Monica Boirar, 29. Januar 2017, 11:01 Uhr

Annie Leibovitz – Frauenpower glamourös

Annie Leibovitz ist eine der weltbekanntesten Fotografinnen. Ihre luxuriösen Porträtfotografien waren bei der US-Prominenz sehr gefragt. Bald wurde sie selbst zum angesehenen Star. Die von der UBS organisierte Wanderausstellung ist jetzt als zehnte und letzte Station noch bis 19. Februar 2017 im ewz-Unterwerk Selnau zu sehen.

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(Foto: Monica Boirar)

Ein Gerüstschutz-Netz in der Bahnhofstrasse in Zürich an einem zu renovierenden Gebäude passt als Werbefläche perfekt: Auf einer riesigen Schwarzweissfotografie sieht man Serena Williams. Schutzbedürftig scheint auch die grösste Athletin aller Zeiten zu sein. Am US Open im Halbfinal hatte sie eine bittere Niederlage hinnehmen müssen. Die Enttäuschung steht der einstigen Nummer 1 im Damentennis ins Gesicht geschrieben. Ihre ältere Schwester Venus Williams tröstet sie in innigster Umarmung. Die Inszenierung der beiden Frauen entbehrt nicht einer gewissen Erotik. Fotografiert hatte Annie Leibowitz in Palm Beach, Florida. Das Frauenporträt zählt zu den jüngsten Bildern ihrer Werkgruppe «WOMEN: New Portraits», die derzeit in Zürich ausgestellt sind.

 

Annie Leibovitz in ihrer Ausstellung in Zürich (Foto: Monica Boirar)

Die UBS, die Sponsorin der Tour lud zum krönenden Heimspiel in Zürich ein. Am vergangenen Mittwoch, den 25. Januar 2017 war die weltberühmte US-amerikanische Fotografin höchstpersönlich an der Pressekonferenz in der Limmatstadt, ganz ins Schwarz gekleidet, Bluse, Hose, Schnürschuhe, auch das Brillengestell; einzig die weissen Perlen als Ohrschmuck und das leicht zerzauste, silberfarbene Haar kontrastierten das dunkle Outfit. Eloquent und professionell war Leibovitz’ Auftritt vor versammelter Schweizer Mediengemeinde. Routiniert informierte sie und blieb trotzdem offen und sehr herzlich. Druckreif waren ihre Antworten; mehr als einem Dutzend Fotografen bot sie gut gelaunt ihr Konterfei dar. Im Januar 2016, vor rund einem Jahr, war ihre Ausstellung mit den neuen Bildern von Frauen in einer hydraulischen Kraftwerk-Station in London eröffnet worden und gastierte im Verlauf der letzten zwölf Monate an vergleichbar unkonventionellen Orten in acht weiteren Metropolen.

 

Misty Copeland, New York City, 2015 © Annie Leibovitz, aus «WOMEN: New Portraits», (UBS-Pressebild)

Der «Women for Women»-Talk vom Freitag, den 27. Januar galt fast ausschliesslich geladenen Frauen. Die Schriftstellerin und Aktivistin, Gloria Steinem, langjährige Freundin von Leibovitz hatte zu den Gesprächskreisen als Begleitprogramm zu Annies visuellem Circle von Frauen angeregt. Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit, Ausbildungschancen und Geschlechtergleichheit, die weltweit durchgeführten «Women’s March»-Protestmärsche vom 21. Januar als Reaktion auf Donald Trumps Reden, waren die Themen. Sarah Gordon, Business Editor der Financal Times, Simona Scarpaleggia, CEO der IKEA Schweiz und die Filmemacherin Leslee Udwin zählten neben anderen Frauen zu den geladenen Diskussionsteilnehmerinnen aus Wirtschaft, Industrie und Kultur.

 

(Foto: Monica Boirar)

Seit gestern Samstag, den 28. Januar ist die Ausstellung «WOMEN: New Portaits» nun für jedermann zugänglich. Das ewz-Unterwerk Selnau ist in der Fotoszene schweizweit bekannt: Bis zum Jahr 2015 fungierten die Elektrizitätswerke als Hauptsponsor für den ewz.selection Fotopreis des Teams unter der Federführung von Romano Zerbini und bot mit diesem grosszügigen Engagement über viele Jahre hinweg eine wichtige Plattform der Schweizer Fotografie dar. Nun hat sich die Grossbank UBS hier eingemietet. Die Patina des ehemaligen Transformergebäudes Selnau passt perfekt zum Ausstellungskonzept. Leibovitz war sichtlich zufrieden mit dem Ort. Direkt aus New York kamen ihre Fotografien, wo sie in der neunten Station in einem ehemaligen Frauengefängnis hingen. Auf einer langen, freistehenden Pinwand sind die Prints allesamt mit Reissnägeln angeheftet. Die vielen kleinen Einsteck-Löcher in den Ecken der Exponate zeugen von den weltweiten Präsentationen in Tokio, San Franzisko, Hongkong, Mexiko City, Mailand und weiteren bedeutenden Städten.

 

(Foto: Monica Boirar)

Das künstlerische Pin-up Konzept weckt Assoziationen. Pin-up-Fotos mit Pin-up Girls waren bei den Soldaten einst besonders beliebt, üblicherweise mit Darstellungen von Frauen in erotischer Pose – nun sind wir in der Postmoderne angelangt. Die 39 Pin-up-Bilder zeigen 41 starke, selbstbewusste Frauen: Musikerinnen, Schriftstellerinnen, Wissenschaftlerinnen, Sportlerinnen, Politikerinnen, weibliche CEOs, Philanthropinnen bilden das Herzstück der Präsentation. Die üblicherweise provisorisch an die Wand gespannten Schnüre, die einer tadellosen Oberkantbündig- oder Unterkantbündig-Hängung dienen, wurden als Teil des Ausstellungskonzepts belassen. Noch ist die Sammlung von weiblichen Persönlichkeiten nicht abgeschlossen. Drei weisse Blätter markieren die fehlenden Aufnahmen bedeutender Frauen. Am rechten Rand der Pinwand stehen, auf Zetteln notiert, deren Namen. Bis zu ihrem Todestag wolle sie an der Serie weiterarbeiten – so zumindest äusserte sich Leibovitz gegenüber der New York Times.

 

(Foto: Monica Boirar)

Von der Schweizer Grossbank UBS wurde die Fotografin 2014 für deren Werbekampagne angeheuert; wichtige Persönlichkeiten, Unternehmer und Künstler galt es zu porträtieren. Und so ergab sich für sie die einmalige Gelegenheit, unterstützt von der Bank, an ihrem grossangelegten freien Fotoprojekt weiterarbeiten zu können, welches sie vor über 17 Jahren begonnen hatte. Ihre Lebenspartnerin, die Publizistin und Essayistin Susan Sontag, die Ende 2004 an Leukämie verstorben ist, hatte sie damals dazu angeregt und auch das Vorwort zu ihrem 1999 erschienenen Fotobuch WOMEN verfasst. WOMEN, ursprünglich waren es Frauen jeden Alters, jeder sozialer Schicht und Hautfarbe, berühmte und unbekannte Amerikanerinnen. Mit den «New Portraits» zeigt Annie Leibovitz nun ausschliesslich bedeutende Frauen, die Aussergewöhnliches geleistet haben. Die Liste mit den Kurzbiografien an der Pinwand zeugen davon. Jane Goodall, Primatologin, Cindy Sherman, Künstlerin, Sherly Sandberg, IT-Chefin, Adele, Sängerin, Aung San Suu Kyi, Aussenministerin und viele mehr. Je länger sie arbeite, umso weniger interessiere es sie, wie jemand aussehe, vielmehr gelte ihr Interesse dem, was jemand vollbracht habe, begründet Leibovitz die Neuausrichtung ihres Konzepts. Einem einzigen Mann kommt die Ehre zuteil, unter den vielen Würdenträgerinnen aufgenommen zu sein. Zu sehen ist die Fotoikone mit John Lennon, der sich am 8. Dezember 1980 nackt in embryoähnlicher Pose an seine Yoko Ono schmiegt. Wir kennen das Ende der Geschichte. Wenige Stunden später wird er auf offener Strasse von einem geistig Verwirrten erschossen. Das Popmagazin «Rollingstone», für das Annie Leibowitz seit 1970 gearbeitet hat, ab 1973 als dessen Cheffotografin, entscheidet sich, den verstorbenen Ex-Beatle nichtsdestotrotz als Coverboy zu zeigen.

 

Titelseiten von Annie Leibovitz, die zu gesuchten Ikonen geworden sind

Flankiert wird die Foto-Pinwand von mehrteiligen Projektionswänden. Die britische Queen, 90-jährig, ist in perfekter Inszenierung grossformatig dargestellt. Auf der Wand vis-à-vis kann eine rhythmisierte Bildfolge von ebenfalls grossangelegten und teils besonders üppig gestalteten Porträtbildern bestaunt werden. Hier zeigt sich in jeder Hinsicht die Perfektionistin, die alles: die Szenerie, das Licht und den Umgang mit den Menschen beherrschende und kontrollierende Werbe- und Modefotografin Leibovitz. Die aufwendigsten Inszenierungen stammen von ihr. Die grössten Stars der Popwelt hatte sie vor ihrer Linse, die bedeutendsten VIP’s der Zeitgeschichte. Mittlerweile gilt sie als die berühmteste lebende Porträtfotografin und die bestbezahlte. Dass sich die allergrössten Grössen von ihr ablichten lassen wollten und noch immer wollen, erstaunt angesichts der Qualität ihrer Bilder nicht.

 

Das grossformatige Fotobuch «Annie Leibovitz» kann in der Ausstellung geblättert werden  (Foto: Monica Boirar)

Das übergrosse Fotobuch von Annie Leibovitz, 2014 beim Taschen Verlag herausgekommen, das es notabene noch immer für 2200 Euro zu kaufen gibt, steht gleich beim Eingang auf dem eigens dazu entworfenen Stativ und lädt zum Blättern ein. Auf einem langen Tisch liegen mehrere Dutzend Bildbände, ausschliesslich von Frauen wie Tina Modotti, Berenice Abbott, Gisèle Freund, Lee Miller gesellen sich zu denjenigen von Annie Leibovitz.

Ohne Probleme ging es auch in Annies Leben nicht. Einst galt es, von der Droge loszukommen, später die 22 Millionen Dollar Schulden zu tilgen. Nichtsdestotrotz bleibt die Bewunderung für die Mutter dreier halbwüchsiger Töchter, von denen die Zwillinge von einer Leihmutter ausgetragen worden waren, bestehen. Viele ihrer Fotografien sind als Ikonen weltberühmt. Whoopie Goldberg im Milchbad, die hochschwangere Demie Moore, Arnold Schwarzenegger, Barack Obama und Michael Jackson als Vanity Fair-Coverboys. Mit ihrem Pirelli Kalender 2016 hat Annie Leibovitz einen besonders unkonventionellen Meilenstein gesetzt. Auch hier sind wir in der vor Ironie triefenden Postmoderne angekommen, insbesondere wenn die Komikerin Amy Schumer sich selbstbewusst nackt in Szene setzt und dabei ihre Fett-Pneus am Bauch zur Schau stellt. Annie Leibovitz ist eine aussergewöhnliche Persönlichkeit, die grandioses geleistet hat. Gäbe es für fotografische Arbeiten einen Nobelpreis zu gewinnen, Annie Leibovitz hätte ihn unzweifelhaft redlich verdient.

Monica Boirar 

Die Ausstellung im EWZ Unterwerk Selnau dauert bis zum 19. Februar 2017. Weitere Infos zur Ausstellung «WOMEN: New Portraits» im EWZ-Unterwerk Selnau an der Selnaustrasse 25 in Zürich finden Sie hier.

 

Bücher von Annie Leibovitz

Annie Leibovitz: «A Photographer’s Life: 1990-2005»
472 Seiten, 2009, Sprache: Englisch
Published by Random House Trade Paperbacks
Paperback ISBN 978-0812979633, Preis: EUR 45,50
Gebundene Ausgabe ISBN 978-0375505096, Preis: EUR 92,50

Annie Leibovitz: «At Work»
Gebundene Ausgabe – 2008
Preis: CHF 49.90, EUR 42,00
Verlag: Schirmer Mosel (2008)
ISBN 978-3829603829

Annie Leibowitz: «Women»
Mit einem Essay von Susan Sontag
240 Seiten, gebunden
Preis: EUR 75,67
Schirmer und Mosel Verlag, München 1999
ISBN 9783888145414

Annie Leibovitz «Collector’s Edition»
Steve Martin, Graydon Carter, Hans Ulrich Obrist, Paul Roth
Edition von 9’000 Exemplaren + 200 APs
Hardcover mit 8 Ausklappern, 50 x 69 cm, 476 Seiten, Begleitband und von Marc Newson entworfener Buchständer
Die Collector’s Edition gibt es in vier verschiedenen Cover-Varianten:
• Whoopi Goldberg, Berkeley, California, 1984, ISBN 978-3-8365-5240-0
• Keith Haring, New York City, 1986, ISBN 978-3-8365-5238-7
• David Byrne, Los Angeles, 1986, ISBN 978-3-8365-5237-0
• Patti Smith, New Orleans, Louisiana, 1978, ISBN 978-3-8365-5239-4
Preis: CHF 2700 / EUR 2500
Verlag Taschen GmbH

 

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