Urs Tillmanns, 3. Februar 2019, 21:20 Uhr

An der Lumix S1 entdeckt – und Bummel durch Barcelona

Nachdem seit der Photokina die Spezifikationen der neuen S-Kameras von Lumix häppchenweise ans Tageslicht kamen, ist nun alles bekannt. Panasonic hat ganze Arbeit geleistet und nun gleich zwei Kameras für höchste professionelle Ansprüche auf den Markt gebracht, die mit einer Reihe von bisher einzigartigen Eigenschaften auftrumpfen können (siehe unsere Neuheitenvorstellung).

Befasst man sich näher mit der Lumix S1 und der S1R, so fallen jedoch eine Reihe nützlicher Kleinigkeiten auf, die nicht unbedingt notwendig, doch aber als nützliche Helfer im fotografischen Alltag sehr geschätzt werden und vor allem beweisen, wie durchdacht die beiden Kameras sind. Fotointern war einen Tag lang in Barcelona unterwegs und hat mit der Lumix S1 faszinierende Stadtmotive fotografiert. Zudem hatten wir mit Katsunori Maeda, Marketingleiter der Panasonic Corporation, ein Exklusivinterview, das Sie am Ende des Artikels finden.

Panasonic Pressebild

Der erste Eindruck

Es ist eine Tatsache: Die Lumix S1/S1R ist gross und schwer – grösser und schwerer als ihre Mitbewerberinnen. Das ist, gerade für professionelle Anwender, nicht unbedingt ein Nachteil, denn mit einer massigen Kamera, die man fest in den Händen hält, ist die Verwacklungsgefahr geringer als mit einem Leichtgeschütz. Kommt hinzu, dass man die S1 (falls nicht speziell betont ist in der Folge immer auch die S1R gemeint) mit ihrem stark ausgeprägten Handgriff sehr sicher und gut in der Hand hält – sie ist griffig und ergonomisch.

Die S1 macht einen sehr aufgeräumten und logischen Eindruck, was die Anzahl und die Anordnung der Bedienungselemente anbelangt. Auf der rechten Seite ist der deutlich abgesetzte Einschalthebel, und davor sind die drei Drucktasten für die Belichtungskorrektur, die ISO-Einstellung und den Weissabgleich angeordnet, die in Verbindung mit dem hinteren Einstellrad bedient werden. Die ISO- und die Weissabgleichtasten haben die Besonderheit, dass sie mit jedem Tastendruck die Einstellung um einen Wert weiterbewegen ohne dass man das Einstellrad betätigen muss. Zudem ist die ISO-Taste mit zwei kleinen Noppen versehen, damit man sie besser erfühlen kann.

Neben dem Einschalthebel befindet sich die Displaybeleuchtung. Drückt man diese, so wird nicht nur das Datendisplay beleuchtet sondern auch die wichtigsten Funktionstasten, wie die Bildbetrachtung, die Q-Funktionstaste, die Rück-Taste, die Display-Tasten und die Löschtaste. Ein kleines Detail, das bisher bei keiner Kamera zu finden war, das aber gerade beim Arbeiten im Dunkeln enorm geschätzt wird.

Auf der linken Seite befindet sich das Funktionswahlrad mit Ai, P, A, S, M, Movie und drei benutzerdefinierten Einstellungen. Das Rad ist grundsätzlich blockiert und lässt sich erst drehen, wenn man die zentrale Entriegelungstaste drückt. Damit wird ein versehentliches Verstellen unterbunden. Darunter befindet sich das Einstellrad für Einzelbild, zwei Serienfunktionen mit 6 Bilder/s und 30 B/s im 6K-Modus, Timelaps und dem Selbstauslöser mit zwei oder 10 Sekunden Vorlaufszeit.

Ein Novum ist der Lock-Hebel, der sich links neben dem Sucherokular befindet. Damit lassen sich bestimmte Funktionen blockieren, nämlich das vordere und hintere Einstellrad, das Kontrollrad, die Cursortaste, die Menüeinstellung, der Joystick, der Touchscreen und die Display-Taste. Jede einzelne der Funktionen kann im Menü freigeschaltet werden, so dass beispielsweise nur der Touchscreen bei Betätigung der Locktaste gesperrt werden kann.

Der Suchermonitor ist eine echte Überraschung: Er bietet OLED-Qualität mit 5,76 Millionen Pixel die zur Zeit höchste Auflösung bei einem elektronischen Sucher, der mit einer Bildwiederholrate von 120 B/s ein klares und absolut ruckelfreies Bild zeigt. Wieder ein Novum: Über die Drucktasten auf der rechten Seite können drei verschiedene Suchervergrösserungen (VMode) von 0,7x, 0,74x und 0,78x gewählt werden, was vor allem Brillenträger schätzen werden.

A propos Bildgrössen: Auch bei der Wahl der Bildproportion gibt es Neues: Neben den üblichen 4:3 und 2:3 Seitenverhältnissen gibt es bei der S1 noch 16:9, 1:1, 65:24 und 2:1.

Auch die Okularmuschel präsentiert sich mit einem besonderen Feature. Während diese bei den meisten Kameras einfach aufgesteckt ist (und gelegentlich verloren geht), ist sie bei der S1 mit einer Bajonettkupplung und einer Entriegelungstaste fest fixiert. Das hat den Vorteil, dass sich die Okularmuschel leicht wegnehmen und wieder aufsetzen lässt, um das Okular zu reinigen.

Das Display lässt sich in drei Richtungen verstellen: 90 Grad nach oben, 45 Grad nach unten und 45 Grad zur rechten Seite – letzteres ist vor allem für Hochformataufnahmen praktisch. Stellt sich die Frage, weshalb das Display nicht auf der linken Seite befestigt ist und für Selfies ganz ausgeschwenkt werden könnte. Die Antwort von Panasonic: Links konnte kein so stabiler Ausklappmechanismus realisiert werden, weil sich dort die Stecker für Mikrofon, Kopfhörer, USB-C Ladestecker und HDMI-Anschluss befinden, oder man hätte den Ausklappmechanismus mit einem kleineren Display bezahlt. Beachtlich ist übrigens die äusserst stabile Konstruktion des Displays, das auch einen rauen Umgang problemlos wegsteckt.

Der Akku hält übrigens erstaunlich lange und kann ausser über das Ladegerät einfach über ein USB-C Ladekabel mit neuer Energie versehen werden. Auch was die Kapazitätskontrolle anbelangt gibt es bei der S1 ein Novum: Die Batterieanzeige erfolgt nicht nur in vagen Feldanzeigen, sondern sie lässt sich im Menü als eine viel verlässlichere Prozentanzeige einstellen.

Über die Bildqualität lässt sich noch nichts Verlässliches aussagen, da die in Barcelona der Presse zur Verfügung gestellten Kameras bezüglich ihrer Software noch nicht auf den endgültigen Stand waren. Jedenfalls hat uns die Bildqualität überrascht, vor allem auch was die geringe Verzeichnung des 24-105mm Zooms anbelangt. 

Aufgefallen ist uns auch der mechanische Fokussierring am 1,4/50mm und am 4/70-200mm Objektiv, der sich verschieben lässt und für die manuelle Fokussierung die Entfernungsskala zeigt. Schade, dass dieses Feature am 24-105mm Objektiv fehlt – wir können gespannt sein, ob er an künftigen Lumix-Objektiven konsequent zu finden ist.

Obwohl die Software der Kameras noch nicht final war, haben wir uns einen kleinen Test bei spärlichen Lichtverhältnissen nicht nehmen lassen und waren echt überrascht, dass bis ISO 12800 keinerlei Rauschen festzustellen war. Erst bei 25600 ISO war eine geringe Schärfeeinbusse zu erkennen, die jedoch erst bei 51200 ISO wirklich offensichtlich wurde.

Wenn man bedenkt, dass das Autofokussystem bis -6EV laut Panasonic verlässlich messen soll, so ist die S1 gerade für Aufnahmen im Lowlight-Bereich prädestiniert. Hinzu kommt der duale Bildstabilisator mit fünf Achsen im Objektiv und bei der Sensorlagerung in der Kamera, welche Erschütterungen der Kamera auch bei verhältnismässig langen Belichtungszeiten zuverlässig kompensieren.

Neu ist auch die Menüstruktur, die mit zwei Ebenen so gestaltet ist, dass es keine Fortsetzungsseiten gibt. Damit wird das Menü sehr viel übersichtlich und schneller anwählbar. Unnötig zu erwähnen, dass sich über die Menüpunkte fast unendlich viele Funktionen benutzerdefiniert konfigurieren lassen, wie das heute bei dieser Kameraklasse üblich ist. Zum Glück gibt es eine Reset-Funktion um den ganzen Salat wieder auf die Werkeinstellung zurücksetzen …

Damit sind wir mit den zum Teil etwas versteckten Besonderheiten der Lumix S1 noch lange nicht am Ende, denn der User wird immer wieder neue Eigenschaften und Konfigurationen entdecken, die sich in der S1 und S1R verstecken.

Text und Bilder: Urs Tillmanns

Anmerkung: Die Bilder wurden mit Vorserienkameras aufgenommen und sind nicht repräsentativ für die Bildqualität.

 

Mit Katsunori Maeda im Gespräch

Katsunori Maeda ist Marketingleiter der Panasonic Corporation. Er hat sich in Barcelona die Zeit genommen, um mit Fotointern ein Exklusivinterview zu führen, bei dem es um weitere Hintergrundfragen und Marketingaspekte ging.

Fotointern: Herr Maeda, wann hat Panasonic mit der Entwicklung des Vollformat-Projekts begonnen.

Katsunori Maeda: Vor rund acht Jahren hat Yosuke Yamane, Entwicklungsleiter der Digital Imaging Sparte, das Projekt einer spiegellosen Vollformatkamera beschlossen. Dann folgten viele Marketingstudien, Meinungsbefragungen und Interviews mit Fotografen, bis das Konzept der Kamera vor gut zwei Jahren feststand. Die Produktionsvorbereitungen der S1/S1R liefen dann vor knapp zwei Jahren an.

Panasonic war zusammen mit Olympus bisher Verfechterin von Micro Four Thirds. Jetzt steigt Lumix in die Vollformat-Liga auf. Wie lange wird es noch Lumix MFT-Kameras geben?

Noch lange, denn wir glauben immer noch an Micro Four Thirds. Diese Produkte richten sich an völlig andere Anwender. Es sind Fotografen und Amateure, die vor allem die Kompaktheit ihrer Ausrüstung schätzen, was vor allem bei Reisen und Reportagen ein grosser Vorteil ist.

Profifotografen haben ganz andere Ansprüche. Sie brauchen höchste Auflösungen und beste Video-Features, um im harten Konkurrenzkampf zu bestehen und um ihren Kunden die beste Bildqualität abliefern zu können. Die Grösse der Ausrüstung ist dabei sekundär.

Sie werden also weiterhin MFT-Kameras entwickeln.

Absolut. Micro Four Thirds hat im Markt eine sehr gute Stellung, und die Nachfrage nach kompakten und ausbaubaren Fotoausrüstungen ist ungebrochen.

Das Profisegment ist ein relativ kleiner Markt, der mit Canon, Nikon und seit einigen Jahren auch mit Sony sehr gut besetzt ist. Welchen Marktanteil erwarten Sie in diesem Segment in den nächsten Jahren?

Das ist natürlich schwierig zu prognostizieren. Allerdings darf man nicht nur das Segment der reinen Profifotografen in Betracht ziehen, denn wir sehen im Bereich der Fotoenthusiasten eine sehr grosse Anwendergruppe, die ebenso hohe Ansprüche an ihre Ausrüstung stellt. Marktanteile können wir keine voraussagen, aber wir sind überzeugt, dass unsere S-Reihe schon bald einen deutlich sichtbaren Anteil im Markt ausmachen wird.

Das Gehäuse der S1R wird CHF 4699.00 und dasjenige der S1 Gehäuse CHF 3199.00 kosten. Das ist deutlich teurer als beispielsweise die Nikon Z7 oder die Sony a7 III. Was verteuert die beiden Lumix-Kameras dermassen?

Die S1 und S1R verfügen über eine Reihe von Eigenschaften, die es bisher in vergleichbaren Kameras nicht gab, zum Beispiel das neue Bildstabilisierungssystem bis sechs Lichtwerte mit korrespondierenden Elementen im Objektiv und im Gehäuse, dann die High Resolution Auflösung mit Sensorshift und 187 Millionen Pixel bei der S1R und schliesslich qualitativ uneingeschränkte Videoeigenschaften mit 4K/60p bei der S1. Dazu war ein völlig neuer Sensor mit asphärischen Linsen vor jedem Pixel nötig sowie eine enorm starke Engine, welche diese grossen Datenmengen schnell ausliest und in Bilddaten umwandelt. Will man mit all diesen Vorgaben ein kompromissloses Produkt schaffen, dann hat dies letztlich einen höheren Preis als eine Realisierung, bei welcher man im Hinblick auf einen günstigeren Preis Konzessionen eingeht.

Die GH5S wurde speziell auf eine hohe Videoqualität ausgelegt. Wie hoch schätzt Panasonic den Anteil der professionellen Videonutzer bei der S1 undS1R?

Das ist schwierig zu sagen. Nach unseren Erhebungen gewinnt Video vor allem bei jüngeren Anwendern immer stärker an Bedeutung, deshalb haben wir auch die S1 sehr stark auf dieses wachsende Bedürfnis ausgerichtet, während die S1R vor allem für Nutzer gedacht ist, die grossen Werte auf höchste Fotoqualität legen. Interessant ist, dass vor vor allem in Amerika die Nachfrage nach Videoanwendungen höher liegen als in Europa und auch in Japan, wo das Fotografieren noch im Vordergrund steht.

Die S1/S1R ist besonders auf anspruchsvolle Profis ausgelegt. Wäre es denkbar, dass die S-Reihe im Vollformattrend auch nach unten mit günstigeren Varianten ergänzt wird?

Denkbar ist dies durchaus. Wir haben jetzt mit unseren beiden Topmodellen schon mal ein Zeichen im Profimarkt gesetzt und sind nun auf die Resonanz gespannt. Dass wir danach die Vollformatreihe nach unten erweitern, um kostengünstiger eine breitere Zielgruppe zu erreichen, ist naheliegend, doch kann ich dazu derzeit noch keine Aussage machen.

Die Kooperation von Panasonic mit Sigma und Leica stärkt die drei Marken im Markt und ermöglicht allen ein breiteres Objektivangebot. Besteht nicht die Gefahr eines starken Preiskampfes und einer Überschneidung der Sortimente?

Die Kooperation mit Leica und Sigma ist in der Tat für alle drei Marken eine grosse Chance im Markt. Es entsteht daraus ein sehr breites Objektivangebot mit grösster Flexibilität. Was allerdings jede Marke daraus macht, ist ihnen überlassen, denn wie sie wissen sind diesbezügliche Absprachen untersagt.

Wann haben Sie sich entschlossen das L-Bajonett für die S-Kamera zu nutzen und keinen eigenen Objektivanschluss zu entwickeln.

Das war im Januar 2018. Panasonic pflegt schon seit 17 Jahren eine partnerschaftliche Beziehung mit Leica, und so war diese Allianz, zu der noch Sigma hinzu kam, eine sehr gute Lösung. Es wird demnach zur Lumix S schon in Kürze eine sehr breite Palette von verwendbaren Objektiven geben, ganz abgesehen davon, dass die kurze Schnittweite des L-Bajonetts die Verwendung von Adaptern relativ einfach macht.

Gibt es gemeinsame Standards was die Qualitätskontrolle anbelangt?

Nein. Jeder Hersteller hat seine eigenen Qualitätsmassstäbe und Fabrikationstoleranzen. Entsprechen diese den Richtlinien von Leica, dann können einzelne Objektive von Leica zertifiziert werden, wie dies bei unserem Referenzobjektiv 1,4/50mm und dem 4/70-200mm Zoom der Fall ist.

Welches sind für Sie persönlich die drei wichtigsten Features der S1/SR1, mit denen sich diese Kameras von den Mitbewerbermodellen unterscheiden?

Mich beeindruckt an der S1R die HR-Auflösung mit bis zu 187 Megapixel am meisten. Externe Fotografen haben damit Resultate erzielt, die wirklich beeindruckend und mit nichts vergleichbar sind. Dann verblüfft mich die Videoqualität der S1 mit 4K und 60p. Und letztlich ist die Bildstabilisierung mit bis zu 6 EV ein grosses Plus, das den beiden Kameras gerade auch im Low-Light-Bereich ihre Stärken gibt. Ich glaube diese Eigenschaften werden die anspruchsvollen Benutzer dieser Kameras sehr schnell zu schätzen wissen.

Herr Maeda, wie danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führte Urs Tillmanns am 1. Februar 2019 in Barcelona.

Weitere Informationen zu den Lumix S Kameras finden Sie unter www.panasonic.ch

Ein Kommentar zu “An der Lumix S1 entdeckt – und Bummel durch Barcelona”

  1. Ein sehr guter Bericht.
    Ich bin auch der Meinung, dass das „immer kleiner und leichter“ bei Profis nicht sinnvoll ist. Lichtstarke Objektive relativieren das eingesparte Gewicht beim Body. Ein kleines Gehäuse wird eh durch eine Hochformatgriff vergrössert, damit das Handling und die Akku-Kapazität besser wird.
    Interessant ist GPS (wie bei der neuen Olympus) und die R-Modelle von Sony und nun auch Lumix könnte man durch wahlweises Pixel-Binning lichtempfindlicher machen – bei Reduzierung der Auflösung. So käme man mit einem Body auch in den Low-Light-Bereich.

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