Urs Tillmanns, 5. Juli 2019, 11:44 Uhr

Die Rencontres in Arles feiern das Fünfzigste (2)

Zusammen mit Voies-off, dem Parallelfestival, das vor allem junger und aussergewöhnlicher Fotografie gewidmet ist, gibt es in Arles derzeit rund 280 (!) Fotoausstellungen zu sehen. Schwierig, hier den Überblick zu behalten, fast unmöglich auch nur die Wichtigsten zu besuchen – und welche sind wichtig? Sind es die berühmten Namen, die hier mit interessanten Retrospektiven vertreten sind, oder sind die Unbekannten mit ihrer experimentellen Fotografie nicht noch viel spannender? Jene Entdeckungen, mit denen die Rencontres von Arles immer wieder von sich reden gemacht haben?

 

Ein beliebter Ort ist die «Espace van Gogh», wo van Gogh sein berühmtes Bild «Le jardin de la maison de santé à Arles» malte. Herrlich, die heissen Füsse im Brunnen zu kühlen …

Die Rencontres feiern dieses Jahr ihre fünfzigste Durchführung (Fotointern berichtete). Es ist damit das älteste Fotofestival und auch das renommierteste Europas, ja wahrscheinlich sogar weltweit. Dies beweisen auch die Tausenden Touristen, die aus allen Kontinenten anreisen, um eine Standortbestimmung der zeitgenössischen Fotografie vornehmen zu können und um Trends und neue Stilrichtungen in der Fotografie zu entdecken.

 

Die «Moon Gallery» in einer ausgedienten Metzgerei, die jetzt einer Voies-off Ausstellung Raum bietet

Kommt der besondere Charme der Provence-Hauptstadt hinzu. Die verwinkelte Altstadt bietet nicht nur eine Fülle von Motiven, sondern sie ist auch bekannt für besonders originelle Lokalitäten, wie unbenutzte Kirchen, die zu Ausstellungsräumen umgenutzt wurden, kühle Kellerräume mit Fotos, in denen man bei der Sommerhitze gerne etwas länger verweilen möchte oder die früheren Werkstädten der SNCF, die sich als grosszügige Ausstellungsflächen bewähren.

 

Ein subjektiver Rundgang

Auch wenn man sich «nur» auf die 50 offiziellen Ausstellungen der Rencontres konzentriert und ungerechter Weise die 230 der Voies-off weglässt, ist es immer noch schwierig die wichtigsten davon zu besuchen und dabei den vorgegebenen Zeitplan einzuhalten. Und dann kommen die Überraschungen hinzu, Namen, die einem nichts sagen, deren Werke sich aber plötzlich als äusserst interessant entpuppen und den Zeitplan aus dem Gleis werfen. Kommen Sie mit auf einen Rundgang, zu den Ausstellungen, die ich für besonders interessant und sehenswert halte.

 

Philippe Chancel – Datazone

Philippe Chancel hat 15 Jahre damit zugebracht, die extremsten Orte von Katastrophen als Folge der Klimaverändeung aufzusuchen und auf diese in seiner Ausstellung «Datazone» aufmerksam zu machen. Der in Paris lebende Fotograf sieht sich als Realist, der sich in seinen Bildern auf Veränderungen unseres Lebensraumes konzentriert.

 

«Mauern der Macht» – eine Themenausstellung

Mauern der Macht – menschgemachte Barrieren überall in Europa. Das «offene Europa» hat in den letzten Jahren überall Mauern errichtet, welche die Bewegungsfreiheit der Nationen einschränken, um so Flüchtlingsströme zu verhindern. Die Gruppenausstellung im Maison des Lices widmet sich diesem Thema mit eindrucksvollen Werken von 35 Fotografen und der Unterstützung des Robert Capa Contemporary Photography Center, Budapest.

 

«La Movida» – Pablo Pérez-Minguez

Die Porträts von Pablo Pérez-Minguez (1946-2012) sind Teil der Gruppenausstellung «La Movida», die sich als zeitgenössischen Kulturbewegung auf ein modernes Spanien ausrichtet. Pablo Pérez-Minguez hat während sechs Monaten wahllos und ohne deren Einverständnis Mitglieder dieser Bewegung fotografiert und erst danach festgestellt, dass er damit den Kern dieser Gruppe originell dokumentiert hat.

 

Ouka Leele – «Mystique Domestique»

Auch Ouka Leele gehört den vier Fotografen der «La Movida»-Gruppe an. Sie ist eine äusserst vielseitige Künstlerin, die in der Fotografie die selben lebendigen Farbe und fantasievolle Gestaltung einsetzt, wie in ihrer Malerei. Sie sieht ihre Bilder nicht sozialkritisch, sondern als «Sublimation des täglichen Lebens». Zwei der Bilder von Ouka Leele wurden als Plakate für das diesjährige Rencontre verwendet.

 

Helen Levitt – In den Strassen von New York

 

Helen Levitt hat bereits in den 1930er Jahren das Strassenleben von East Harlem und der Lower East Side fotografiert: Leute vor ihren Geschäften, Grafiti und spielende Kinder, dort wo heute der Verkehr fliesst. Dabei ging es ihr nicht darum, sozialkritische Bilder zu schaffen, sondern Stimmungen und Situationen nach ihrem künstlerischen Empfinden festzuhalten. Viele der 130 Bilder ihrer Retrospektive werden an den diesjährigen Rencontres erstmals gezeigt, vor allem die Farbbilder, da Helen Levitt der Schwarzweissfotografie immer den Vorzug gab.

 

Libuše Jarcovjáková – Evokativ

Libuše Jarcovjáková nutzt in ihren Bildern eine eigene, sehr direkte Art der Fotografie, hält Szenen des Nachlebens, Sex, Arbeit, Alkohol, Liebe und Depression so fest, also ob es ihr eigenes Leben wäre. Dabei nimmt sie technische Mängel in ihren Bildern in Kauf und legt Wert auf eine realistische, lebensnahe Darstellung. Die Bilder entstanden in den Jahren 1970 bis 1989, einer Zeit der politischen Unterdrückung und der persönlich Unfreiheit in der damaligen Tschechoslowakei. Anderseits bringen ihre Bilder genau jenes Urbedürfnis von Freiheit und persönlichem Willen zum Ausdruck, den das Establishment zu unterdrücken versuchte. Mit Unterstützung des Tschechischen Zentrums in Paris.

 

Claudia Passeri – Aedicula

Claudia Passeris Ausstellung «Aedicula» versucht eine künstlerische Standortbestimmung der verzerrten Masseninformationen und die schwierige Konstruktion historischer Ausdrucksweise. Sie hinterfragt die Rolle des Menschen in seiner Umwelt. Die Ausstellung besteht aus grossen Zeitungsständern, mit textlosen Zeitungen und Fotografien, welche die Künstlerin in einem zentralitalienischen Dorf aufgenommen hat – als mittlerweile vergessene Symbole für Kämpfe und dunkle Tage. Schade, dass bei der etwas unglücklichen Präsentation viele Bildteile angeschnitten sind.

 

Variétés – eine vergessene Zeitschrift

Der belgische Kunstkritiker Paul‑Gustave Van Hecke, Kunstkritiker, Sammler und Galerist förderte die avantgardistische Kunst zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg unter anderem mit der Monatszeitschrift «Variétés», die von 1928 bis 1930 erschien und mit Werken von Man Ray, Germaine Krull, Bérénice Abbott, László Moholy‑Nagy, Florence Henri und anderen illustriert war. Daraus ist eine namhafte Sammlung entstanden, die 1978 nach von Heckes Bankrott ins belgische Amsab Archiv kam. Die Ausstellung an den Rencontres will die kulturelle Bedeutung dieser beinahe vergessenen Zeitschrift in Erinnerung rufen.

 

Tom Wood – Mütter, Töchter und Schwestern

Als Strassenfotograf und dem Übernamen «Photie Man» fotografierte der Irländer Tom Wood Menschen überall: In den Strassen, in Kneipen, Nachklubs, Märkten und in Docks. In der Zeitspanne von 1970 bis 1990 ist daraus eine Sammlung besonderer Art geworden, welche bemerkte und unbemerkte Strassenfotografie mit Aufnahmen unbekannter Personen umfasst. Nach den Rencontres werden die Bilder von Tom Wood an der Jimei x Arles International Photo Festival (Xiamen, China), vom 22. November 2019 bis 5. Januar 2020 zu sehen sein.

 

Portfolio Review

Besonders für Einsteiger und junge Fotografen ist das Portfolio Review alleine schon ein Grund nach Arles zu kommen. Hier nehmen sich grosse Fotografen die Zeit, die Bilder der Newcomer zu beurteilen und ihnen Ratschläge für die künftige fotografische Karriere – oder einfach fotografische Lebenshilfe – zu geben.

Damit ist der erste Teil unseres Rundgangs zu Ende. Am Montag erscheint der dritte und letzte Teil der Berichterstattung direkt aus Arles.

Text und Bilder Urs Tillmanns

Die meisten Ausstellungen der Rencontres und der Voies-offs sind noch bis 22. September 2019 zu sehen.

Weitere Information finden Sie hier über die Rencontres und über die Voies-Offs.

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