Peter Schäublin, 6. Oktober 2019, 09:13 Uhr

Das Laowa 4/17mm im Praxistest: Ein Superweitwinkel für das GFX-System

Seit 2017 arbeite ich mit der Fujifilm GFX 50s und nun seit Kurzem auch mit der Fujifilm GFX100. Mit letzterer habe ich im August vier Tage auf der Otterealp verbracht (siehe frühere Fotointern Top Story). Ich war und bin sehr beeindruckt von der Performance dieser 102-Megapixel-Kamera. Fujifilm bietet dazu ein umfangreiches Objektivprogramm von 23 bis 250 mm an, mit dem 1.4x Extender erreicht man sogar 350 mm.

Was (noch) etwas fehlt, ist ein Ultraweitwinkelobjektiv, beispielsweise für Architekturaufnahmen. Um dieses Problem zu beheben, gibt es zwei Lösungsansätze: das Canon TS 17mm, das man mit einem Adapter an die GFX100 montieren kann, und jetzt ganz neu auch ein 4.0/17 mm Objektiv von Laowa mit GFX-Bajonett. Es trägt den Zusatz «Zero D», was impliziert, dass die Distorsion – also die Verzeichnung – maximal auskorrigiert ist. Weil die Fujifilm GFX-Kameras einen grösseren Sensor als die sogenannten Vollformatkameras aufweisen, müssen wir die 17 mm noch umrechnen: Bei einem Vollformatsensor von 36 x 24 mm entspricht das Objektiv etwa einer Brennweite von 13.5 mm.

 

Sehr wertig verarbeitet – das Laowa 4/17mm Ultra-Wide GFX Zero-D. An der Fujifilm GFX100 ist es gut ausbalanciert.

Kurz vor kürzlichen meiner Abreise nach Rasa im Tessin, wo ich regelmässig Fotokurse abhalte, landet eine hübsche Box von Laowa auf meinem Schreibtisch. Ein Blick hinein zeigt, dass tatsächlich das neue 17er drin ist und darauf wartet, getestet zu werden. Das Objektiv macht einen sehr wertigen Eindruck, und da Architektur im Fotokurs ein Tagesthema ist, packe ich das gute Stück mit ein.

 

Bei der Talstation der Seilbahn, die nach Rasa hoch führt, fotografiere ich aus dem Warteraum nach oben – links das Bild mit dem 23er von Fujifilm, rechts das Foto mit dem 17er von Laowa. Die stürzenden Linien sind unkorrigiert, beide Aufnahmen belichtet mit 1/80 sec, Blende 11, 100 ISO.

Für die Architekturaufnahmen besuche ich mit den Fotokursteilnehmern jeweils Terra Vecchia, ein wunderschön renovierter Weiler zwischen Bordei und Rasa im Centovalli. Bereits zum dritten Mal nach 2016 und 2018 darf ich hier mit meiner Fotografengruppe Bilder realisieren.

Ein extremes Weitwinkel kommt ja vor allem dann zum Einsatz, wenn man die Vordergrund-/Hintergrundperspektive stark betonen will oder wenn die räumlichen Verhältnisse sehr eng sind. Weil in Terra Vecchia die Häuser sehr nah beisammen stehen, ist ein extremes Weitwinkel für Übersichtsaufnahmen teilweise unabdingbar.

 

Was bringen die sechs Millimeter Unterschied?

Ich mache den Test aufs Exempel und fotografiere einige Häuser. Hinter mir ist ein Zaun, und danach geht es steil bergab. Ich kann die Kamera also nicht weiter hinten positionieren. Zuerst fotografiere ich mit dem Fujinon GF 4/23 mm R LM WR und dann mit dem Laowa 4/17mm Ultra-Wide GFX Zero-D. So heissen die beiden Objektive offiziell, korrekt und vollständig. Ich realisiere je ein Bild mit f4, f5.6, f8, f11, f16 und f22. In der Gesamtansicht sieht das mit 23 mm (links) und 17 mm (rechts) so aus:

Ich habe die untere rechte Ecke 1:1 mit 2000 x 2000 px exportiert. Das gibt bei einem 102-Megapixel-File schon einen beachtlichen Ausschnitt. Leider ist mir die Aufnahme beim Laowa mit voll offener Blende etwas missraten – unverzeihlich, aber unwiederholbar …

Das Fujinon GF 4/23 mm R LM WR liefert bereits bei Blende 4 sehr gute Resultate. Ab Blende 16 machen sich Beugungsunschärfen bemerkbar. Man sieht in der unten stehenden Bildreihe sehr schön, dass das Laowa bei Blende 8 und 11 hervorragende Resultate liefert. Ab Blende 16 machen sich leichte Beugungsunschärfen bemerkbar, bei Blende 22 nehmen sie nochmals zu.

Bei meinen Testaufnahmen konnte ich die Blendenreihe nicht gleich vor Ort auswerten. Ich ging aber davon aus, dass das Laowa zwischen Blende 8 und Blende 16 die besten Resultate liefert. Deshalb habe ich meine Versuchsaufnahmen in diesem Blendenbereich gemacht. Auch die Anfälligkeit auf Flares hält sich in Grenzen. Wenn man direkt in die Sonne fotografiert, gibt’s dann natürlich irgendwann einmal Blendenflecken. Hier einige Testaufnahmen:

 

Fujifilm GFX 100 mit Laowa 4/17mm Ultra-Wide GFX Zero-D, HDR aus drei Aufnahmen mit 1/40, 1/13 und 1/4 sec, F16, 200 ISO, Zusammenfügen der Aufnahmen und Perspektivenkorrektur in Lightroom.

 

Fujifilm GFX 100 mit Laowa 4/17mm Ultra-Wide GFX Zero-D, HDR aus drei Aufnahmen mit 1/60, 1/30 und 1/15 sec, F11, 200 ISO, Zusammenfügen der Aufnahmen und Perspektivenkorrektur in Lightroom.

 

Fujifilm GFX 100 mit Laowa 4/17mm Ultra-Wide GFX Zero-D, HDR aus vier Aufnahmen mit 1/13, 1/4, 0.8 und 1.5 sec, F16, 200 ISO, Zusammenfügen der Aufnahmen und Perspektivenkorrektur in Lightroom.

 

Bei vollem Gegenlicht entstehen leichte Flares. Ich mag’s. Wem’s nicht gefällt, der kann sie in Photoshop weg retuschieren. Fujifilm GFX 100 mit Laowa 4/17mm Ultra-Wide GFX Zero-D, 1/125 sec, F22, 100 ISO

Die 6 mm kürzere Brennweite bringen natürlich auch mehr Spielraum beim Wählen des Ausschnitts. Wenn man die Kamera nicht abwinkeln will, erhält man im unteren Bereich einen mehr oder weniger grossen Anteil von Boden, den man in der Regel nicht benötigt. Mit Croppen kann man diesen unteren Teil abschneiden und hat nachher ein Bild ohne stürzende Linien:

 

So sieht die Originalaufnahme aus. Keine Perspektivenkorrektur in Lightroom oder Photoshop. Weil die Fujifilm GFX100 ein 4:3 Bild liefert, lässt sich problemlos der untere Teil der Aufnahme, der durch das Nichtabwinkeln der Kamera entsteht, wegschneiden:

Der untere Teil der Aufnahme ist weggeschnitten, keine stürzenden Linien und immer noch rund 80 Megapixel Auflösung im Original. Man sieht, dass der Zusatz «Zero D» (zero distortion – null Verzeichnung) tatsächlich nicht aus der Luft gegriffen ist. In der Praxis machen sich keine störbaren Verzeichnungen bemerkbar. Gut möglich, dass man im Labor doch noch kleine Verzeichnungen feststellen würde.

 

Fazit

Das Laowa 4/17mm Ultra-Wide GFX Zero-D ist ein hervorragendes extremes Weitwwinkelobjektiv, besonders geeignet für die Architektur- und Landschaftsfotografie. Es mag bei voll offener Blende noch leichte Unschärfen in den Randbereichen aufweisen, doch im Blendenbereich, den man für Architektur und Landschaft benötigt, liefert es meines Erachtens exzellente Resultate. Das Objektiv ist nur manuell fokussierbar und die Blendenöffnung ist nur in ganzen Blendenstufen verstellbar. Es ist nicht speziell gegen Spritzwasser abgedichtet, aber sehr sauber verarbeitet und bietet für die rund CHF 1600 einen extrem hohen Gegenwert.

 

Fujifilm GFX 100 mit Laowa 4/17mm Ultra-Wide GFX Zero-D, 0.5 sec, F22, 100 ISO, sw-Umwandlung in Lightroom.

Diesen Artikel können Sie auch lesen auf https://www.720.ch/blog/laowa-17mm

Das Objektiv kostet in der Schweiz CHF 1850.00 und ist im Fach- und Grosshandel erhältlich.

Text und Bilder: Peter Schäublin, Fotograf und Filmproduzent.
Weitere Infos finden Sie auf www.720.ch

Ein Kommentar zu “Das Laowa 4/17mm im Praxistest: Ein Superweitwinkel für das GFX-System”

  1. Vielen Dank, Peter Schäublin, für diesen Praxistest, den ich mit Interesse gelesen habe.
    Ich entnehme daraus, dass
    – Peter Schäublin Fotokurse im Tessin anbietet.
    – beim Schärfetest das Laowa anscheinend bedeutend kontrastreicher zeichnet als das Fuji (Die Bildausschnitte sind dank Komprimierung leider nutzlos).
    – bei geschlossener Blende leidliche Sonnensterne zu Stande kommen und die Flares im üblichen Rahmen liegen.

    Da das Objektiv damit wirbt, keine Verzeichnungen zu produzieren, wären Bilder, mit gradliniger Architektur interessanter gewesen als HDR-Bilder von krummen Steinmauern.

    Ein paar Fragen wären noch offen:
    – Ist das Objektiv auch für Sternenhimmel eignet? (Stichwort: Koma)
    – wie gut lässt sich manuell fokussieren?
    – wie stark fällt die Vignettierung aus?

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