Urs Tillmanns, 16. Juli 2016, 10:15 Uhr

Buchtipp: William Eggleston «Porträts»

Zur Ausstellung «Porträts» von William Eggleston in London ist im Verlag Scheidegger & Spiess eine deutsche Monografie herausgekommen, die das Schaffen dieses berühmten amerikanischen Fotografen repräsentativ dokumentiert. Neben den typischen und stilprägenden Farbbildern von William Eggleston enthält der Bildband auch viele frühe Schwarzweissaufnahmen, die im Buch erstmals gezeigt werden.

 

«Eggleston verfügt über die verblüffende Fähigkeit, Schönheit in scheinbar Alltäglichen oder Banalen zu entdecken.» Damit sagt Nicholas Cullinan, Direktor der National Portrait Gallery, London, eigentlich alles Wesentliche zu den Fotografien von William Eggleston, welche noch bis 23. Oktober 2016 in London zu sehen sind. Das Buch ist zur Ausstellung erschienen und glücklicherweise von Scheidegger & Spiess auf Deutsch verlegt worden. So kommen wir im deutschsprachigen Raum zu einem Bildband über die Porträtfotografie von William Eggleston und damit zu einem Dokument, das für das Schaffen des amerikanischen Fotografen nicht nur repräsentativ sondern umfassend ist. Umfassend auch deshalb, weil es viele unbekannte Porträtwerke von Eggleston zeigt – gerade die frühen Schwarzweissbilder – die bisher kaum den Weg in die Ausstellungen schafften, aber für Egglestons Gesamtwerk von grosser Bedeutung sind.

Was ist das Besondere an den Fotografien von Eggleston? Zwei Aspekte: Einmal die Reduktion des Motivs auf das Wesentliche, auf das Banale, wie Cullinan sagt. Dann aber auch die Anwendung von Farbe zu einer Zeit als noch Schwarzweiss in der künstlerischen Fotografie üblich war. Das hat Eggleston, gerade zur Zeit seiner ersten grossen Ausstellung 1976 im Museum of Modern Art in New York, viel Kritik eingebracht – doch gleichzeitig auch den Ruf eines Wegbereiters der Farbfotografie. Eggleston Farben sind bildbestimmend, charakteristisch – oft mit dem Dye-Transfer-Prozess gesteuert und gezielt überbetont.

Der andere Aspekt in Egglestons Bilder ist das Motiv selbst. Es sind banale, einfache Motive – Motive an denen wir achtlos vorüber gehen würden, die aber Eggleston zur zentralen Aussage seiner Bilder macht. Eggleston konzentriert unseren Blick auf belanglose Objekte und zeigt uns deren Besonderheiten – wertet Dinge auf, die im Bild plötzlich aussagebestimmend werden.

Das Buch ist, wie die Ausstellung in London, auf die Porträts von William Eggleston konzentriert, die auch einen grossen Anteil im Gesamtwerk des Künstlers haben. Porträts erfasst Eggleston in einem weiteren Begriff und fotografiert die Leute in ihrem Umfeld, auch wenn dieses – typisch für Eggleston – nicht besonders motivbestimmend ist. Menschen werden damit charakterisiert, typisch und persönlich dargestellt – mit einer treffenden Aussage. Eggleston hat meistens unbekannte Leute von der Strasse fotografiert oder Menschen aus seinem persönlichen Umfeld – aus Familie, Freizeit und Beruf. Die Kompositionen sind formal einfach und, wie das Motiv, auf das Wesentliche konzentriert. Eggleston hat damit einen Stil geprägt, der das Schaffen vieler späterer Fotografen beeinflusst hat.

Um die Bilder von William Eggleston und seine typische Arbeitsweise zu verstehen lohnt es sich den Einleitungstext von Phillip Prodger, dem Leiter der Fotoabteilung der National Portrait Gallery ebenso zu lesen, wie das Interview am Ende des Buches, welches Phillip Prodger zusammen mit Rose Shoshana, Maud Schuyler Clay und Lesley Young mit dem Künstler führte.

An wen richtet sich dieses Buch? Gemacht worden ist es eigentlich zur Ausstellung in London, doch stellt es mit vielen bisher ungesehenen Werken von Eggleston eine spannende Monografie dar. Wir lernen nicht nur viel über einen der prägendsten Fotografen unserer Zeit, sondern wir lernen aus seinen Fotografien, wie man Menschen aussagestark und beeindruckend in Bildern charakterisiert.

Urs Tillmanns

 

Buchbeschreibung des Verlages

William Eggleston, 1939 in Memphis, Tennessee, geboren, hat ein Werk geschaffen, das einen Wendepunkt in der Geschichte der Fotografie markiert: Durch ihn wurde die Farbfotografie zum anerkannten Medium künstlerischer Ausdrucksmöglichkeit. Generationen von Künstlern berufen sich auf Egglestons Umgang mit der Farbe. Ungewöhnliche Bildkompositionen, ein treffender Blick und eine besondere Verspieltheit zeichnen auch seine Porträts aus. In den letzten 50 Jahren fotografierte er Freunde, seine Familie und zahlreiche Künstler wie die Musiker Elvis Presley und Joe Strummer, den Schauspieler Dennis Hopper oder den Regisseur David Lynch.

Diese erste Monografie zu Egglestons Porträts zeigt rund 90 seiner Fotografien. Die teilweise nie publizierten Bilder werden ergänzt durch ein Interview des Fotografen mit Familienangehörigen und einen Essay über sein Leben und Werk. Sofia Coppolas Vorwort ist eine Hommage an einen der grössten Fotografen unserer Zeit.

Das Buch erscheint zur Ausstellung «William Eggleston Portraits» in der National Portrait Gallery, London (21. Juli bis 23. Oktober 2016).

 

10 Doppelseiten aus dem Bildband

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Der Autor

Phillip Prodger ist Leiter der Fotografieabteilung der National Portrait Gallery, London. Davor war er als Kurator für Fotografie am Peabody Essex Museum, Salem, Massachusetts, tätig. Er hat zahlreiche Publikationen u.a. über EO Hoppé, Man Ray, Lee Miller und Ernst Haas herausgegeben.

 

Bibliografie

William Eggleston
«Porträts»
Poetisch, zeitlos, mysteriös: Die Porträts des Fotografen William Eggleston.

Von Phillip Prodger. Mit einem Gespräch von William Eggleston mit Phillip Progder, Rose Shoshana, Maud Schuyler Clay und Lesley Young
1. Auflage, 2016
Gebunden, 184 Seiten, Format 27.5 x 28 cm
122 farbige und 89 sw Abbildungen
Preis: CHF 49.00 | EUR 48.00
Verlag: Scheidegger & Spiess, Zürich
ISBN 978-3-85881-513-2

Das Buch kann hier online bestellt werden.

 

 

Ein Kommentar zu “Buchtipp: William Eggleston «Porträts»”

  1. Vielen Dank für diesen Buchtipp!

    Die fotografierten Beispielseiten haben mich überzeugt, ich werde das Buch auf jeden Fall online bestellen.

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