Monica Boirar, 25. Juni 2017, 07:32 Uhr

Bernd Stiegler – Auf der Suche fotografischer Spuren

Im akademischen Zirkel der Fotografieforschung hat sich der Konstanzer Universitätsprofessor Bernd Stiegler mit seinen eigenwilligen Forschungsansätzen und spannenden Publikationen einen Namen gemacht. Fotointern hat den Wissenschaftler in seiner Wohnung am Bodensee für ein exklusives Gespräch besucht.

 

Es bedarf nicht des Scharfsinns eines Sherlock Holmes, um zu erkennen, dass in der kleinen Vier-Zimmer-Altstadtwohnung unmittelbar bei der Mündung des Obersees in den Rhein ein Gelehrter haust. Im Mikrokosmos des Bernd Stiegler erkennt man zudem einen passionierten Sammler. Bücher, teilweise fast bis zur Decke gestapelt, dominieren die über drei Meter hohen Räume; viele hundert Bildbände, wissenschaftliche Literatur und historische Werke stehen als auserlesene Fachbibliothek in greifbarer Nähe in den Regalen. An der Wand im Korridor hängen Fotografien dicht nebeneinander; Schachteln mit historischem Bildmaterial türmen sich; zur DVD- und CD-Sammlung gesellt sich afrikanische Kunst; Büsten, Masken und Figuren aus Holz und Stein beseelen das Wohnzimmer.

 

Bernd Stiegler in seinem Arbeitszimmer, umgeben von vielen literarischen und kulturellen Schätzen (Foto: Monica Boirar)

Im vergangenen Dezember war der umtriebige Professor einer Einladung für ein Referat nach Basel gefolgt. Im BelleVue – Ort für Fotografie erzählte er von seinem zweisemestrigen Forschungsseminar zum Thema «Gebrauchsweisen der Fotografie». Die vielen berühmten Persönlichkeiten der Fotografiegeschichte waren für einmal nebensächlich. In der Forschung ging es ganz pragmatisch um den Nutzen von Fotografien, deren soziale, gesellschaftliche oder auch politische Funktion. Stiegler erläuterte den eigenwilligen Ansatz und illustrierte die Forschungsergebnisse mit vielen Bildbeispielen. Wozu diente das Foto einer Frau, die im Garten neben der Ausrüstung ihres im Ersten Weltkrieg verstorbenen Mannes sitzt? Weshalb liessen sich Angler mit ihrem Fang ablichten? Wurden die Bilder prämierter Tiere als Vorbilder gezeigt? Weshalb wurden in den Schlachthäusern Aufnahmen gemacht? Was erzählen uns alle diese Fotografien über das Verhältnis von Mensch und Tier?

 

Ein Symbolbild für die erschütternden Folgen der abertausend toten Soldaten des Ersten Weltkriegs. Im Stuhl neben der trauernden Witwe liegt die Uniform ihres verstorbenen Gatten als das, was von ihm übrigblieb.

Regine Flury vom BelleVue-Vorstand hatte Bernd Stiegler den zahlreich erschienenen Besucherinnen und Besuchern als Co-Autor des Reclam-Büchleins «Meisterwerke der Fotografie» vorgestellt. Ebendieses Taschenbuch würden sie neuen Studierenden der Fachklasse für Fotografie an der Schule für Gestaltung jeweils als Einstiegsgeschenk abgeben, erzählte die Fotografin und Dozentin für Fotografie. Das Werk von Bernd Stiegler und Felix Thürlemann mit gelbem Umschlag ruft wohl bei vielen Erinnerungen an längst vergangene Gymi-Zeiten und die Lektüre von gleichfarbiger Reclam-Fachliteratur wach.

Keine geringere als die Comtesse de Castiglione lädt als Covergirl zum Studium der Kurztexte ein. Informations-Häppchen zu den 150 zumeist hochformatigen Fotografien als optische «Amuse-Bouches» erlauben ein erstes Eintauchen in die Welt der Fotografie. Die Miniporträts, davon viele berühmte, machen vor allem auch neugierig auf mehr. Die Lektüre des Buches stelle eine Art Probebohrung für das Fachgebiet dar, so formuliert es Stiegler selbst.

 

Arthur Conan Doyle, der geistige Vater von Sherlock Holmes, sitzt neben der naturalistischen Büste seines Antlitzes. Das Doppelporträt belegt, dass die Darstellung des Bildhauers eine authentische ist und dass die Fotografie in manchen Fällen als Beweismittel durchaus taugt.

Während seines Studiums in den 1980er Jahren an deutschen Universitäten und an der Sorbonne in Paris zählten Literaturwissenschaften und Philosophie zu den Interessensgebieten des Wissenschaftlers. Auf Pariser Flohmärkten habe er ein paar historische Fotografien, Cartes de Visites und eine Daguerreotypie gekauft, erinnert er sich. Beim Verfassen seiner Habilitation «Philologie des Auges» Ende der 1990er Jahre erkundete Stiegler die fotografische Entdeckung der Welt im 19. Jahrhundert in Texten der deutschen und französischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Et voilà, da hat ihn das Fotofieber dann endgültig gepackt, eine intensive Beschäftigung mit dem visuellen Medium, seiner spezifischen Sprache und seinen mannigfaltigen Ausprägungen folgte. Nach Lehraufträgen und der mehrjährigen Arbeit als Programmleiter Wissenschaft beim Suhrkamp Verlag, lehrt Stiegler zur Freude vieler begeisterter Studierenden nun seit dem Jahr 2007 an der Universität Konstanz. Die Zusammenarbeit mit dem Kunsthistoriker Felix Thürlemann bis zu seiner Pensionierung 2014 – und darüber hinaus – entpuppte sich für spannende Forschungsseminare und Buchpublikationen als besonders fruchtbar.

 

Das Schattenbild der durchleuchteten Hand eines Gelehrten vom 23. Januar 1896 war keine spiritistische Fotografie, sondern eine wissenschaftliche Sensation. Mit den für unsere Augen unsichtbaren X-Strahlen hatte Wilhelm Conrad Röntgen das Bild auf eine fotografische Platte gebannt. Die Röntgenfotografie sollte die Medizin grundlegend verändern.

Ist der Wissensdurst und -hunger nach den «Meisterwerken» nicht gestillt, die Neugierde nun erst recht geweckt, dann lädt Stieglers Taschenbuch «Bilder der Photographie» zur eigentlichen Vorspeise ein. Das Buch stellt bis anhin sein erfolgreichstes dar: 2006 ist es im Suhrkamp Verlag erschienen, 2015 in der vierten Auflage gedruckt und mittlerweile in mehrere Sprachen übersetzt worden. 55 Fotografien mit je einem ausführlichen Artikel sind zu einem «Album photographischer Metaphern» gebündelt, so der Untertitel des Buchs. Immer wieder verblüfft, was sich geistreiche Denker zum Medium Fotografie und zur Beschreibung mithilfe von Metaphern ausgedacht haben: der fotografische Apparat als Bilderfalle oder Lichtfalle; die Blindheit als Tagesordnung im visuellen Zeitalter; die Fotografie als Wörterbuch für den Künstler; die lichteinfangende Fotografie gar als Gott oder Göttin. Es darf, wie schon bei den «Meisterwerken», geschmökert werden. Wissenschaftliche Bücher werden selten wie ein Krimi von der ersten bis zur letzten Seite gelesen. Erlaubt, ja sogar empfohlen wird den Studierenden, einzelne Beiträge nach Lust und Laune und persönlichem Interesse als Rosinen herauszupicken. Die jeweils angegebene Literatur als Verweis auf weiterführende wissenschaftliche Werke zu den Themen, kommt einer Einladung zu einem Tiefseetauchgang im Forschungsbereich zur Fotografie gleich.

 

Die Hand ruht auf einer fotografischen Platte, welche die von ihr ausgehenden Strahlungen aufzeichnet. Jacob von Narkiewicz-Jodko hat diese Elektrofotografie 1896 gemacht. Dem zeitgenössischen Publikum erschien sie magisch und unergründlich.

Bleiben wir beim «Verzehr» des Stieglerschen Œuvres bei der Metapher eines mehrgängigen Menus, so kommen wir nun zum Hauptgang. Es sei vorweggenommen, dass es sich um vier etwas schwerer verdauliche Stücke handelt: ein überreifer Camembert, ein deftiges Fleischgericht mit viel Speck, eine fette Wurst und ein öliges Heringsfilet, allesamt anspruchsvolle Texte mit den erforderlichen Fussnoten und tadellosen Quellenverweisen versehen. Sie stammen aus dem Hause Wilhelm Fink Verlag und fordern den Geist. Vorausgesetzt und als bekannt eingestuft werden theoretische Texte zur Fotografie, die der Autor diskutiert. Die Fachliteratur ist vom Feinsten, erlesene Kost, aber eben auch sehr hochtrabend: In seiner «Theoriegeschichte der Photographie» diskutiert Stiegler zahlreiche theoretische Ansätze namhafter Autoren, in «Montagen des Realen» wird die Fotografie in 15 Essays als Medium der Reflexion thematisiert, «Rundgänge der Photographie» besteht aus zwölf wissenschaftlichen Aufsätzen und «Der montierte Mensch» behandelt das technische Zeitalter, den Traum eines neuen technischen Menschen, die Ästhetik des Mediums in einer zunehmend technisierten Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

 

«Es kommt der neue Fotograf»: Bereits mit der Titelfotografie seines 1929 erschienenen Buches belegte Werner Gräff, dass es ihm darum ging, traditionelle Normen und Sehweisen durch neue Formen zu ersetzen.

Klar kommt jetzt noch das Dessert zum Schluss. Wer will, kann natürlich auch alle vorangegangenen Gänge weglassen. Zwei Publikationen aus dem Verlagshaus S. Fischer zu besonders pikanten Aspekten der Fotografie weisen einen hohen Unterhaltungswert auf. In «Belichtete Augen, Optogramme oder das Versprechen der Retina» erzählt Stiegler von der aberwitzigen Annahme, die im 19. Jahrhundert auch unter Wissenschaftlern wie Rechtsmedizinern verbreitet war, dass sich im Moment des Todes auf der Netzhaut eines Sterbenden ein letztes Bild abzeichnet. Entsprechende Berichte konnte Stiegler im Zeitraum von 1850 bis Ende der 1920er-Jahre nachweisen. Man nannte die Bilder Optogramme und erhoffte sich vor allem in kriminalistischen Fällen zur Überführung des Täters Informationen über den Mörder aufgrund des letzten Bildes. Das Auge als ein Augenzeuge im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Die fotografische Dokumentation eines Tatorts wird schon im 1890 erschienenen «Handbuch der kriminalistischen Photographie» von Friedrich Paul nach wissenschaftlichen Kriterien vorgestellt.

Was wir aus heutiger Perspektive als Aberglaube belächeln, wurde von der Polizei mit grösstem Eifer vorangetrieben, die Sektion des Auges eingeleitet, um die Netzhaut von Ermordeten vollständig freizulegen und schliesslich feststellen zu müssen, dass es dort kein Bild des Mörders, quasi als letzte dauerhaft fixierte Fotografie zu sehen gab. Insgesamt etwas makaber, aber hier wären wir dann doch ganz nah beim Krimi. Wer mit der Lektüre begonnen hat, wird das Buch wohl erst wieder aus der Hand geben, nachdem er bei der letzten Seite angelangt ist.

 

Die Tatsache, dass es sich bei den hier abgebildeten Elfen um aus Pappkarton ausgeschnittene Figuren handelte, hielt Conan Doyle nicht davon ab, zu verbreiten, dass es gelungen sei, wirkliche Elfen zu fotografieren.

Stieglers «Spuren, Elfen und andere Erscheinungen – Conan Doyle und die Photographie» birgt nicht nur beachtlichen Erkenntnisgewinn, sondern vor allem auch Spannung. Conan Doyle, der geistige Vater der weltberühmten Kunstfigur Sherlock Holmes war selber Amateurfotograf. Der Privatdetektiv Holmes als Hauptprotagonist seiner Krimis erlangte mit neuartigen forensischen Arbeitsmethoden, die ausschliesslich auf detailgenauer Beobachtung und nüchterner Schlussfolgerung beruhten, Berühmtheit. Das hinderte den britischen Arzt und Schriftsteller jedoch nicht daran, sich spiritistischem Unsinn hinzugeben und fotografische Abbildungen von Geisterbildern und Phantomen als Beweise zu deuten und ernsthaft an den Wahrheitsgehalt solcher Bilder zu glauben. Die zwei Seelen in seiner Brust lassen auf eine zerrissene Persönlichkeit schliessen – oder an einen allzu naiven Glauben an die Objektivität fotografischer Bilder. Dass man in diesem kurzweiligen Buch so ganz nebenbei sehr viel über die Fotografie des 19. Jahrhundert lernt, erweist sich als angenehmer Nebeneffekt.

 

Über viele Jahrzehnte hinweg wurde die spiritistische Fotografie als Beweis, ja gar als wissenschaftlicher Beleg von Geistern und Phantomen genutzt. Diese Gespensterfotografie von Paul Nadar um 1890 war jedoch ironisch gemeint.

Bernd Stiegler forscht diesen Sommer in Paris. Im Jahr 2019 will er ein Buch zu Nadar veröffentlichen. Über den Tausendsassa weiss man ja bereits sehr viel. Bekannt sind seine Aufnahmen aus den Pariser Katakomben, die köstlichen Karikaturen von ihm und über ihn, erste misslungene und später erfolgreiche Luftaufnahmen, seine bezaubernden Porträts der Sarah Bernhardt und seine freundschaftlichen Beziehungen zu den Impressionisten. Viel Erfolg, Bernd Stiegler, bei den Recherchen! Wir sind gespannt und freuen uns über die Publikation noch unbekannter Fotografien und spannender Anekdoten der Zeit- und Fotografiegeschichte.

Interview und Text: Monica Boirar

(Alle Abbildungen stammen aus Büchern von Prof. Dr. Bernd Stiegler)

Webseite von Prof. Dr. Bernd Stiegler an der Universität Konstanz:

 

 

Bücher von Bernd Stiegler als Autor, Herausgeber und/oder Mitherausgeber
  Bernd Stiegler und Felix Thürlemann
«Meisterwerke der Fotografie
»
336 Seiten mit 150 Farb- und SW-Fotos
Reclam, 2011
CHF 17.90 / EUR 12.00
ISBN 978-3-15-018763-0
Link zum Reclam Verlag
  Bernd Stiegler
«Bilder der Photographie»

276 S. m. Fotos
Edition Suhrkamp Bd. 2461, 2. Aufl. 2007
ISBN 978-3-5181-2461-1
CHF 27.90 / EUR 18.00
Link zum Suhrkamp Verlag
  Bernd Stiegler
«Theoriegeschichte der Photographie»

1. Aufl. 2010 472 Seiten mit 48 sw-Abb
Verlag Fink
ISBN 978-3-7705-4216-1
CHF 65.90 / EUR 44.90
Link zum Fink Verlag
  Bernd Stiegler
«Montagen des Realen»

Photographie als Reflexionsmedium und Kulturtechnik
1. Aufl. 2009, 331 Seiten, kart.
Verlag Fink
ISBN 978-3-7705-4795-1
CHF 45.60 / EUR 39.90
Link zum Fink Verlag
  Bernd Stiegler
«Randgänge der Photographie»

1. Aufl. 2012 308 Seiten, 139 s/w Abb
Verlag Fink
ISBN 978-3-7705-5401-0
EUR 40.90
Link zum Fink Verlag
  Bernd Stiegler
«Der montierte Mensch – Eine Figur der Moderne»

2016 377 Seiten, 147 s/w Abb.
Verlag Fink
ISBN 978-3-7705-5976-3
CHF 48.70 / EUR 39.90
Link zum Fink
  Bernd Stiegler
«Belichtete Augen»

Optogramme oder das Versprechen der Retina
Fischer Verlag
ISBN 978-3-10-075550-6
CHF 26.90 / EURO 20.00
Link zum Fischer Verlag
  Bernd Stiegler
«Spuren, Elfen und andere Erscheinungen»

Conan Doyle und die Photographie
Fischer Verlag
ISBN 978-3-10-402972-6
CHF 21.65 / EUR 19,99
Link zum S. Fischer

 

 

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