Urs Tillmanns, 26. März 2021, 16:00 Uhr

Dennis Savini 2. Folge: Den richtigen Moment erfassen

 

Steve McCurry wartete längere Zeit in dieser leeren Gasse, bis etwas geschah, das der Bilddynamik Lebendigkeit verlieh und das Bild besonders machte. (Quelle: Keystone-SDA)

Ein Fehler, den ich oft bei Amateuren beobachte, ist das hastige, unkonzentrierte Auslösen der Kamera, sobald sich das Motiv einigermassen im Sucher befindet. Gefolgt wird dieser Vorgang durch das sofortige Abwenden vom Motiv, da ja die Aufnahme im Kasten zu sein scheint. Dadurch aber haben Sie den entscheidenden Moment fast mit Sicherheit verpasst. Den richtigen Moment zu erhaschen, erfordert nämlich Ihre Konzentration und einen Moment ungestörter Aufmerksamkeit für das Motiv. Dabei spreche ich jetzt nicht nur von Sportaufnahmen oder bewegten Motiven, sondern zum Beispiel auch von Porträts oder Strassenszenen. Diese befinden sich nämlich ebenso in einem Fluss von Bewegung, die Situation oder Mimik ändert sich ständig und es ist die Herausforderung des Fotografen, den passenden Moment für ein Bild aus dem Lauf der Zeit herauszuschneiden. Henri Cartier-Bresson nannte dies den entscheidenden Moment («the decicive moment»). Er war ein Meister darin, Szenen, die sich vor seinen Augen abspielten, im genau richtigen Moment festzuhalten und so unvergänglich zu machen. Ein typisches und berühmtes Motiv ist der über eine Wasserpfütze springende Mann. Einen kurzen Moment früher oder später, und das Motiv wäre nichtssagend gewesen. Diese Spannung zu spüren bedeutet sich in eine Szene hineinzudenken, ein Teil von ihr zu werden, was eben mit ungeteilter Aufmerksamkeit und Konzentration zu tun hat.

Tipp: Halten Sie einen Moment inne, wenn Sie die Kamera ans Auge nehmen, und warten Sie den richtigen Augenblick ab, bevor Sie den Auslöser drücken. Absolute Konzentration ist im Moment der Aufnahme unablässig. Sie sind dann für kurze Zeit ganz ins Motiv vertieft und nehmen alles wahr, was in Ihrem Bildausschnitt passiert. Sie sind für einen kurzen Augenblick sozusagen eins geworden mit Ihrem Sujet. Fotografieren Sie konzentriert und achtsam.

 

 

«Behind the Gare St.Lazare». Der Klassiker von Henri Cartier-Bresson zeigt einen Mann, der über eine Wasserpfütze springt. Der Fotograf ahnte das Ereignis voraus und drückte im genau richtigen Moment auf den Auslöser seiner Leica. (Quelle: Keystone-SDA)

Reportage- und Sportfotografen, die zum Teil sich sehr rasch ändernden Ereignissen beiwohnen, versuchen den Lauf der Dinge zu antizipieren, um im richtigen Moment bereit zu sein. In der Sportfotografie kann es durchaus vorkommen, dass der entscheidende Moment sogar vorausgelöst werden muss, da die menschliche Reaktionszeit, die etwa 1/10 Sekunde beträgt, nicht ausreichend schnell sein kann, um ein Ereignis im richtigen Moment festzuhalten. Ein Mountainbiker, der mit 40 km/h fährt, bewegt sich in einer einzigen Sekunde 11 m weiter (das macht in 1/10 Sek. über 1 m Bewegung). Ein Auto, das mit 120 km/h fährt, bewegt sich bereits 3,3 m in 1/10 Sek. Um diese Distanz muss also die Kamera vorausgelöst werden.

 

Mountainbiker im Sprung, Lenzerheide. Links: Das Bild ist vorausgelöst worden. Der Biker befand sich noch auf dem Schanzentisch im Moment der Auslösung. Rechts: Hier habe ich in dem Moment ausgelöst, als sich der Biker bereits im Sprung befand, und dadurch den richtigen Augenblick verpasst. (Foto: Dennis Savini)

 

Der Zeitfaktor

Der Faktor Zeit bildet einen grossen Unterschied zur menschlichen Wahrnehmung, die ja eine kontinuierliche ist. Fotografie stoppt das Fortlaufen der Zeit und hält eine bestimmte Zeitspanne daraus fest. Dies kann eine sehr kurze Zeitdauer sein, die das menschliche Auge nicht einmal aus dem Zeitfluss herauszulösen vermag, oder aber eine längere, wobei dann Ereignisse, die nacheinander stattfinden, zu einem gemeinsamen Bild verschmelzen.

Dadurch wird es mit der Fotografie möglich, Ereignisse sichtbar werden zu lassen, die vom menschlichen Auge so nicht wahrgenommen werden können.

 

«Wasser». Philipp Dubs realisierte dieses Bild von fliessendem Wasser mittels einer Langzeitbelichtung im Schweizer Maggiatal. Sehr schön, wie hier der Gegensatz der Jahrmillionen alten Steine und des fliessenden Wassers, das die Steine geformt hat, sichtbar wird.

 

«Wasserballon». Eine Ultrakurzzeit-Blitzaufnahme von Marcel Vettiger und Philippe Penner von einem mit Wasser gefüllten Ballon. Dieser wurde mittels einer Nadel an einem Stecken zum Platzen gebracht. Diese Momentaufnahme wurde manuell ausgelöst. Die beiden seitlich angebrachten Systemblitze lösten mit einer Blitzdauer von etwa 1/20’000 Sek. aus und froren das Wasser in dem Moment ein, als der umgebende Ballon weggeflogen war und noch bevor das Wasser zu Boden platschte. Das menschliche Auge ist nicht in der Lage, solche kurzzeitigen Ereignisse einzufrieren.

 

«Tänzerin». Das Gegenteil davon realisierte Saskia Widmer mit dieser Langzeitbelichtung einer Tänzerin in Bewegung. Die Langzeitbelichtung mit Kunstlicht überlagert die scharfe Aufnahme der Tänzerin mittels Blitz. So werden ein Bewegungsablauf und zusätzlich ein festgehaltener Moment als Überlagerung sichtbar.

Text-Copyright Dennis Savini

Lesen Sie auch:

Folge 1: «Fotografisches Sehen lernen» (19. März 2021)

In der nächsten Folge, die am kommenden Freitag um 16:00 Uhr auf Fotointern erscheint, geht es darum, den Blick richtig zu fokussieren.

 

Dieser Artikel von Dennis Savini, ist eine Leseprobe aus dem Buch «Professionell fotografieren lernen», das 2019 im Verlag dpunkt erschienen ist. Das Buch kann im Buchhandel, direkt beim Verlag oder im Ausland hier bestellt werden. Lesen Sie dazu auch die Buchbesprechung auf Fotointern.ch.

216 Seiten, komplett in Farbe, Festeinband
April 2019, Format: 207 x 255 mm
dpunkt.verlag, Heidelberg
Buch ISBN 978-3-86490-504-9
Preise:
Buch CHF 46.90 / EUR 34,90
PDF: EUR 27,99 (ohne DRM) ISBN PDF: 978-3-96088-217-6
E-Book (PDF + ePub + Mobi) EUR 27,99 ohne DRM

Das Buch kann direkt beim Autor oder im Ausland hier bestellt werden.

 

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