Urs Tillmanns, 17. Dezember 2017, 09:15 Uhr

Wenn die Berge kopfstehen …

Die Landschaftsbilder von Simon Walther in seinem neuen Bildband «Bergüber» verblüffen. Wie oft erleben wir auf einer Wanderung, dass sich die Bergwelt in einem See spiegelt. Doch nur selten ist dieses Kehrtbild so perfekt, dass wir mit dem Ergebnis restlos zufrieden sind.

Jemand, der sich diese Spiegelungen seit Jahren zum Thema macht, ist Simon Walther. Seine Liebe zur Natur, vorwiegend zum Toggenburg und zum Bergell, seine Leidenschaft der Fotografie und seine unermüdliche Ausdauer belohnen ihn mit Bildern prachtvoller Landschaften, fantastischer Stimmungen und von Spiegelungen, wie sie perfekter nicht sein könnten. Wir zeigen hier nicht nur eine Auswahl aus Walthers jahrelangem Werk, sondern wir lassen ihn zu jedem Bild erzählen, welche Geschichte sich hinter dem Bild verbirgt.

 

Anussee im Lötschental: Lonzahörner, Breithorn und Bietschhorn. «Den ganzen Nachmittag und Abend sass ich am Seeufer. Der Himmel war grau und es entstanden nur einige trostlose Bilder. Mein Equipment war bereits im Rucksack verstaut und ich wollte mich gerade frustriert auf den zweistündigen Abstieg ins Tal machen, als plötzlich einige Sonnenstrahlen den Weg durch die Wolkendecke fanden. – In Windeseile war meine Mittelformatkamera am Ufer vom kleinen See oberhalb der Anenhütte wieder aufgebaut und ich konnte diese grandiose Lötschentaler-Abenddämmerung festhalten!» (Oktober, 19.11 Uhr, 6 °C)

 

Theodulgletschersee und Matterhorn. «Tausendfach wird das Schweizer Wahrzeichen jährlich fotografiert. Tausendfach stets aus dem gleichen Blickwinkel – auch als Spiegelbild! Mein bergüber-Bild vom Matterhorn wollte ich deshalb aus einer einzigartigen Perspektive realisieren. Dafür habe ich am Rand vom Theodulgletscher im Expeditionsschlafsack ohne Zelt übernachtet. Dies zusammen mit meinem jüngsten Sohn Pascal und bei sommerlichen Nacht-Temperaturen von minus 3 Grad …!» (August, 06.25 Uhr, -3 °C)

 

Gräppelensee im Toggenburg. «Genau so habe ich mir diese Spiegelung vorgestellt: Schneereste, welche die speziellen Felsstrukturen vom Wildhauser Schofberg besonders sichtbar machen und die letzten Herbstsonnenstrahlen, welche diese eigenartige Szenerie beleuchten. – Achtmal bin ich für dieses bergüber-Bild an den Gräppelensee gewandert!» (November, 17.25 Ihr, 2 °C)

 

Silsersee. «Schwarzeis, ein seltenes und wunderbares Naturphänomen. Völlig durchsichtig und spiegelglatt. Von oben glänzt es tiefschwarz und gluckst, knallt oder summt – dieses Bild vom erstarrten Silsersee entstand nach einem intensiven Grafikerarbeitstag in meinem ‘Basecamp’ in Maloja. Was für ein Vorrecht, mitten in einer solch gewaltigen Landschaft zu arbeiten zu dürfen!» (Dezember, 16.16 Uhr, -6 °C)

 

Muttsee. «Der Muttsee liegt auf einer Hochebene im hintersten Teil des Glarnerlands. Der spannende Bergweg zu diesem Stausee ist gut ausgebaut und an schwierigen Stellen durch Ketten gesichert. Aber nach 1000 Höhenmetern Kameraausrüstung schleppen war ich schon überrascht und leicht deprimiert, als ich einen fast leeren See angetroffen habe! – Es waren Bauarbeiten am Grundablass im Gange und so habe ich die einmalige Chance gepackt und sehr exklusive bergüber-Aufnahmen realisiert – teilweise weit über 70 Meter unter dem eigentlichen Wasserspiegel bzw. der Staumauerkrone!» (September, 17.03 Uhr, 5 °C)

 

Uebeschisee. «Für diese Bergüber-Aufnahme am Fusse der Stockhornkette im Berneroberland brauchte ich für einmal keine Bergschuhe – dafür hatte ich meine neue 100 Megapixel-Kamera dabei. Und weil der Uebeschisee mit seiner Fläche von rund 14 Hektaren an diesem Frühlingsmorgen so spiegelglatt war, konnte ich mein neustes Arbeitsgerät in aller Ruhe testen!» (März, 07.09 Uhr, 4 °C)

 

Lagh de Cama. «Der malerische Lagh da Cama liegt eingebettet in einem imposanter Talkessel mit steilen Flanken auf nur 1265 Meter über Meer. Trotzdem musste ich für diese Spiegelung über 900 Höhenmeter durch die herbstlichen Kastanienwälder des Val Cama im Misox wandern – ein langer Aufstieg durch das steile und enge Tal auf teilweise bemerkenswerten Steintreppen …» (Oktober, 09.30 Uhr, -1 °C)

 

Churfirsten. «Eigentlich war ich unterwegs für eine Abendaufnahme auf dem Lütispitz. Beim Aufstieg zum Windenpass entdeckte ich in einer grossen Schmelzwasserpfütze diese Spiegelung der sieben Churfisten – es ist wohl eine der ungewöhnlichsten Landschaftsaufnahme, welche in meiner Toggenburger-Heimat existiert!» (April, 17.13 Uhr, 4 °C)

 

Silsersee und Piz da la Margna. «Ein eisigkalter Wintermorgen zwischen Weihnachten und Neujahr bei Sils im Oberengadin – diese aussergewöhnliche Feuerwolkenspektakel dauerte nur wenige Augenblicke – und ich war wohl wieder einmal im richtigen Moment am richtigen Ort …!» (Dezember, 08.48 Uhr, -6 °C)

 

Val Forno, Torrone-Gruppe. «Ich bin gerne mit meiner Familie und Freunden im Val Forno unterwegs – eines der wunderschönen Bergelleralpentäler. Normalerweise wählen wir für den Zu- und Abstieg zur Fornohütte den einzigartigen Panoramaweg. Weil aber Regen aufkam, wählten wir für den Heimweg den schnelleren Weg durchs Tal. Dabei entstand im Vorland vom Fornogletscher dieses spezielle Spiegelbild.» (Juli, 09.01 Uhr, 12 °C)

 

Lai da Rims. «Karibische Sehnsucht im Val Müstair: An diesem himmelblauen Sommertag präsentiert sich der Laj da Rims wie eine exotische Lagune in der Südsee …» (Juli, 11.19 Uhr, 18 °C)

 

Schmelzwasserpütze oberhalb Soglio. «Bereits neun Stunden waren wir an diesem Frühsommertag per pedes unterwegs, als diese erstklassige Spiegelbild der Bergeller Berge entstand. Am frühen Morgen waren wir in unserem ‘Basecamp’ in Maloja gestartet und via Casaccia durchs Val Moraz gewandert. Am Ende des Tals erfolgte der lange Aufstieg – mehrheitlich noch über Schneefelder – zum Pass da la Duana und anschliessend der steile Abstieg nach Soglio. Das sind über 1600 Höhenmeter mit einem genialen Fernblick in Val Bondasca, dem Piz Cengalo und dem Piz Badile!» (Mai, 15.48 Uhr, 12 °C)

 

Seealpsee und Säntis. «Ich habe in meinem alten VW-Bus beim Bahnhof Wasserauen geschlafen und bin kurz nach drei Uhr durch die völlige Dunkelheit zum Seealpsee hochgewandert. Im steilen Talkessel war es an diesem Frühlingsmorgen windstill. Der See war äussert lange spiegelglatt und es gelangen mir einige spezielle bergüber-Landschaftsbilder. – Bei einem kurzen Kontrollblick auf mein Kameradisplay entdeckte ich zudem diese Fraze!» (April, 07.52 Uhr, -5 °C)

 

Chüebodenseeli. «Der Zusammenstoss von Afrika mit Europa hat die Alpen über Jahrmillionen aufgetürmt. Die Spuren dieser gewaltigen Kräfte konnte ich in meiner bergüber-Abendaufnahme vom Weltnaturerbe Sardona gleich zweifach festhalten – drei Stunden dauerte danach der Abstieg nach Elm im hinteren Sernftal.» (Oktober, 18.15 Uhr, 3 °C)

 

Bergsee Lötschenpass und Balmhorn. «Immer wieder zieht es mich auf den Lötschenpass, den Alpenübergang zwischen dem Kandertal im Kanton Bern und dem Lötschental im Kanton Wallis: Die moderne Lötschenpasshütte ist in jeder Jahreszeit ein Ort für gelebte Gastfreundschaft. Und die kleinen Seen inmittten der traumhaften Lötschentaler Bergkulisse sind für mich stets ein fotografisches Eldorado – nicht nur für Spiegelungen!» (Oktober, 06.58 Uhr, -1 °C)

 

Gletschersee und Sidelenhütte. «Unzählige Male war ich bereits über den Furkapass gefahren. Dabei waren die speziellen Felsformationen am Übergang vom Urserental im Kanton Uri in den Kanton Wallis stets ein Blickfang und standen deshalb auf meiner bergüber-Bilderliste. Es war auf der Heimfahrt von einer Bergtour als ich die Bildidee äusserst spontan in die Tat umsetzte: Im Sprint ging es den Bergweg zur Sidelenhütte hoch. Ausser Atem erreichte ich den glücklicherweise spiegelglatten See, baute meine Kamera auf und konnte das letzten Sonnenlicht am Chli Kamel und Gross Kamel festhalten.» (September, 18.17 Uhr, 5 °C)

 

Schwarzeis auf dem Lago Bianco. «Seit mehr als drei Stunden war ich auf dem Schwarzeis unterwegs, welches erst seit wenigen Tagen den Lago Bianco überzog. An diesem Montagmorgen war weit und breit keine Menschenseele. Es war bitterkalt. Aber ich kenne ja die extremen Minustemperaturen in der Engadiner Bergwelt. An diesem Morgen war es glücklicherweise windstill und meine Hasselblad funktioniert tadellos – auch in jenem kurzen Augenblick, als die ersten Sonnenstrahlen die Wolken über dem Piz Lagrev und dem zugefrorenen Stausee in einen Feuerball verwandelten.» (Dezember, 07.42 Uhr, -12 °C)

Text und Bilder: Simon Walther

Weitere Informationen zum Projekt, zum Buch und zum Kalender 2018 finden Sie auf http://www.bergueber.ch/

Simon Walther (*1965) ist Schweizer Fotograf und Gestalter. Nach seiner Ausbildung zum Reklamegestalter und Grafiker gründet er 1989 seine Agentur 2plus.ch für Corporate Design, Broschüren und Kataloge und Jahresberichte. Seit 2010 kommen freie Fotoarbeiten dazu. Im Mittelpunkt stehen Landschaftsaufnahmen in sehr hoher Auflösung. Simon Walther lebt und arbeitet in Wattwil (Toggenburg) und in seinem «Basecamp» in Maloja (Bergell).

Die Bilder stammen aus dem im August 2017 erschienen Bildband «Bergüber – alpsupsidedown» von Simon Walther. Er zeigt eine Vielfalt von Bergpanoramen, Seespiegelungen und Wolkenspielen. Dahinter steckt die Lust, die Dinge auf den Kopf zu stellen, bis sich Schein und Wirklichkeit in ihrem Verwirrspiel zu verwechseln beginnen. Ein Buch zum Blättern und Schauen, aber auch ein Beispiel des faszinierenden Phänomens der Symmetrie im Spiel mit harten Fakten und dem sanften Fluss der Reflexion.

Erschienen im August 2017 im Verlag Benteli AG

192 Seiten, Text deutsch und englisch, CHF 48.00, ISBN: 978-3-7165-1831-1

 

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