Urs Tillmanns, 11. November 2018, 14:15 Uhr

Canon EOS R und Nikon Z7 – die neuen Systeme unter der Lupe

Kurz vor der Photokina haben die beiden Spiegelreflex-Marktführer, Canon und Nikon, den Einstieg in die Klasse der spiegellosen Vollformatkameras vollzogen, nachdem beide dieses Feld während Jahren Sony und Leica überlassen hatten. Die Beweggründe für diese «Verspätung» liegen wohl darin, dass sowohl die Canon EOS R und die Nikon Z7/Z6 (die in diesem Artikel immer in dieser alphabetischen Reihenfolge genannt werden) von Grund auf neu konstruiert wurden und gegenüber allen bisherigen Modellen der Oberklasse wichtige Verbesserungen aufweisen. Dabei sind die beiden Kameras, was ihre Hauptmerkmale anbelangt, ziemlich ähnlich ausgefallen – denn technologisch grundlegend Neues zu entwickeln, ist nach rund zwei Jahrzehnten «Digitaloptimierung» mittlerweile schwierig geworden.

 

Um es vorweg zu nehmen: Dies ist kein Kameratest, sondern vielmehr eine Betrachtung der beiden neuen spiegellosen Kamerasysteme von Canon und Nikon. Kein Test, weil die beiden Modelle bezüglich ihrer Preis- und Leistungsklasse zu unterschiedlich sind, und weil zum Zeitpunkt unserer Untersuchung nur je ein Objektiv mit unterschiedlichen Brennweitenbereichen oder nicht in der endgültigen Version zur Verfügung standen. Dennoch lohnt es sich die beiden Newcomer von Canon und Nikon unter die Lupe zu nehmen, vor allem in Hinblick dessen, was die beiden Hersteller noch auf den Markt bringen werden.

 

Äusserlichkeiten

Entsprechend den Design-Linien der Spiegelreflexmodelle ist die Canon EOS R rundlicher und geschmeidiger gestaltet, aber auch etwas grösser als die Nikon Z7, die sich eher etwas kantig präsentiert. Beide Kameras sind mit einem praktischen Handgriff ausgestattet, der bei der Nikon mit der Daumenraste auf der Rückseite der Kamera ergonomischer ist. Ob man das vordere Funktionsrad lieber oben platziert haben will (Canon) oder vorne am Griff (Nikon) ist Ansichts- und Gewohnheitssache – persönlich liegt mir die Nikon-Lösung besser. Das hintere Funktionsrad, das ich in der Regel mit der Belichtungskorrektur belege, ist bei beiden Kameras gleich etwa gut bedienbar, auch wenn das Rad an der Nikon etwas grösser und weiter aussen angebracht ist.

Beide Kameras zeigen auf der Oberseite ein beleuchtbares Datendisplay, das sich scheinbar allmählich an allen Kameras der neuen Generation durchsetzt, weil man alle Einstellungsdaten stets im Blick hat ohne diese auf dem Hauptdisplay abrufen zu müssen. Nikon hat bei der Z7 das Funktionswahlrad P, M, S, A nach links verlegt, während man bei der Canon EOS R die Einstellfunktion über die «Mode»-Tasten auf den Display wählt.  Gleichenorts hat Canon den Hauptschalter platziert, obwohl dieser prominente Platz für wichtigere Funktionen hätte genutzt werden können. Allgemein sieht die Canon «aufgeräumter» aus, weil viele Funktionen über die neue Multifunktionsleiste (rechts neben dem Suchereinblick) über das Schnellwahlrad, den Steuerring am Objektiv oder über die Q-Taste angewählt werden können.

Die Multifunktionsleiste ermöglicht zwar eine sehr schnelle Bedienung durch Antippen oder Streichen in beide Richtungen, doch hat sie in gewissen Situationen auch den Nachteil, dass man sie versehentlich mit dem Daumen betätigt. Sie lässt sich allerdings mit einem Zwei-Sekunden- Knopfdruck ausschalten. Weiter sind neu die Canon RF-Objektive mit einem zusätzlichen Steuerring ausgestattet, der ebenfalls mit verschiedenen Funktionen belegt werden kann.

Auch Nikon hat die Funktionstasten neu platziert, nämlich auf der Vorderseite zwischen Objektivanschluss und Handgriff. Ob dies nun praktisch oder eher nachteilig ist, führt zu geteilten Meinungen. Die Bedienbarkeit der neuen Funktionstasten hängt auch von der Handgrösse, beziehungsweise Fingerlänge ab. Glücklicherweise hat Nikon den Joystick beibehalten, der von Nikon-Fotografen sehr geschätzt wird. Bei beiden Kameras können die verschiedenen Funktionstasten beliebig belegen werden.

Ein wesentlicher Unterschied der beiden Kameras betrifft das Schwenkdisplay. Dieses ist bei der Canon ausschwenkbar und um 270 Grad drehbar – das ist ein Vorteil, insbesondere bei Hochformataufnahmen. Zudem schützt es umgedreht und eingeklappt das Display. Bei der Nikon ist das Display hingegen nur um 90 Grad nach oben und um 40 Grad nach unten neigbar. Beide Display sind 3,2-Zoll (diagonal 8 cm) gross, haben dieselbe Auflösung von 2,1 Millionen Pixel und sind als Touchscreen konzipiert. Bei beiden Kameras kann die Helligkeit des Monitors eingestellt werden, bei der Nikon auch noch die Farbe.

Auch der Sucher ist mit 3,69 Millionen Bildpunkten bei beiden Modellen beinahe identisch. Er unterscheidet sich nur minim durch den Vergrösserungsfaktor von 0,76-fach bei Canon gegenüber 0,8-fach bei Nikon. Die Dioptrieneinstellung reicht bei beiden Suchern von -4,0 bis +2,0 Dioptrien.

 

Die Sensoren

Auf Grund ihrer Sensoren und der damit resultierenden Auflösung, sind die Canon EOS R und die Nikon Z7 nicht vergleichbar. Die EOS R liegt mit 30,2 Megapixel (6720 x 4480px) zwischen den beiden Z-Modellen: Die Z7 ist mit einem neu entwickelten Sensor mit 46 Megapixel (8256 x 5504px) ausgestattet, während die Z6 (die für uns noch nicht zur Verfügung stand) 24,5 Megapixel (6048 x 4024px) bietet.

Dafür punktet die EOS R wieder beim Autofokus mit unglaublichen 5655 AF Dual Fokus Sensoren, denen Nikon 493 Sensoren gegenüberstellt. Das zeigt sich auch in der Praxis, denn die Canon EOS R stellt auch bei kritischen Situationen eine Spur schneller und präziser scharf als die Nikon Z7. Im Lowlevel-Bereich liegt die Grenze bei der Canon bei erstaunlichen -6EV, während von der Z7 erst ab -4EV eine automatische Scharfeinstellung zu erwarten ist.

Die Empfindlichkeitseinstellung reicht bei der Canon von ISO 100 bis ISO 40’000 (manuell ISO 50 bis 102’400) und bei der Nikon Z7 von ISO 64 bis 25’600 (manuell von ISO 32 bis 102’400). Grösser ist der Unterschied bei der Belichtungskorrektur, die bei der Canon EOS R von -3 bis +3 Stufen reicht, während die Nikon Z7 von -5 bis +5 LW eingestellt werden kann. Die Verschlusszeiten-Einstellung reichen bei beiden Kameras von 1/8’000 bis 30 Sekunden.

Einen grossen Pluspunkt holt die Canon EOS R mit dem neuen Sensorverschluss, der sich automatsch schliesst, sobald man das Objektiv entfernt. Erstaunlich, das bisher noch niemand auf diese eigentlich naheliegende Lösung gekommen ist, um die Verschmutzung des Sensor auf diese Weise wirksam zu verhindern.

 

Objektiv betrachtet

Der grösste Unterschied der beiden Kameras liegt bei den Objektiven, bzw. bei den Objektivanschlüssen. Canon hatte 1987, mit der Einführung der EOS-Kameras, den damaligen FD-Objektivanschluss gegen das EF-Bajonett mit 54 mm Durchmesser ausgetauscht, während Nikon ihrem kleineren Objektivanschluss noch dreissig Jahre treu blieb. Mit den neuen Spiegellosen behält Canon den Durchmesser des EF-Anschlusses bei, ändert jedoch dessen Tiefe und Flanschen, während Nikon nun zu einem grösseren Bajonett mit 55mm Durchlass wechselt.

Um auch bisherige Kunden für das neue System zu gewinnen, bieten beide Hersteller Adapter an, mit denen bisherige Objektive an den neuen Kameras ohne Einschränkungen verwendet werden können. Damit öffnen Canon und Nikon die Nachfrage der neuen Modelle als Zweitgehäuse für Umsteiger, zumal es noch eine Weile gehen dürfte, bis alle Wunschobjektive zu den neuen Spiegellosen lieferbar sind. Canon bietet sogar gleich drei Adapter, einer mit Drehring, der die Funktionseinstellungen am Adapter auch mit älteren Objektiven ermöglicht.

Das grössere Bajonett bietet bessere Entwicklungsmöglichkeiten neuer Objektive, vor allem der im Trend liegenden lichtstarken Festbrennweiten oder von extremen Weitwinkeloptiken. Mit den kürzeren Auflagemassen (Distanz von Objektivbajonett zu Sensor) spiegelloser Kameras ist ein grösseres Bajonett zu einer Notwendigkeit geworden.

Das grössere Bajonett ruft nach neuen Objektiven, die – sowohl bei der Canon als auch bei der Nikon – grösser und schwerer geworden sind und dem Ruf nach einer leichteren und kompakteren Systemkamera nicht nachkommen. Sowohl Canon als auch Nikon setzen prioritär auf hohe Lichtstärken und verbesserte Optikleistung auch bei voller Öffnung, was zwangsläufig zu grösseren und schweren Objektiven führt. Man kann gespannt sein, was die beiden Hersteller in Zukunft bringen werden, denn kompaktere, leichtere und preisgünstigere Objektive würde beiden Systemen sehr gut anstehen.

Wichtig ist mit der heutigen Technik auch die Geschwindigkeit der Datenübertragung zwischen Objektiv und Kamera. Canon hat dazu die Anzahl der Kontakte von bisher 8 beim EF-Anschluss auf neu 12 erhöht, um einen schnelleren Datenfluss zwischen Kameraelektronik und Objektiv zu erreichen. Gleiches bei Nikon, die jetzt im Z-Anschluss mit 11 Kontakten daher kommt, gegenüber acht bisher. Bei Nikon dürfte der schnellere Datenfluss auch für die fünfachsige Bildstabilisierung mit Sensor-Shift in der Kamera wichtig sein, während Canon ihren Bildstabilisator in die Objektive einbaut.

 

Speichermedien

Die Speichermedien, die in den beiden Kameras zum Einsatz kommen sind ebenfalls einer der wesentlichsten Unterschiede – und zu beiden Lösungen haben die kritischen Stimmen nicht lange auf sich warten lassen.

Bei der Canon EOS R wird bemängelt, dass sie nur einen Slot für SD (UHS-II) Karten hat, hätten sich viele User doch einen Doppel-Slot (wie bei der Sony a7 III) gewünscht, um gleich mit einer Backup-Option arbeiten oder um Video-Dateien getrennt aufzeichnen zu können. Und bei der Nikon Z7 hätten die Kritiker lieber eine SD-Lösung gehabt als die rund doppelt so teuren und fast proprietären XQD-Karten – obwohl diese bezüglich Transferrate (Read 440 MB/s und Write 400 MB/s) und Zuverlässigkeit den SD-Karten überlegen ist.

Canon bietet in der EOS R das neue C-RAW Format, das wir bereits von der EOS M50 her kennen. Das neue Format produziert bis zu 40 Prozent kleinere Dateien als das bisherige Canon RAW-Format, und dies ohne erkennbare Qualitätseinbussen. Es dürfte sich bei Canon allgemein einbürgern.

Was Video-Aufzeichnungen anbelangt, sind beide Kameras 4K-30p-fähig, wobei die EOS R mit den bereits häufig kritisierten Crop von 1,83x der Nikon Z7 unterlegen ist. Dafür bietet die EOS R den Vorteil, dass ihr Dual Pixel Autofokussystem auch bei Video die Schärfe perfekt nachführt. Beide Kameras zeichnen im MP4-Format (Codec H.264) auf, wobei bei der Z7 noch das MOV-Format zur Verfügung steht.

 

Welche Kamera für wen?

Einfach und schlüssig lässt sich diese Frage wohl kaum beantworten, und ob Canon oder Nikon im Marktsegment der spiegellosen Vollformatkameras längerfristig einen höheren Anteil bestreiten wird, lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt kaum abschätzen. Canon trumpft mit einem deutlichen Preisvorteil auf, welcher jedoch Nikon mit der kommenden Z6 schon fast wieder wettmacht. Das Spiel dürfte aber schon bald weitergehen, denn sowohl Canon als auch Nikon werden wahrscheinlich schon bald im unteren Preissegment neue spiegellose Vollformatmodelle nachschieben.

Die eingefleischten Spiegelreflex-Fotografen werden wohl noch längere Zeit nicht von ihren Lieblingen ablassen, und so lange eine Nachfrage dafür besteht werden Canon und Nikon auch weiterhin Spiegelreflexmodelle auftischen. Ein wachsender Anteil dieser (Profi-)Fotografen wird sich wahrscheinlich neben ihrer Spiegelreflexkamera eine kompaktere Spiegellose als Zweitgehäuse zulegen und dabei die mitgelieferten Adapter nutzen, um die bestehenden Objektive an der neuen Kamera verwenden zu können. Neueinsteiger hingegen werden sich künftig wohl eher für die Spiegellosen entscheiden, wobei einerseits die kompaktere und handlichere Form ebenso eine Rolle spielen wird, wie die neuen Objektive, die man dank den grösseren Objektivanschlüssen bald erwarten dürfte.

Text und Bilder: Urs Tillmanns

 

Canon EOS R und Nikon Z7:
Die wichtigsten Unterschiede auf einen Blick
  Canon EOS R Nikon Z7
Display Ausklappdisplay Schwenkdisplay
Speicherkarten SD (SDHC, SDXC, UHS I) XQD
Neue Funktionselemente Multifunktionsleiste Front FN-Tasten
Autofokus 5’655 AF-Sensoren 493 AF-Sensoren
Autofokus-Bereich -6 EV bis 18 EV -4 EV bis 19 EV
Belichtungskorrektur -3,0 bis +3,0 EV -5,0 bis +5,0 EV
ISO-Empfindlichkeit ISO 100 bis ISO 40’000 (Automatik)
ISO 50 bis ISO 102’400 (manuell)
ISO 64 bis ISO 25’600 (Automatik)
ISO 32 bis ISO 102’400 (manuell)
Auflösung 30,3 MP (6720 x 4480 px) 45,7 MP (8256 x 5504 px)
Video-Format MP4 (Codec H.264) MOV, MP4 (Codec H.264)
Druckfunktion DPOF, Pictbridge Pictbridge
Abmessungen 139 x 98 x 24 mm 134 x 101x 68 mm
Gewicht (Gehäuse + Akku) 668 g 671 g
Preis UVP CHF 2’589.– CHF 3’799.–

 

Die vollständigen technischen Daten finden Sie entweder auf den Produkteseiten von Canon und Nikon (sowie in unserer Meldung zu den Z6/Z7-Kameras) oder vergleichend bei digitalkamera.de
 

 

2 Kommentare zu “Canon EOS R und Nikon Z7 – die neuen Systeme unter der Lupe”

  1. Schön, dann also ohne Spiegel. Was aber soll ein Design, das zwar nicht den Spiegelkasten, aber den Prismenaufsatz als Gestaltungselement beibehält und weiterführt? Die beiden Kameras geraten so viel zu gross und zu klobig.

  2. Die Doppelklappe(wie Flügel an einer Stange) beim Manuellfokussieren(inkl. Fokuspeaking) der Canon R ist genial. Eine Senkrechte mit zwei Flügeln welche bei totaleer Unschärfe unten sind, bei perfekter schärfe nach oben klappen und mit der Senkrechten Verschmelzen.
    Schätze an der Nikon das geringe 16mm Auflagemasse, für Speziallinsen.

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