Urs Tillmanns, 31. März 2018, 15:00 Uhr

Buchtipp: Marcel Chassot «Architektur und Fotografie»

Wer den knapp 380-seitigen Bildband von Marcel Chassot durchblättert erkennt sofort, dass dieser Fotograf Architekturen anders darstellt als üblich. Chassot versteht es den Betrachter zu den Details hinzuführen, die für die Architektur typisch und für das Gebäude charakteristisch sind. Er konzentriert unseren Blick auf das Wesentliche und führt uns eine Harmonie aus Formen, Farbe, Licht und Kontrast vor. Das sind die Elemente, die in Chassots Bildern vorherrschen, und dabei verzichtet er in den meisten Fällen auf wenig ausdrucksstarke Gesamtansichten.

Chassots Bilder leben von Licht, von den Farben und den Formen. Er versteht es seine Bilder so zu komponieren, dass die Fotografie die Architektur betont, gestaltet die Bilder mit den gewählten architektonischen Elementen perfekt so, dass ein neues Kunstwerk entsteht – ein Bild, in dem das Wesentliche der Architektur zum Ausdruck kommt.

«Täglich bieten sich dem menschlichen Auge – unseren Sinnen überhaupt – unzählige Möglichkeiten, Strukturen zu entdecken, die wir als ’schön‘ empfinden. Sie öffnen unser Herz, erfüllen uns mit Leben, rühren uns aus Freude zu Tränen. Für mich als Fotografen bildete die moderne Architektur in den vergangenen 15 Jahren jenen Raum, der es ermöglichte, dies stets neu zu erleben und meine Erfahrungen in Bildern festzuhalten. Im Gegensatz zu einer Landschaft, deren Schönheit uns oft geradezu überfällt, will Schönheit bei modernen Bauwerken in sehr viel höheren Masse erarbeitet sein. Nur zu schnell entsteht sonst eine Komposition die der Betrachter bestenfalls als ‘interessant’, jedoch kaum als ‘schön’ wahrnimmt.» In diesem Zitat von Marcel Chassot im Vorwort des Buches verrät er sehr viel über seine Herangehensweise: Er erarbeitet die Schönheit seiner Motive. Er befasst sich intensiv mit der architektonischen Gesamtwirkung, sucht darin die charakteristischen Linien und Flächen mit denen er sein Bild gestalten will – und dies nur dann, wenn alle weiteren Faktoren stimmen: das Licht, die Umgebung, die Details, welche das Bild stören könnten und der Kontrast, welcher dem Bild schliesslich die Würze verleiht.

Der Gestaltungsspielraum war auch bei der Auswahl der Gebäude in fast allen europäischen Ländern massgebend, zu der Chassot vorgängig intensive Recherchen anstellte und schliesslich in seinem Bildband uns eine akribisch selektierte Vielfalt moderner Architekturen näherbringt. Es sind die Werke grossartiger und weltbekannter Architekten, wie Mario Botta, Frank Gehry, Jean Nouvel, Santiago Calvatrava oder Herzog & De Meuron, um nur einige zu nennen.

Das Buch wird ergänzt mit Texten von Prof. Wolfgang Meisenheimer, welche das Buch und das fotografische Schaffen von Marcel Chassot aus einer anderen Perspektive beschreiben und wertvolle Gedanken aus der Sicht des Architekten und Architekturtheoretikers vermitteln. Die Texte sind kurz und knapp gehalten und bringen viele Denkansätze auf den Punkt, die wir Fotografen kaum in dieser Prägnanz erkennen würden.

Alles in allem: Das Buch zeigt moderne Architektur aus einer neuen, detailreichen Sicht. Mit der Konzentration auf das Wesentliche betont Marcel Chassot die charakteristischen Elemente der von ihm gewählten Gebäude und präsentiert uns eine neue, ausdrucksstarke Sprache der Architekturfotografie.

Urs Tillmanns

 

Die Buchbeschreibung des Verlages

Dieser Fotoband, der Bauten moderner Star-Architekten von Tadao Andō bis Peter Zumthor versammelt, ist ein Gesamtkunstwerk. Das gelungene Wechselspiel aus brillanter Architekturfotografie, erlesener Buchgestaltung und Texten, die sich dem Thema von der geistesgeschichtlichen Seite her nähern, verortet Marcel Chassots Bilderwelt in der europäischen Kulturgeschichte.

Schon beim ersten Eintauchen in Chassots Architekturfotografie badet das Auge in einer Fülle von Szenen aus dem Repertoire herausragender, internationaler Gegenwartsarchitektur. Jedes dieser Fotos trifft ein prototypisches Motiv. Farbgebung, Linienführung, Lichtregie – die fotografischen Mittel sind bei jedem Bild so präzise eingesetzt, dass der Betrachter sich in ein visuelles Labor versetzt fühlt, in dem Fotografie Architektur in ihrer Sprache interpretiert. Der Autor Wolfgang Meisenheimer spürt im Text den Grundlagen von Chassots fotografischem Weltbild nach und unterscheidet drei Schichten des Denkens, in denen das Werk wurzelt: die euklidischen Ordnungen, die Orientierung an der modernen Leib-Philosophie und das Erbe des Kubismus aus den Anfängen der modernen Malerei.

 

Der Inhalt

Vorwort des Fotografen

Vorbemerkung zu den Texten

Text: Erstaunliche Eindrücke. Die erste Begegnung mit Architekturfotos von Marcel Chassot

Frank Gehry
Guggenheim Museum, Bilbao Spanien / Neuer Zollhof, Düsseldorf Deutschland / Vitra Center, Basei-Birsfelden Schweiz / Vitra Design Museum, Weil am Rhein Deutschland

Atelier WW
City Bernina, Zürich -Oerlikon Schweiz

sop Architekten
Hotel Hyatt Regency, Düsseldorf Deutschland

Jean Nouvel
Hotel de Ville, Montpellier Frankreich

Enrique de Teresa
Torredel Agua, Saragossa Spanien

Vehovar Jauslin
Busterminal, Aarau Schweiz

Massimiliano & Doriana Fuksas
Georges-Freche Hotelfachschule, Montpellier Frankreich / «My Zeil» Einkaufszentrum, Frankfurt Deutschland / Armani Fifth Avenue, NewYork USA

Norman Foster
7 more London Riverside, London Grossbritannien / 30 St Mary Axe «The Gherkin», London Grossbritannien

Daniel Libeskind
Zentralgebäude Leuphana Universität, Lüneburg Deutschland / Westside Einkaufs- und Freizeitzentrum, Bern Schweiz / Senevita Westside, Bern Schweiz

Zaha Hadid
Pierres vives, Montpellier Frankreich / Learning and Library Center, Wirtschaftsuniversität Wien Österreich / London Gallery, London Grossbritannien

Text: Ratio und Emotion. Verstehen und Ergriffensein

Coop Himmelb(l)au
Trias Fussgängerbrücke BMW Welt, München Deutschland

Karl Schwanzer
BMW Hochhaus und Museum, München Deutschland

Coop Himmelb(l)au
Trias Fussgängerbrücke BMW Welt / Doppelkegel BMW Welt, München Deutschland

Rolf Gnädinger
Otto Bock Science Center Medizintechnik, Berlin Deutschland

Egon Konrad
U-Bahnhof Candidplatz, München Deutschland

Auer +Weber + Assoziierte
U-Bahnhof Westfriedhof, München Deutschland

Herzog & de Meuron
Neue Messe Basel, Schweiz / Aargauer Kunsthaus, Aarau Schweiz / Actelion Business Center, Allschwil Schweiz / VitraHaus, Weil am Rhein Deutschland / Elbphilharmonie, Hamburg Deutschland

Schneider + Schumacher
Autobahnkirche Siegerland, Wilnsdorf Deutschland

Santiaga Calatrava
Lyon-Saint-Exupery Airport Railway Station, Frankreich / Bibliothek des Rechtswissenschaftlichen Instituts der Universität Zürich, Schweiz / Bahnhof Liege-Guillemins, Belgien / Bahnhof Reggio nell’Emilia, Italien / Oculus World Trade CenterTransportation Hub, New York USA

Text: Raum und Zeit. Ein philosophischer Reduktionismus. Verzicht auf Anekdoten

Mario Botta
Chiesa di San Giovanni Battista, Mogno Schweiz / Capella Santa Maria degli Angeli, Monte Tamaro Schweiz / Chiesa del Santa Volta, Turin Italien / Centro pastorale Giovanni XXIII, Seriate Italien / Alterswohnsiedlung, Novazzano Schweiz

P. M. Deslande
Chambre de Commerce, Evry Frankreich

Mario Botta
Kathedrale der Auferstehung, Evry Frankreich / Banca BSI, Lugano Schweiz / Tschuggen Bergoase, Arosa Schweiz

SANAA
Rolex Learning Center EPFL-Campus, Lausanne Schweiz 

Renzo Piano
Zentrum Paul Klee, Bern Schweiz

Andreu Alfaro
Skulptur «Weit» DZ-Bank, Frankfurt Deutschland

Diverse Architekten
La Defense Hochhausviertel, Paris Frankreich

BUSarchitektur
Campus WU, Wien Österreich

Atelier Hitoshi
Departementsgebäude Campus WU, Wien Österreich

Dominique Perrault
Research Office EPFL, Lausanne Schweiz

Wiel Arets
Allianz Suisse Hauptsitz, Zürich Schweiz

Helmut Jahn
HighlightTowers, München Deutschland / Sony Center, Berlin Deutschland

David Chipperfield
«Europaallee 21», Zürich Schweiz

Text: Die Macht der Bilder und der ordnenden Begriffe. Die Andeutung einer Harmonielehre

Felix Rebmann
Ambassador House, Zürich-Glattbrugg Schweiz

EM2N Müller Niggli
Wohn- und Geschäftshaus Rietpark, Schlieren Schweiz

Dietrich Untertrifaller
ETH Sport Center Science City, Zürich Schweiz

Stump Schibli
Universitäts-Kinderspital beider Basel, Schweiz

Gigon Guyer
Bürogebäude Cubus Maag-Areal, Zürich Schweiz

baumschlager eberle
ETH e-Science Lab, Zürich Schweiz

Andreas Meck
Aussegnungshalle, München-Riem Deutschland / Pfarrzentrum St. Nikolaus, München-Neuried Deutschland

Peter Zumthor
Kolumba Kunstmuseum des Erzbistums Köln, Deutschland / Kunsthaus Bregenz, Österreich

Tadao Ando
Ausstellungsgebäude Langen Foundation, Hombroich Deutschland

Biografien

Dank

 

Der Fotograf

Marcel Chassot, 1947 in Zürich geboren, ist promovierter Wirtschaftswissenschaftler und fotografischer Autodidakt. Raffinierter Umgang mit Licht, ein besonderes Gespür für die formale Bildgestaltung und virtuoses Spiel mit den Formen der Natur machten ihn und seine Makroaufnahmen bald über die Grenzen der Schweiz hinaus bekannt. Zudem entwickelte Marcel Chassot schon früh seine besondere Art stilisierter Kinderporträts, die sich durch ihre grafische Wirkung und die Spontaneität im Rahmen des «Gestellten», des Arrangements, auszeichnen. Über die Makrofotografie fand Marcel Chassot zur Ballettfotografie. Heute liegt der Schwerpunkt seines Schaffens in der Architektur- und Industriefotografie. Chassot ist Preisträger renommierter internationaler Wettbewerbe und gilt als einer jener Protagonisten des fotografischen Handwerks, die durch kreativen Einsatz fotografischer Mittel an den Anspruch der «Wegbereiter einer Fotografie als Kunstform» anknüpfen.

 

Der Autor

Prof. Dr. – Ing. Wolfgang Meisenheimer, geboren 1933, Diplom T. H. Aachen, Dissertation «Der Raum der Architektur, Strukturen, Gestalten, Begriffe», freier Architekt in Düren (Schulbau, Sozialbauten, Industriebau, Wohnbauten), Deutscher Werkbund. Seit 1978 bis 1998 Professor bei der FH Düsseldorf, Lehrgebiet «Grundlagen des Entwerfens», neun Jahre Dekan des Fachbereiches Architektur, Mitgründer der «ad- Hefte», zehn Jahre Mitherausgeber von Daidalos (Berlin). Wissenschaftliche Arbeiten zu Grundphaenomenen der Architektur (insbes. Raum – und Zeit – Strukturen). Künstlerische Arbeit: Malerei, Plastik (Ton, Beton). Bücher: Figuren (1979), Raumstrukturen (1988), Choreografie des architektonischen Raumes (1998), «Das Denken des Leibes und der architektonische Raum (2oo4)», «Der Rand der Kreativität» (2010), «Schattengespräche» (2010). Lebt in Düren.

 

Bibliografie

Marcel Chassot
Architektur und Fotografie – Staunen als visuelle Kultur
374 Seiten, 256 Abbildungen in Farbe
XL-Hochformat 23,5 x 33 cm, gebunden mit Schutzumschlag
Text von Prof. Wolfgang Meisenheimer
Preis CHF 85.00 / EUR 65.00
ISBN 978-3-7774-3004-1
Verlag Hirmer GmbH, München

Das Buch kann hier online bestellt werden.

 

Beachten Sie auch unsere frühere Buchbesprechung
Buchtipp «Marcel Chassot – abstrahieren, geometrisieren, ästhetisieren» (08.02.2014)

 

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