Urs Tillmanns, 16. Dezember 2018, 12:10 Uhr

Lohnt sich der Umstieg auf’s Mittelformat?

Gadunz Danuser fotografiert mit der Leica S in den Bergen und will auf seinen Bildern feinste Details erkennen können. «Ich will wegkommen vom Klischee. Immer blauer Himmel. Immer Sonne. Und wenn möglich noch tief und spurenlos verschneit.» sagt er. «Mich interessieren mehr die einzelnen Fragmente. Strukturen. Ich warte auf diesen einen gewissen Moment».

Die Frage ist nicht neu. Schon im analogen Zeitalter war das Lager gespalten in Fotografen, die ausschliesslich mit Kleinbildkameras unterwegs waren und solche, die das Mittelformat bevorzugten. On Top gab es noch eine weitere Liga, nämlich jene der Grossformat-Fotografen mit Aufnahmeformaten von 10×12 bis 20x25cm.

Auch in der Digitalfotografie unterscheiden wir grundsätzlich drei Formatgruppen:

APS-C und kleiner (z.B. Micro Four Thirds), dann

• das sogenannte «Vollformat», das mit 36 x 24 mm dem früheren Kleinbildformat entspricht …

• … und schliesslich das Mittelformat mit Sensorgrössen von
30 x 45 mm (Leica S),
43,8 x 32,9 mm (Fujifilm GFX, Hasselblad X, Pentax 645, Mamiya Leaf Credo 50) und
53.7×40.4mm (Phase One XF und IQ, Hasselblad H, Mamiya Leaf Credo 80), um die derzeit gängigsten Formate zu nennen.

Die üblicherweise verwendeten Bezeichnungen der Formate sind wenig sinnvoll. Bei APS-C ist den Marketing-Fachleuten nichts Besseres eingefallen als an das kläglich gescheiterte Patronenformat aus dem Jahre 1996 zu erinnern. Vollformat ist schon deshalb fragwürdig, weil es noch viel vollere Formate gibt, und die verschiedenen Mittel-Formate rufen zwangsläufig nach etwas noch Grösseren, was es aber in der Digitalfotografie mit Sicherheit nie geben wird. (Beachten Sie dazu auch unseren humoristischen Artikel «Grossvater, was ist Kleinbild»).

Valeriano Di Domenico porträtiert mit seiner Phase One häufig Prominenz, wie hier den Radprofi Silvan Dillier mit Blasen an seinen Händen nach dem Rennen Paris–Roubaix. «Meine Kunden verlangen eine bestmögliche Qualität – deshalb nehme ich für solche Aufträge die Mittelformatkamera» sagt Di Domenico.

 

Der Sensor bestimmt die Kameragrösse

Je grösser das Bildformat, desto grösser, unhandlicher und vor allen teurer werden nicht nur die Kameras, sondern auch die Objektive dazu. Sie sind deutlich grösser als ihre Kleinbildschwestern oder gar als die APS-C- und MFT-Modelle. Allerdings ist das Sortiment an Mittelformatobjektiven kleiner und meist ist auch die Lichtstärke geringer, um sie noch einigermassen bedien- und bezahlbar zu halten.

Auch das Gewicht der Ausrüstung spielt eine grosse Rolle, denn wer mit einer Mittelformatkamera einen Tag lang aus freier Hand durchfotografiert hat, hat abends sein persönliches Fitness-Programm meist hinter sich. Lohnt sich die drei- bis sechsmal höhere Investition für eine Mittelformatkamera? Und wer legt sich eine solche zu? Fragt man die Profis, die täglich damit arbeiten, so möchten sie ihr bestes Gerät nie wieder hergeben. Dazu gibt es vor allem drei Gründe:

Peter Schäublin hat mit seiner Fujifilm GFX ein Eiswunder im Dorfbach fotografiert. «Kleines ganz gross zu zeigen fasziniert mich! Das verlangt nicht nur nach einer Spitzenqualität beim Objektiv, auch die Datenqualität muss eine Nachbearbeitung ermöglichen, die meiner Vorstellung entspricht und die letzten Nüancen dieser Wunderwelt zeigt.»

 

Erstens: die Bildqualität.

Hier geht es nicht nur um Auflösung, wie wir in den weiteren Punkten noch sehen werden. Denn die Sensoren der Kleinbildkameras holen mächtig auf: Die obere Leistungsgrenze liegt derzeit um die 50-Megapixel (z.B. Canon 5DS R, Nikon D850 und Sony α7R II ) und kommt auch, was die Datenqualität anbelangt, dem Mittelformat erstaunlich nahe. Bei Mittelformat liegt diese Grenze um die 100 Megapixel – mit Spitzen von 150 MP mit Phase One IQ4 und Hasselblad H6D 400c Multishot mit bis zu 400 Megapixel. Peter Schäublin, der vorwiegend, aber nicht ausschliesslich mit Mittelformat arbeitet, meint dazu: «Je grösser der Sensor ist, desto mehr Spielraum bieten die RAW‐Files in der Postproduction. Gerade bei Landschafts- und Konzeptaufnahmen, in denen ich in Lightroom oder Photoshop noch einiges bearbeiten will, ist Mittelformat meine erste Wahl». Nicht nur mehr Auflösung und Schärfe, ist das Entscheidende, sondern vor allem ein grösserer Kontrast- und Dynamikumfang, um mehr Details, mehr Zeichnung in den Lichtern und vor allem in den Schatten ausnutzen zu können. Die bessere Datenqualität hängt in erster Linie damit zusammen, dass auf dem grösseren Sensor die Pixel grösser sind und nicht so dicht beieinander liegen.

Allerdings muss man sich im Klaren darüber sein, dass die grösseren Sensoren auch grössere Datenmengen produzieren, vor allem im RAW-Format, wo jedes Bild schnell mal 100 Megabyte Speicherplatz frisst. Das hat weitreichende Konsequenzen, mit einem schnelleren Rechner, damit man beim Öffnen und Bearbeiten der Dateien nicht einschläft sowie mehr Speicherplatz auf schnellen Harddisks für die Datenverwaltung. Lässt man sich dann noch zu 4K-Videos verführen, dann kommt möglicherweise auch noch ein neuer Monitor der oberen Preis- und Leistungsklasse hinzu, der diese Qualität überhaupt vollumfänglich darstellen kann – was zudem noch eine gute Grafikkarte vorausgesetzt.

Als weiterer Qualitätsfaktor steht die Abbildungsqualität des Objektivs im Raum. Nicht alle der in Massen produzierten Kleinbildobjektive sind qualitativ auf den Sensor abgestimmt, und viele davon, vor allem in den preisgünstigen Klassen, erreichen nie die Auflösung, die für den Sensor der Kamera erforderlich wäre. Hier spielen die Mittelformat-Objektive in einer anderen Liga, was sich bei den geringeren Stückzahlen auch im Preis niederschlägt.

Oliver Oettli inszenierte dieses Bild für das «Ensemble Proton – das Labor für zeitgenössische Musik» mit seiner Hasselblad. «Logisch, dass ich die Band in einem Labor fotografierte … Ich lasse mir für solche Szenerien immer sehr viel Zeit, damit das Ergebnis perfekt wird. Da muss die Kamera einfach die beste Qualität liefern.»

 

Zweitens: Man fotografiert anders …

Bedingt durch das grössere Sensorformat arbeitet man grundsätzlich mit längeren Brennweiten. Das hat einen Einfluss auf die perspektivischen Möglichkeiten der Bildgestaltung und bewirkt eine geringere Schärfentiefe – jedoch damit verbunden eine bessere selektive Schärfe.

Auch das Seitenverhältnis der Aufnahmen spielt eine Rolle. Während sich das Kleinbildformat in einem länglichen 3:2-Verhältnis präsentiert, zielen die Mittelformatbilder auf ein quadratähnliches 4:3- und 5:4-Bild ab. Das hat einen Einfluss auf die Bildgestaltung und ergibt bezüglich der nachträglichen Ausschnittwahl (Cropping) einen freieren Umgang.

Die grössere Kamera bedingt in vielen Fällen den Einsatz eines Stativs. Damit sucht man sich den optimalen Aufnahmestandort genauer aus, man arbeitet ruhiger und überlegter – dies alles mit dem Ziel, die bestmögliche Qualität zu erzielen. Meist liegt den Aufnahmen, die mit der Mittelformatkamera gemacht werden, ein klares Konzept oder mindestens eine sehr konkrete Idee zugrunde, und man sieht das Bild bereits im geistigen Auge vor sich, bevor man überhaupt die Kamera zur Hand nimmt.

Ein weiterer Arbeitsschritt, der viel zum überlegteren Fotografieren beiträgt, ist die Scharfeinstellung. Während man sich in der APS- und Vollformatfotografie mehrheitlich auf die Intelligenz des Autofokussystems verlässt, ist in der Mittelformat-Fotografie die manuelle Fokussierung häufiger. Man nimmt sich auch dafür mehr Zeit, wissend, dass man mit den längeren Brennweiten einen kleineren Schärfentieferaum zur Verfügung hat und damit weniger Schärfereserve. Beim manuellen Scharfstellen ist das «Focus Peaking» eine grosse Hilfe, das allerdings heute State-of-the-Art und praktisch bei allen Kameramodellen ein konturgenaues Scharfeinstellen ermöglicht. Man geht überall auf Nummer-Sicher, was sich mit einem sorgfältigen Workflow in der besseren Bildqualität auszeichnet.

Michel Jaussi fotografiert mit seiner Hasselblad häufig für Industriekunden, hier für den«Air Liquid»-Konzern. «In der Industriefotografie weiss man nie wofür ein Bild später noch verwendet wird, deshalb wird hier die höchste Qualität verlangt» erklärt Michel Jaussi. «Zudem gilt es in diesem Fall einen sehr hohen Kontrast zu bewältigen, wobei ein möglichst grosser Dynamikumfang von Vorteil ist.»

 

Drittens: Der psychologische Faktor

Das werden viele Mittelformat-Fotografen nur mit einem Schmunzeln zugeben, aber es macht beim Kunden einen viel professionelleren Eindruck, wenn man mit einer Mittelformatkamera daherkommt, als mit einer APS- oder Kleinbildkamera, von welcher der Kunde möglicherweise noch das bessere und teurere Modell selbst besitzt.

Zwar ist die grössere und teurere Kamera kein Leistungsausweis, aber sie deutet immerhin auf eine gewisse Erfolgslaufbahn hin, welche die Investition eines teureren Equipments für qualitativ bessere Bilder ermöglichte. Allerdings muss die danach abgelieferte Bildqualität auch dem teureren Equipment standhalten, denn in vielen Fällen ist heute der Kunde auch selbst «Fotograf», der diese sehr wohl beurteilen kann.

Deshalb ist es gar nicht so ungeschickt, wenn man auf seiner Webseite eine Auslegeordnung seines Equipments zeigt. Das könnte im einen oder anderen Fall ausschlaggebend dafür sein, ob man den Zuschlag für einen Auftrag bekommt.

Micha Riechsteiner arbeitet schwerpunktmässig in der Werbe- und Commercial-Fotografie und setzt dabei die Phase One am häufigsten ein. «Wir arbeiten sehr viel mit Agenturen zusammen und mussten feststellen, dass es je nach Auftrag erwartet wird, dass man mit einer Mittelformatkamera arbeitet» sagt Micha Riechsteiner. «Auch hat uns der Dynamikumfang, die Farbtiefe und Farbwiedergabe beeindruckt sowie der Zentralverschluss für schnelle Blitzzeiten».

 

Welche Kamera?

Mittelformat ist nicht gleich Mittelformat. Anders als bei den APS-C- und Vollformatkameras unterscheiden sich die Mittelformatkameras deutlicher in Sachen Bauform, Grösse, Gewicht und technischer Leistung. Grundsätzlich unterscheiden wir vier verschiedene Bauformen:

Die Kastenform. Sie geht auf den Urahn Hasselblad und die 1940er-Jahre zurück, mit einer Form, die durch einen grossen Spiegelkasten mit Vertikaleinblick und ein angesetztes Filmmagazin, bzw. Digitalback gegeben ist. Heutige Vertreter dieser Art sind beispielsweise die Hasselblad H6D, Phaseone XF und die Pentax 645. 

Die SLR-Form. Sie ist ein Abkömmling der klassischen Kleinbild-Spiegelreflexkamera, wie sie seit den 1930er-Jahren populär ist. Der Spiegelkasten mit Pentaprisma und den zwei seitlichen Ausbuchtungen, in denen ursprünglich die Filmpatrone und die Aufwickelspule Platz fanden, liefert die Grundform dazu. Die Gehäuse sind in der Regel sehr ergonomisch und für Freihandaufnahmen auch mit längeren Belichtungszeiten geeignet. Wichtigste Vertreterin dieser Art ist die Leica S.

Die Spiegellosen. Dem Trend bei den APS-C- und Vollformatkameras folgend, sind in letzter Zeit verschiedene spiegellose Mittelformatkameras auf den Markt gekommen, vor allem die Fujifilm GFX-Reihe und die Hasselblad X 1D. Kein in der Herstellung teurer und platzraubender Spiegelkasten, sondern Display und Monitor als Sucher. Es ist anzunehmen, dass auch bei den Mittelformatkameras weitere Spiegellose folgen werden.

Die verstellbare Fachkamera. Sie geht ursprünglich auf die Fachkamera mit Balgen und optischer Bank (Sinar, Linhof etc) zurück, doch wurde durch den kleinen Sensor und die kürzeren Brennweiten der lange Auszug überflüssig. Geblieben und einzigartig ist die horizontale und vertikale Verschiebemöglichkeit des Objektivs zum Perspektivenausgleich. Heutige Vertreter sind Alpa und Arca Swiss. An den Kameras werden die üblichen Digitalbacks verwendet.

Während sich die DSLR-Form, die Spiegellosen und Kameras mit der Kastenform (bedingt) für den Einsatz aus freier Hand und die Reportagefotografie eignen, werden Kastenkameras und Fachkameras mehrheitlich für die statische Fotografie im Studio oder in Freien ab Stativ eingesetzt. Auch hier gilt: Je grösser das Sensorformat, desto grösser und schwerer werden die Kameras und Objektive, vor allem solche mit hohen Lichtstärken und Zoomobjektive. Letztere kommen bei diesen Kameraarten kaum noch zum Einsatz. Es wird vorwiegend mit qualitativ besser optimierten und lichtstärkeren Festbrennweiten gearbeitet, während Zoomobjektive bei Kameras der DSLR-Form wegen ihren vielfältigeren Einsatzmöglichkeiten und kompakten Bauweisen unverändert beliebt sind.

Oliver Wehrli fotografiert mit der Fujifilm GFX 50s am liebsten Naturlandschaften. «Ein gedrucktes Foto mit einem Meter Breite ist einfach etwas anderes als auf dem Bildschirm mit 1200 Pixel Breite. Ein solcher Druck ist um einiges beeindruckender und erst dann kommt die Qualität der Aufnahme vollends zur Geltung.» 

 

Fazit

Der Markt der Digitalkameras hat sich in den letzten Jahren massiv verändert, dies vor allem auf Grund der Fortschritte in der Sensortechnik. Sensoren können heute kostengünstiger (durch geringere Ausschussquoten) und grösser produziert werden. Das hat vor allem den Vollformatkameras, aber auch den Mittelformatkameras, z.B. Fuji GFX, Aufwind verliehen. Die Kameras sind günstiger, erschwinglicher geworden und finden zunehmend auch im Amateurbereich Absatz.

Mittelformatkameras sind preislich günstiger geworden, setzen sich mit einer besseren Bildqualität immer mehr im Markt durch und bringen damit die Digitalfotografie qualitätsmässig auf einen (noch) höheren Level. Allerdings weht ihnen mit den immer besser werdenden Vollformatkameras und vergleichbaren Auflösungsgrössen ein frostiger Wind entgegen, mit dem Vorteil, dass diese nicht nur kompakter und handlicher, sondern auch deutlich preisgünstiger sind. Preisentscheidend sind hier die Stückzahlen, denn APS-C- und Vollformatkameras sind Massenprodukte, während die meisten Mittelformatkameras in Hand- oder Kleinserien mit – auf die Menge bezogen – sehr hohen Entwicklungs- und Produktionskosten hergestellt werden.

Ob man bei seiner APS-C- oder Vollformatkamera bleibt oder ob man auf Mittelformat umsteigt, entscheidet letztlich das Portemonnaie oder die Auftragslage, sind doch die Mittelformatkameras um ein Mehrfaches teurer – Qualität hat eben seinen Preis.

Um das Mittelformat-Gefühl selbst zu erleben und den qualitativen Vergleich zur bestehenden Ausrüstung vollziehen zu können, lohnt es sich, einmal für ein paar Tage eine Mittelformat-Kamera zu mieten. Sollte man sich dann für den Kauf entscheiden, dann werden einem in den meisten Fällen die Mietkosten erlassen.

Urs Tillmanns

 

Ein Kommentar zu “Lohnt sich der Umstieg auf’s Mittelformat?”

  1. Zitat: „vor allem ein grösserer Kontrast- und Dynamikumfang“ bei sogen. Mittelformat-Kameras stimmt einfach nicht. Im 35 mm-Format liegt man dabei gleich oder teilweise besser.
    Unbedarfte Fotografen können vielleicht mit einem sogen. Mittelformat-Equipment punkten, aber mich bucht kein Auftraggeber wegen meines Equipments. Das wäre auch unsinnig, da die Sensor-Grösse bei MF nur 30 Prozent höher und breiter ist.
    Ich setze 4/3, 35 mm und Mittelformat ein – je nach Anforderung.
    Dass grosse Bildwandler – die fast ausschliesslich von Sony stammen – Objektive mit geringerer Lichtstärke einsetzen, stimmt selten, denn durch grössere Pixel fällt auch bei geringerer relatover Oeffnung mehr Licht auf den Sensor.

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