Urs Tillmanns, 18. Oktober 2014, 10:00 Uhr

Buchtipp: Henry Carroll «Big Shots!»

Ein kleines, unscheinbares Taschenbuch, das alles Wichtige über Fotografie enthält. In einer Sprache und einer Didaktik, die jeder versteht – ohne Kurven und Technik-Jargon. Wegweisend sind 50 Beispielbilder der weltbekanntesten Fotografen, an denen alles erklärt wird. Das Büchlein sollte Pflichtlektüre für jemanden sein, der Fotografie richtig erlernen will – und für jemandem, der von Grund auf bessere Fotos machen will.

 

Zuerst wollte ich es gar nicht besprechen. Das Taschenbuch mit seinem schwarzen Umschlag kommt wenig «fotografisch» daher, und wäre da nicht sein marktschreierischer Titel, so würde ich es in der Buchauslage wohl glatt liegenlassen. «Wieder so einer, der einfach den Grossen nachlabert» dachte ich beim ersten Durchblättern. «Ignorierten Sie erst einmal alles …» stoppte mich die erste Doppelseite. «Sie werden feststellen, dass es bei genialen Fotos weniger um technisches Know-how und vielmehr darum geht, Ihr wertvollstes Instrument zu bedienen – die Augen.»

Das ist ein neuer Aspekt für ein Grundlagenbuch. Es fängt nicht erst einmal mit den technischen Grundlagen an, wie Kameraarten, Sensorgrössen, Verschlusszeit, Blende – logischerweise mit dem ausgelatschten Vergleich mit dem Wasserhahn – und Lichtempfindlichkeit, sondern es beginnt mit unseren Augen. Denn es sind die Augen und unser Gehirn, die das Bild machen, nicht die Kamera.

Die nächste Doppelseite: «Stellen Sie sich die Komposition als Fundament Ihres Bildes vor. Wie bei jedem Bauwerk muss es stark sein.» Das Eis war gebrochen. Wer ein Lehrbuch so aufbaut, hat wirklich etwas zu sagen. Wer ist «er»? Henry Carroll leitet die wahrscheinlich bedeutendste Ferien- und Freizeitschule für Fotografie in England. Seine Art, die Fotografie den Leuten aller Altersklassen einfach und einleuchtend beizubringen, hat ihm diesen Erfolg gebracht. Und das kleine schwarze Büchlein ist so etwas wie seine Bibel – die übrigens inzwischen in zehn Sprachen übersetzt worden ist.

Carroll fotografiert nicht mühsam die Beispielbilder zu seinem Buch selbst, sondern er nimmt die Ikonen der grossen Meister zu Hilfe. Henri Cartier-Bresson, Ansel Adams, Dorothea Lange, Sebastião Salgado und wie sie alle heissen. Es sind Stopper, die wir alle kennen, und Henry Carroll erklärt uns damit, worauf es in der Fotografie wirklich ankommt. Wie ein Bild aufgebaut sein muss, über Führungslinien, die Zwei-Drittel-Regel, die Symmetrie – «Vermeiden Sie bei der Bildkomposition ‚passive‘ Bereiche, die nichts zu Bild beitragen». Auch ein starker Satz, den man sich merken muss. «Ich verwende keine Kurven oder Insider-Jargon um Ihnen die Grundlagen der Fotografie zu erklären … das steht Ihnen anfangs nur im Weg und hält Sie davon ab, wirklich kreativ zu sein.»

Natürlich geht dann Caroll auch auf die technischen Grundlagen ein, aber auf seine Art eben. Verschlusszeit, Blende und ISO, Av und Tv … Carroll hängt alles an Schärfentiefe und Einfrieren der Bewegung als grundlegende Bildgestaltungselemente auf. Und dann noch dies: «Nehmen Sie mal kurz Platz. Ich muss Ihnen etwas sagen, was für Sie ein Schock werden kann: Der manuelle Modus (M) ist reine Zeitverschwendung. ‚Manuel‘ führt zu Verzögerungen, Verwirrung … und am Ende verpassen Sie das Bild.»

Dann geht das Büchlein auf die Lichtarten ein: Hartes Licht ist brutal, weiches schmeichelhaft … und der eingebaute Blitz, der einzig zur Schattenaufhellung taugt, nie aber zur Ausleuchtung des Motivraums. Und bei der Erklärung der Objektive rollte Carroll die technischen Begriffe über die Perspektive, den Motivraum und die Nähe zum Motiv auf. Logisch und praxisgerecht eben …

Die rund sechzig Doppelseiten – auf jeder wird ein Bild eines berühmten Fotografen als Beispiel gezeigt – enthalten mehr und besser erklärtes Praxiswissen als manches Buch, das fünfmal so dick ist und dreimal so viel kostet. Wenn mich heute jemand frägt, wozu ich ihm rate, um das Wichtigste über Fotografie zu lernen, werde ich ihm sagen: «Lies das schwarze Büchlein von Henry Caroll von vorne bis hinten durch. Es steht alles drin, was Du über Fotografie wissen musst. Und zwar so, dass Du es verstehst. Der Rest spielt sich dann in Deinem Kopf ab!»

Urs Tillmanns

Big_Shots

 

Buchbeschreibung des Verlags

Keine komplizierten Kurven. Keine technischen Diagramme. «Big Shots! » führt Sie durch die Grundlagen von Komposition, Belichtung, Licht, Objektiven und Bildgestaltung, ohne Sie mit Technikgefasel zu langweilen. Als Schule des Sehens richtet sich dieses Buch an Einsteiger und Profis und eignet sich für Besitzer von Kompakt- und DSLR-Kameras. Randvoll mit praktischen Tipps und Techniken, die sich sofort in Ihren Fotos zeigen. Mit einer Auswahl der besten Aufnahmen von 50 renommierten Fotografen von Weltrang, die Sie dazu inspirieren, selbst zur Kamera zu greifen.

Aus dem Vorwort: «Dies ist kein Lehrbuch, und ich werde keinen Insider-Jargon verwenden, um Ihnen die Grundlagen der Fotografie zu erläutern. Das brauchen Sie erst einmal nicht zu wissen. Vielmehr steht Ihnen das alles anfangs nur im Weg und hält Sie davon ab, wirklich kreativ zu sein. Stattdessen enthält dieses Buch inspirierende Arbeiten von Fotografen von früher und von heute. Schauen Sie sich die Bilder an, verstehen Sie ihre Ideen und lernen Sie, wie Sie die Techniken selbst umsetzen können. Sie werden feststellen, dass es bei genialen Fotos weniger um technisches Know-How und vielmehr darum geht, Ihr wertvollstes Instrument zu bedienen – Ihre Augen.»

Mit 50 Werken von Top-Fotografen: Henri Cartier-Bresson, Dorothea Lange, Sebastião Salgado, René Burri, Elaine Constantine, Ansel Adams, Guy Bourdin, Martin Parr, Bill Brandt u.v.a.

Big_Shots

 

Der Inhalt

Einführung
Ignorieren Sie erst einmal alles

Big_Shots

Komposition
Führungslinien / Quer- oder Hochformat / Rahmen / Vordergrund / Nah rangehen / Symmetrie / Die Drittelregel / Funktionierender Bildausschnitt / Optisches Gewicht / Regeln brechen

Big_Shots

Belichtung
Modi / «Programm»-Modus / Belichtungszeit und «Blendenautomatik» / Lange Belichtungszeiten / Lange Belichtungszeiten in der Dunkelheit / Kurze Belichtungszeiten / Blende und «Zeitautomatik» / Geringe Schärfentiefe / Grosse Schärfentiefe / ISO 50 / «Manuell» / Belichtungskorrektur

Big_Shots

Licht
Hartes Licht / Weiches Licht / Hartes Licht (Fortsetzung) / Weiches Licht (Fortsetzung) / Hartes Licht (Fortsetzung) / Weiches Licht (Fortsetzung) / Natürliches und künstliches Licht / Weissabgleich / Eingebauter Blitz / Aufhellblitz

Big_Shots

Objektive
Objektive leicht gemacht / Weitwinkel/kurze Brennweite / Tele/lange Brennweite / Normale Brennweite / Objektive mit fester Brennweite / Makrofotografie

Big_Shots

Sehen
Entscheidende Augenblicke / Die Gefahren der Perfektion / Unerwartete Schönheit / Die Welt ohne Kamera / Eine andere Sichtweise / Das Gute vom Schlechten / Wie Sie die Aufnahme machen / Ein Motiv, eine Aufnahme / Die Bedeutung der Faszination / Die Macht eines Projekts / Das zusätzliche Etwas

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Anhang
Fehlerbehebung / Index / Bildnachweise / Danksagungen

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Der Autor

Henry CarrollHenry Carroll studierte Fotografie am Royal College of Art, und seine Werke wurden in zahlreichen internationalen Ausstellungen und Publikationen veröffentlicht. Mit seiner reichhaltigen praktischen Erfahrung unterrichtete er Fotografie für alle Altersklassen und gründete frui.co.uk eine bedeutendsten Fotoschulen Englands, die auf Ferien- und Freizeitkurse spezialisiert ist. Seine klaren Ausführungen ohne unverständliche Fachausdrücke bringt die Fotografie auf einen verständlichen Level zurück und hat Tausende Fotografen zu einer kreativen Fotografie und zur besserer Beherrschung ihrer Kameras verholfen.

 

Henry Carroll
BIG SHOTS! Die Geheimnisse der weltbesten Fotografen
128 Seiten, Paperback, Fadenheftung
durchgehend vierfarbig, 50 Fotografien
Midas Verlag AG Zürich
ISBN: 978-3-907100-51-6
Preis: CHF 33.00, Euro 22.90
2. Auflage, September 2014
Englische Originalausgabe: «Read this if you want to take great Photographs.» Laurence King Publishing, London, Februar 2014

Das Buch kann hier online bestellt werden.

 

 

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