Urs Tillmanns, 1. April 2017, 10:48 Uhr

Buchtipp: «Ludwig J. Bertele – Ein Pionier der geometrischen Optik»

Es gibt wenige Bücher über die Geschichte der fotografischen Optik. Das vorliegende Buch ist ein wichtiger Beitrag zu diesem Thema, in welchem das Leben und Wirken eines der grössten Optikkonstrukteure dargestellt wird: Ludwig J. Bertele. Er hat massgebende Objektive konstruiert und hat zudem zur Schweiz einen wichtigen Bezug, da er zuletzt bei Wild in Heerbrugg arbeitete und in Wildhaus lebte.

 

Dass es über die Geschichte der Optik relativ wenig Literatur gibt, ist einmal darauf zurückzuführen, dass es sich hierbei um ein sehr komplexes Gebiet handelt und dass die Interessegruppe jener, die sich für Optik interessieren, verhältnismässig klein ist. Dennoch gibt es einige Erfinder und Persönlichkeiten, welche es durchaus verdient haben, genauer beleuchtet zu werden. Einer von ihnen ist Ludwig Bertele, der sich besonders um neuartige Weitwinkelobjektive verdient gemacht hatte. Sein Sohn, Erhard Bertele, hat nun seine Biografie verfasst.

Das Buch ist in zwei Teile strukturiert: Im ersten Teil gibt uns der Autor einen Einblick in die Geschichte der Optik, vom ältesten Bergkristall, der vor mindestens 3000 Jahren in der Stadt Ninive in eine plankonvexe Form geschliffen wurde, bis zur Geschichte von Zeiss und das berühmte Tessar. Dazwischengibt es einen kleinen Schwenker durch die Geschichte der Fotografie, soviel, dass der darin wenig bewanderte Leser den Zusammenhang zum zweiten Teil mitbekommt. Dieser befasst sich – als eigentlicher Hauptteil des Buches – mit der Biografie von Ludwig Jakob Bertele, dem Vater des Autors, mit einer Reihe bahnbrechender Konstruktionen, die der Fotografie mit hohen Lichtstärken und grossen Bildwinkeln Auftrieb gegeben haben.

Ludwig J. Bertele hat mit seinen Optikkonstruktionen ganz entscheide Beiträge an die geometrische Optik geleistet und eine Reihe bekanntester Objektive geschaffen. Namen, wie das hoch lichtstarke «Ernostar», mit dem Erich Salomon seine politischen Reportagen machte, das berühmte «Sonnar», ursprünglich für die Contax geschaffen und an der Olympiade von 1936 erstmals bewährt, das Luftbild-Objektiv «Aviogon» mit vielen Weiterentwicklungen für die karthografische und die Aufklärungsfotografie, und schliesslich das «Biogon» als eines des besten Weitwinkelobjektive für das Mittelformat. Weniger bekannt sind die vielen Optikentwicklungen für Spezialkameras sowie Okulare für die Mikroskope, die Bertele in der Schweiz, bei Wild in Heerbrugg, gerechnet hatte. Das Buch ist diesbezüglich sehr exakt recherchiert und gibt nicht nur einen hervorragenden Einblick in die damalige Arbeitsweise der Optikkonstruktion durch Ludwig J. Bertele, sondern es vermittelt viel Hintergrundwissen zu den erwähnten Spitzenobjektive und vielen mehr, das sonst kaum irgendwo in dieser kompakten Form zu finden sind.

 

Weiter hat Sohn Erhard Bertele in dem Buch eine hervorragende Biografie über seinen Vater veröffentlicht. Diese erzählt ein interessantes Leben, wie Ludwig Bertele in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs und sich als Nicht-Akademiker zum Optikrechner empor arbeitete. Er war erfolgreich bei Ernemann, bei Zeiss und bei Steinheil tätig, heiratete 1932, wonach bald zwei Söhne zur Welt kamen und flüchtete schliesslich während des Zweiten Weltkrieges mit mehreren Zwischenstationen  in die Schweiz, wo er bei Wild in Herbrugg eine Anstellung bekam. Die Biografie ist sehr exakt und lesenswert dargestellt, vermischt mit den optischen Entwicklungen, die Bertele in den entsprechenden Zeitabschnitten pflegte. Zudem enthält das Buch viele Bilddokumente, sowohl aus dem familiären Bereich als auch aus der Welt der Optikrechnung.

Das Buch ist Lesern, die sich für die Geschichte der Optik und für das Leben eines der grössten Optikkonstrukteure interessieren, sowohl eine aussergewöhnliche Fundgrube als auch eine spannende und lesenswerte Biografie. Das Schaffen von Ludwig Bertele wird in diesem Buch von seinem Sohn Erhard Bertele nach exakten und lückenlosen Recherchen mit beispielhafter Genauigkeit gewürdigt.

Urs Tillmanns

 

Buchbeschreibung des Verlages

Vor 100 Jahren begann der erst 16-jährige Ludwig J. Bertele in München eine Ausbildung zum Optikrechner. Das Potenzial des mathematisch interessierten jungen Mannes blieb nicht lange unbemerkt: Mit gut 20 Jahren begeisterte er die Fachwelt erstmals mit einer neuartigen, für die damalige Zeit erstaunlich leistungsfähigen Optikkonstruktion.

Das lichtstarke, scharfzeichnende Objektiv ermöglichte es erstmals, ohne Blitzlicht und ohne Stativ in Innenräumen zu fotografieren. In der Folge wurde eine entsprechend ausgerüstete Kamera zur Basis des Erfolgs zahlreicher prominenter Fotografen.

In der rasanten Entwicklung der geometrischen Optik und damit auch der Fotografie nach dem Ersten Weltkrieg nimmt die Arbeit von Ludwig J. Bertele einen herausragenden Stellenwert ein. Später setzten seine Entwicklungen auch in der Luftbild-Fotogrammetrie sowie in weiteren Spezialgebieten der Optik Massstäbe.

Dieses Buch erzählt die Lebensgeschichte eines aussergewöhnlich begabten Mannes, der als Autodidakt und Meister der Linsenkombinationen immer wieder wichtige Impulse in der Entwicklung der Optikforschung zu setzen vermochte. 1958 verlieh die ETH Zürich Ludwig J. Bertele die Ehrendoktorwürde.
Zielpublikum: An Fotografie und Wissenschaftsgeschichte Interessierte.

 

Der Inhalt

Inhaltsverzeichnis / Vorwort / Danksagung

Teil 1: Ein Blick zurück in die Geschichte
Schleiftechnik und erste optische Entdeckungen / Die Komödie «Die Wolken» von Aristophanes / Das Brennglas in der orphischen Dichtung / Linsen für Lupen und Fernrohre? / Die Sonne, eine riesige Kristalllinse / Optische Linsen und Glas / Erwachende Neugier / Das Cristallo-Glas / Das Bleiglas / Vom Linsenschleifen zum neuen Weltbild / Vom Linsenschleifen zum Atommodell / Geburt der Fotografie / Zurück zu den Linsenschleifern / Mathematische Beschreibung der Lichtbrechung / Pioniere der geometrischen Optik / Die fünf Seidelschen Abbildungsfehler: I Die sphärische Aberration 23, II Die Koma (Asymmetriefehler) , III Der Astigmatismus, IV Die Bildfeldwölbung, V Die Verzeichnung / Die chromatische Aberration / Mit mathematischer Methode errechnetes Objektiv / Die Logarithmen / Carl Zeiss – Ernst Abbe – Otto Schott / Das Tessar

 

Teil 2: Ludwig Jakob Bertele
Kindheit und Jugend / LJB als Lehrling / LJBs Methode der Objektiventwicklung / Der Militärdienst / Finnenwechsel von München nach Dresden / Der optische Ausgleich / Vom Projektionsobjektiv zum Fotoobjektiv / Zur Konstruktion des Ernostars / Zum Erfolg von Ernostar und Ermanox-Kamera / Der Theaterfotograf Hans Böhm / Der Pressefotograf Dr. Erich Salamon / Ein erstes menschliches Problem / Ein weiterer Einschnitt / Erste akademische Weihen / Eine Reise in die USA / Zurück aus den USA – das Sonnar-Objektiv / Die Contax – Biotar oder Sonnar? /

Heirat und Familiengründung / LJBs Verhältnis zum Nationalsozialismus / Zweimal extreme Brennweite – das Olympia-Sonnar / Das Biogon / Viele Musterobjektive vom Sonnartyp/ Das Weitwinkelokular / Der Bruch mit Zeiss und der Wechsel zu Steinheil / Die Liegenschaft Liebigstrasse 23 / Flucht aus dem zerstörten Dresden / Auswandern? / Extreme Anforderungen – und die Lösungen / Einen Schritt weiter: 90° Bildwinkel / Noch einen Schritt weiter: 120° Bildwinkel / Das Reprogon-Objekliv / Eine Ehrung / Das Trio Aviotar, Aviogon und Superaviogon / Ein Objektiv für die terrestrische Fotogrammetrie / Die Falkonar- und Reconar-Objektive / Das Orbigon-Objektiv / Das Astrotar – Satelliten-Fotogrammetrie /

Der weite Winkel und der Lichtabfall / Problem: Reflexionen bei Luft-Glas- Übergängen / Die Entspiegelung von Glas Oberflächen / Werkzeuge zur Berechnung des Strahlen Verlaufs / Bin weiteres Kind des Aviogons – das Biogon 90° / Die schwierige Situation der Konkurenz / Die Karriere des Biogons im Weltraum / Mikroskopentwicklung / Die Okulare / Die Schacht-Objektive / Ein Affront und die Konsequenz / Ein Objektiv mit variabler Brennweite / Eine Optik für Endoskope / Stimulierende Beziehungen / Gelebte Mitmenschlichkeit / Eine Synopse / Ehrungen in Anerkennung seiner Verdienste / Epilog / Informationstechnologie und Digitalisierung / Schleiftechnik / Miniaturisierung / Gradientenoptiken / Elektroakive Polymere / Diffraktive optische Elemente / Noch etwas … / Bildnachweis / Literaturverzeichnis

 

Der Autor

Erhard Bertele, Dr. sc. nat., (*1934). 1945 Flucht der Familie aus Dresden. Schulbildung und Matura in Schiers. Als interessierter Hobbyfotograf spielte er zunächst mit dem Gedanken eine berufliche Ausbildung in diesem Bereich zu wählen, jedoch das Interesse an den Naturwissenschaften überwog und führte zum Chemiestudium an der ETH/Z mit anschliessendem Doktorat bei Prof. Eschenmoser in dem es um Vorarbeiten zur Vitamin B12 Synthese ging. Danach Forschungstätigkeit im Bereich von Aroma- und Riechstoffen bei Givaudan. Besondere Umstände im persönlichen Bereich verschob sein Interesse an den Molekülen in Richtung Interesse an den Rätseln der menschlichen Psyche. Ein Zweitstudium in diesem Bereich führte dann zur eigenen psychotherapeutischen Praxis in Zürich und später in Wetzikon.

 

Kurzinterview mit Erhard Bertele

Herr Bertele, was hat Sie bewogen dieses Buch zu schreiben?

Im Vorwort des Buches bin ich auf diese Frage eingegangen. Wie es oft so geht im Leben sind da mehrere Faktoren zusammengekommen. Über die Sichtung des Nachlasses meines Vaters, der jahrelang in einem Estrich lagerte, die Entdeckung der Aufzeichnung eines Gesprächs, dass mein Vater (ca. 1980) mit einem Zeiss-Mitarbeiter einige Jahre vor seinem Tod geführt hatte, sowie der Kontakt zu einem Fotohistoriker liess die Idee dazu keimen. Erst im Verlauf der Recherchen wurde mir bewusst, wie prominent seine Schöpfungen doch waren – was mich immer mehr darin bestärkte diese Aufgabe in Angriff zu nehmen. Die Darstellung seiner Leistungen konnte ich durch persönliche Erinnerungen und Bilder aus dem Familienbesitz ergänzen. Ein erster kleiner Privatdruck fand Anklang und der vdf Verlag war dann daran interessiert das Buch in einer grösseren Auflage herauszugeben.

 

Wie gross war in Ihr Interesse in der Jugendzeit für die Arbeit Ihres Vaters?

Mein Vater hat nicht sehr oft über seine Arbeit gesprochen. Viel hätten wir ja damals auch nicht verstehen können. Wenn er es tat, dann immer mit grosser Bescheidenheit, und Zurückhaltung. Lange Zeit wusste ich nicht richtig was er denn tat. Es war in einer der ersten Primarschulklassen als der Lehrer die Schüler nach dem Beruf des Vaters fragte. Das brachte mich damals recht in Verlegenheit. Alle wussten es, konnten eine klare Antwort geben. Doch ich konnte nur sagen dass er viel rechnen müsse. Ich stelle mir vor, dass der Lehrer damals «Buchhalter» notierte. Doch Fotografie und das Fotografieren war immer mal ein Thema bei uns. Dass die Contax Spitzentechnologie von Zeiss war, und das Sonnar 1:1.5 an seiner Contax von ihm errechnet war, wusste ich natürlich. Als ich begann mich ernsthafter fürs Fotografieren zu interessieren schenkte er mir diese seine Kamera. Er zeigte dann auch stets Freude wenn ich ihm die Produkte meiner gestalterischen Bemühungen zeigte. Wie ich im Buch beschreibe war sein Versuch in mir den Optikrechner zu aktivieren nicht von Erfolg gekrönt. Wenn mein Interesse dann zunächst der Chemie galt, ist daran unser ehemaliger Chemielehrer in Schiers, ein Original, nicht ganz unschuldig, Die Begeisterung für sein Fach, gewürzt mit spannenden Experimenten, war einfach ansteckend.

 

Wie würden Sie Ihren Vater in einem Satz charakterisieren?

In einem Satz? Das ist schwierig. Das braucht ich wohl etwas mehr. Rückblickend erstaunt mich wie er mit Problemen die sich durch seine schöpferische Tätigkeit ergaben umgehen konnte. Er lud mich oft ein, ihn auf einem nachfeierabendlichen Spaziergang zu begleiten. Was ich gern machte. Ich erinnere mich, wie er einmal erzählte, dass er bei einem wichtigen Projekt, das er in Arbeit hatte, wohl in eine Sackgasse geraten sei, er wisse nicht mehr wie weiter. War da Verzweiflung? Nein so etwas spürte ich nicht. Er würde die Sache jetzt einfach einmal mal liegen lassen meinte er. Einige Spaziergänge später erzählte er, dass sich für das unlösbar scheinende Problem doch eine Lösung ergeben hatte. Als er mir dann zu erklären versuchte was das Problem gewesen war und wie die Lösung aussah verstand ich dabei natürlich recht wenig. Was ich jedoch verstand war, dass er über einen zunächst als unmöglich gehaltenen Weg doch eine Lösung gefunden hatte. Ich denke, dass dieses Beispiel zeigt, wie ein grundlegender Optimismus ihn wohl immer wieder zur Lösung von Problemen führte vor denen andere resigniert hätten. Wenn er an der Erarbeitung einer neuen Hochleistungsoptik war, was sich über ein, zwei, drei Jahre erstrecken konnte lebte er so mit dem Projekt, dass Ferien und gesellschaftliche Aktivitäten für ihn tabu waren. Er pflegte dann einen disziplinierten, eher asketisch zu nennenden Lebensstil.

 

Glauben Sie, dass Ihr Vater seine Lebensziele erreicht hatte?

Zunächst hatte er sicher das Ziel der drückenden Armut die er in seiner Kindheit erlebt hatte zu entkommen. Dieses Ziel hatte er überraschend schnell erreicht. Wie mir scheint ging es ihm dabei vor allem um seine Eltern denen er sich sehr verbunden fühlte. Es war ihm wichtig diesen eine sorgenfreie Existenz zu ermöglichen. Danach, ging es um die Lösung der optischen Probleme die an ihn herangetragen wurden. Dass er ohne akademische Weihen sehr erfolgreich war, machte dem Autodidakten das Leben zunächst nicht unbedingt leicht. Dies und wohl auch eine Neigung zur Introversion waren wohl die Ursache, dass er gesellschaftlichen Anlässen eher auswich. Auch die Selbstdarstellung über Vorträge war nicht seine Sache. Beruflicher Werdegang und Erfolg ist die eine Seite der Medaille. Die Andere ist der private Bereich. Hier war es die Familie mit den zwei Söhnen. Dann auch der Erwerb seines «Refugiums» im schön gelegenen Bergdorf Wildhaus. Hier konnte er auf langen Wanderungen Abstand nehmen vom abstrakten Denken.
Last not least, nochmals zurück zur beruflichen Seite: Er freute sich immer sehr, wenn er wieder einmal eine Würdigung oder Auszeichnung in Anerkennung seiner Verdienste erhielt.

Interview: Urs Tilmanns

Bibliografie

Erhard Bertele
«Ludwig J. Bertele – Ein Pionier der geometrischen Optik»
120 Seiten mit zahlreichen Fotos/Abbildungen
Gebunden, Hardcover
Format: 25,0 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-7281-3816-3
Verlag: vdf Hochschulverlag ETH Zürich
Auflage: 1., 2017
Sprache: Deutsch
Preis: CHF 48.00, EUR 46,00

Das Buch kann hier online bestellt werden

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