und Nordamerika sowie Asien und Afrika führten ihn an die verschiedensten Orte, an denen Bilder für sein Langzeitprojekt Topos entstanden. Seit 1990 stellt Tobias Madörin regelmässig in Gruppen- und Einzelausstellungen aus, u.a. in der Galerie Stihl Waiblingen, im Museo Cantonale d’Arte Lugano (2013), in der Galerie A.C. Kupper Modern, Zürich (2012), im Ausstellungsraum 25, Zürich, und im Kunsthaus Zürich (2006), im Museum im Bellpark Kriens und im Schweizer Pavillon an der Weltausstellung Expo 2005, Aichi, oder im Museum of Architecture, Moskau (2002). Tobias Madörin wurde mit Stipendien und Preisen ausgezeichnet, sein Werk ist in mehreren Kunstsammlungen vertreten. Er publizierte die Bildbände Berlin – City in Space (Vice Versa Verlag, 2004), Gleichgesinnt. Der Verein – ein Zukunftsmodell (Kontrast Verlag, 2003) und Barcelona – City in Space (Neuer Kunst und Medienverlag Zürich, 2001).

Nadine Olonetzky, geboren 1962 in Zürich, schreibt u.a. für die NZZ am Sonntag zu Themen aus Fotografie, Kunst und Kulturgeschichte und ist Autorin sowie Herausgeberin mehrerer Bücher. Sie ist Mitglied von Kontrast in Zürich (kontrast.ch) und Lektorin im Verlag Scheidegger & Spiess.

 

Tobias Madörin
«Topos – Contemporary Global Prospects»
1. Auflage, 2014
Gebunden, 224 Seiten, 101 farbige Abbildungen
Format 32.5 x 28 cm
Text Deutsch und Englisch
ISBN 978-3-85881-372-5
Verlag Scheidegger & Spiess
Herausgegeben und mit einem Beitrag von Nadine Olonetzky
Preis: CHF 99.–

Das Buch kann hier online bestellt werden.

 

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