Gastautor/-in, 26. September 2016, 15:00 Uhr

Was das Leica Summilux-SL 1:1,4/50mm und ein Ferrari gemeinsam haben könnten

Eines der photokina-Highlights war das neue Leica Summilux-SL 1:1,4/50mm ASPH, das am Leica-Stand präsentiert wurde – ein Objektiv, auf das sich Leica SL-Fotografen ganz besonders freuen. Peter Schäublin hatte auf der photokina Gelegenheit mit einem der ersten Exemplare zu fotografieren. Ein erstes «Hands-on» – hier sein Eindruck …

 

Ein Ferrari kostet viel Geld und ist nur bedingt alltagstauglich. Trotzdem ist er ein Fahrzeug, das Emotionen weckt. Wer träumt denn schon von einem Opel Corsa? Wer kriegt feuchte Hände oder Herzklopfen beim Anblick eines Fiat Panda? Es ist natürlich völliger Unsinn, einen sechsstelligen Betrag für ein Fahrzeug auszugeben, das laut ist, wenig Platz bietet, eine Menge Treibstoff konsumiert und dabei auch nur von A nach B fährt. Aber eben – die Emotionen beim Anblick des Cavallo aus Maranello … Und dass die technischen Daten des Sportwagens herausragend sind, ist unbestritten.

leica-summilux-sl-14_50-mm-asphAuf der photokina hat Leica mit dem neuen Summilux-SL 1:1,4/50 mm ASPH das Ferrari-Feeling in mir geweckt. Das neueste Objektiv für die Leica SL kostet eine Unsumme, es ist schwer, und man kann nicht mal zoomen. Alltagstauglich ist es aber durchaus. Und wenn man es an die Kamera montiert, die ersten Bilder belichtet und diese dann in Lightroom öffnet, bleibt einem die Spucke weg. Doch eins nach dem anderen.

 

Ein «Fehler» mit Folgen

Vor gut einem Jahr habe ich den «Fehler» gemacht, die Leica SL in die Hand zu nehmen. Schon vorbelastet von der Leica S, die meiner Arbeitsweise sehr entgegenkam, hat sich deren kleine Schwester sofort in meinen Emotionen festgekrallt. Nach ein paar schlaflosen Nächten mit Herzklopfen (Ferrari…) hab ich sie dann, zusammen mit dem einzigen damals verfügbaren SL-Objektiv, dem Leica Vario-Elmarit-SL 1:2,8–4/24–90 mm ASPH, bestellt. Das Arbeiten mit der SL ist für mich ein Traum. Wenn immer möglich fotografiere ich mit ihr.

 

Das Leica Summilux-SL 1:1,4/50 mm ASPH (Pressebild Leica)

Im Frühling 2017 hat Leica dann das Apo-Vario-Elmarit-SL 1:2,8–4/90–280 mm vorgestellt (s. dazu Fotointern-Beitrag vom 03.04.2016). Zusammen mit dem 24–90er kann man einen Grossteil der fotografischen Aufgaben lösen. Da mein Bankkonto immer noch im Koma liegt, habe ich das Teezoom noch nicht bestellt. Und nun habe ich vielleicht wieder einen Fehler gemacht – denn das an der Photokina vorgestellte Summilux-SL 1:1,4/50 mm ASPH ist so berauschend, dass ich nun nicht mehr weiss, ob ich zuerst das Telezoom oder die Festbrennweite ordern soll, sobald sich mein Bankkonto wieder erholt hat …

 

Wenn gut noch besser wird

Photokina 2016: Ich lasse es mir nicht nehmen und schaue bei Leica vorbei. Meine SL mit dem 24–90er Zoom habe ich im Gepäck. Bernd Jurczok von Leica holt das Summilux-SL 1:1,4/50 mm ASPH aus dem Schrank. In Gewicht und Volumen steht es dem 24–90er kaum nach. Will heissen: Da ist viel Glas und Metall verbaut worden. Doch wer Autofokus, Auflösung und Lichtstärke will, muss mit grösseren Objektivkörpern leben. Die Leica-Ingenieure haben mir das schon bei meinem Besuch im Mai 2015 in Wetzlar erklärt (mehr dazu im Fotointern-Artikel vom 24. Mai 2015).

 

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Die Leica SL mit dem Summilux-SL 1:1,4/50 mm ASPH und dem neuen Handgriff. Bernd Jurczok von Leica schmunzelt. Er weiss natürlich bereits um die herausragenden Qualitäten des neuen Objektivs.

Trotz des grossen Gewichts liegt die SL mit dem 50er für mein Empfinden sehr gut in der Hand. Der hervorragende elektronische Sucher der SL – für mich nach wie vor das Beste, was es in diesem Bereich gibt – macht das Arbeiten mit dem 50er zur Freude. Doch kann das 50er das bereits hervorragende 24–90er in der Abbildungsleistung übertreffen?

 

 

Erstes Bild: Ursula mit dem Leica Vario-Elmarit-SL 1:2,8–4/24–90 mm ASPH. Ich justiere das Zoom auf 50 mm und öffne die Blende komplett. Dies ergibt dann bei Blende 3.6 1/80 Sekunde bei 200 ISO. Schärfe aufs kameranahe Auge legen, auslösen, voilà. In Lightroom sehen wir, dass die Abbildungsqualität sehr gut ist. Ich habe in RAW fotografiert und das Bild lediglich leicht farbkorrigiert. Ansonsten ist dieses Bild genauso wie die zwei folgenden Aufnahmen völlig unbearbeitet – ich habe weder Schärfe noch Kontrast verändert:

leica-bild01-ursula-24-90-3-6Leica SL mit Leica Vario-Elmarit-SL 1:2,8–4/24–90 mm ASPH, 1/80 sec, f 3.6, 200 ISO

 

Zweites Bild: Ursula mit dem Summilux SL 1.4/50 mm ASPH bei voll geöffneter Blende. Ich tausche das Zoom gegen die Festbrennweite und öffne erst mal die Blende auf den maximalen Wert von 1.4. Dies ergibt dann 1/100 Sekunde bei 50 ISO. Das Fokussieren wird durch den kleineren Schärferaum anspruchsvoller. Deshalb realisiere ich ein paar Extrabilder, um sicher zu gehen, dass ich einige Fotos habe, bei denen die Schärfe perfekt sitzt. Bereits auf dem Kameramonitor bewundere ich das weiche Bokeh. Ein solches «Herausschälen» des Motivs ist natürlich nur mit einer Festbrennweite möglich, deren Anfangsöffnung sehr gross ist. Qualitativ entspricht dieses Bild meinem Empfinden nach in etwa demjenigen des Zooms, allerdings bei voll geöffneter Blende 1,4! Durch diese hohe Qualität bei voller Blendenöffnung kann ich hervorragende Bilder mit kleinem Schärferaum erzielen und auch mit weniger verfügbarem Licht fotografieren.

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Leica SL mit Summilux SL 1,4/50 mm ASPH, 1/100 sec, f 1,4, 50 ISO

 

Drittes Bild: Ursula mit dem Summilux SL 1.4/50 mm ASPH bei Blende 3,6. Für das dritte Bild meiner kleinen, improvisierten Testreihe blende ich das Summilux auf 3,6 ab – den gleichen Wert, den mir mein 24–90er Zoom bei 50 mm als maximale Blenderöffnung bietet. Auf dem Rückschaumonitor der Kamera wirkt das Bild dann auch praktisch gleich wie Bild 1 aus meiner Miniserie. Der Hammer kommt dann, als ich dieses Bild mit dem ersten Foto vergleiche: Da ist ein deutliches Plus an Schärfe und Details zu verzeichnen. Meine Frau Ursula schaut sich die Resultate an und meint, dass sogar sie als «Laie» den Unterschied sieht.

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Leica SL mit Summilux SL 1.4/50 mm ASPH, 1/80 sec, f 3,6, 200 ISO

Ich habe aus Aufnahme 1 und Aufnahme 3 je ein Detail mit 200% herausvergrössert. Hier das Resultat:

leica-bild04-ursula-24-90_3-6
200%-Ausschnitt von Leica SL mit Leica Vario-Elmarit-SL 1:2,8–4/24–90 mm ASPH, 1/80 sec, f 3,6, 200 ISO // unbearbeitet

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200%-Ausschnitt von Leica SL mit Summilux SL 1.4/50 mm ASPH, 1/80 sec, f 3,6, 200 ISO // // unbearbeitet

Wenn ich die dritte Aufnahme der Serie nun noch in Photoshop optimiere, erhalte ich eine Datei, die selbst bei 400% Betrachtungsgrösse noch eine unglaubliche Fülle an Details aufweist.

leica-bild06-ursula-1-4_500_3-6_400

400%-Ausschnitt von Leica SL mit Summilux SL 1.4/50 mm ASPH, 1/80 sec, f 3,6, 200 ISO // // bearbeitet

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Leica SL mit Summilux SL 1:1,4/50 mm ASPH, 1/80 sec, f 3,6, 200 ISO // // bearbeitet

 

Kleiner Hinweis für die Pixelzähler

Dieser 400%-Ausschnitt entspricht einer Endprintgrösse von 300 x 200 cm! Da stellt sich natürlich die Frage, wie sinnvoll die Pixeljagd in unendliche Sphären ist. Viel Auflösung ist gut, aber nur ein kleiner Teil der Miete. Viel wichtiger ist es, dass alle Komponenten – Objektiv, Sensor, Bildsignalverarbeitung – aufeinander abgestimmt sind und dass die Objektive wirklich das auflösen, was der Sensor hergibt.

 

Nochmals zurück zum Ferrari-Vergleich

Wie immer bei meinen Technikreports möchte ich darauf hinweisen, dass Fotografieren nicht primär eine Frage des Equipments ist, sondern vielmehr von der visuellen Vorstellungskraft des Menschen hinter der Kamera abhängt. Und wer seine Bilder lediglich für Onlinezwecke realisiert – und das ist nicht abwertend gemeint –, benötigt kein Equipment, das so an die Grenze des technisch Machbaren geht. Das wäre, wie wenn man einen Ferrari kauft und dann nur innerorts damit fährt. Wer aus seinen Bildern das Maximum herauskitzeln möchte und den Preis von etwas über 5000 Franken nicht scheut, bekommt mit dem Summilux SL 1:1,4/50 mm ASPH natürlich ein herausragendes Objektiv, mit dem es jedes Mal noch ein bisschen mehr Freude macht abzudrücken.

 

Weitere Objektive in Planung

Leica plant nach dem Summilux SL 1:1,4/50 mm ASPH drei weitere Festbrennweiten für die SL – ein 35er, ein 75er und ein 90er (Fotointern berichtete). Diese Objektive werden deutlich kompakter sein und eine maximale Öffnung von 1:2 aufweisen. Sie basieren alle auf derselben Grundkonstruktion, und deshalb besteht Hoffnung, dass sich deren Preise nicht in ganz so astronomischen Höhen bewegen werden. Ebenfalls ist ein 3.5–4.5/16–35 mm geplant, das dann auch wieder 82 mm Filterdurchmesser wie die beiden anderen Zooms und das 50er haben wird.

 

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Das SL-System wird von Leica in Kürze kräftig ausgebaut. (Pressebild Leica)

Die Roadmap für weitere SL-Objektive steht:
• Leica APO-Summicron-SL 1:2/75 mm ASPH: Verfügbar ab Sommer 2017
• Leica APO-Summicron-SL 1:2/90 mm ASPH: Verfügbar ab Herbst 2017
• Leica Super-Vario-Elmar-SL 1:3,5-4,5/16-35 mm ASP.: Verfügbar ab Winter 2017
• Leica Summicron-SL 1:2/35 mm ASPH.: Verfügbar ab Anfang 2018

Weitere Informationen dazu auf der Homepage von Leica International.

Text und Testaufnahmen: Peter Schäublin

6 Kommentare zu “Was das Leica Summilux-SL 1:1,4/50mm und ein Ferrari gemeinsam haben könnten”

  1. Also, auf Grund dieser Ergebnisse habe ich mir Originaldateien von der SL besorgt, aber ganz egal, was ich mache, über 100% werden meine Bilder unansehnlich.
    Wie und mit was sind diese Bilder und ganz speziell der Augenausschnitt bearbeitet?????

    MfG König

  2. Den Artikel, die Schwärmerei & damit einhergehende Thematik „Bildqualität“ in Ehren – frage ich mich, ob mit unablässiger Fixierung darauf, die Fotografie nicht langweiler wird.

    Begeisterung für die Superlative mag nachvollziehar sein, doch besteht die Gefahr, dass Fotos die dem nicht entsprechen, diesbezüglich automatisch deklassiert werden.

    Meine Meinung : solche Produkte macher die Fotografie langweiliger, „entseelter“.

  3. Den Vergleich mit einem Ferrari kann ich nicht nachvollziehen. Dieses Objektiv kann man vollumfänglich nutzten, es gibt kein Gesetz, das einem vorschreibt, dass man zwar ein Objektiv mit Offenblende 1.4 hat, aber nur Blende 2.8 und kleiner nutzten darf. Ein Ferrari weckt bei mir keine positiven Emotionen, im Gegenteil, ich habe immer etwas Mitleid mit dem Fahrer.

    Ich möchte mir Philippes Meinung anschliessen. Bessere Technik macht nicht bessere Bilder. Mehr Schärfe, Auflösung, 3D Effekt… alles schön und gut, aber auch schon 1950 hat man Fotos gemacht, die Emotionen auslösen.

  4. Guten Tag,
    das ist ein schöner Artikel und mit total nachvollziehbarem Ferrari-Vergleich. Die SL macht einfach nur Spaß und das Gewicht….. naja 😉

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