Urs Tillmanns, 29. Juli 2018, 10:00 Uhr

Plädoyer fürs Quadrat

Das quadratische Bildformat war im letzten Jahrhundert für Generationen besonders prägend, und die bekanntesten Fotografen haben leidenschaftlich mit Kameras quadratischer Bildformate fotografiert. Die Initialzündung dazu lieferte 1929 die zweiäugige Rolleiflex, die mit ihrem Negativformat von 6×6 cm 12 Aufnahmen auf einem Rollfilm 120 brachte, und nicht nur acht, wie dies mit den damals weit verbreiteten Laufbodenkameras des Formates 6×9 cm üblich war.

 Hasselblad und Rolleiflex waren mit ihrem quadratischen Bildformat während Jahrzehnten die Liebingskameras vieler Profifotografen

Auch Hasselblad hat nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrer einäugigen Spiegelreflexkamera diesen Trend fortgesetzt, und zusammen mit vielen ähnlichen Konstruktionen anderer Marken, haben Rollei und Hasselblad die professionelle Mittelformatfotografie lange Zeit dominiert. Kam hinzu, dass diese Kameramodelle durch den vertikalen Einblick in den Lichtschacht des Suchers ein unbemerkteres Fotografieren aus Hüfthöhe oder über Kopf ermöglichten – ein Vorteil gegenüber den Kameras mit horizontalem Suchereinblick, die man auffälliger ans Auge nehmen musste.

Das quadratische Bildformat hat aber noch andere, weitaus wichtigere Vorzüge. Durch sein gleiches Seitenverhältnis wirkt es ruhig, ausgewogen und neutral und beeinflusst den Bildinhalt nicht durch einen vorgegebenen horizontalen oder vertikalen Rahmen. Mehr noch: Das quadratische Format ermöglicht jederzeit eine nachträgliche Ausschnittwahl, sowohl im Hoch- als auch im Querformat. Das war damals auch das übliche Vorgehen: Man hat von den Negativstreifen Kontaktkopien angefertigt und darauf die gewünschten und wirkungsvollsten Ausschnitte eingezeichnet.

Weiter zur Verbreitung und Beliebtheit des Quadrates hat die Sofortbildfotografie beigetragen, namentlich Dr. Edwin Land 1972 mit der Polaroid SX-70 Kamera, deren quadratische Bilder mit dem charakteristischen weissen Sockel in der Werbung zum Sinnbild für Fotografie schlechthin geworden sind. Dieser Trend setzt sich auch in jüngster Zeit weider fort, seit Fujifilm mit ihren Square-Filmen wieder auf’s Quadrat setzt – und dies mit grösster Beliebtheit im Markt.

 

Meine Liebe zum Quadrat

Meine erste «richtige» Kamera, die ich mir während meiner Fotografenlehre leistete, war eine Rolleiflex mit dem Zeiss Planar 2,8/80mm – ein Traum von einem Objektiv. Die Liebe zum Quadrat wurde mir also gewissermassen «in die Wiege gelegt», und so ist es nicht verwunderlich, dass diese bis in die heutige Zeit nicht rostete. Nur gibt es heute keine Digitalkameras mit einem quadratischen Sensor – und sie wird es wahrscheinlich auch nie geben.

Die Faszination des Quadrates besteht darin, dass dieses weitgehend unserem Sehempfinden entspricht, das nicht in Quer- oder Hochformat eingezwängt ist. Diese seitenneutrale Sehweise und das 1:1-Seitenverhältnis in der Fotografie, machen die Faszination des quadratischen Bildes aus. Die Faszination geht so weit, dass man schon bei der Aufnahme «im Quadrat denkt» und das quadratische Endbild bereits vor dem geistigen Auge sieht. Auch hinterher entdecke ich in meinen Bildern oft das Quadrat als idealen Bildausschnitt, bei dem Unwesentliches weggelassen und die Bildaussage mit dem quadratischen Ausschnitt auf’s Wesentliche konzentriert wird. Das geht mir immer häufiger so, wie die nachstehenden Bildbeispiele zeigen.

 

Das Deckengewölbe des Arc de Triomphe in Paris. Wohl wenige recken sich die Köpfe, um diese prachtvolle Arbeit an der Decke zu bewundern. Mit der totalen Zentralperspektive und dem quadratischen Bildausschnitt, wird der Blick des Betrachters auf das Wesentliche konzentriert.

 

Eines meiner Lieblingsmotive sind Wendeltreppen, mit denen man die schönsten asymmetrischen Gestaltungsspiele betreiben kann. Durch ihre runde Form drängt sich das quadratische Format geradezu auf.

 

«The Kiss of trains» nenne ich dieses Bild, das durch seine Mittigkeit fast wie ein Spiegelbild wirkt. Das Quadrat gibt dem Motiv den passenden Rahmen.

 

Ein Motiv, irgendwo in London entdeckt. Was hier natürlich begeistert ist der knallige Rot-Blau-Kontrast, der allerdings in der Nachbearbeitung noch etwas gesteigert wurde. Da hätte das Grün der Bäume auf der linken Seite nur noch gestört.

 

«Galgenbuck» heisst dieser mystische Ort an meinem Wohnort, wo im Mittelalter angeblich die Verbrecher ihr letztes Minütlich erlebten. Die Baumschatten im starken Gegenlicht übertragen diese Mystik ins Bild.

 

Die farbenfrohen Fassaden von Murano bei Venedig sind ein Eldorado für Fotografen – jede scheint seine eigene Geschichte zu erzählen. Je mehr man sich auf eine konzentriert und Störendes weglässt, desto stärker wird die Wirkung.

 

Unweit davon eine rote Wand mit einer Wäscheleine, die mir besonders imponierte. Die Vertikalen geradegestellt und ein störendes Hausnummernschild (links unten) entfernt, gefällt es mir neben der Farbwirkung durch die harmonische Raumaufteilung.

 

Und da wir gerade in Venedig sind, darf natürlich auch der Karneval nicht fehlen. Das eng umschlungene Maskenpaar mit den dreieckigen Hüten ruft geradezu nach einem Quadrat.

 

Auch dieses Bild braucht nicht mehr, um alles Typische des Karnevals von Venedig darzustellen. Mehr Raum links oder rechts würde nur vom Hauptmotiv ablenken.

 

Szenenwechsel. Dass ich Zentralperspektiven liebe, kann ich kaum noch abstreiten. Je stärker das Bild der abendlichen Champs Elysée seitlich beschnitten wurde, desto stärker wurde die Wirkung – und zum Schluss blieb: ein Quadrat.

 

Eine einsame Gasse im Montmartre-Quartier von Paris. Das Bild lebt von der Perspektive, welche ihm die Tiefenwirkung verleiht, und von der Farbe des roten Nachthimmels – und natürlich vom Quadrat …

 

Die «Dakota» ist ein wichtiger Pfeiler von Berlins Nachkriegs-Geschichte. Im Deutschen Technikmuseum ist eines dieser legendären Flugzeuge an Drahtseilen aufgehängt und erinnert so an die «Luftbrücke». Mit den weggepixelten Drahtseilen bekommt dieses Bild für mich eine sehr starke symbolische Bedeutung.

 

Ein blühendes Lawendelfeld in der Provence. Nicht nur der Farbkontrast von Violett zu Grün fasziniert, sondern auch die interessante Linienführung und die harmonische Raumaufteilung des Quadrates.

 

Der «Place de l’Apéro» ist ein typisches Motiv aus einem Dorf in der Provence. Die Fensterläden links und rechts hätten nur gestört und vom Hauptmotiv abgelenkt.

 

Und zum Schluss noch einen Pastis – zwar im falschen Glas, dafür im richtigen Licht. Das Gegenlicht, die Raumaufteilung und das Weglassen von unnötigem Bildraum machen das Bild interessant. «Santé» aufs Quadrat …

 

Der Autor – natürlich auch im Quadrat.
Text und Bilder: Urs Tillmanns

 

7 Kommentare zu “Plädoyer fürs Quadrat”

  1. «Santé» aufs Quadrat … Ja, das ist wirklich so. Eine ganz feine Kamera für Portraits war die Tele-Rolleiflex mit dem Sonnar 135mm 4.0 und den dazugehörenden Mutaren für den Nahbereich. Das Mod. II, von 1966 bis 1975 gebaut, ermöglichte sogar die Verwendung des 220er Films für 24 Aufnahmen. Der Zentralverschluss erlaubte eine Blitzsynchronisation von 1/500 Sek und war dadurch bestens zum Aufhellblitzen geeignet. Der Occasions- oder sagen wir besser der Sammlerpreis liegt immernoch bei etwa Fr. 2000.-.

  2. Toller Beitrag!
    Bleibt zu hoffen, dass auch an zukünftige Kameras (Sony a7RIV) das Quadrat als Format eingestellt werden kann, denn das nächträgliche Cropen bringt nicht das Selbe, wie das Bild im Quadrat zu gestalten. Übrigens lässt das Quadrat in der Bildgestaltung sehr viel mehr Freiheit als angenommen.

  3. Merci Urs voici un magnifique plaidoyer pour le format carré que j’affectionne particulièrement. Pour les puristes on trouve des appareils Roll 120 à des prix raisonnables. Pas besoin d’une Rolls pour se faire plaisir. Un Yashica C, un Rolleiflex 75mm f3.5 , ou un hasselblad 500c sont très abordables. Si le numérique et le smartphone sont de nos jours des incontournables, activez la fonction format carré et faites vous plaisir

  4. Ein Beitrag, der mir aus dem Herzen spricht. Ich bin selber in den 1960ern und 70ern fotografisch mit der Rolleiflex aufgewachsen und habe diese seit zwei Jahren auch wieder in Betrieb, ergänzt durch eine Hasselblad 503CX. Zu mir und meinen Bildern passt dies Format einfach am besten – gefolgt allerdings vom 4×5 Format, das ja auch schon fast quadratische Züge hat. Wiederbeginnet bin ich dem Quadrat allerdings schon in der Hipstamatik App auf dem iPhone.

    Und ja, das Quadrat erlebt in der Tat eine Renaissance. Davon zeugen auch die Beiträge von Roberto Casavecchia in fineartprinter und kürzlich von Matthias Kistmacher in PhotoKlassik.

  5. Kann die Faszination des Quadrats voll nachvollziehen und gestalte fast alle meine Photos so. Allerdings ist ein beschneiden auf Quadrat bereits bei der digitalen Aufnahme wenig sinnvoll, so man doch durch nachträgliches Beschneiden die Länge als Shift nutzen kann um z.B. stürzende Linien in der Architektur zu vermeiden.

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