Christoph Jehle, 24. Juni 2019, 12:58 Uhr

Leica Camera will Stellen in Wetzlar abbauen. Die Hintergründe …

Leica Camera sieht sich derzeit am Übergang vom mechanisch-optischen zum optisch-digitalen Unternehmen. In diesem Zusammenhang sollen Überkapazitäten in der Konstruktion und Mechanik abgebaut werden. Einige Quellen erwähnten vor allem Massnahmen im Sektor Entwicklung und Marketing, in welchem Personal abgebaut werden soll. Die Kürzungen sollen bis zu 100 der insgesamt 750 Mitarbeiter in Wetzlar treffen (siehe www.mittelhessen.de).

 

Mehrfrontenkampf

Der Wetzlarer Kamerahersteller hat derzeit an mehreren Fronten zu kämpfen. So verzeichnet der Kameramarkt seit Jahren beträchtliche Absatzrückgänge. Zudem muss er mit einem Rückgang beim Absatzmittler Fotofachhandel zurechtkommen. Bei Leica soll der Umsatz im klassischen Kamerahandel auf das Niveau von vor fünf Jahren zurückgefallen sein.

Leica betreibt weltweit 105 eigene Verkaufspunkte – in der Schweiz in Genf und in Zürich

Leica Camera konnte sich von dieser Entwicklung zumindest teilweise dadurch abkoppeln, indem man inzwischen weltweit 105 Leica Stores etabliert hat, die zu etwa 50 % von den Wetzlarern und ihren Vertriebstöchtern selbst betrieben werden. Nun kommen jedoch neue Unsicherheiten aus der Zusammenarbeit mit dem chinesischen Hersteller Huawei, der zwar für eine erhöhte Präsenz der Marke Leica gesorgt hat, nun jedoch zum Spielball im Handelskrieg zwischen den USA und China zu werden scheint. 

 

Zusammenarbeit zwischen Leica Camera und Huawei

Nach der Festnahme von Huaweis Finanzchefin Meng Wanzhou in Kanada im vergangenen Jahr folgte dieses Jahr die Verpflichtung US-amerikanischer Firmen für Lieferungen an Huawei eine besondere Lizenz zu beantragen.

Die Dreifachkamera von Leica im neuesten Huawei 5G Smartphone

Leica Camera arbeitet mit Huawei auf verschiedenen Ebenen zusammen. Da ist einmal die Unterlizenz für die Marke Leica. Leica Camera nutzt die Marke Leica selbst in Lizenz der Leica Microsystems IR GmbH, die zur in Washington D.C. angesiedelten Danaher Corporation zählt. Im Zusammenhang mit der Unterlizenzierung der Marke Leica an den japanischen Partner Panasonic war bekannt geworden, dass ein Teil der Unterlizenz-Einnahmen an den Inhaber der Markenrechte weitergeleitet werden. Es kann davon ausgegangen werden, dass dies im Falle Huawei ebenfalls so gehandhabt wird. Ob die Unterlizenz nun unter die aktuellen Sanktionen der USA fällt, ist derzeit noch nicht bekannt. Das Lizenzgeschäft mit Huawei ist inzwischen in beträchtlichem Umfang für den Gewinn des Wetzlarer Herstellers verantwortlich.

Die aktuelle Zusammenarbeit zwischen Leica Camera und Huawei geht jedoch weit über die reine Namenslizenz hinaus. In Wetzlar wurde mit dem Max Berek Innovation Lab ein Joint Venture der beiden Firmengruppen etabliert, das sich der Weiterentwicklung optischer Systeme und software-basierter Technologien zur Verbesserung der Bildqualität in den unterschiedlichen Anwendungsspektren im Bereich Fotografie und mobile Geräte widmen soll. Der Namensgeber Max Berek war in den 1920er-Jahren Entwickler der ersten Fotoobjektive für die Leica Kameras der damaligen Wetzlarer Firma Ernst Leitz.

 

Vorsichtige Rückkehr zum Namen Ernst Leitz

Im Jahre 2017 beabsichtigte man in Wetzlar die Marke Ernst Leitz wieder zu reaktivieren. Die Anmeldung der Marken Ernst Leitz und Ernst Leitz Wetzlar durch die Leitz-Park GmbH in Wetzlar war jedoch nach Einspruch der Leica Microsystems Holdings GmbH zurückgenommen worden. Derzeit läuft die Anmeldung der Marke Ernst Leitz durch die AHK Vermögensverwaltung GmbH in Salzburg. Etabliert hat man den Namen Leitz wieder als Firmennamen. Die ehemalige CW Sonderoptic GmbH firmiert inzwischen als Ernst Leitz Wetzlar GmbH und ihre Produktnamen führen nicht mehr den Namen Leica sondern nutzen die Marke Leitz im roten Punkt sowie den Zusatz Cine Wetzlar.

Im Leitz-Park ist Leica nur eingemietet. Die Immobilien gehören der Familie Andreas Kaufmann

Der Name Leitz wird rund um den Leitz-Park auch als Namensgeber für das Arcona Living Ernst Leitz Hotel genutzt. Der Bau der Immobilien im Leitz-Park hat, auch wenn das immer wieder behauptet wird, das Ergebnis der Leica Camera AG nur mittelbar belastet, da das Unternehmen Mieter im Leitz-Park ist, welcher der Familie Andreas Kaufmann zuzuordnen ist. Kaufmann hatte nach dem Einstieg von Blackstone im Jahre 2011 bei der Leica Camera freiwerdendes Kapital in die Entwicklung von Teilen des ehemaligen Kasernengeländes in Wetzlar investiert.

 

Leica Camera als Smartphone-Hersteller?

Derzeit sucht Leica Camera 30 bis 40 neue Mitarbeiter in den Bereichen Software- und App-Entwicklung. Nachdem man die Digitalisierung der Fotografie im ersten Zug nur sehr zaghaft angegangen war und daran als Unternehmen fast gescheitert wäre, will man jetzt rechtzeitig die Zeichen der Zeit erkennen und den Nutzern nicht nur beste Wetzlarer Optik anbieten, sondern auch modernste automatisierte Bildoptimierung – und möglicherweise sogar das von Vielen schon lange sehnsüchtig erwartete Leica-eigene Smartphone, welches Andreas Kaufmann in einem Interview erwähnte.

Christoph Jehle

 

6 Kommentare zu “Leica Camera will Stellen in Wetzlar abbauen. Die Hintergründe …”

  1. Zwischen den Zeilen gelesen tönt das nicht so gut. Meine bescheidene Meinung ist, dass Leica viel zu verzettelt ist und weder eine Manifaktur noch ein Weltkonzern ist. So zwischen drin ist’s unbequem. Dies besonders wenn man glaubt überall präsent sein zu müssen. Wer braucht eine Leica Uhr? Das machen doch unsere Freunde aus dem Val de Joux eh besser. Ich sehe auch nicht ein, wieso Leica sich Sinar einverleiben musste oder wieso Leica Auktionen historischer Kameras machen muss?
    Ob die Welt auf ein Leica Smartphone wartet?

    1. Leica sollte endlich den Sprung wagen, eine Kamera zu entwickeln, welche die heute bestehenden technischen Möglichkeiten konsequent nutzt, wie das beispielsweise die Zeiss ZX1 mit der Netzeinbindung macht. Wenn diese Kamera dann noch telefonieren kann, umso besser.

      1. @ Sikke Loling
        Die Leica SL war in 2015 doch so eine Kamera, die nicht nur für eine Leica, sondern zu ihrer Zeit sehr fortschrittlich war. Ob sich dies auch in entsprechenden Verkaufszahlen niedergeschlagen hat, weiss ich nicht. Aber was ich so hörte, blieb sie nach ein guten Start unter den Verkaufserwartungen. Inzwischen wäre ohnehin langsam eine SL2 angebracht.

  2. „Leica Camera sieht sich derzeit am Übergang vom mechanisch-optischen zum optisch-digitalen Unternehmen.“ Dieser Satz sagt alles: Keiner der erfolgreicheren Hersteller ist so schwach („Übergang“) in den eher stagnierenden Märkten positioniert. Leica droht, die Kamera mit dem roten Schlusspunkt zu werden.

    1. Leica ist heute größer als die japanische Kameramarke Pentax, die vor Jahren bei Ricoh Imaging untergeschlupft ist. Mit der L-Bajonett-Allianz hat sich Leica Camera gleich zwei Verbündete im Bereich der Vollformatkameras gesucht und somit dafür gesorgt, dass das Objektiv- und Kamera-Angebot deutlich erweitert wurde.

  3. Ich stimme Simon Zimmer zu. Man wollte offenbar zu viel. Und dies bei unablässiger Betonung auf „Traditon“. Irgendwann geht das halt nicht auf. So innnovativ auch Manches war (SL usw). Auch sollte man halt „prüfen mit wem man sich bindet“ (Huawei). Leica hat viele Lamerasysteme – eigentlich zu viele. Deren Entwicklung kostet. Und wie geht es mit Sinar weiter? Da habe ich ein schlechtes Gefühl.

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