Monica Boirar, 11. September 2016, 08:30 Uhr

Mäddel Fuchs – visueller Chronist des Appenzellerlandes

Die kontrastreiche Bildsprache in seinem letzten Bildband «Hag um Hag» hat für Furore gesorgt. Anfang Oktober erscheint das neue Buch von Mäddel Fuchs «Appenzeller Welten». Die erwartungsvolle Spannung steigt. Fotointern hat nachgefragt: Wer ist der Fotograf hinter den Bildern? Wie denkt und arbeitet er?

 

Mäddel Fuchs. Seit mehreren Jahrzehnten fotografieren Sie im Appenzellerland. Wären Sie einer der schreibenden Zunft, würde man von einem Heimatdichter sprechen. Sind Sie ein Heimatfotograf?

Ich bin ein Heimat-Suchender, bin in Zürich geboren, in der Stadt und im Tessin aufgewachsen, ging in Trogen zur Schule, hatte nirgendwo wirklich Wurzeln. In diesem Haus hier im Appenzellerland sind die Wurzeln gewachsen – gemeint ist das alte Bauernhaus am Aeusseren Sommersberg 840 in Gais, wo das Interview stattfindet.

Heimat kann man geografisch, sprachlich, musikalisch oder auch emotional verorten. Was bedeutet Ihnen Heimat? 

Geborgen sein, verbinde ich mit Heimat.

 

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Mäddel Fuchs, Fotograf mit Spezialgebiet Appenzellerland

Warum fotografieren Sie?

An der Expo 1964 haben mein Vater und ich beide fotografiert. Ich war damals 13-jährig, habe farbige Dias gemacht und als wir unsere Fotos zeigten, kamen meine bei den Leuten besser an, als diejenigen meines Vaters. Das wird unter anderem ein möglicher Grund sein.

In Ihren beiden neusten Werken «Hag um Hag» und «Appenzeller Welten» sind ausschliesslich Schwarzweissfotografien veröffentlicht. Weshalb?

Anfänglich habe ich auch als Farbfotograf gearbeitet. Der erste Bildband «Appenzellerland» war je hälftig farbig und schwarzweiss. Aus der Erklärung des Begriffs «Fotografie», also mit Licht schreiben, habe ich nach einer Sprache gesucht. Schwarzweiss ist meine Sprache, es war auch diejenige der NZZ Wochenendbeilage, für die ich gearbeitet habe.

«Schwarz und Weiss ist die Vision von Hoffnung und Verzweiflung», hat Robert Frank einmal gesagt. Was denken Sie dazu?

Das ist schön. Das ist die Vision des Lebens, zwischen Hoffnung und Verzweiflung spielt sich das Leben ab.

Sind Sie ein «Streetphotographer» des Appenzellerlands?

Ja, nur gibt es hier mehr Wiesen als Strassen. Ich wäre dann vielleicht mehr ein «Meadow Photographer», ein Wiesenfotograf.

 

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Das Bauernhaus von Mäddel und Marisa Fuchs im äusseren Sommersberg in Gais

Ihre Bildsprache knüpft an diejenige der alten Garde der Schweizer Reportagefotografie an: Paul Senn, Hans Staub, Jakob Tuggener, Gotthard Schuh, Werner Bischof. Waren sie Ihre Vorbilder?

Ja, eine meiner erfolgreichsten Fotografien ist eine Hommage an Paul Senn.

Sie sind einer der letzten Mohikaner der analogen Schwarzweissfotografie. Wann kaufen Sie eine digitale Fotokamera?

Für ein geplantes Projekt leiht mir mein Schwager seine Digitalkamera aus.

Sind Sie altmodisch, konservativ?

Ich bin ein konservativer Rebell. – In den Messen wie Paris Photo laufen heutzutage die 25-Jährigen notabene wieder mit alten analogen Kameras herum.

In beiden neuen Bildbänden hat es viele Textbeiträge und sogar CDs mit Musik. Trauen Sie Ihren Bildern nicht?

Ich traue meinen Bildern. Aber ich habe Gedanken und Seelenzustände, die gehen darüber hinaus. Bilder können keine Musik transportieren und ich hoffe, dass ich mit meiner Bildsprache die Leute anrege, die Texte zu lesen, die in den Büchern stehen. So erfahren sie noch mehr über die Experimentierfreudigkeit des Appenzellerlandes.

Noch einmal Robert Frank. Er hat in seinem legendären Buch «The Americans» unter anderem die Schattenseiten der amerikanischen Gesellschaft beleuchtet, die Kehrseiten des amerikanischen Traums gezeigt. Welche Seiten des Appenzellerlandes zeigen Sie?

Ich idealisiere immer. Ich hatte keine einfache Jugend, habe nicht eine einfache Seele und keinen einfachen Charakter. Ich bin ein schwärmerischer Mensch, nicht auf der Suche nach dem Destruktiven, sondern nach dem Positiven.

Sie haben 1974 ein Medizin- und Jusstudium an den Nagel gehängt. Weshalb?

Mein Grossvater war Arzt, mein Vater, meine Mutter war Ärztin. Sie war aber auch sehr musisch. Sie sagte mir: «Hauptsache, du bist glücklich». Ich wusste schon im Gymi, dass es die Medizin nicht ist. Ich konnte kein Blut sehen. Mit Jus habe ich dann mehr zur Beruhigung meines Vaters begonnen. Das hat mich aber noch weniger interessiert. Mit der alten Pentax Kamera meines Vaters machte ich eine Reise durch Amerika und war sehr glücklich.

Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie ein Studium abgeschlossen hätten?

Historiker.

Sind Sie ein Chronist des Appenzellerlandes?

Ja.

Es gibt Menschen, die vermissen in Ihrem «Hag um Hag»-Buch einen Bauern, ein Kind, eine Katze, eine Kuh.

Tut mir leid, aber dann verstehen sie das Buch nicht. Häge, das sind von Menschen gemachte Objekte, in meinen Bildern ist die Seele in den Hägen.

 

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Häge sind typisch für das Landschaftsbild des Appenzells. Ihr langsames Verschwinden hat Mäddel Fuchs im Bildband «Hag um Hag» thematisiert. Sein eigener Garten ist indes noch immer von einem Hag eingefriedet.

Kritische Stimmen finden die Bildfolge zu repetitiv, es habe zu viele ähnliche Motive. Weniger wäre mehr gewesen. Man hätte die Auswahl verdichten sollen.

Schade, dass sie das so sehen. Das finde ich aber nicht. Das Buch beginnt mit vielen Hägen bis zur Auflösung. Am Schluss wird es immer leerer. In den 12 Jahren, in denen ich an dem Buch arbeitete, habe ich auch viel über das Wesen des Hags philosophiert. Die Bilder lassen sich vielleicht nicht gleich auf den ersten Blick entschlüsseln. Man muss sich etwas Zeit nehmen für meine Hag-Fotografien. Sie stammen aus tiefster Seele.

«Hag um Hag» weckt Assoziationen mit biblischen Redewendungen «Aug um Aug», «Zahn um Zahn». Ist das Buch ein religiöses? Oder ist der Titel ironisch gemeint?

Ich meine es nicht religiös. Ich meine nur, dass Hag um Hag, Seele um Seele verschwindet.

Häge setzen bekanntlich Grenzen. Wie ist Ihr persönlicher Umgang mit Grenzen und möglichen Grenzüberschreitungen?

Der Grenzstein zwischen Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden stellt ein wichtiges Bindeglied der beiden Halbkanton dar. Als die Häge noch vorhanden waren, bildeten sie ein riesiges Netzwerk. Das Gespräch über den Hag, das war ein bewusster Akt. In den Träumen, in denen ich in einem Zaun eingeschlossen war, merkte ich, dass ich fliegen konnte. Mich beflügelt der Hag.

In Ihrem neusten Buch «Appenzeller Welten» sind 200 Fotografien publiziert. Wie ist es zu dieser Auswahl gekommen?

In den 40 Jahren, in denen ich im Appenzellerland fotografiere, ist so vieles zusammengekommen. Es hat eine Auswahl von Landschafts- und Menschenbeschreibungen, ein paar ikonenhafte Bilder, solche die auch kritische Frage stellen über das reale Leben. Man kann auch in Freundschaft streiten. Die Rede ist dann von «gifteln», beispielsweise zwischen den Ausserrhodern und den Innerrhodern. Ich hoffe, dass man merkt, wie sehr ich dieses Land liebe. Ich bin so ein verwurzelter Appenzeller geworden.

 

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Im Laufe der Zeit sind von Mäddel Fuchs mehrere Bildbände und kleinere Publikationen erschienen, davon sind vier Fotobücher dem Appenzellerland gewidmet

Sie haben mit dem Historiker Albert Tanner zusammengearbeitet. Was waren Ihre Ziele?

Es ging um die Herleitung der appenzellischen Entwicklung. Im ersten Teil sind Porträts wichtiger Persönlichkeiten. Die Zusammenstellung haben wir gemeinsam erarbeitet. Ich kann wohl Bilder machen, aber es geht mehr noch um das Wesen, das mich an den Appenzellern so fasziniert.

Ihr Vorname sorgt immer wieder nach wie vor für Irritation. Bei Mäddel denken viele an ein Mädchen, ein Mädel.

Ja, die Hälfte der Post an mich ist an «Frau Mäddel Fuchs» adressiert. 1985 hat Ex Libris eine Promotionsveranstaltung für den Bildband «Appenzellerland» organisiert. Auf dem Werbeplakat stand zu lesen: «Signierstunde mit der sensiblen Fotografin Mäddel Fuchs». Als ich dann eine Stunde vor dem eigentlichen Beginn da erschien und mich vorstellte, wurde die Signierstunde einfach abgesagt. Meine Geschwister und meine Kameraden in der Schule nannten mich alle Mäddel. Wie der Name entstanden ist, lässt sich nicht eindeutig herleiten. Wenn meine andalusischen Freunde den Namen aussprechen klingt das wie «Made futsch». Sie sprechen mich mit Martin, meinem eigentlichen Vornamen, an.

 

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Mäddel und seine Frau Marisa Fuchs über die der Fotograf im Bildband «Hag um Hag» schreibt: «Durch ihre Unterstützung kann eine Idee zu einem vielseitigen Werk wachsen.»

Wann erscheint Ihr ultimativer Bildband «Best of Mäddel Fuchs»?

Damit tue ich mich sehr schwer. Vorläufig habe ich noch viel mehr Einzelgeschichten zu erzählen.

Herzlichen Dank für dieses Interview.

Fragen und Fotos: Monica Boirar
fotografiert mit einer Leica SL

Mehr über Mäddel Fuchs auf Wikipedia

 

Die beiden neuen Bildbände von Mäddel Fuchs
maeddel-fuchs-hag-um-hag-kl Mäddel Fuchs
Hag um Hang. Ein Requiem
2010, 170 Seiten,
mit Audio-CD
Bilgerverlag, Zürich
CHF 78.–
ISBN 978-3-037620-10-6
 maeddel-fuchs-appenzellerwelten-kl Mäddel Fuchs, Albert Tanner
Appenzeller Welten
2016, 368 Seiten,
inkl. 2 CDs mit traditioneller und moderner Appenzellermusik
Hier und jetzt Verlag
CHF 79.–
ISBN 978-3-03919-405-6
Erscheint im Oktober 2016

 

 

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