Urs Tillmanns, 9. Dezember 2018, 12:11 Uhr

Liu Bolins – Das Theater der Scheinbilder

Liu Bolins erste Museumsausstellung in der Schweiz, «Das Theater der Scheinbilder», versammelt knapp fünfzig grossformatige Fotografien und mehrere Skulpturen zu den Hauptthemen im Lebenswerk des chinesischen Künstlers: die politischen und wirtschaftlichen Strategien der chinesischen Staatsmacht, die überlieferten Traditionen sowie religiösen und kulturellen Symbole, die Widerstandsaktionen von einzelnen oder Gruppen, die Umgestaltung des Stadtraums, der Raubbau an der Natur und der Aufbau einer Hyperkonsumgesellschaft.

Im Jahr 2005 beginnt der Künstler seine Serie «Hiding in the City» mit einem Autoporträt, auf dem er komplett bemalt, regungslos und kaum auszumachen vor den Ruinen seines eigenen Ateliers steht, das in dem von der chinesischen Regierung abgerissenen Künstlerviertel lag. Von da an wird für ihn jeder nur denkbare Ort zum potentiellen Ort des Schaffens, in dem er jedoch nur auf paradoxe Weise in Erscheinung tritt: er ist unsichtbar und dabei doch unglaublich präsent.

Der Bildhauer, Performancekünstler und Fotograf Liu Bolin – auch «der unsichtbare Mann» genannt – zeigt in dieser retrospektiv angelegten Schau ein aussergewöhnliches Ensemble von Fotografien, die zwischen 2005 und 2017 in China entstanden sind. Indem er den Betrachter herausfordert, zu erraten, wo sich der Körper des Künstlers im Bild versteckt, erzeugt Liu Bolin einen ungewöhnlichen Spiegeleffekt hin zu demjenigen, der ihn ansieht.

Er scheint zu fordern: «Vertiefen Sie sich in die Lage, in der ich mich hier befinde.» Mitunter stundenlang vor einer Mauer, einem Denkmal oder einer Landschaft posierend, gelingt es Liu Bolin, dank der wertvollen Hilfe seiner Malgehilfen und ohne jede Form der Bildmanipulation, vollkommen im jeweiligen Ortszusammenhang zu verschwinden. Am Ende dieses Prozesses hält die Fotografie die Aktion in einem nur scheinbar spielerischen Bild fest, das in Wirklichkeit jedoch eine tiefere Botschaft in sich trägt. «So mancher wird behaupten, dass ich in der Landschaft verschwinde; aus meiner Sicht ist es die Umgebung, die Besitz von mir ergreift.»

Für Liu Bolin geht es also nicht vorrangig um die bildkünstlerische und menschliche Leistung seiner Performances, sondern um die sehr gezielt ausgewählten Hintergründe, in die er eintaucht. Aus seiner eigenen, individuellen Geschichte – seinem Verschwinden / Erscheinen als Künstler – hat er so eine Offenbarung / Anklage all dessen gemacht, was kollektiv um ihn herum in China vor sich geht.

Im Laufe seines Schaffens hat Liu Bolin aufmerksam die gesellschaftlichen Probleme verfolgt, die seit der Gründung in der Volksrepublik China Begleiterscheinungen politischer und wirtschaftlicher Umbrüche waren. Die politischen Parolen, die zu pädagogischen Zwecken an die breiten Massen adressiert werden, bilden ein durchgängiges Thema seiner Serie «Hiding in the City». Die meisten Chinesen sind dermassen an ihr Vorkommen gewöhnt, dass sie diese obligatorischen, gezielt eingesetzten und rasch jeden Sinn einbüssenden Botschaften überhaupt nicht mehr beachten. Mit dem Aufmalen bestimmter Slogans auf den eigenen Körper fordert der Künstler den Betrachter dazu auf, deren tatsächliche Bedeutung neu zu entdecken, die bisweilen weniger eindeutig ist, als es auf den ersten Blick scheinen mag.

Der Umweltschutz zählte von Anfang an zu Liu Bolins zentralen Fragestellungen. Das Verschwinden in seinen Bildern, das den Niedergang allen Lebens, wie er dem Boden Chinas tief eingeprägt ist, umso greifbarer macht, stellt uns vor ebenso emotionale wie moralische Fragen. Bolin selbst erklärt: «Ich hoffe, dass meine Arbeit meiner Generation und den kommenden Generationen eine Warnung sein wird.»

Seit ein paar Jahren gestattet sich Liu Bolin, die «Produktionsgeheimnisse» seiner Performances preiszugeben, wenn er das von ihm getragene Kostüm ausstellt oder Foto- oder Filmaufnahmen der gesamten Umsetzung zulässt. Eines seiner Kostüme ist auch in dieser Ausstellung zu sehen.

 

Biografie

Liu Bolin wurde 1973 in der Provinz Shandong im Osten Chinas geboren, dem Land, in dem er weiterhin lebt und arbeitet. Er studierte an der Kunstakademie in Shandong bevor er 2001 einen Abschluss an der Kunsthochschule Peking ablegte. Sein künstlerisches Engagement geht in die 1990er Jahre zurück, als sich China von den zerstörerischen Folgen der Kulturrevolution zu erholen begann und eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs und einer Stabilisierung der politischen Situation erlebte. Liu Bolins Fotografien und Skulpturen wurden in zahlreichen Museen und Institutionen weltweit ausgestellt.

Text: Musée Elysée Lausanne
Fotos: © Liu Bolin / Courtesy Galerie Paris-Beijing

Kuratoren. Die Ausstellung wurde kuratiert von Marc Donnadieu, leitender Kurator, Musée de l’Elysée, Assistenz Emilie Delcambre Hirsch, Ausstellungsabteilung, Musée de l’Elysée

 

Der Katalog

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der im Museums-Shop für CHF 39.00 erhältlich ist. Dieser stellt eine umfassende Gruppe von Werken Liu Bolins vor, die zwischen 2005 und 2017 in China entstanden sind. Eigens für diesen Katalog beleuchten die Beiträge das stark symbolisch aufgeladene Arbeitsprinzip des Künstlers.
Broschiert mit Schutzumschlag, 112 Seiten, 60 Abbildungen, Format 16 x 22,4 cm, ISBN 978-2-88350-114-0, CHF 39.00.

Die Ausstellung ist noch bis 27. Januar 2018 zu sehen im

Musée Elysée
18, avenue de l’Elysée
CH-1014 Lausanne
Tel. 021 316 99 11

 

Ein Kommentar zu “Liu Bolins – Das Theater der Scheinbilder”

  1. «Der unsichtbare Mann» gefällt mir. Als Panda Bär, hätte er keine Schuhe an, beinahe unsichtbar.
    Für mich ist der gesllschaftskritische Aspekt seiner Bilder durchaus klar, aber auch Spielerei und Humor sind für mich ein Bestandteil seiner Arbeiten.

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