Urs Tillmanns, 2. April 2017, 10:00 Uhr

Fotografiert die Schweizer Akrobaten der Luft: Urs Mattle

Die atemberaubenden Bilder der Patrouille Suisse und des PC-7 Teams gehen um die Welt, und es gibt eine spannende Buchreihe dazu. Ihr Fotograf: Urs Mattle. Er hat das Team während Jahren begleitet und war oft im Cockpit mit dabei. Wie kommt man dazu, und welche technische Probleme und Einschränkungen gibt es dabei? Fotointern hat sich mit Urs Mattle unterhalten.

 

Urs Mattle war sechs Jahre als Fotograf und Kameramann mit der Patrouille Suisse, der Jet-Kunsflugstaffel der Schweizer Luftwaffe, in der Schweiz und in Europa unterwegs. Die Saison 2012 verbrachte er mit dem PC-7 Team, dem Propeller-Kunsflugteam der Luftwaffe. Die Patrouille Suisse fliegt mit sechs rot-weiss bemalten Northrop F-5E Tiger II Kampfflugzeugen, das PC-7 Team fliegt mit neun rot-weiss bemalten Pilatus PC-7 Trainingsflugzeugen.

 

Speed – Beim «Tunnel» kreuzen sich der Patrouille Suisse Verband und der Solist mit fast 1300 km/h (zusammengezählte Geschwindigkeiten), auch die schnellsten Serienaufnahmen zeigen die Flugzeuge selten im entscheidenden Moment. 2010 in Rivolto gelang mir ein Glückstreffer – dort habe ich während der Kreuzung nur ein einziges Mal, intuitiv im richtigen Moment, auf den Auslöser gedrückt.

Fotointern.ch: Herr Mattle, Sie sind bekannt als Fotograf und Kameramann der Patrouille Suisse und vom PC-7 Team und haben zum Thema Aviatik Bildbände, eine DVD und Postkartenserien publiziert. Wie kamen Sie dazu?

Urs Mattle: Mit 15 begann ich mit Fotografieren. Mein Vater war begeisterter Hobby-Fotograf und mein ältester Bruder hat 1972 eine Nikormat FTn mit einem 35er- und einem 50er Objektiv von den olympischen Spielen in Sapporo mitgebracht, wo er im Riesenslalom die Bronzemedaille gewonnen hatte. Ich experimentierte mit der Kamera und den Objektiven und hatte mir im fensterlosen Heizungsraum ein kleines Schwarzweiss-Labor eingerichtet. Auf unzähligen Reisen waren Foto- und Super-8 Filmkamera immer dabei. Seither bin ich der Marke treu geblieben, und seit 1975 bis heute haben mich diese Kameras begleitet.
Wie es zum Kontakt mit der Patrouille Suisse kam? An der Kantonsschule Chur, ebenfalls in den Siebzigerjahren, war ich in der gleichen Klasse wie Daniel Hösli, dem späteren Kommandanten der Patrouille Suisse. So ist eine interessante und anhaltende Freundschaft entstanden.

 

Perspektive – Ein Teleobjektiv verdichtet, macht den Raum flach. Auf dem Foto sieht es dramatischer aus als in Wirklichkeit, der Patrouille Suisse Solist steigt mit genügend Sicherheitsabstand vor der Felswand in Mollis in den Himmel

Wie kamen Sie dazu für die Patrouille Suisse zu arbeiten und welche Voraussetzungen muss man als Fotograf mitbringen?

2008 habe ich einige meiner Airshow-Fotos Daniel Hösli gezeigt, welcher mich sofort auf ein paar Einsätze mitnahm. Der Kommandant der Patrouille Suisse steht im Zuschauerzentrum am Boden in Funkkontakt mit dem Leader in der Luft. Jede Vorführung der Patrouille Suisse wird vom Boden mit einer Videokamera aufgezeichnet, dieses Video wird anschliessend von den Piloten am Debriefing analysiert. Aufgrund des bestandenen «Eignungstestes» wurde ich bei der Patrouille Suisse als Video-Kameramann engagiert.

 

Perspektive – Ein Weitwinkelobjektiv verzerrt die Grössenverhältnisse. Ein «parkierter Tiger» in Berlin

Standen die Publikationen im Vordergrund oder haben sich diese aufgrund des Bildmaterials ergeben?

Mein Einsatz bei der Patrouille Suisse als Kameramann war unentgeltlich, ich habe deshalb vereinbart, alle nebenbei gemachten Foto- und Video-Aufnahmen für eigene Projekte verwenden zu dürfen. Ich hatte die einmalige Gelegenheit, das Team bei seinen Trainings und Flugvorführungen im In- und Ausland als Fotoreporter zu begleiteten. Die Idee für ein Fotobuch lag also nahe, aber ohne Luftaufnahmen der Kunstflugstaffel nur eine halbe Sache. «Air-to-Air» Fotoflüge bedingen die Begleitung des Teams mit einem zweisitzigen Trainingsflugzeug und werden wegen der Kosten nur alle paar Jahre durchgeführt. Der weltweit beste Fotograf auf diesem Gebiet ist zweifellos der Japaner Katsuhiko Tokunaga. Er ist mit jedem bekannten Kunstflugteam der Welt als «Air-to-Air»-Fotograf mitgeflogen. Tokunaga hat 1988 die Patrouille Suisse zum ersten Mal fotografiert. «Katsu» war sofort bereit, mir seine besten «Air-to-Air» Aufnahmen zur Verfügung zu stellen, so entstand 2010 mein erstes Buch: «Patrouille Suisse – Backstage», das beim AS Verlag in Zürich erschien. Die Backstage-Reihe umfasst heute bereits fünf Fotobücher, alle zum Thema Aviatik.
Ebenfalls 2010 entstand die DVD/Blu-ray «Patrouille Suisse – Tango». Ich habe die damals neuen «Action-Cams» bei der Patrouille Suisse mitfliegen lassen. Zum ersten Mal waren kleine HD-Kameras im Cockpit, am Helm der Piloten und aussen am Flugzeug im Einsatz.

 

Perspektive – Das Teleobjektiv drückt die Flieger an die Wand, der Effekt wird durch die Zuschauer im Vordergrund verstärkt. Real beträgt der Abstand zum Eiger Gletscher einen Kilometer. Patrouille Suisse und PC-7 Team sind die einzigen Kunstflugteams, welche in schwierigem Gelände ihr Flugprogramm zeigen

Sicher gibt es für Fotografen im Cockpit strenge Vorschriften. Was darf man dabei, und was darf man nicht?

Man darf nur eine «nackte» Kamera mit einem Objektiv mitnehmen, möglichst kompakt und ohne Teile, die während der akrobatischen Flugmanöver oder unter g-Belastung wegfallen oder sich verfangen können (Objektivdeckel, Sonnenblenden, Trageriemen). Das hintere Cockpit im PC-7 ist genau gleich ausgelegt wie das vordere, normalerweise sitzt hier der Fluglehrer. Für Fotografen wird der hintere Steuerknüppel ausgebaut, was beim Fotografieren etwas Bewegungsfreiheit und vor allem Sicherheit schafft. Eine unbeabsichtigte Manipulation am hinteren Steuerknüppel durch den Fotografen wäre bei den Akrobatikmanövern in geringer Höhe fatal.

 

g-Belastung – Bei dieser Kreuzung werden kurzfristig 6 g Beschleunigung erreicht, der g-Messer im Cockpit der PC-7 zeigt bereits den Wert von 4.6 an. Hier kann man nur «auf gut Glück» mit fest abgestützter, blockierter Kamera fotografieren

Welche technischen Mittel sind zugelassen, bzw. geeignet, und was ist dazu weniger sinnvoll?

Bei den ersten Sony Action-Cameras waren Kamera und Recorder getrennt und mit einem massiven Kabel verbunden. Die Patrouille Suisse Piloten hatten die Kamera auf Augenhöhe am Helm montiert und mussten Recorder und Kabel in den Beintaschen im Fliegerkombi unterbringen damit keine feste Verbindung zwischen Pilot und Flugzeug bestand, falls sie im Notfall den Schleudersitz hätten betätigen müssen.
Beim Fotografieren von Propellerflugzeugen sehen Propeller in Bewegung, also verwischt, besser aus. Man möchte eine möglichst lange Belichtungszeit ohne dass das ganze Bild verwackelt ist. Das Fotografieren von Propellerflugzeugen oder Helikoptern ist deshalb schwieriger als das von Jets. Ich hatte auf den meisten Flügen mit dem PC-7 Team einen fast zwei Kilogramm schweren Kreiselstabilisator, den Kenyon KS-6 Gyro Stabilizer, dabei.

 

Formation «Mirror» von unten. Die Kamera mit dem Weitwinkelobjektiv wird hier einfach auf die Beine gelegt und ein paar Mal ausgelöst. Der Kopf kann wegen dem Helm nicht weit genug zurückgeneigt werden, um das obere Flugzeug von Auge zu sehen

Wann kommen Fotograf und Geräte an ihre Belastungsgrenzen?

Wenn man während des Fluges die Umwelt nur durch das kleine Sucherbild der Kamera wahrnimmt, wird einem schnell schlecht. Auf dem Überflug und zugleich meinem ersten Fotoflug bei strahlendem Wetter vom Tessin über das frisch verschneite Jungfraujoch nach Dübendorf habe ich hunderte von Fotos in jeder Fluglage gemacht. Da musste ich meinen Piloten ein paar mal bitten, für eine Weile einfach nur ganz ruhig geradeaus zu fliegen.
Sobald höhere g-Kräfte auftreten ist normales Fotografieren nicht mehr möglich. Man kann die Kamera nicht mehr vor dem Auge halten, muss diese irgendwie abstützen und löst auf gut Glück aus. Beim PC-7 Team treten bei einzelnen Akrobatik Manövern kurzfristig 6 g auf, da kann man untrainiert nicht einmal mehr atmen. Weil ich die ganze Saison bei vielen Flügen dabei war, konnte ich mich optimal auf die Belastungen und die genaue Abfolge der Figuren im Flugprogramm einstellen.
Auch im Rückenflug nahe am Boden und in den Gurten hängend, ist das Fotografieren nicht einfach. Erschwerend kommt dazu, dass die Bewegungsfreiheit des Kopfes durch den Fliegerhelm stark eingeschränkt ist. Meine Nikon Kameras haben immer und in jeder Fluglage tadellos funktioniert und beste Resultate geliefert.

 

Formation «Mirror» von oben. Die Kamera mit dem Weitwinkelobjektiv muss man in dieser Kopfüber-Position gut festhalten

Gab es auch schon kritische Situationen?

Auf den vielen Flügen mit dem PC-7 Team gab es nur ganz wenige Zwischenfälle, zum Beispiel Vogelschlag oder dass eine Fahrwerkanzeige nicht richtig funktionierte, welche aber ohne Folgen blieben. Beim Überflug nach Schweden ist mir kurz vor der Landung ein Objektivdeckel runtergefallen. Nichts passiert, doch wurden zwei Mechaniker in Malmö um ihr Mittagessen gebracht, sie waren mehr als eine halbe Stunde damit beschäftigt, den Plastikdeckel aus dem Rumpf der PC-7, dort wo die Steuerseile verlaufen, wieder zu Tage zu fördern.

 

Propeller – Drehende Propeller sehen verwischt am besten aus. «Lange» Belichtungszeiten mit einem Super-Teleobjektiv sind am Boden mit Stativ oder Bildstabilisator möglich (600 mm / 1/200 Sec.)

Sie fliegen in den schnellen Maschinen mit. Wird man da nicht vom Geschwindigkeitsrausch besessen und möchte selbst fliegen?

Möchten schon, aber können nicht! Die Ausbildung zum Schweizer Militärpiloten dauert sechs Jahre und alle Mitglieder der Patrouille Suisse und des PC-7 Teams werden exklusiv ausgewählt. Auf den vielen Flügen mit der Schweizer Luftwaffe war ich froh, dass ich mich auf die besten Piloten verlassen und voll und ganz auf’s Fotografieren konzentrieren konnte.
Bei langen Überflügen oder bei schlechtem Wetter konnte ich häufig die Kamera verstauen und den Flug geniessen.

 

Propeller – Im Cockpit hat kein Stativ Platz, hier helfen Weitwinkelobjektiv und ein Kreiselstabilisator (24 mm / 1/125 Sec.)

Sie sind nicht nur Flugfotograf sondern auch selbst erfahrener Ballonfahrer. PC-7 fliegen und Ballonfahren – dazwischen liegen Welten. Ist das Eine der Ausgleich zum anderen?

Nein, beim Ballonfahren war ich selber Pilot und konnte deshalb nicht fotografieren, im PC-7 als Passagier schon. Zwar unterschiedlich schnell, aber beides sind Möglichkeiten, in die «dritte Dimension» zu gelangen und die Welt aus einer anderen, freieren Perspektive zu sehen.

 

Formation «Diamond» – Auf Überflügen steht das Reserveflugzeug als Fotoflugzeug zur Verfügung. Um die PC-7 Team Standardformation senkrecht von oben zu fotografieren muss der «Fotopilot» die PC-7 in einer Fassrolle (eine Flugfigur, bei der das Flugzeug eine Schraubenlinie in horizontaler Richtung fliegt) zum richtigen Zeitpunkt im Rückenflug direkt über den Verband steuern. Zum Fotografieren bleiben nur ein paar Sekunden. «Air-to-Air» Fotografie ist immer Teamarbeit zwischen Piloten und Fotograf

Sie haben Wahrnehmungspsychologie und Publizistik studiert. Da drängt sich ja die Fotografie geradezu auf … Was bedeutet Ihnen die Fotografie?

Fotografie ist ohne Ende, man kann sich ein Leben lang damit beschäftigen und entdeckt immer wieder Neues. Was mich immer wieder erstaunt ist, dass man Jahre lang am gleichen Ort wohnt oder den gleichen Weg geht und immer wieder entdeckt man etwas neues, was man noch nie zuvor gesehen hat, das aber immer schon da war. Diese zwei Zitate umschreiben die Bedeutung der Fotografie treffend:
«Sehen verändert unser Wissen. Wissen verändert unser Sehen.» Jean Piaget (1896 – 1980) und 
«Wer sehen kann, kann auch fotografieren. Sehen lernen kann allerdings dauern.» (älterer Werbeslogan der Leica AG)

 

Formation «Diamond» aus der Position rechts aussen (#6 Right Outer Wing) im Anflug auf den Militärflugplatz Emmen. Manchmal hat man Glück und die Sonne spielt auch mit

Sie haben den ganzen Wandel von der analogen Welt zur digitalen und jetzt zum Smartphone mitgemacht. Wie, glauben Sie, wird sich die Fotografie längerfristig entwickeln?

Die Digitalisierung hat in der Fotografie zu einer fast unheimlichen Demokratisierung geführt. Jeder kann heute technisch perfekte Bilder und Videos machen und diese in Sekunden mit der ganzen Welt teilen. Die technische Entwicklung wird zweifellos weitergehen aber die Kehrseite der Digitalisierung, die totale Überwachung, ist leider bereits zur Realität geworden.
Manchmal wünsche ich mir die alten Zeiten der Fotografie mit Film zurück, wo man sich vor jedem Auslösen genau überlegen musste, ob man dieses Foto wirklich machen soll. Die heutige Bilderflut lässt sich schon lange nicht mehr bewältigen: «Weniger wäre viel mehr!»

 

Formation «Diamond» – Aus dem Fotoflugzeug von schräg oben über dem frisch verschneiten Aletschgletscher fotografiert.

Sämtliche Fotos: © Urs Mattle

Für Interessierte: die EXIF-Daten der Bilder in einem pdf.

Mehr Infos auf der Webseite von Urs Mattle.
Eine Übersicht seiner Veröffentlichungen finden Sie hier.


Urs Mattle – Leiter bei Nikon School Workshops

Seit kurzem ist Urs Mattle als Workshopleiter bei der Nikon School dabei und freut sich, seine über 40 Jahre gesammelten Erfahrungen an interessierte Fotografen weiterzugeben. Der erste Nikon School Workshop findet im Verkehrshaus der Schweiz in Luzern statt, weitere, aviatikbezogene, sind in Planung.
Infos: Fotografieren im Verkehrshaus | Nikon School

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