Urs Tillmanns, 13. Januar 2018, 08:14 Uhr

Streifzug durch die photo18: 15 subjektive Highlights

Die photo18 erlebt dieses Wochenende ihren Höhepunkt, was die Besucherzahl angeht. Die neu in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Zürich-Oerlikon gelegene grösste Werkschau der Schweizer Fotografie ist in zwei Hallen aufgeteilt (Fotointern berichtete), die allerdings rund 200 Meter auseinanderliegen. Ob diesen Weg alle Besucher auf sich nehmen werden, wird dann die Manöverkritik der Organisatoren zeigen.

 

Während sich die photo18 in der Halle 622 sehr grosszügig präsentiert …

… sind die Platzverhältnisse in der Stage One eher gedrängt.

Mit über 200 ausgestellten Bildserien schlägt die diesjährige Werkschau alle bisherigen Rekorde, und dies mit einem sehr hohen Niveau, das in den vergangenen Schauen nicht immer erreicht wurde. Allerdings wird man bei dieser Menge auch kaum alle Arbeiten sehen und mit der notwendigen Sorgfalt studieren können. Das Angebot ist schlicht zu gross und zu vielfältig. Deshalb bleibt auch die Auswahl auf unserem Rundgang, bei dem wir uns auf 15, eher zufällig ausgewählte Bildreihen beschränken, eine sehr subjektive.

 

Niklaus Stauss
wird in der photo18 mit einer verdienten Sonderschau geehrt. Im Verlauf von mehr als sechzig Berufsjahren hat der überall präsente Reporter über 50’000 Persönlichkeiten aus Kunst, Musik, Theater, Oper, Literatur, Film und Tanz fotografiert. So ist ein Archiv von mehr als zwei Millionen Bildern entstanden. Dazu erscheint im Frühjahr ein Bildband.

 

Daniel Kobi
hat in eine Rolleiflex 3.5F aus den sechziger Jahren einen Kodak Portra 800 eingelegt und im fahlen Licht eines Wintermorgens rund um die Duttweilerbrücke fotografiert. Die kühlen Farben des Morgennebels ergeben ein nuanciertes Farbenspiel und versetzen die urbane Szenerie in etwas Träumerisches.

 

Stefanie Blockwitz und Regina Casanova
Fotografin und Astrologin, entführen mit der Serie «Das Wunder des Augenblicks» den Betrachter auf eine kraftvolle Reise durch die zwölf kosmischen Augenblicke des astrologischen Tierkreises und lassen uns «die Wunder unseres Seins und die Magie des Lebens auf seelenberührende Weise erfahren».

 

Mathias Kunfermann
denkt mit diesen eindrucksvollen Meeresbildern über das Leben und Sterben nach. «Wie sieht es aus, wenn das Leben zu Ende geht, wenn alle Hoffnungen und Erwartungen auf den Meeresgrund sinken, wenn man ertrinkt? Der Moment, wenn man von einer Welle erfasst wird, der Moment, im dem es klar wird, dass man es nicht mehr schafft und der Anker auf dem Meeresgrund nach unten zeigt?»

 

Damian Poffet
zeigt uns mit der Bildserie «Ordos» die Gegenwart in einer chinesischen Zukunftsstadt. Sie soll bis zum Jahr 2023 über eine Million Einwohner zählen und ist zur Zeit geprägt von Spekulationen. Die wenigen Menschen leben jetzt in riesigen, fast leerstehenden Überbauungen und verlieren sich auf ausufernden Plätzen – suchen ihre Gegenwart in einer Stadt, die für die Zukunft gebaut ist.

 

 

Simon von Gunten
präsentiert mit «Cutis» ein Langzeitprojekt, welches Menschen unter UV-Licht betrachtet und porträtiert. Das Projekt illustriert einerseits mit der UV-Strahlung Aspekte des menschlichen Gesichtes, die jederzeit vorhanden sind, aber ohne Hilfsmittel nicht erkannt werden, andererseits geben die Bilder wissenschaftlich interessante Aufschlüsse über die Lebensgeschichten der Porträtierten.

 

Danny Portnoy
ist vom Strassenleben fasziniert, nicht von «normalen Fussgängern», die der Hektik des Alltags nachjagen, sondern von Menschen, die in den Strassen leben und hier mit harter Arbeit ihr meist spärliches Einkommen verdienen. Es sind Individuen, die omnipräsent sind aber im Grossstadtleben nur von wenigen wirklich wahrgenommen werden.

 

Dominik Baur
gibt uns mit seiner Porträtserie einen Blick «hinter den Vorhang des EHC Kloten» und stellt mit seinen intimen Schwarzweiss-Porträts nicht den Spieler sondern den Menschen in den Vordergrund. «Eine angenehme Atmosphäre und das Vertrauen zwischen Spieler und Fotograf, ermöglichte diese ausdrucksstarke Porträtserie», erläutert Baur.

 

Marcello Keller
stellt in seinen Bildern auf T-Shirts die Frage, wo die Sucht beginnt, und wie wir ihr begegnen. «Ein Ideal wurde in unsere Köpfe gepflanzt, und der Druck kommt von aussen. So auch nimmt der Drang der Perfektion immer mehr zu. Doch was perfekt ist lässt keinen Raum zur Weiterentwicklung. Das hat die Folge vom Stillstand» schreibt Marcello Keller zu seinen Bildern.

 

Thomas Biasotto
hatte in Rom die seltene Gelegenheit Audienzen des Papstes als Pressefotograf mitzuerleben. Er zeigt mit seiner Serie «Rome in 40 Days» bisher ungesehene Aspekte dieser Stadt, die «für einen Fotografen spannend, inspirierend und nachdenklich ist». Biasotto hatte sich zum Ziel gesetzt nachdenkliche, lustige und spezielle Momente fotografisch festzuhalten, die nicht wieder rekonstruierbar sind.

 

Yves Krähenbühl
will in seiner Bildreihe «Blurred» urbane Räume auf eine spezifische Weise zeigen und uns damit auf eine Unendlichkeit in der Vertikalen hinweisen. Er hat solche Bilder über Jahre gesammelt und diese mit der Absicht bearbeitet nicht einfach nur festzuhalten, was vorhanden ist, sondern eine Stimmung, eine besondere Atmosphäre in den Bildern zum Ausdruck zu bringen.

 

Milan Rohrer
eröffnet neue, ungewohnte Perspektiven auf Zürich. «Der vertikale Blick überrascht mit unerwarteten Sichtweisen auf Bekanntes. Im kräftigen Kontrast kommen die grafischen Elemente der Luftaufnahmen besonders zur Geltung und zeigen Klarheit und Reduktion. Das Spiel der Graustufen und der einheitliche Aufnahmewinkel schaffen eine stimmige Komposition der vielfältigen Motive.»

 

Die Sicht der Anderen: Obdachlos in Zürich
In Zusammenarbeit mit den Sozialwerken Pfarrer Sieber haben Obdachlose während einer Woche mit Einweg-Kameras ihren Alltag dokumentiert. Entstanden ist eine eindrückliche, unverfälscht authentische Bild-Reportage über das Leben auf der Strasse, die an der photo18 Zürich exklusiv gezeigt wird.

 

Valerie Reding
interessiert sich in ihren fotografischen Arbeiten besonders für feministische und quer-theoretische Fragestellungen, die herkömmliche Darstellungen von Geschlechterrollen, Machtverhältnissen, Identitäten und Sexualitäten hinterfragen sowie Sexismus und die Objektifikation des (weiblichen) Körpers entlarven. In ihren fotografischen Inszenierungen und surrealen Porträts erscheinen die in unserer Gesellschaft vorherrschenden Geschlechter- und Identitätsbilder auf einmal künstlich konstruiert, werden poröse.

 

Zef Markaj
zeigt uns mit seiner Serie «Dark Aesthetic» klassische Akte mit bemalten Körpern, bei denen er stark von Guido Argentini und seinen Variationen der «Death Metal pictures» inspirieren liess. In seinen Bildern will Markaj experimentelle Schönheit, Sensibilität und Kraft, aber auch einen Hauch von Melancholie zum Ausdruck bringen.

 

Bringt die photo18 Tendenzen zum Ausdruck? Wohin bewegt sich die kreative Fotografie, und welchen Einfluss hat die digitale Experimentierfreundigkeit und die mögliche Perfektion auf die künftigen Stile? Die photo18 ist eine alljährliche Gelegenheit der Strandortsbestimmung und zugleich eine enorm vielfältige persönliche Inspiration.

Urs Tillmanns

 

Die wichtigsten Infos:

Eintritt:
Werkschau: CHF 25.00 (regulär), kostenlos für Jugendliche bis 16 Jahre
photoFORUM: CHF 38.00/CHF 45.00 inkl. Werkschau Eintritt
photoPASS: CHF 99.00 (Werkschau Eintritt während fünf Tagen inkl. photoFORUM)
Die Tickets können auf www.photo128.ch vorbezogen oder an der Tageskasse gekauft werden.

Kann man die ausgestellten Werke kaufen? Ein grosser Teil der auf der photo18 ausgestellten Werke können käuflich erworben werden. Bei Interesse kann der Fotograf direkt kontaktiert werden. Die Adressen sind am Informationsstand erhältlich.

Die photo18 dauert von Freitag 12. bis Dienstag 16. Januar 2018 und ist täglich von 11:00 bis 20:00 Uhr geöffnet.

Weitere Informationen finden Sie auf www.photo18.ch

 

4 Kommentare zu “Streifzug durch die photo18: 15 subjektive Highlights”

  1. Wow vielen herzlichen Dank für euren Beitrag über unsere Arbeit,
    mit einer neuen Art der Präsentation versuchen wir das Thema
    Konsum/ Sucht näher zu bringen. Wir wollen einen Gesprächsanker setzen um mit dem Menschen darüber zu Reden.

  2. Lieber Urs
    Vielen Dank für diese selektive Reise durch die photo18! Ich denke du hast hier wirklich sehr spannende Projekte nochmals herausgepickt, welche wirklich nochmals einen separaten Auftritt hier verdienen!

  3. Lieber Urs,
    Vielen herzlichen Dank, dass Du meine Arbeit „Doing Her“ als eines der 15 Highlights der Photo18 hervorgehoben hast! Als Multimedia-Künstlerin ist es für mich oft schwer Sichtbarkeit für meine fotografischen Arbeiten zu erhalten.
    Mit herzlichem Dank und lieben Grüsse,
    Valérie Reding

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