Urs Tillmanns, 1. November 2015, 07:19 Uhr

Buchtipp: René Groebli «Early Work»

Von René Groebli ist ein neues Buch erschienen, welches sein frühestes Schaffen von 1945 bis 1955 dokumentiert. Darin sind neben wenigen Klassikern vor allem bisher unbekannte Bilder publiziert, wie das Porträt von Brassaï, Bilder aus Paris und London oder eine Reportage des Landdienstes bei Schweizer Bauern. Es sind jene Bilder, die das Fundament für René Groeblis Karriere waren.

 

René Groebli muss man nicht besonders vorstellen. Er gehört zu den berühmtesten noch lebenden Fotografen. Man kennt nicht nur seine frühen Farb-Variationen und ikonenartigen Werbefotos der 1960er- und 1970er-Jahre, sondern man sieht den rüstigen 88jährigen dann und wann an Vernissagen, Ausstellungen oder beispielsweise an der letzten Photo Münsigen. Der Keller des Schlosses war gerangelt voll, als René Groebli mit einer gesunden Prise Humor vom «Auge der Liebe» erzählte – und wie dieses erste Buch entstanden war. Obwohl nur in einer Kleinauflage gedruckt, gab es viel Aufruhr darum: Dass ein Fotograf die Bilder seiner jungen Frau auf der Hochzeitsreise veröffentlichte, goutierte die damalige Gesellschaft in keinster Weise.

 

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Die Bilder in «Early Works» gehen zeitlich noch weiter zurück. Sie zeigen die allerersten Bilder von Groebli, als der Schüler von Hans Finsler die Welt mit der Rolleiflex seines Vaters entdeckte. Es sind Bilder, die Leben und Landschaften der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg dokumentieren, die vor allem auch Gestaltungsübungen für den jungen René Groebli waren. Die Bilder sind nach allen Regeln der Kunst formal perfekt gestaltet, so wie es Finsler seinen Schülern beibrachte. Das Licht! Das Licht sei wichtig. Es verleihe den Objekten ihre Form, und wer das Gegenlicht in seinen Aufnahmen beherrsche, gewinne die Gust des Betrachters ohnehin.

 

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Die frühen Bilder von René Groebli sind nicht nur in formaler Hinsicht perfekt. René Groebli verstand es auch den Moment zu erwischen, eine Handlung scharf und auf ihrem Höhepunkt im Bild festzuhalten. Deshalb sprechen die Bilder von René Groebli eine so klare Sprache und faszinieren uns mit einer gekonnten Umsetzung. Seine Paris-Bilder beispielsweise von 1948, in denen man den Stil von Henri Cartier-Bresson erkennt oder von Brassaï, mit dem René Groebli eng befreundet war. Er zeigt uns Porträts von Le Corbusier, Charlie Chaplin und Robert Frank, starke Reportagen, wie die Welt des Clowns Marcel Marceau, Stimmungen im nebligen und ausgebombten London, eine Fahrt auf dem Führerstand einer Express-Dampflokomotive, festliche Stimmung im Zürich der frühen 1950er Jahre oder die Bilder vom Landdienst, als Jugendliche zur Mithilfe in Bauernbetrieben verpflichtet waren. Es sind Bilder, welche während Jahrzehnten in Renés persönlichem Archiv schlummerten und jetzt – dank «Early Work» –ans Tageslicht fanden. Und es sind wahrscheinlich auch diese Bilder, welche René in den späten Vierzigern Edward Steichen, dem Kurator des Museum of Modern Art in New York, zeigte, und die 1955 in der legendären Ausstellung «The Familiy of Man» zu sehen waren.

 

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René Groebli präsentiert uns aber nicht nur eine heile Welt in seinem Buch. Er war 1952 für die Bildagentur Black Star als Kriegsreporter unterwegs, um opferreiche Kämpfe im Suezkrieg zu fotografieren – Bilder, die zwar fünf Seiten in der grossen Zeitschrift «Life» einbrachten, die aber zugleich ein traumatisches Erlebnis für René Groebli waren. Er erzählt ungern aus jener Zeit und wandte sich wieder schnell von der Kriegsreportage ab. Seine Fotos aber, die wir nun in «Early Work» wiederfinden, sind beeindruckende Dokumente, welche uns mit einer von René Groebli ungewohnten Bildersprache beeindrucken.

 

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«Early Work» ist eine wunderbare Ergänzung zu den anderen Bildbänden von René Groebli, wie «Variationen I» (1965) und II (1971), «Fantasies» (1978), «Visionen» (1992), «Irland» (2000) oder seiner frühen Werke «Magie der Schiene» (1949 und 2006) und «Auge der Liebe» (1954 und 2014). Es rundet die Dokumentation über René Groeblis Schaffen aus einer Epoche ab, die bisher weitgehend unbekannt war und zeigt in beeindruckenden Einzelbildern und Reportagen auf, wie einer der bedeutendsten Fotografen seinen frühen Bilderweg gegangen ist.

Urs Tillmanns

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Buchbeschreibung des Verlages

1943 beginnt René Groebli mit der neuen Rolleiflex Kamera seines Vaters zu fotografieren. Dabei entdeckt er die Leidenschaft für dieses Medium, und er entscheidet sich Berufsfotograf zu werden. Bis 1955 produziert er unzählige Bildergeschichten, darunter Kunstprojekte, Reportagen und Porträts von Berühmtheiten wie Le Corbusier, Charlie Chaplin und Robert Frank. In diesem Jahrzehnt wird er mit seinen beiden Büchern «Magie der Schiene » und «Auge der Liebe», besonders aber mit seiner Präsenz in Edward Steichen’s epochalen Ausstellung «The Family of Man» international bekannt.

Mit «Early Work» präsentiert der Verlag Sturm & Drang erstmals ein umfassende Übersicht weitgehend unbekannter Bilder, die der heute 88-jährige Fotograf in seiner frühesten Schaffensperiode von 1945 bis 1955 realisiert hat. Viele der Bilder sieht man in diesem Buch zum ersten Mal, darunter das Porträt von Brassaï oder die Bilder der Arbeit der Schweizer Bauern, die während des damaligen Landdienstes entstanden. Das Buch wird begleitet mit einem Essay von Daniele Muscionico.

 

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Der Inhalt

Der freihändige Fotograf

The Freehand Photographer

Early Work, 1945-1950

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Landdienst, 1946

Paris, 1948

Marcel Marceau, 1950

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London, 1949

Rail Magie, 1949

Abstractions, 1947

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Zürich, 1947-1952

Portraits, 1949-1955

Brassaï, 1949

Crystal Palace Park, 1951

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Reportagen, 1952

Das Auge der Liebe, 1952

Beryl Chen, 1953

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Der Fotograf

Rene_GroebliRené Groebli (geb. 1927 in Zürich) kam 1945 in die Fachklasse für Fotografie von Hans Finsler an der Kunstgewerbeschule Zürich. Von 1946 bis 1948 absolvierte er als Erster in der Schweiz die Ausbildung zum Dokumentarfilm-Kameramann. Als Reportagefotograf führte er Aufträge für die Schweizer Zeitschrift «Die Woche», später für die Londoner Agentur «Black Star» aus. Mit seinen beiden ersten Buchpublikationen «Magie der Schiene» (1949) und «Auge der Liebe» (1954), besonders aber mit der Teilnahme an Edward Steichen’s Ausstellung «The Family of Man» an der Moma in New York zusammen mit Werner Bischof, Robert Frank und Gotthard Schuh, gehörte René Groebli zu den grossen Schweizer Fotografen. Den Fotojournalismus gab er nach kurzer Zeit auf und gründete in den 1950er Jahren ein eigenes Fotostudio für Werbe- und Industriefotografie. Groebli spezialisierte sich auf die Farbfotografie, experimentierte mit dem Dye Transfer-Verfahren und wurde vom US-amerikanische Magazin «Color Annual» 1957 als «Master of Color» geehrt. Heute widmet er sich wieder seinen freien künstlerischen Essays, nachdem er die wichtigsten Bilder seines gigantischen Bilderarchivs digitalisiert hatte.

 

Bibliografie

René Groebli
«Early Work»
160 Seiten, 30 x 29 cm, Hardcover, gebunden
Texte Deutsch und Englisch
mit einem Essay von Daniele Muscionico
Verlag Sturm & Drang, Zürich, 2015
ISBN 978-3-906822-00-6
Preis: CHF 52.80, EUR 49,00
Das Buch gibt es im Buchhandel, oder es kann hier online bestellt werden.

 

 

3 Kommentare zu “Buchtipp: René Groebli «Early Work»”

  1. http://renegroebli.com/
    In einer reportage erwähnt er dass er ausgewählte Werke erhalten will(wohin ist mir entfallen-ausser westschweiz), der rest vernichtet wird. Ich hoffe das war nur eine Drohung. googeln und man findet dokus über den universalfotografen. Hab ihn mal an der photexpo in den 80ern getroffen, wo wir aus der ferne über die aufmerksamkeit für den Playboy-Fotografen philosophierten…Dann telefonisch nach der vorstellung der wunderbaren doku/DVD über ihn. Vielleicht könnt ihr einen link dahin setzen.

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