Urs Tillmanns, 15. August 2020, 10:59 Uhr

Buchtipp: Marc Deragisch «The silent Venice»

Eigentlich besprechen wir auf Fotointern ausschliesslich Verlagsbücher, die regulär über den Buch- oder Onlinehandel erhältlich sind. Das vorliegende Buch ist eine Ausnahme, weil es eine ausserordentliche fotografische Leistung zu einem sehr aktuellen Thema ist, und weil es zudem qualitativ absolut einem Verlagsbuch entspricht, nur ist es als Einzelanfertigung etwas teurer.

Die Bilder sind in Venedig unmittelbar nach Ende des Lockdowns entstanden – zu einer Zeit also, als kaum jemand in die Lagunenstadt ging und diese menschen- und vor allem touristenleer war. Ein Venedig, wie man es sich kaum vorstellen kann und wie es sich wahrscheinlich nie wieder präsentieren wird. Ein «Bilderbuch-Venedig» …

Mit der Lockerung der Corona-bedingten Reisebeschränkungen hat Marc Deragisch die Gelegenheit ergriffen und ist für einige Tage nach Venedig gereist, um die Stadt so zu fotografieren, wie man sie sich im Idealbild vorstellt: ohne Menschen, weil es eine Dokumentation der Stadt und seinen imposanten Bauwerke werden soll, und dies bei geradezu idealen Lichtverhältnissen.

Marc Deragisch fotografiert seit gut zehn Jahren ausschliesslich analog, meistens mit zwei Chamonix-Grossformatkameras und einer Plaubel 69W Proshift. Das erklärt auch, weshalb sämtliche Bilder im Buch perfekt geradegestellt sind und keine stürzenden Linien aufweisen – so wie man Architekturen und Städtebilder nach allen Regeln der Kunst fotografiert. Es ist eine makellose Dokumentation über die Plätze und Gebäude von Venedig, die völlig zeitlos wirkt – als wäre sie vor vielen Jahrzehnten entstanden als es in Venedig noch weniger Touristen gab.

Die Standorte sind sehr sorgfältig ausgewählt, um Perspektive und Bildausschnitt so harmonisch wie möglich zu gestalten. Was angeschnitten ist darf angeschnitten sein, und mit einen sorgfältig miteinbezogenen Vordergrund bekommen die Bilder eine beeindruckende räumliche Tiefe. Man muss Venedig gut kennen, um in drei Tagen alle diese Orte anzupeilen und diese so zu fotografieren, dass das Typische dieser Stadt bildlich festgehalten ist.

Wie mir Marc Deragisch zur Technik mitteilte, sind einige der Bilder mit 5×7- und 4×5-Zoll Fachkameras von Chamonix entstanden, die meisten jedoch mit einer Plaubel 69W ProShift Superwide im 6×9 cm Format auf 120er Rollfilm. Die Kamera ist mit einem Schneider Super Angulon 5.6 / 47mm-Objektiv ausgestattet, was etwa einer Brennweite von 21mm, bezogen auf Kleinbild, entspricht. Das Bemerkenswerte an der Plaubel ist, dass das Objektiv bis zu 13 mm parallel nach oben verschoben werden kann, was besonders für die Architekturfotografie von Vorteil ist. Alle Fotos wurden auf Kodak TMax-400 Film aufgenommen und mit XTol entwickelt. Leicht überbelichtet, kürzer entwickelt und beim Einscannen der Negative die dunklen Partien leicht verstärkt ergibt eine perfekte Lichter- und Schattenzeichnung, die auch beim Digitaldruck erhalten geblieben ist.

Marc Deragisch hat mit diesem Buch nicht nur eine einzigartige Dokumentation Venedigs geschaffen, sondern er präsentiert eine Fülle von beispielhaften Architekturaufnahmen in einer makellosen Qualität, die das Ergebnis eines Zusammenspiels sorgfältiger Fotografie, gekonnter Postproduktion und hervorragender Druckqualität ist.

Für wen ist dieses Buch? Wer Venedig kennt – und liebt – der wird kaum umhinkommen, sich dieses Buch anzuschaffen, weil es das Idealbild einer Stadt widerspiegelt, das es so kaum mehr gibt – einer Stadt, zu der wir Sorge tragen müssen, damit die bereits von unzähligen Überschwemmungen in Mitleidenschaft gezogenen Gebäude auch für spätere Generationen noch erhalten bleiben. Ein Geschenkband für Venedig-Liebhaber einerseits, ein Bildband aber auch, an dem man selbst seine Freude hat, nicht zuletzt auch, weil dieser einfach perfekt fotografierte Architekturen zeigt.

Urs Tillmanns

Buchbeschreibung des Autors

Ende 2019 breitete sich von China her ein neuartiges Corona-Virus (SARS-CoV-2) aus und erreichte in wenigen Wochen andere Kontinente. In der Folge löste das Virus Anfang 2020 eine weltweite Pandemie (COVID-19) aus. In Europa waren einige Regionen in Italien besonders früh und auch sehr stark betroffen. Um die exponentielle Ausbreitung der Krankheitsfälle zu stoppen, wurden Europa- und Weltweit einschneidende Massnahmen verordnet. Das öffentliche Leben wurde stillgelegt, Städte waren menschenleer und es herrschte kaum Verkehr. Nach einigen Wochen verbesserte sich die Lage und Italien öffnete am 3. Juni 2020 seine Grenzen. Das war eine einmalige Gelegenheit um Venedig ohne den üblichen Massentourismus zu erleben und die stille, fast menschenleere Stadt fotografieren zu können. So fuhr ich wenige Tage nach Grenzöffnung hin. Die gezeigten Bilder entstanden alle zwischen dem 11. und dem 13. Juni 2020, mit klassischen Analogkameras auf Schwarzweissfilm.

 

Der Inhalt

Fondaco dei Tedeschi / Canale Grande, from Ponte dell’Accademia / San Simeone Piccolo / Chiesa di San Simeone Profeta / Chiesa di San Zan Degolà / San Giacomo di Rialto / Campo Sant’Angelo / Oratorio dell’Annunziata /

Palazzo Duodo a Sant’Angelo / Palazzo Pisani a Santo Stefano / Santa Maria del Rosario / Palazzo Pisani a Santo Stefano / Basilica di San Marco / San Gregorio / Palazzo Ducale / Piazzetta San Marco / San Giorgio Maggiore /

Palazzo Ducale / Campo Santo Stefano / Campo Sant’Agnese / Chiesa di Sant’Agnese / al Fondamenta delle Zattere / Rio della Fornace / Santa Maria della Salute / Campo della Salute, Campanile / Basilica di Santa Maria della Salute /

Campo della Salute front Piazza San Marco / Rio della Salute back Ponte di Rialto / Chiesa di San Gregorio / Rio Tera dei Saloni / Rio Tera dei Catecumeni / Rio della Fornace / Campo San Vio / Calle Larga Nani /

Chiesa di San Trovaso / Palazzo Giustinian Recanati, Palazzo d. Zattere, Palazzo Clary / Chiesa di San Sebastiano / Chiesa dell’Angelo Raffaele / Chiesa di San Sebastiano / Campo San Sebastian, Chiesa di San Sebastiano /

Campo San Sebastian / Rio di San Nicolo / San Simeone Piccolo / Campiello San Simeone Grande / San Giacomo di Rialto / Pescheria di Rialto / San Giacomo di Rialto / Palazzo Michiel dalle Colonne / Basilica di San Marco /

Campo San Polo / Piazza San Marco / Campo San Toma / Rio de Ca‘ Foscari / Palazzo Castelforte / Campo de Castelforte / Fondamenta de Ie Sechere

 

Der Autor

Marc Deragisch  fotografiert seit etwa einem Jahrzehnt fast ausschliesslich analog. Dabei verwendet er verschiedene Mittel- und Grossformatkameras bis zum Format 11×14 Zoll. Im eigenen Labor entwickelt er die Filme und stellt nach den Negativen selbst die Schwarzweiss-Prints her. Meistens ist er in den Bündner Bergen unterwegs, gerne nimmt er aber seine Kameras auch auf Reisen mit.

 

Bibliografie

Marc Deragisch «Das stille Venedig – The silent Venice»

64 Seiten, geleimt, Leineneinband mit Schutzumschlag
61 ganzseitige Schwarzweissbilder
Querformat 33 × 28 cm
Erscheinungsdatum: 30. Juli 2020
Einleitungstext Deutsch und Englisch
Produktion und Verlag: Blurb.de
Hardcover mit Schutzumschlag: ISBN 9781715272340, EUR 96,57*
Bedrucktes Hardcover: ISBN 9781715272357, EUR 99,41*
* zzgl. Mehrwertsteuer und Versandspesen

Das Buch kann direkt bei Blurb.de über diesen Link bestellt werden. 

 

9 Kommentare zu “Buchtipp: Marc Deragisch «The silent Venice»”

  1. Schade,

    wenn ich mir die hier gezeigten Beispielfotos anschaue dann hätte man aus dieser einmaligen Gelegenheit mehr machen können. So entstanden Postkartenmotive ohne Menschen in Schwarzweiß. Vielleicht wäre in diesem Falle eine andere Fotoausrüstung sinnvoller gewesen. Welche Meisterwerke hätten wohl ein Ernst Haas, HCB etc. unter diesen Bedingungen geschaffen?

    Frage: Warum gehen Sie im Text so ausführlich auf die benutzte Fototechnik ein? Ist es einem guten Bild nicht einerlei wie es entstanden ist?

    1. @ Micha Spiegi – Jeder Fotograf hat seinen eigenen Stil und seine eigene Zielsetzung bei einem solchen Projekt. Ich finde es eine hervorragende Dokumentation mit technisch perfekten Bildern. Warum ich so ausführlich auf die Technik einging? Weil ich diese Informationen von Marc Deragisch bekommen haben und sie für Technik-interessierte aufschlussreich sind. Dies besonders wenn es um die analoge Fotografie geht.

      1. @ Urs Tillmanns

        Zitat: „Ich finde es eine hervorragende Dokumentation mit technisch perfekten Bildern. “
        Das mit der Technik möchte ich nicht in Abrede stellen. Aber die Bildinhalte finde ich dennoch suboptimal. Technisch perfekte Bilder sind keine Herausforderung. Das ist Handwerk. Das kann man problemlos erlernen. Auch wenn es eine Binsenweisheit ist, „schöne Tonwerte“, Schärfe etc. machen keine guten Bilder aus.

        Ich bleibe bei meiner Ansicht: aus dem Thema hätte man deutlich mehr machen können wenn man sich weniger auf die umständliche analoge Großformatkamera konzentriert und stattdessen die gesparte Energie in die Bildinhalte investiert hätte. Von den Motiven und der Machart erinnern mich die gezeigten Bilder an Fotografien von vor 150 Jahren; aber nicht an ein Venedig anno 2020 .

  2. @ Micha Spiegi – Nicht böse sein, aber Du erkennst den Charme und die Qualität der Bilder nicht. Grossformatfotografie ist nich die Effekthascherei von Streetfotografen. Perfekt finde ich, daas keine Touristen (also Hansli Meier in kurzen Hosen und weissen Socken oder Mutti mit Krampadern im Minijupe) auf den Bildern sind.

  3. Es ist, gegen jede Wahrscheinlichkeit und Vernunft, offenbar doch möglich, die herausragende Qualität dieses Projektes und den resultierenden Bildern aalglatt nicht zu sehen. Pragmatisch würde ich auf blinden Neid schliessen.
    Dieses Portfolio von Deragisch wird Bestand haben, weil es nicht nur brandaktuell die Zeitgeschichte transportiert, sondern darüber hinaus zeigt, dass es ohne den Massentourismus in Venedig noch immer Szenerien gäbe, die schon Bellini, Tizian, Giorgione, Veronese , Canaletto inspirierten.

  4. Zum Qualitätsvergleich:
    Peter Gasser, VENEZIA, 1990.
    Perfektion in jeder Hinsicht.
    Weiss jemand mehr von und über Peter Gasser nach jener Zeit?

  5. Ich sehe ruhige Bilder in einer sonst hektischen Touristenwelt. Klar sind die Bilder dann still und ausgewogen. In einer sonst schrillen lärmigen Zeit für manchen halt unerträglich…Danke für dieses eindrücklich begeisternde Werk!

  6. Wenn einem die Muse Küsst und man Herr über die Technik ist und am richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, dann entsteht ein Meisterwerk.

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